Herfried Münkler, warum gibt es Krieg
Christoph Amend, Jochen Wegner & Gäste
Herfried Münkler, Deutschlands einflussreichster Politologe, seziert Putins postimperiale Phantomschmerzen und stellt die unbequeme These auf, dass autoritäre Systeme im Wettstreit mit Demokratien durchaus gewinnen könnten. Zwischen Machiavelli-Lektüre und Gartenarbeit erklärt er, warum vielen Menschen Sicherheit und Wohlstand wichtiger sind als politische Teilhabe.
„Vermutlich ist den Leuten ihre Freiheit und die Möglichkeit, an Politik teilzuhaben, weniger wert als Sicherheit und ein gewisser Wohlstand.“
Erwähnte Medien (64)
Machiavelli: Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz
Herfried Münkler · 1982
Herfried Münklers viel beachtete Dissertation untersucht die Entstehung des modernen politischen Denkens anhand von Niccolò Machiavelli und der Krise der Florentiner Republik. Das Werk gilt als Standardwerk zum Thema und bietet tiefe Einblicke in Machiavellis intellektuellen Kontext. Unverzichtbar für alle, die sich mit Politikwissenschaft, Geschichte oder der Philosophie der Neuzeit auseinandersetzen möchten.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 00:14:22 „Sie haben promoviert über Machiavelli, dazu können wir alleine Stunden sprechen, was wir gleich tun werden. Ich habe es mal mitgebracht, gibt es immer noch bei Fischer als Buch“
Münklers Dissertation über Machiavelli, die als Standardwerk gilt und von Wegner physisch mitgebracht wurde
Machiavelli. Elementare einer Theorie der Politik
Herfried Münkler · 2010
Studienarbeit aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte, Note: 1,0, Freie Universität Berlin (Otto-Suhr-Institut), Veranstaltung: Das politische Denken Niccolo Machiavellis, Sprache: Deutsch, Abstract: Mit der vorliegenden Arbeit werden mehrere Ziele verfolgt. Einleitend wird auf die Offenheit und Anschlussfähigkeit der politischen Lehre Machiavellis hingewiesen, welche die unterschiedlichsten Interpretationen provozierte und nicht nur den politischen Theo...
🗣 Jochen Wegner empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:14:28 „Dann ist vielleicht das fundamentale Geschehen, Sie haben promoviert über Machiavelli, dazu können wir alleine Stunden sprechen, was wir gleich tun werden. Ich habe es mal mitgebracht, gibt es immer noch bei Fischer als Buch, gilt heute. Oder galt sozusagen relativ schnell als das Standardwerk zu Machiavelli in der jüngeren Zeit.“
Jochen Wegner stellt Münklers Dissertation über Machiavelli vor, die er physisch mitgebracht hat. Das Werk gilt als jüngeres Standardwerk zu Machiavelli und legte den Grundstein für Münklers Karriere als Politikwissenschaftler. Münkler beschreibt, wie er Machiavelli 'gegen den Strich bürstete' und ihn als überzeugten Republikaner neu interpretierte.
Im Namen des Staates. Die Begründung der Staatsräson in der Frühen Neuzeit
Herfried Münkler · 1987
Herfried Münklers Habilitationsschrift untersucht die historischen Grundlagen der Staatsräson in der Frühen Neuzeit. Das Werk behandelt die theoretischen Fundamente, wie ein Staat sich durch kühle, pragmatische Machtpolitik behaupten muss — ein zentrales Konzept der machiavellischen Tradition. Mit etwa 400–600 Seiten bietet es eine fundierte akademische Analyse zum Verständnis von staatlicher Selbstbehauptung und politischem Realismus.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 00:14:56 „Die Habilitation habe ich auch dabei aus der Staatsbibliothek allerdings. Ich weiß nicht, ob die noch verkauft wird. Wo sie über Staatsräson sich Gedanken gemacht haben. Beide Werke, ich würde mal schätzen, 400, 500, 600 Seiten. Ohne Bilder.“
Wegner erwähnt Münklers Habilitationsschrift über Staatsräson als zweites Hauptwerk neben der Machiavelli-Dissertation. Er hat sie aus der Staatsbibliothek mitgebracht und ordnet sie in die Tradition von Münklers machiavellistischem Weltansatz ein — der kühle, distanzierte Blick darauf, wie ein Staat sich behaupten muss.
Machiavelli
Hans Freyer · 1986
Reprint. Originally published: Leipzig: Bibliographisches Institut, 1938. With new afterword.
🗣 Herfried Münkler erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:17:23 „Und da die letzten größeren Monografien zu Machiavelli, man kann sagen, in der Nazi-Zeit entstanden sind, nämlich Hans Freier, damals in der Auslandsuniversität in Budapest, wenn ich das richtig erinnere, und René König im Schweizer Exil.“
Münkler erklärt, warum Machiavelli als Dissertationsthema strategisch klug war: Die letzten großen Monografien stammten aus der Nazi-Zeit, von Hans Freyer und René König. Es war also an der Zeit für eine neue wissenschaftliche Auseinandersetzung.
Machiavelli zur Krisenanalyse einer Zeitenwende
René König · 1979
Eine Monografie zu Machiavelli, die dessen politisches Denken als Krisenanalyse einer Zeitenwende interpretiert. Das Werk füllt eine Forschungslücke, da die letzten großen Machiavelli-Studien aus der NS-Zeit stammten.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:17:23 „Die letzten größeren Monografien zu Machiavelli, man kann sagen, in der Nazi-Zeit entstanden sind, nämlich Hans Freier, damals in der Auslandsuniversität in Budapest, wenn ich das richtig erinnere, und René König im Schweizer Exil.“
Münkler begründet seine Entscheidung, über Machiavelli zu promovieren, damit, dass die letzten großen Monografien aus der NS-Zeit stammten – von Hans Freyer und René König. Beide Werke markierten eine Lücke, die Münkler mit seiner Dissertation schließen wollte.
Du contrat social (Der Gesellschaftsvertrag)
Jean-Jacques Rousseau
*The Social Contract*, originally published as *On the Social Contract; or, Principles of Political Right* (French: *Du contrat social; ou, Principes du droit politique*), is a 1762 French-language book by the Genevan philosopher Jean-Jacques Rousseau. The book theorizes about the best way to establish a political community in the face of the problems of commercial society, which Rousseau had already identified in his *Discourse on Inequality* (1755). *The Social Contract* helped inspire poli...
🗣 Herfried Münkler zitiert daraus bei ⏱ 00:21:22 „Jean-Jacques Rousseau wird einmal später schreiben, ja, wir verdanken ihm sehr viel, denn er hat uns erzählt, wie Politik wirklich ist.“
Münkler zitiert Rousseaus berühmte Verteidigung Machiavellis aus dem Gesellschaftsvertrag (Buch III, Kap. 6), wo Rousseau argumentiert, Machiavelli habe unter dem Vorwand der Fürstenberatung in Wahrheit das Volk aufgeklärt, wie Politik wirklich funktioniert.
Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio
Niccolò Machiavelli · 2013
I Discorsi non sono un trattato sistematico, ma un insieme di osservazioni che, in forma di libero commento ai primi dieci libri delle Storie di Livio, investono i grandi problemi connessi alla dinamica della vita storica e politica. Sono inoltre un'opera scritta con impareggiabile vigore di stile e segnata da una straordinaria capacità di analisi.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:22:24 „Das ist, glaube ich, ein Gedanke, der tendenziell in allen seinen Texten, sowohl im Principa als auch in den Discorsi zu finden ist.“
Neben dem Principe erwähnt Münkler die Discorsi als zweites Hauptwerk Machiavellis, in dem dessen realistische Sicht auf Politik zum Ausdruck kommt. Beide Werke bilden das Fundament von Münklers eigener Machiavelli-Interpretation.
Il Principe
Niccolò Machiavelli · 1857
Machiavellis klassisches Werk zur Machttheorie erörtert, unter welchen Bedingungen ein Herrscher sein Wort brechen darf, um Macht zu bewahren. Der Podcast diskutiert damit, ob Friedrich Merz' Kehrtwende bei der Schuldenbremse machiavellistisch gerechtfertigt sein könnte. Precht argumentiert jedoch, dass der Glaubwürdigkeitsverlust für die Demokratie größer wäre als der politische Gewinn.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:22:33 „Das ist, glaube ich, ein Gedanke, der tendenziell in allen seinen Texten, sowohl im Principa als auch in den Discorsi zu finden ist.“
Münkler verweist auf Machiavellis Hauptwerke als Beleg für dessen politisches Denken über den Umgang mit Gegnern
Handbuch der Stadtguerilla
Carlos Marighella · 2023
Das Minimanual do Guerrilheiro Urbano (engl. Minimanual of the Urban Guerilla; dt. unter dem Titel Handbuch der Stadtguerilla, Minihandbuch des Stadtguerilleros bzw. Handbuch des Stadtguerillero usw.) ist eines der bekanntesten Werke von Carlos Marighella (1911–1969), einem der bedeutendsten revolutionären Kämpfer des lateinamerikanischen Kontinents.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:26:21 „Aber Fachzeitschriften wie die Polizei und anderes haben sie alles bekommen und das hat sie natürlich sehr viel mehr beschäftigt bei der Frage, wie man gewissermaßen im Anschluss an lateinamerikanische Stadtguerilla-Strategien, Marighella und was damals so obvog war, auch in Deutschland einen bewaffneten Kampf führen könne.“
Im Rahmen seiner RAF-Analyse beschreibt Münkler, dass die RAF-Mitglieder weniger Marx und Marcuse lasen als vielmehr Strategieliteratur wie die Schriften von Carlos Marighella zur lateinamerikanischen Stadtguerilla, die als Vorlage für den bewaffneten Kampf in Deutschland dienten.
Theorie des Partisanen
Carl Schmitt · 2017
»Die Ausgangslage für unsere Überlegungen zum Problem des Partisanen ist der Guerrilla-Krieg, den das spanische Volk in den Jahren 1808 bis 1813 gegen das Heer eines fremden Eroberers geführt hat. In diesem Kriege stieß zum ersten Male Volk (...) mit einer modernen, aus den Erfahrungen der französischen Revolution hervorgegangenen, gut organisierten, regulären Armee zusammen.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:27:01 „Und dabei habe ich sozusagen in Auseinandersetzung mit Karl Schmitz Partisanbuch gesagt, entscheidend für sie ist nicht der interessierte Dritte, sondern der als interessiert unterstellte Dritte.“
Im Kontext seiner Analyse der RAF-Ideologie beschreibt Münkler, wie er Carl Schmitts Partisanenbuch als theoretischen Rahmen nutzte. Er entwickelte daraus die These, dass die RAF nicht auf einen realen 'interessierten Dritten' setzen konnte, sondern sich einen solchen nur unterstellte — was letztlich zu ihrer Selbstbezogenheit und ihrem Scheitern führte.
Ideologien und Strategien (Analysen zum Terrorismus)
Iring Fetscher / Herfried Münkler · 1981
Akademische Analyse der Ideologien und Strategien terroristischer Gruppen, insbesondere der RAF, verfasst von Herfried Münkler zusammen mit seinem akademischen Lehrer Iring Fetscher. Der Band entstand als Gutachten im Auftrag der Bund-Länder-Kommission und ist Teil einer vierbändigen wissenschaftlichen Untersuchung zum Terrorismus in Deutschland. Das Werk untersucht die ideologischen Grundlagen und operativen Strategien der RAF-Bewegung und trägt zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Linksterrorismus bei.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:29:23 „Es war allerdings nur ein Beitrag innerhalb einer größeren Untersuchung, die von der Bund-Länder-Kommission finanziert worden ist. Da sind vier Bände daraus entstanden und den über Ideologie und Strategie, da habe ich zusammen mit Fetscher wesentliche Teile geschrieben.“
Münkler beschreibt seine frühe Arbeit zur RAF-Ideologie, die als Gutachten im Auftrag der Bund-Länder-Kommission entstand. Zusammen mit seinem akademischen Lehrer Iring Fetscher verfasste er wesentliche Teile des Bandes über Ideologie und Strategie innerhalb einer vierbändigen Untersuchung zum Terrorismus.
Vom Kriege
Carl von Clausewitz · 2023
In seinem Werk "Vom Kriege" entfaltet Carl von Clausewitz eine umfassende Theorie der Kriegsführung, die bis heute als maßgeblich gilt. Durch die Analyse historischer Konflikte und die philosophische Reflexion über den Krieg als ein politisches Instrument zeigt er die Komplexität und die Unberechenbarkeit militärischer Auseinandersetzungen auf.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 00:30:51 „Sie haben ja auch sich mit Menschen wie Clausewitz beschäftigt, die mich jetzt zum Beispiel sehr interessiert haben“
Wegner erwähnt Münklers Beschäftigung mit Clausewitz als Teil des thematischen Clusters um Kriegstheorie
Clausewitz, den Krieg denken
Raymond Aron · 1980
Eine fundamentale Untersuchung der Kriegstheorie von Clausewitz und ihrer Relevanz für strategisches Denken. Das Werk analysiert Clausewitz' zentrale Konzepte zum Wesen des Krieges und gilt bis heute als das maßgebliche Standardwerk zum Verständnis von Kriegsphilosophie.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:31:08 „Wenn Sie auf Clausewitz anspielen, das habe ich gemacht, weil damals ein Höhepunkt, also Anfang der 80er Jahre ist Raymond Arons Buch Clausewitz, den Krieg denken erschienen, das vermutlich das Beste ist, was es nach wie vor zu Clausewitz gibt.“
Münkler beschreibt, wie Raymond Arons Clausewitz-Buch ihn Anfang der 80er Jahre beeinflusst hat. Er hält es bis heute für das beste Werk über Clausewitz und nennt es als einen der intellektuellen Impulse, die seine Beschäftigung mit Kriegstheorie und strategischem Denken geprägt haben.
Der Peloponnesische Krieg
Thukydides · 2017
Thukydides hat sein unvollendetes Werk über den Peloponnesischen Krieg als ‚Besitztum für immer‘ für die Nachwelt konzipiert. Es wird hier in einer neuen Übersetzung vorgelegt, die einerseits die Eigenwilligkeit des Originals getreuer wiedergibt, sich andererseits jedoch von der heutigen deutschen Sprache weniger entfernt als vorhandene Versionen. Der Band bietet außerdem eine ausführliche Einleitung sowie erläuternde Anmerkungen.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 00:32:05 „Und um zu begreifen, was rundherum passiert, waren diese Autoren, würde jetzt als dritten noch den griechischen Historiker Thucydides dazunehmen, waren diese drei Autoren sehr viel attraktiver als Leute, die sich ausgemalt haben, wie schön das alles anders sein könnte.“
Münkler nennt Thukydides neben Machiavelli und Clausewitz als dritten zentralen Autor für sein politisches Denken. Diese drei Autoren der realistischen Tradition waren für ihn attraktiver als utopische Denker, weil sie halfen, die politische Realität — etwa den Vietnamkrieg — intellektuell zu durchdringen.
Vortrag in der Schweiz über Appeasement und Minsk
Herfried Münkler
Vortrag des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler über die Krim-Krise und das Minsker Abkommen. Münkler ordnet Minsk als bewusste Appeasement-Politik ein, ähnlich wie Chamberlains Münchener Abkommen 1938. Der Vortrag dokumentiert Münklers Neubewertung dieser Verhandlungen als strategischer „Zeitkauf" anhand eines Gesprächs mit Angela Merkel nach ihrer Kanzlerschaft.
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 00:44:10 „Sie haben in einem Vortrag, den Sie in der Schweiz gehalten haben, den ich zur Vorbereitung mir angehört habe, erzählt, dass Sie Angela Merkel nochmal getroffen haben und Sie gefragt haben zu der Krim-Entscheidung damals.“
Christoph Amend bezieht sich auf einen Vortrag Münklers in der Schweiz, den er zur Gesprächsvorbereitung angehört hat. Darin schildert Münkler ein Gespräch mit Angela Merkel nach deren Kanzlerschaft, in dem sie das Minsker Abkommen als bewusste Form von Appeasement einordnete – analog zu Chamberlains Münchener Abkommen 1938. Amend greift diese Passage auf, um Münklers Neubewertung von Minsk als 'Zeitkauf' zu diskutieren.
Kinofilme und Bücher über das Münchener Abkommen 1938
Das Münchener Abkommen von 1938 wird in neueren Kinofilmen und Büchern neu bewertet. Die Werke hinterfragen das traditionelle Bild von Neville Chamberlain als schwacher Appeaser und zeigen komplexere Perspektiven auf die Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland. Diese Neubewertung ist relevant, da sie dokumentiert, wie sich die historische Forschung und Interpretation dieses Schlüsselmomentes des Zweiten Weltkriegs gewandelt hat.
🗣 Christoph Amend erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:48:11 „Chamberlain, der eben immer als der schwache Politiker jahrzehntelang bewertet wurde, der also nachgegeben hat bei Hitler. Da gab es ja mittlerweile auch Kinofilme und viele Bücher sind über München, über dieses Abkommen mittlerweile in den letzten Jahren gedreht und geschrieben worden.“
Christoph Amend verweist auf eine Reihe neuerer Filme und Bücher zum Münchener Abkommen von 1938, die das Bild Chamberlains als schwacher Appeaser revidiert haben. Konkrete Titel werden nicht genannt, aber gemeint sind vermutlich Werke wie Robert Harris' Roman 'München' und dessen Verfilmung. Die Erwähnung dient als Beleg für den Wandel in der historischen Bewertung von Appeasement.
Interview mit Herfried Münkler zum russischen Angriff auf die Ukraine
Der Artikel präsentiert eine politikwissenschaftliche Analyse des russischen Angriffskriegs durch Herfried Münkler. Dieser vergleicht Russlands imperiale Expansionspolitik mit dem revisionistischen Deutschland der Weimarer Zeit und argumentiert, dass Russland seine Ziele nur durch Resignation aufgeben wird. Münkler reflektiert im Interview auch über seine anfängliche Fehleinschätzung eines schnellen russischen Sieges.
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 00:56:49 „Als Russland in die Ukraine einmarschiert ist, den Krieg erklärt hat. Haben Sie ja auch relativ schnell ein Interview gegeben bei Zeit Online, erinnere ich mich.“
Christoph Amend erinnert an ein Interview, das Herfried Münkler am Tag des russischen Einmarschs in die Ukraine bei Zeit Online gegeben hat. Jochen Wegner ergänzt, dass sein Kollege Nils Marquardt das Gespräch geführt habe. Münkler räumt darin ein, auch er habe zunächst mit einem schnellen russischen Sieg gerechnet.
Gesandtschaftsberichte
Niccolò Machiavelli · 1925
Cosimo de’ Medici (genannt il Vecchio ‚der Alte‘; * 10. April 1389 in Florenz; † 1. August 1464 in Careggi bei Florenz) war ein Staatsmann, Bankier und Mäzen, der jahrzehntelang die Politik seiner Heimatstadt Florenz lenkte und einen wesentlichen Beitrag zu ihrem kulturellen Aufschwung leistete. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Familie der Medici (deutsch auch „Mediceer“) wird er „de’ Medici“ genannt; es handelt sich nicht um ein Adelsprädikat, die Familie war bürgerlich. Als Erbe der von seinem V...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:06:17 „Wohingegen Machiavelli eigentlich auch in seinen Gesandtschaftsberichten bereits immer den weiteren Blick hat. Sozusagen die Folgen von Folgen zu bedenken und nicht nur zu glauben, dass was ich intendiere und was kurzfristig möglich zu sein scheint, das ist es, worauf es ankommt.“
Münkler unterscheidet zwischen einem 'Machiavellisten' wie Putin, der kurzfristige Gelegenheiten nutzt, und dem historischen Machiavelli selbst, der in seinen diplomatischen Berichten stets die langfristigen Folgen von Folgen mitdachte. Die Gesandtschaftsberichte dienen als Beleg, dass Machiavelli strategisch weitsichtiger war als seine heutigen Nachahmer.
Hieron
Xenophon · 1883
Xenophons antiker Dialog „Hieron" untersucht, warum ein Tyrann keine echten Freunde haben kann. Die Analyse wird auf moderne Autokraten wie Putin übertragen, um ihre zunehmende Selbstisolation und informative Selbstverdummung zu erklären. Leo Strauss hat dazu ebenfalls bedeutende philosophische Überlegungen angestellt.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:08:14 „Der Xenophon hat in dem Dialog hier, Ron, sich darüber Gedanken gemacht, warum ein Tyrann keine Freunde hat. Fand das immer ganz schön. Leo Strauss hat da auch kluge Bemerkungen dazu gemacht.“
Münkler spricht über die zunehmende Selbstisolation und Informationsblase von Autokraten wie Putin. Er greift auf Xenophons antiken Dialog 'Hieron' zurück, der die Einsamkeit des Tyrannen thematisiert, und überträgt die Frage darauf, warum Autokraten keine kompetenten Berater mehr haben – was er als 'prokredierende Selbstverdummung' bezeichnet.
On Tyranny
Leo Strauss · 2013
On Tyranny is Leo Strauss’s classic reading of Xenophon’s dialogue Hiero, or Tyrannicus, in which the tyrant Hiero and the poet Simonides discuss the advantages and disadvantages of exercising tyranny. Included are a translation of the dialogue from its original Greek, a critique of Strauss’s commentary by the French philosopher Alexandre Kojève, and the complete correspondence between the two.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:08:14 „Der Xenophon hat in dem Dialog hier, Ron, sich darüber Gedanken gemacht, warum ein Tyrann keine Freunde hat. Fand das immer ganz schön. Leo Strauss hat da auch kluge Bemerkungen dazu gemacht.“
Im Anschluss an Xenophons 'Hieron' erwähnt Münkler Leo Strauss' Kommentare zum selben Thema. Strauss' bekanntestes Werk zu Xenophons Hieron-Dialog ist 'On Tyranny', in dem er die antike Tyrannenlehre auf moderne Diktaturen überträgt – genau die Brücke, die Münkler hier zur Analyse von Putins Herrschaft schlägt.
Il Principe / Der Fürst
Niccolò Machiavelli · 2017
Die vorliegende Ausgabe wurde in Sprache und Schreibweise modernisiert, mit Vorwort und Fu�noten versehen, sowie bebildert. Niccol� Machiavelli schrieb "Der F�rst" (Il Principe) um 1513. Die erste Ver�ffentlichung fand 1532 statt. Machiavelli schrieb dieses Buch, um die Gunst der Medici, die damaligen Regenten Florenz, zu erhalten, in dessen Kerker er eingesperrt war.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:08:29 „Aber mich hat interessiert eher die Frage nicht, warum ein Tyrann keine Freunde hat. Das ist so ein Luxusproblem. Sondern warum ein Tyrann keinen kompetenten Berater hat. Und das ist sozusagen Machiavellis böser Blick auf die Verhältnisse.“
Münkler zieht Machiavelli als analytische Referenz heran, um die Beratungsresistenz von Autokraten zu erklären. Machiavelli wird hier nicht als Buchtitel explizit genannt, aber als Denkfigur eingesetzt — Münkler bezeichnet ihn später sogar als 'meinen alten Freund und Gesprächspartner, Messer Nicolò Machiavelli'. Die Referenz bezieht sich auf Machiavellis Analyse von Herrschaft und Beratung.
Über den Hieron des Xenophon
Leo Strauss · 1963
Die politische Kultur der westlichen Welt in einer breit angelegten Gesamtschau. Von den Griechen und ihrer Entdeckung von Politik und Demokratie, über die Römer und die christliche Welt bis zur Gegenwart, die vom Kampf um Menschenrechte und dem Totalitarismus zugleich gezeichnet ist, wird das ganze Spektrum des Politischen Denkens vorgestellt. Band 1.2: Die Darstellung setzt ein mit den Klassikern Platon und Aristoteles.
🗣 Herfried Münkler erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:08:35 „Leo Strauss hat da auch kluge Bemerkungen dazu gemacht.“
Münkler erwähnt Leo Strauss' Kommentar zu Xenophons Hieron im Kontext der Analyse von Tyrannenmacht
Imperien: Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten
Herfried Münkler · 2014
Imperien, glaubte man in Europa bis vor kurzem, seien Relikte der Vergangenheit. Umso bestürzter waren die Europäer, als die USA ihre Vormachtstellung offen demonstrierten – ratlos nahm man die Wiederkehr des tot geglaubten «Imperialismus» zur Kenntnis. Plötzlich stellen sich drängende Fragen: Wodurch zeichnen sich Imperien aus? Welche Risiken birgt eine imperiale Ordnung? Und welche Chancen bietet sie? Herfried Münkler zeigt, wie Imperien für Stabilität sorgen und welche Gefahren ihnen drohen, ...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:21:00 „Ja, ich habe über diese Frage lange nachgedacht, als ich das Buch über Imperien geschrieben habe. Also Imperien als Ordnungsfaktoren. Da sehen Sie sozusagen wieder die Art meines Denkens. Ich bin nicht vor dem Begriff des Imperiums zurückgeschreckt und habe drei Kreuze geschlagen.“
Münkler verweist auf sein eigenes Buch über Imperien, um seine These der 'postimperialen Phantomschmerzen' Putins zu erklären. Er beschreibt, wie er darin imperiale Politik anhand von Strukturmustern analysiert hat und dabei die 'imperiale Mission' als zentrales Element von Imperien identifizierte — eine Analyse, die er nun auf Russlands Revisionismus anwendet.
Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA)
Karl Marx, Friedrich Engels · 1972
Text in English, French, and German. some volumes have cover title: Marx/Engels Gesamtausgabe. some volumes published by: Berlin : Akademie Verlag. Statements of responsibility vary, e.g., Herausgegeben vom Institut fèur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin, und vom Institut fèur Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion; Herausgegeben von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung, Amsterdam.
🗣 Herfried Münkler erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:31:37 „Und dass ich in der Akademie noch mit Arbeitsgruppen beschäftigt war und natürlich auch für die Weiterführung der Marx-Engels-Gesamtausgabe die Verantwortung hatte.“
Münkler erwähnt beiläufig seine Verantwortung für die Weiterführung der Marx-Engels-Gesamtausgabe als Teil seiner akademischen Pflichten an der Humboldt-Universität. Das editorische Großprojekt wird als Beispiel für die vielen unsichtbaren Aufgaben genannt, die seinen Arbeitstag ausfüllten.
Psalm 90 (Bibel)
· 2016
Ein Bibelpsalm, der die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens reflektiert: etwa 70 bis 80 Jahre Lebensdauer, erfüllt von Mühe und Arbeit. Ein zeitloser Text über Endlichkeit und die Lasten der menschlichen Existenz.
🗣 Herfried Münkler zitiert daraus bei ⏱ 01:33:39 „Meine Großmutter, die eine Pietistin war, die hat, als ich klein war, immer gesagt, euer Leben wäre 70 und wenn es hochkommt, wäre es 80 Jahre und wenn es gut gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen. Muss irgendwo in der Bibel stehen.“
Münkler zitiert seine pietistische Großmutter, die ihm als Kind den Bibelvers aus Psalm 90,10 mit auf den Weg gab. Er reflektiert, dass dieser Satz ihn trotz rationaler Ablehnung tief geprägt hat und sein intensives Arbeitsethos miterklärt — eine der 'Prägungen, die man nicht mehr losmacht'.
Geschichte des Zweiten Weltkrieges aus dem Indischen Ozean
Dan Diner · 2021
Die Geschichte der Seefahrt umfasst die Entwicklung des Befahrens von Ozeanen und Meeren mit Schiffen und Booten von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die Seefahrt dient den Menschen bereits seit etwa 120.000 Jahren zur Fortbewegung über die Meere.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:33:59 „Indem er in seinem letzten Buch die Geschichte des Zweiten Weltkrieges aus dem Indischen Ozean heraus schreibt. Analysiert hat, Verbindungslinien, die die Voraussetzungen dafür waren, dass Landon Lees die Rote Armee in die Lage versetzten, im Prinzip diesen Widerstand zu leisten und auch die Gegenoffensive anzutreten.“
Als zweites Buch desselben Autors nennt Münkler ein Werk, das den Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive des Indischen Ozeans analysiert – insbesondere die Versorgungslinien (Lend-Lease), die die Rote Armee zur Gegenoffensive befähigten. Münkler nutzt es als Beispiel für den notwendigen 'Blick von der anderen Seite'. Der genaue Titel wird nicht genannt.
Die neuen Kriege
Herfried Münkler · 2011
Das Zeitalter der zwischenstaatlichen Kriege geht offenbar zu Ende. Aber der Krieg ist keineswegs verschwunden, er hat nur seine Erscheinungsform verändert. In den neuen Kriegen spielen nicht mehr die Staaten die Hauptrolle, sondern Warlords, Söldner und Terroristen. Die Gewalt richtet sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung; Hochhäuser werden zu Schlachtfeldern, Fernsehbilder zu Waffen. Herfried Münkler macht die Folgen dieser Entwicklung deutlich.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 01:42:03 „Also das Buch heißt ja Die Neuen Kriege. Die Neuen Kriege, ja. Und das war das erste Mal, dass ich sozusagen wieder die Auflage meiner Dissertation erreicht habe.“
Münklers Buch über neue Formen der Kriegführung, das ihm erstmals eine breitere Öffentlichkeit verschaffte
Machiavelli (Dissertation)
Herfried Münkler · 2016
Staatsräson und Utopie stehen als zwei elementare Kategorien politischen Denkens im Zentrum dieses Buches. Das Wechselspiel zwischen beiden Positionen wird als eine für die deutsche politische Kultur insgesamt charakteristische Bewegungsform vorgestellt.
🗣 Herfried Münkler erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:42:10 „Und das war das erste Mal, dass ich sozusagen wieder die Auflage meiner Dissertation erreicht habe.“
Münkler erwähnt seine Dissertation über Machiavelli als Referenzpunkt für den Erfolg von 'Die neuen Kriege'. Die Machiavelli-Dissertation war offenbar sein erster Verkaufserfolg und wird im Gespräch als Maßstab herangezogen. Wegner kommentiert, dass 'Machiavelli bestimmt sehr früh' erfolgreich war.
Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918
Herfried Münkler · 2013
Er fegte die alte Welt hinweg und haftet seit vier Generationen im kollektiven Gedächtnis: der Große Krieg. Als er ausbrach, am 1. August 1914, bejubelten noch viele, dass nun die Waffen sprachen. Doch vier Jahre später, im November 1918, war jede Illusion verflogen. Der Erste Weltkrieg, der in Europa, im Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Weltmeeren von mehr als drei Dutzend Staaten geführt wurde, forderte mehr als zehn Millionen Tote, zerstörte die Weltordnung und weckte Revanchegelü...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:42:28 „Und dann diese beiden großen, dicken Kriegsbücher, das über den Ersten Weltkrieg und das über den Dreißigjährigen Krieg, die haben sich dann schon bemerkbar gemacht.“
Münklers umfangreiches Werk über den Ersten Weltkrieg, dem er bewusst den Titel 'Der Große Krieg' gab statt 'Erster Weltkrieg'
Die Deutschen und ihre Mythen
Herfried Münkler · 2010
Herfried Münkler schreibt über die Deutschen und ihre Geschichte im Spiegel ihrer Mythen. Dabei erweckt er alte Sagen – etwa um die Nibelungen – zu neuem Leben, besichtigt schicksalhafte Orte wie Weimar, Nürnberg oder den Rhein und lässt historische Persönlichkeiten wie Hermann den Cherusker, Friedrich den Großen oder den Papst auftreten – selbst die D-Mark fehlt nicht in diesem Reigen.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:42:54 „Das begann tendenziell mit den neuen Kriegen und auch mit den Imperien und dann mit den Deutschen und ihren Mythen.“
Münkler listet das Buch als Teil seiner auflagenstarken Werke auf, die ihm über die akademische Welt hinaus Bekanntheit brachten.
Der Dreißigjährige Krieg: Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648
Herfried Münkler · 2017
Noch heute gilt «Dreißigjähriger Krieg» als Metapher für die Schrecken des Krieges schlechthin, dauerte es doch Jahrzehnte, bis die Verwüstungen überwunden waren, die der längste Krieg auf deutschem Boden angerichtet hatte. Dabei war, als am 23. Mai 1618 protestantische Adelige die Statthalter des römisch-deutschen Kaisers Ferdinand II. aus den Fenstern der Prager Burg stürzten, kaum abzusehen, was folgen sollte: ein Flächenbrand, der erste im vollen Sinne «europäische Krieg».
🗣 Herfried Münkler empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:43:23 „Also sagen wir mal, dieses 800 oder 900 Seiten Buch über den Dreißigjährigen Krieg habe ich in München innerhalb eines Jahres geschrieben.“
Das Buch über den Dreißigjährigen Krieg steht im Zentrum eines langen Gesprächsabschnitts. Münkler beschreibt zunächst seinen disziplinierten Schreibprozess in München, dann seine analytische These: Der Krieg bestand aus vier verschiedenen Kriegen gleichzeitig. Merkel lud ihn deswegen ins Kanzleramt ein, weil die Parallelen zur Gegenwart – verschachtelte Kriegsgründe und die Schwierigkeit, solche Kriege zu beenden – politisch relevant waren.
Über den Dreißigjährigen Krieg
Friedrich Schiller · 2017
Friedrich Schiller (1759-11805) war ein deutscher Dichter, Philosoph und Historiker. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Lyriker. Schiller gehört mit Wieland, Goethe und Herder zum Viergestirn der Weimarer Klassik. Schillers Beschäftigung mit Geschichte ist von der Aneignung und Weiterentwicklung des Spektrums der universalhistorischen Ideen der Aufklärung gekennzeichnet.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:53:23 „den größten Einfluss darauf Schiller gehabt, der ja zeitweilig Historiker war, jedenfalls als er Professur in Jena hatte. Und bevor er den Wallenstein geschrieben hat, so eine kleine Schrift über den Dreißigjährigen Krieg geschrieben hat.“
Münkler nennt Schillers historische Schrift als prägend für die Begriffsbildung des 'Dreißigjährigen Krieges'
Geschichte des Dreißigjährigen Krieges
Friedrich Schiller · 2017
Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein Konflikt um die Hegemonie im Heiligen Römischen Reich und in Europa, der als Religionskrieg begann und als Territorialkrieg endete. In ihm entluden sich auf europäischer Ebene der habsburgisch-französische Gegensatz und auf Reichsebene die Spannungen zwischen dem Kaiser und der Katholischen Liga einerseits und der Protestantischen Union andererseits.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:53:51 „Und an ihrer Spitze hat wahrscheinlich den größten Einfluss darauf Schiller gehabt, der ja zeitweilig Historiker war, jedenfalls Asse-Professor in Jena hatte. Und bevor er den Wallenstein geschrieben hat, so eine kleine Schrift über den Dreißigjährigen Krieg geschrieben hat.“
Münkler erklärt, dass der Begriff 'Dreißigjähriger Krieg' eine nachträgliche historische Konstruktion ist. Schiller habe mit seiner historischen Schrift maßgeblich dazu beigetragen, die einzelnen Konflikte als einen zusammenhängenden Krieg zu deuten – noch bevor er das Thema literarisch im Wallenstein verarbeitete.
Wallenstein
Friedrich Schiller
Schillers Trilogie über Feldherr Wallenstein im Dreißigjährigen Krieg erforscht Macht, Ehrgeiz und menschliche Natur. Das Werk wurde später für die psychosomatische Medizin der 1920er-30er Jahre herangezogen, besonders der Satz »Es ist der Geist, der sich den Körper baut«.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 01:54:02 „Und bevor er den Wallenstein geschrieben hat, so eine kleine Schrift über den Dreißigjährigen Krieg geschrieben hat.“
Schillers Wallenstein-Trilogie wird als literarische Verarbeitung des Dreißigjährigen Krieges erwähnt. Münkler nutzt die Chronologie – erst historische Schrift, dann Drama – um zu zeigen, wie Schiller den Begriff des Dreißigjährigen Krieges als zusammenhängendes Narrativ etabliert hat.
Die Sendung mit der Maus
Armin Maiwald, Gerd Müntefering, Friedrich Streich · 1971
Die Sendung mit der Maus (kurz Die Maus) ist eine der erfolgreichsten Kindersendungen im deutschen Fernsehen. Kern der Sendung sind sogenannte Lach- und Sachgeschichten, zu denen neben kurzen Zeichentrickfilmen auch jeweils ein Wissensfilm, beispielsweise über die Herstellung oder Funktionsweise eines Alltagsgegenstandes, zählt. Sie wird seit 1971 am Sonntagvormittag ausgestrahlt. Produziert wird die Sendung vom WDR in Zusammenarbeit mit anderen Mitgliedssendern der ARD.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 02:01:12 „Da Sie Kinder haben, bin ich ganz sicher, dass Sie in Ihrem Leben auch schon mal die Sendung mit der Maus geguckt haben.“
Wegner nutzt die Sendung mit der Maus als Aufhänger für die Frage, ob man Kindern erklären kann, warum es Kriege gibt
The Better Angels of Our Nature
Steven Pinker · 2011
'The most inspiring book I've ever read' Bill Gates, 2017 'A brilliant, mind-altering book ... Everyone should read this astonishing book' Guardian 'Will change the way you see the world' Daily Mail Shortlisted for the Samuel Johnson Prize 2012 Wasn't the twentieth century the most violent in history? In his extraordinary, epic book Steven Pinker shows us that this is wrong, telling the story of humanity in a completely new and unfamiliar way.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:02:01 „Steven Pinker sagt, die Erfindung der Monogamie ist das größte pazifizierende Ereignis in der Geschichte der Menschheit.“
Münkler zitiert Pinkers These über Monogamie und Pazifizierung im Kontext der Frage, warum Menschen Kriege führen
Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
Steven Pinker · 2011
Die Geschichte der Menschheit – eine ewige Abfolge von Krieg, Genozid, Mord, Folter und Vergewaltigung. Und es wird immer schlimmer. Aber ist das richtig? In einem wahren Opus Magnum, einer groß angelegten Gesamtgeschichte unserer Zivilisation, untersucht der weltbekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker die Entwicklung der Gewalt von der Urzeit bis heute und in allen ihren individuellen und kollektiven Formen, vom Verprügeln der Ehefrau bis zum geplanten Völkermord.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:02:19 „Steven Pinker sagt, die Erfindung der Monogamie ist das größte pazifizierende Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Nämlich, wenn Männer nur eine Frau haben dürfen, dann pazifiziert das. Weil ja, schaut man in die Geschichte der Kriege hinein, relativ viele Kriege beginnen im Streit um die knappe Ressource weiblicher Attraktivität.“
Auf die Frage, warum Menschen Kriege führen, zitiert Münkler Pinkers These über die Monogamie als friedensstiftende Institution. Die Idee, dass viele frühe Konflikte um den Zugang zu Frauen geführt wurden – vom Trojanischen Krieg bis zu Jäger-und-Sammler-Gesellschaften – nutzt Münkler als Einstieg in seine vielschichtige Erklärung der Kriegsursachen.
Leviathan
Thomas Hobbes · 2016
Thomas Hobbes argues for a social contract and rule by an absolute sovereign. Influenced by the English Civil War, Hobbes wrote that chaos or civil war-situations identified with a state of nature and the famous motto Bellum omnium contra omnes ("the war of all against all")-could only be averted by strong central government. He thus denied any right of rebellion toward the social contract, which would be later added by John Locke and conserved by Jean-Jacques Rousseau.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:07:02 „Aber der Krieg vorher, eines jeden gegen jeden, wie Thomas Hobbes das nennt, der verschwindet. Es gibt überhaupt erst die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden. Frieden ist ja nichts, was von selbst da ist.“
Münkler greift auf Hobbes' berühmte Formel vom 'Krieg aller gegen alle' zurück, um zu erklären, warum das staatliche Gewaltmonopol eine zivilisatorische Errungenschaft ist. Ohne Staat, Polizei und Gerichte würde selbst der Friedfertigste zur präventiven Gewalt greifen – genau das Argument, das Hobbes im Leviathan entwickelt.
Zwei Abhandlungen über die Regierung
John Locke · 2013
„The ABC of Politics“ wurde Lockes politische Philosophie schon von seinen Zeitgenossen genannt. Locke legt nicht nur dar, weshalb man den Naturzustand verlassen soll – der Staat garantiert den Schutz von Leben, Freiheiten und Vermögen – sondern auch, was ein guter Staat konkret zu leisten hat: Der Staat soll die Individuen vor Angriffen ihrer Mitbürger und fremder Mächte schützen, aber auch vor sich selbst.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:14:12 „Das ist ein Begriff, den John Locke in seiner Theorie einführt. Er heißt Prärogative, der gewissermaßen neben der üblichen Unterscheidung von Exekutive, Legislative und Judikative ist. Sozusagen die Exekutive hat hier Befugnisse, zu handeln, bevor sie sich mit dem Parlament ins Benehmen gesetzt hat.“
Im Kontext der Diskussion über Gerhard Schröders Führungsstil als Kanzler führt Münkler Lockes Begriff der 'Prärogative' ein – das Recht der Exekutive, in dringenden Fällen ohne parlamentarische Rückversicherung zu handeln. Er nutzt dies, um Schröders risikofreudigen Politikstil theoretisch einzuordnen.
How to Do Things with Words
John Langshaw Austin · 1975
John L. Austin was one of the leading philosophers of the twentieth century. The William James Lectures presented Austin's conclusions in the field to which he directed his main efforts on a wide variety of philosophical problems. These talks became the classic How to Do Things with Words
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:24:21 „Da gilt halt das, was der Sprachphilosoph Austin gesagt hat, Words are Deeds. Worte sind Taten. Und indem er das gesagt hat, hat er das gesamte Konzept verändert.“
Im Kontext von Trumps Äußerungen zur NATO-Beistandspflicht zitiert Münkler Austins Sprechakttheorie, um zu argumentieren, dass Trumps Worte reale geopolitische Konsequenzen haben – allein die Aussage verändere das Abschreckungskalkül im Kreml.
Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch
Francis Fukuyama · 2022
Ist Geschichte eine endlose Wiederholung von Aufstieg und Verfall? In seinem weltberühmten Grundlagenwerk legt Francis Fukuyama dar, warum für ihn die liberale Demokratie den Endpunkt der Geschichte bedeutet. Im Sommer 1989 elektrisierte ein Artikel eines bis dato unbekannten Politikwissenschaftlers in der Zeitschrift The National Interest die Welt. Er führte zu Kontroversen bis in die Leitartikel diverser Zeitungen.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 02:36:54 „Was dahinter steht, ist natürlich die Frage, was ist eigentlich das gewinnende System? Man dachte ja, die Geschichte sei zu Ende. Das hätte die Politologie ein für alle Mal entschieden. Also Demokratie ist immer das fitteste System. Das Ende der Geschichte.“
Wegner spielt auf Fukuyamas berühmte These an, dass nach dem Kalten Krieg die liberale Demokratie als Endpunkt der politischen Evolution feststehe. Er nutzt die Referenz, um die Frage aufzuwerfen, ob diese Annahme angesichts des Aufstiegs autokratischer Systeme wie China und der Instabilität westlicher Demokratien noch haltbar ist.
Grundlagen der Geopolitik
Alexander Dugin · 2017
ENGLISH TRANSLATION The book is a Russian textbook on geopolitics. It systematically and detailed the basics of geopolitics as a science, its theory, history. Covering a wide range of geopolitical schools and beliefs and actual problems. The first time a Russian geopolitical doctrine. An indispensable guide for all those who make decisions in the most important spheres of Russian political life - for politicians, entrepreneurs, economists, bankers, diplomats, analysts, political scientists, and ...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:44:03 „Deswegen Leute wie Alexander Dugin in ihren geopolitischen Konzepten sagen, wir brechen die Macht des Westens auf, indem wir Verbindungen schaffen nach Tokio, nach Teheran und nach Berlin.“
Im Kontext der Diskussion über eine mögliche Neuausrichtung Deutschlands Richtung Moskau verweist Münkler auf Dugins geopolitische Konzepte. Dugins Strategie, die westliche Allianz durch gezielte Achsenbildung zu zerbrechen, sieht Münkler als reale Blaupause für russische hybride Kriegführung gegen Deutschland.
Der lange Weg nach Westen
Heinrich August Winkler · 2000
Der zweite Band von Heinrich August Winklers deutscher Geschichte behandelt die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur, die über vier Jahrzehnte, in denen Deutschland in zwei Staaten geteilt war, und schließlich die Wiedervereinigung. Es ist eine Geschichte von Zusammenbrüchen und Neuanfängen, von Diktatur und Demokratie und auch des Nachdenkens über Deutschland - eine dramatische Geschichte, anschaulich und spannend dargestellt von einem Historiker und Publizisten, der auch in seinem ...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:45:06 „Deswegen gibt es gute Gründe, warum Putin und Konsorten uns ausgesucht haben. Und es ist keineswegs feststehend, wie mein Historiker-Kollege Heinrich August Winkler gesagt hat, der lange Weg nach Westen, dass wir dort ein für alle Mal angekommen sind. Sondern es gibt sozusagen auch Umkehrungen.“
Münkler diskutiert die Gefahr, dass Deutschland durch rechtspopulistische Kräfte und russische hybride Kriegführung aus seiner westlichen Verankerung herausgelöst werden könnte. Er zitiert Winklers These vom 'langen Weg nach Westen' als keineswegs abgeschlossenen Prozess — eine Umkehr sei möglich, wenn etwa AfD und BSW eine moskaufreundliche Politik durchsetzen.
Welt im Aufruhr
Herfried Münkler · 2023
Spätestens seit dem Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan und dem russischen Überfall auf die Ukraine wissen wir, dass die bislang geltende Ordnung an ihr Ende gekommen ist. Die Welt ist in Aufruhr. Doch wie wird sie sich neu sortieren, und wie wird sie im 21. Jahrhundert aussehen? Vor welchen Umwälzungen, Brüchen und Umbrüchen stehen wir? Eine auf Werten und Normen fußende Weltordnung durchzusetzen, übersteigt die Fähigkeiten des Westens.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:46:53 „Und ich habe deswegen in diesem Buch über die Welt im Aufruhr ja auch ausführlich, das behandelt jetzt Ihre beiden Fragen, das Verhältnis zwischen Innenpolitik und Außenpolitik. Wo ist sozusagen die Grenze von Außenpolitik durch Innenpolitik?“
Münkler verweist auf sein eigenes Buch, um die Verflechtung von Innen- und Außenpolitik zu erläutern. Im Gespräch geht es darum, wie innenpolitische Veränderungen — etwa eine kriegsmüde Bevölkerung — dramatische außenpolitische Folgen haben können, ein Thema, das er in diesem Buch ausführlich behandelt hat.
Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert
Herfried Münkler · 2023
Spätestens seit dem Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan und dem russischen Überfall auf die Ukraine wissen wir, dass die bislang geltende Ordnung an ihr Ende gekommen ist. Die Welt ist in Aufruhr. Doch wie wird sie sich neu sortieren, und wie wird sie im 21. Jahrhundert aussehen? Vor welchen Umwälzungen, Brüchen und Umbrüchen stehen wir? Eine auf Werten und Normen fußende Weltordnung durchzusetzen, übersteigt die Fähigkeiten des Westens.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:47:58 „Und ich habe deswegen in diesem Buch über die Welt im Aufruhr ja auch ausführlich, das behandelt jetzt Ihre beiden Fragen, das Verhältnis zwischen Innenpolitik und Außenpolitik.“
Münklers Buch über die aktuelle Weltordnung, in dem er das Fünfer-Modell der Großmächte und das Verhältnis von Innen- und Außenpolitik behandelt
De la servitude volontaire (Von der freiwilligen Knechtschaft)
Étienne de La Boétie · 2025
« Soyez résolus de ne servir plus, et vous voilà libres ! » La formule, rendue célèbre par les acteurs de la Révolution française, est extraite du Discours de la servitude volontaire d'Étienne de La Boétie, sans doute écrit en 1553 et publié plus de vingt ans après. Dans cette dissertation politique, le jeune auteur, ami de Montaigne, fait preuve d'une fougue oratoire qui embarque les lecteurs et les invite à réfléchir au « paradoxe du tyran » : comment un seul homme saurait-il asservir un peupl...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 02:51:01 „Es ist schwieriger, aber der Freund Montaigne ist ein gewisser Etienne de la Boisie, dem Buch geschrieben, de la Servitude Volontaire, von der freiwilligen Knechtschaft, wo er beschreibt, wie die Leute um ihrer Sicherheit wählen, die Knechtschaft wählen, aber das gar nicht merken.“
Im Gespräch über das Spannungsfeld zwischen Demokratie und autoritärer Effizienz — angestoßen durch das Beispiel Singapur — greift Münkler auf La Boéties Klassiker aus dem 16. Jahrhundert zurück. Er nutzt die Schrift als Warnung: Menschen begeben sich freiwillig in Unfreiheit, ohne es zu bemerken, wenn Sicherheit und Wohlstand wichtiger werden als politische Teilhabe.
Leben des Galilei
Bertolt Brecht
Brechts Drama über Galileo Galilei und den Konflikt zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und gesellschaftlicher Macht. Das Stück hinterfragt moralischen Mut und die Verantwortung des Einzelnen in Zeiten, die Helden brauchen.
🗣 Herfried Münkler zitiert daraus bei ⏱ 02:54:17 „Also ja, frei nach Brecht, es gibt Konstellationen, Freund Machiavelli würde sagen, Qualità dei Tempi, in denen ein Land Helden nötig hat. Russland hat es zur Zeit besonders nötig, auch wenn die Helden nichts bewirken, siehe Navalny.“
Münkler paraphrasiert die berühmte Sentenz aus Brechts 'Leben des Galilei' – 'Unglücklich das Land, das Helden nötig hat' – und wendet sie auf das heutige Russland und den Mut von Dissidenten wie Nawalny an, deren Heldentum tragischerweise wirkungslos bleibt.
Aus dem Tagebuch einer Schnecke
Günter Grass · 1972
Probably the most autobiographical of his novels, From the Diary of a Snail balances the agonising history of the persecuted Danzig Jews with an account of Grass's political campaigning with Willie Brandt.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 03:02:13 „Nachdem wir halt relativ lange darauf gesetzt haben, dass es einen Fortschritt gibt, selbst dann, wenn der Fortschritt, Günter Grass, eine Schnecke ist. Ja? Aber er ist dann doch verlässlich. Und auch die Schnecke kommt voran oder so irgendwie. Diese Gewissheit ist uns abhandengekommen.“
Münkler spricht über den Verlust der Fortschrittsgewissheit in westlichen Gesellschaften. Mit der Anspielung auf Günter Grass' Bild vom Fortschritt als Schnecke zeigt er, dass selbst die bescheidene Hoffnung auf langsamen, aber stetigen Fortschritt heute nicht mehr tragfähig ist – weder ökonomisch noch politisch.
Aus der Fortschrittsfalle. Über den Fortschritt
Günter Grass · 1996
Der Artikel hinterfragt den modernen Glauben an unbegrenzten Fortschritt und zeigt auf, wie dieser Glaube verloren gegangen ist. Mit Bezug auf Günter Grass' Metapher vom Fortschritt als Schnecke wird deutlich gemacht, dass echter Fortschritt mühsam und langsam vorangeht, nicht wie erhofft. Das Werk ist relevant, da es einer kritischen Neubewertung von Entwicklung nachgeht und das illusionäre Denken in Fortschrittsfallen hinterfragt.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 03:04:17 „selbst dann, wenn der Fortschritt, Günter Grass, eine Schnecke ist“
Münkler spielt auf Grass' Metapher vom Fortschritt als Schnecke an im Kontext des verlorenen Fortschrittsglaubens
Münkler-Watch (Blog)
Der Artikel behandelt den anonymen Blog "Münkler-Watch", der 2015 die Vorlesungen des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler an der HU Berlin öffentlich protokollierte und kritisierte. Der Fall wird als einer der ersten Fälle von Cancel Culture in der deutschen Hochschullandschaft analysiert. Der Artikel diskutiert, wie solche öffentlichen Kritikblogs Fragen zur Meinungsfreiheit und Internetfreiheit aufwerfen und wie etablierte Akteure damit umgehen.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 03:05:48 „Also es gab eine berühmte, Sie haben es selber mal gesagt, ich wurde dadurch Nolens Wohlens zur berühmtesten, also meine Vorlesung zur berühmtesten Vorlesung zeitweise. Weil es einen Watchblog gab, in dem sie schwer kritisiert wurden als eben auch der Extremist der Mitte und so weiter.“
Wegner bringt den anonymen Watchblog 'Münkler-Watch' zur Sprache, der 2015 Münklers Vorlesungen an der HU Berlin öffentlich protokollierte und kritisierte. Der Blog wird als einer der ersten Fälle von Cancel Culture in der deutschen Hochschullandschaft diskutiert – Münkler schildert ausführlich, wie er die asymmetrische Auseinandersetzung strategisch beendete.
Les Damnés de la Terre (Die Verdammten dieser Erde)
Frantz Fanon · 2025
Publié en 1961, à une époque où la violence coloniale se déchaîne avec la guerre d'Algérie, saisi à de nombreuses reprises lors de sa parution aux Éditions François Maspero, le livre Les Damnés de la terre, préfacé par Jean-Paul Sartre, a connu un destin exceptionnel. Il a servi – et sert encore aujourd'hui – d'inspiration et de référence à des générations de militants anticolonialistes.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 03:14:52 „Dann hätte ich über Selbstthematisierungen von Kolonisierten eingeschlossen die Rechtfertigung der Gewalt. Dann hätte ich auch sozusagen nochmal ein bisschen Sartre, der die Vorworte zu Fanon geschrieben hat, mit reinbringen können.“
Im Kontext der Münkler-Watch-Debatte über den Kanon seiner Einführungsvorlesung erklärt Münkler, dass er Frantz Fanons Werk durchaus behandeln wollte. Die Erwähnung von Sartres Vorwort identifiziert eindeutig 'Die Verdammten dieser Erde', Fanons Hauptwerk über Entkolonisierung und revolutionäre Gewalt.
Politische Romantik
Carl Schmitt · 1998
Politische Romantik ist eine Kritik der modernen Demokratie, insbesondere ihrer Lähmung durch endlose Deliberation ohne Entscheidungsfähigkeit. Das Werk analysiert, wie die Überbetonung von Diskurs und Gerede die politische Handlungsfähigkeit untergräbt.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 03:23:04 „Der Schmidt erkennt bestimmte Schwächen der Demokratie. Also in dem Buch über politische Romantik, das ja über weite Strecken Auseinandersetzung ist mit dem von ihm so zugespitzten endlosen Gerede in einer Demokratie ohne Entscheidung oder sowas.“
Münkler verteidigt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Carl Schmitt und nennt konkret dessen 'Politische Romantik'. Er zeigt, wie Schmitts Kritik am endlosen Deliberieren ohne Entscheidung in der Demokratie heute wieder hochaktuell ist – etwa in der Kritik an der Ampel-Koalition.
Hitler's Children
· 2017
"Fascinating . . . Posner’s book gives a remarkable insight, from a family perspective, into the lives of many of the top Nazis and vilest criminals" – Sunday Express "A mesmerizing, blood-chilling book . . . The contrast between innocent childhood experience, and the awful understanding of that experience that came with time, is enough to make you weep" – Los Angeles Times "Fascinating . . .
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 03:56:41 „Ich weiß gar nicht mehr, wie die Amerikanerin hieß, die im Buch über die erste Generation, also Enslin Meinhof, geschrieben hat, Hitler's Children. Und versucht hat sozusagen, in denen auch nochmal das Nachwirken des NS oder das Geprägtsein durch die Erinnerung des NS und das sozusagen psychotische identifizieren von allem, was sie sehen im Hinblick auf den NS, zentral gemacht hat.“
Im Gespräch über die RAF und die generationelle Prägung durch den Nationalsozialismus erinnert sich Münkler an ein Buch einer amerikanischen Autorin über die erste RAF-Generation. Das Buch analysiert, wie Baader, Ensslin und Meinhof durch die NS-Erinnerung geprägt waren und alles als faschistisch identifizierten. Münkler kann sich an den Namen der Autorin nicht mehr erinnern, vermutet aber, der Titel sei vom Verlag gewählt worden.
Abschied vom Abstieg
Herfried Münkler · 2019
Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst des Abstiegs. Immer mehr Untergangsszenarien sind im Umlauf oder werden sogar bewusst geschürt. Wenn es um die Zukunft geht, gilt es als ausgemacht, dass es unseren Kindern einmal schlechter gehen wird als uns. Doch diese Aussage ist ebenso grundlos wie gefährlich.
🗣 Herfried Münkler empfiehlt aktiv bei ⏱ 04:01:16 „Das ist das Buch Abschied vom Abstieg, das ich zusammen mit meiner Frau geschrieben habe. Und die Teile über Bildung, die stammen wesentlich von ihr. Wir haben natürlich alles zusammen gekaut und so weiter, aber die hat sie geschrieben.“
Jochen Wegner spricht Münklers These an, dass die Mittelschicht schwerer erreichbar geworden sei und Bildung als Aufstiegsweg nicht mehr funktioniere. Münkler identifiziert das als sein gemeinsam mit seiner Frau Marina Münkler geschriebenes Buch und erläutert, dass darin Vorschläge gemacht werden, den Aufstieg durch Bildung wieder ins Zentrum zu rücken – gegen eine hedonistische Tendenz zum Verharren im Augenblick.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe · 2018
Goethes »Faust. Der Tragödie erster Teil« mit 200 Wort- und Sacherklärungen für ein besseres Textverständnis Goethes »Faust« ist schlichtweg das Menschheitsdrama. Es ist das Drama des nach Erkenntnis strebenden Menschen, der an seine eigenen Grenzen stößt. In seinem Existenzhunger überschreitet Faust diese Grenze und geht einen Pakt mit dem Teufel ein. Goethes Faust-Dichtung ist eines der wort- und motivgewaltigsten Dramen der deutschen Literatur.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:09:31 „Also meine Frau hat mir neulich erzählt, sie hat jetzt wieder ein Seminar über Faust gemacht, die ist ja Literaturwissenschaftlerin, und zwar jetzt nicht unbedingt Goethe, sondern vor Goethe. Und das hat sie vor zehn Jahren an der TUD schon mal gemacht und hat sich nochmal die Protokolle angeguckt, die sie damals hat fertigen lassen und worum es ging, kam zum Ergebnis, das können die heute nicht mehr.“
Münkler schildert den Leistungsverfall an Universitäten am Beispiel seiner Frau, einer Literaturwissenschaftlerin. Ein Faust-Seminar, das sie vor zehn Jahren noch problemlos durchführen konnte, überfordere heutige Studierende – sie könnten keine langen zusammenhängenden Texte mehr analytisch lesen. Münkler führt das auf die veränderte mediale Rezeption ('Lesen von Fetzen') zurück.
Rechtsphilosophie
Georg Wilhelm Friedrich Hegel · 1913
Philosophisches Werk über die Grundlagen von Recht, Staat und Moral. Hegels klassische akademische Abhandlung befasst sich mit den fundamentalen Prinzipien der Rechtsordnung und gilt als Klassiker des deutschen Idealismus zum gründlichen Durcharbeiten.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:10:21 „Ich war also irgendwann in unserem Institut stolz darauf, dass ich der Einzige war von neun Politikwissenschaftlern, die gelegentlich in einem Seminar ein einziges Buch, aber von Anfang bis Ende gemeinsam durchgearbeitet haben. Das konnte Hegels Rechtsphilosophie sein, das konnte Machiavellis' Diskursi sein, das konnte Aristoteles' Politik sein.“
Münkler beschreibt seine Lehrpraxis als Gegenmodell zum fragmentierten Lernen: Er habe als einziger in seinem Institut ganze Bücher von Anfang bis Ende mit Studierenden durchgearbeitet. Hegels Rechtsphilosophie nennt er als eines der Werke, an denen Studierende die Erfahrung machten, einem durchgehenden Gedankengang zu folgen.
Politik
Aristoteles · 1880
Die Politik (altgriechisch Πολιτικά Politiká „die politischen Dinge“) ist die wichtigste staatsphilosophische Schrift des Aristoteles. Das in acht Bücher aufgeteilte Werk behandelt hauptsächlich verschiedene real existierende und abstrakte Verfassungen. In diesem Werk stellt Aristoteles vier Thesen auf, die „jahrhundertelang widerspruchslos anerkannt“ wurden.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:10:32 „Das konnte Hegels Rechtsphilosophie sein, das konnte Machiavellis' Diskursi sein, das konnte Aristoteles' Politik sein und so weiter und so weiter.“
Aristoteles' Politik wird als drittes Beispiel für Werke genannt, die Münkler in seinen Seminaren vollständig durcharbeitete. Der Kontext ist seine Klage über den Verlust der Fähigkeit, langen Gedankengängen zu folgen – eine Kompetenz, die er als zentral für politische Urteilsfähigkeit betrachtet.
Tristan
Gottfried von Straßburg · 2020
Die schönste und berühmteste Liebesgeschichte des Mittelalters in einer Ausgabe zum ersten Kennenlernen: für Wagner-Fans, Studierende der Mediävistik und alle, die sich mit dem Stoff um Tristan und Isolde vertraut machen möchten. Alle zentralen Passagen des Werks sind in der neuhochdeutschen Versübersetzung von Rüdiger Krohn vollständig wiedergegeben, zusammenfassende Zwischentexte verknüpfen sie miteinander und führen ein in das zwanzigtausend Verse umfassende Großepos aus Intrigen, Verstrickun...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:20:21 „Meine Frau hat es ausprobiert, da wo die noch nicht hinreichend gefüttert sind mit mittelalterlichen Texten. Und hat den dann irgendwas gefragt zu irgendwelchen langen Gedichten. Und da hat er irgendwas gesagt, was er sich zusammenfantasiert hat. Dann hat sie gesagt, kann ja gar nicht sein. Tristan ist doch ganz anders.“
Münkler erzählt, wie seine Frau – die Mediävistin – eine KI mit Fragen zu mittelalterlichen Texten getestet hat. Als sie nach dem Tristan fragte, habe die KI eine frei erfundene Antwort geliefert und sich bei Korrektur zwar höflich entschuldigt, aber erneut Falsches behauptet. Münkler nutzt das Beispiel, um zu zeigen, dass KI ohne eigenes Fachwissen des Nutzers in die Irre führt.
The Future Is Asian
Parag Khanna · 2019
Five billion people, two-thirds of the world's mega-cities, one-third of the global economy, two-thirds of global economic growth, thirty of the Fortune 100, six of the ten largest banks, eight of the ten largest armies, five nuclear powers, massive technological innovation, the newest crop of top-ranked universities.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 04:31:49 „Sie hatten vorhin Parakana erwähnt, der ein Buch geschrieben hat, das glaube ich heißt, die asiatische Zukunft oder the future is Asian oder so ähnlich. Was ich deswegen ganz interessant finde, weil es die Weltpolitik nochmal aus durch eine andere Brille beschreibt.“
Wegner greift Parag Khannas Buch auf, um die Frage zu stellen, was von der europäischen Perspektive auf globaler Ebene übrig bleibt, wenn man die Welt aus asiatischer Sicht betrachtet. Er nutzt das Buch als Aufhänger für die Frage an Münkler, was Europas 'Exportartikel' in der Weltpolitik eigentlich sei.
Die Treppe von Odessa / Eckpunkte Europas
Karl Schlögel
Die Treppe von Odessa / Eckpunkte Europas ist ein Werk, das europäische Geschichte aus der Perspektive Osteuropas beleuchtet. Karl Schlögel untersucht historische und kulturelle Besonderheiten anhand von charakteristischen Orten wie der berühmten Treppe in Odessa. Das Buch vermittelt ein differenziertes Verständnis für die vielfältige europäische Identität und ihre Entwicklung über Grenzen hinweg.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:31:59 „im deutschsprachigen Raum und der Literatur hat dann Diener das mit mindestens zwei Büchern gemacht, indem er einmal die europäische Geschichte von der Treppe von Odessa aus beschrieben hat“
Münkler erwähnt ein Buch, das die europäische Geschichte aus östlicher Perspektive beschreibt – der Name im Transkript ist verzerrt, gemeint ist vermutlich Karl Schlögel
Die europäische Geschichte von der Treppe von Odessa
Dan Diner · 2021
Das Vermächtnis des großen Politikers: Wolfgang Schäuble ermutigt, über die Zukunft zu streiten Die Pandemie hat vieles, was uns selbstverständlich erscheint, in Frage gestellt. Welchen Preis hat der Schutz des Lebens, wenn zugleich die Grundrechte eingeschränkt werden? Wie balancieren wir die verschiedenen Bedürfnisse in einer Gesellschaft, so dass alte Menschen besonders geschützt und zugleich die Zukunftschancen der nachfolgenden Generationen gewahrt bleiben? Was heißt europäische Solidarität...
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:32:41 „Naja, ich würde mal sagen, im deutschsprachigen Raum und der Literatur hat Dandina das mit mindestens zwei Büchern gemacht, indem er einmal die europäische Geschichte von der Treppe von Odessa aus beschrieben hat, also nicht sozusagen von Westen nach Osten, sondern von Osten nach Westen geguckt.“
Auf Wegners Frage nach alternativen Perspektiven auf die Weltpolitik verweist Münkler auf Dan Diner, der im deutschsprachigen Raum europäische Geschichte bewusst aus östlicher Perspektive – von der Treppe von Odessa – erzählt habe, statt dem üblichen West-nach-Ost-Blick. Der genaue Buchtitel ist im Transkript nicht genannt; Münkler beschreibt nur den Ansatz.
Orestie
Aischylos
Antike griechische Tragödie-Trilogie über Orestes' Konflikt zwischen Rache und Gerechtigkeit. Kernthema: der Richter, der über sich selbst urteilen muss. Stück thematisiert den Wandel von privater Vendetta zur demokratischen Rechtsprechung und politischer Urteilsfähigkeit in Athen.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:33:48 „Also ich hatte neulich in München eine Veranstaltung mit dem Residenztheater und der Universität mit Überschrift Demokratie und Orestie, also Aeschylus.“
Münkler berichtet von einer Veranstaltung am Münchner Residenztheater, die Aischylos' Orestie mit der Frage nach Demokratie verknüpfte. Er nutzt das als Überleitung zu seiner Argumentation, dass schon die antiken Athener den Blick des Gegners einnahmen, um politische Urteilsfähigkeit zu schulen.
Die Perser
Aischylos
In Aischylos' „Die Perser" wird die Schlacht von Salamis aus persischer Perspektive erzählt – ein ungewöhnlicher Blickwechsel, der die Athener zwang, ihre eigene Geschichte aus Sicht des Feindes zu betrachten. Diese Übung in Perspektivübernahme schärfte das politische Urteilsvermögen der Bürger. Sandra Bezlers Inszenierung am Theater Meiningen reaktualisiert dieses antike Drama und stellt damit die Frage, warum diese Fähigkeit zum Perspektivwechsel in der heutigen europäischen Debattenkultur fehlt.
🗣 Herfried Münkler referenziert bei ⏱ 04:34:18 „Und der Aeschylus hat ja versucht, die Schlacht von Salamis aus der Sicht der Perser darzustellen. Man hat das in Athen auf die Bühne gebracht. Ja, und das war sozusagen doch schon ein ungeheurer Beitrag zur politischen Urteilsfähigkeit der athenischen Bürger.“
Münkler hebt Aischylos' Tragödie 'Die Perser' als frühes Beispiel für Perspektivwechsel hervor: Die Athener brachten die Niederlage der Perser bei Salamis aus persischer Sicht auf die Bühne. Das habe die politische Urteilsfähigkeit der Bürger geschärft, die über Krieg und Frieden abstimmten – eine Fähigkeit, die Münkler im heutigen Europa vermisst.
Faust (Osterspaziergang)
Johann Wolfgang von Goethe · 1891
Die "Neuigkeiten aus dem Markt- und Schaustellermuseum" werden in bunter Folge an die zahlreichen Freundinnen und Freunde des Markt- und Schaustellermuseums Essen versandt. Sie berichten über besonders interessante Neuanschaffungen, skurrile oder spektakuläre Objekte. Wegen der großen Nachfrage wurden die Veröffentlichungen von 2005 bis 2010 zu einer kleinen Broschüre zusammengefasst.
🗣 Herfried Münkler zitiert daraus bei ⏱ 04:37:29 „wie die zwei Frankfurter in Goethes Faust am Osterspaziergang, wenn fern hinter der Türkei die Waffen aufeinander schlagen und so, dann gibt es ein wunderbares Gespräch für Sonntag“
Münkler zitiert die Osterspaziergang-Szene aus Goethes Faust als Metapher für deutsches politisches Biedermeier