Vier Bücher, um die US-Wahlen zu verstehen
Maja Beckers, Alexander Cammann
Vier Sachbücher sollen helfen, die US-Wahlen zu durchdringen: Steven Levitsky und Daniel Ziblatt analysieren, wie eine Minderheit die amerikanische Demokratie aushöhlt, Matthew Desmond seziert die soziale Katastrophe des Landes, und Judith Shklar liefert mit ihrem Klassiker «Liberalismus der Rechte» das theoretische Fundament. Als Einstieg dient J.D. Vances «Hillbilly-Elegie» — einst Bestseller-Erklärstück für Trumps Aufstieg, nun brandaktuell, seit Vance selbst als Vizepräsidentschaftskandidat ins Rennen geht.
„Er wurde so zum Erklärer, warum die weiße Unterschicht eigentlich den Milliardär Trump wählt.“
Erwähnte Medien (15)
Die Tyrannei der Minderheit. Warum die amerikanische Demokratie am Abgrund steht und was wir daraus lernen können
Steven Levitsky, Daniel Ziblatt
Die Tyrannei der Minderheit untersucht ein zentrales Paradoxon der amerikanischen Demokratie: Wie schafft es die Republikanische Partei als demografische Minderheit, politische Macht zu bewahren? Die Autoren analysieren institutionelle Mechanismen wie das Wahlmännersystem, den Senat und das Filibuster, die strukturell konservative Interessen begünstigen. Das Buch stellt fundamental in Frage, ob die amerikanische Verfassung unter modernen Bedingungen noch funktionsfähig ist und präsentiert Reformvorschläge zur Überwindung dieser Machtverhältnisse.
🗣 Alexander Cammann empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:28 „Kommen wir zu unserem ersten Buch. Steven Levitsky und Daniel Seiblatt haben es geschrieben. Die Tyrannei der Minderheit. Warum die amerikanische Demokratie am Abgrund steht und was wir daraus lernen können. Erschienen bei der DVA.“
Das Hauptbuch der Episode. Die beiden Harvard-Politikwissenschaftler untersuchen, wie die Republikanische Partei es als demografische Minderheit schafft, durch institutionelle Mechanismen wie das Wahlmännersystem, den Senat und das Filibuster die Macht zu behalten. Cammann und Beckers diskutieren ausführlich die Reformvorschläge der Autoren und ob das amerikanische Verfassungssystem noch zeitgemäß ist.
Eine amerikanische Katastrophe
Matthew Desmond · 2024
Die USA sind das reichste Land der Welt – und doch gibt es hier mehr Armut als in jeder anderen fortgeschrittenen Demokratie: Würden die Betroffenen einen eigenen Staat gründen, hätte dieser eine größere Bevölkerung als Australien oder Venezuela. Warum klaffen gerade hier, wo doch alle Mittel vorhanden sein sollten, Reich und Arm, Anspruch und Realität so drastisch auseinander? Der Soziologe und Pulitzer-Preisträger Matthew Desmond zeigt eine bittere Wahrheit, die weit über die USA hinausweist u...
🗣 Alexander Cammann empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:43 „So dann schauen wir uns das Buch an von Matthew Desmond, Eine amerikanische Katastrophe, erschienen bei Rowold.“
Das zweite Hauptbuch der Episode, das in der Vorschau angekündigt wird. Es wird im weiteren Verlauf des Podcasts besprochen (vermutlich im nächsten Abschnitt des Transkripts).
Der Liberalismus der Rechte
Judith N. Shklar · 2013
Essaysammlung zur politischen Philosophie, die Liberalismus aus individualistischer Perspektive untersucht. Das Werk verteidigt Liberalismus als ethisches System, das auf Vermeidung von Grausamkeit und Schutz individueller Freiheit basiert.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:01:50 „Und unser Klassiker ist diesmal eine Klassikerin und zwar von Judith Klar, Liberalismus der Rechte, eine Essenssammlung erschienen bei Mattes & Seitz in Berlin.“
Der angekündigte Klassiker der Episode, eine Essaysammlung der politischen Philosophin Judith Shklar. Das Buch wird als aus aktuellem Anlass lesenswert empfohlen, passend zum Amerika-Schwerpunkt der Folge.
Hillbilly Elegy
J.D. Vance
From a former marine and Yale Law School graduate, this book is a probing look at the struggles of America's white working class through the author's own story of growing up in a poor Rust Belt town. Hillbilly Elegy is a passionate and personal analysis of a culture in crisis - that of poor, white Americans.
🗣 Alexander Cammann empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:02:11 „der kommt diesmal von J.D. Vance aus seinem Buch Die Hillbilly-Elegie“
Wird in der Rubrik 'Der erste Satz' vorgestellt, um die Herkunft und politische Entwicklung von J.D. Vance vor seiner Vizepräsidentschaftskandidatur zu beleuchten
Armut. Eine amerikanische Katastrophe
Matthew Desmond
Die USA sind das reichste Land der Welt – und doch gibt es hier mehr Armut als in jeder anderen fortgeschrittenen Demokratie: Würden die Betroffenen einen eigenen Staat gründen, hätte dieser eine größere Bevölkerung als Australien oder Venezuela. Warum klaffen gerade hier, wo doch alle Mittel vorhanden sein sollten, Reich und Arm, Anspruch und Realität so drastisch auseinander? Der Soziologe und Pulitzer-Preisträger Matthew Desmond zeigt eine bittere Wahrheit, die weit über die USA hinausweist u...
🗣 Alexander Cammann empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:02:11 „das Buch an von Matthew Desmond, Eine amerikanische Katastrophe, erschienen bei Rowold“
Zweites Hauptbuch der Episode, das untersucht, warum es in den reichen USA so viel Armut gibt und wie die Mehrheitsgesellschaft davon profitiert
Rückkehr nach Reims
Didier Eribon
Eine autobiografische Reflexion über die Rückkehr in die Heimatstadt und die Auseinandersetzung mit Arbeiterklassen-Herkunft, familiärer Gewalt und sozialen Strukturen. Eribon zeigt, wie Armut und soziale Umstände menschliches Verhalten prägen und ermöglicht damit Verständnis für frühere Generationen.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:08:24 „So ein bisschen an Didier Rebond hat es einige erinnert, der ähnliche Aufstiegsgeschichten aus Frankreich erzählt hat oder diese Entfremdungsgeschichten“
Vergleich mit Vances Hillbilly Elegy als ähnliche Aufstiegs- und Entfremdungsgeschichte aus Frankreich
Erinnerungen eines Sohnes aus gutem Hause
Didier Eribon
Didier Eribons autobiografisches Werk erzählt von Aufstieg und Entfremdung aus dem französischen Arbeitermilieu. Der Text wird zusammen mit J.D. Vances "Hillbilly Elegy" als Beispiel der Gattung der Herkunftserzählung diskutiert, die persönliche Mobilität und den Bruch mit der eigenen Herkunft thematisiert. Das Buch wird im Podcast als literarisches Referenzwerk für die Analyse von Klassenaufstiegsgeschichten herangezogen.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:09:17 „So ein bisschen an Didier Rebond hat es einige erinnert, der ähnliche Aufstiegsgeschichten aus Frankreich erzählt hat oder diese Entfremdungsgeschichten.“
Cammann vergleicht Vances Hillbilly Elegy mit den Werken Didier Eribons, der ähnliche Aufstiegs- und Entfremdungsgeschichten aus dem französischen Arbeitermilieu erzählt hat. Der Vergleich dient dazu, die literarische Gattung der Herkunftserzählung einzuordnen.
Wie Demokratien sterben
Steven Levitsky / Daniel Ziblatt · 2018
»Das wichtigste Buch der Trump-Ära« The Economist Ausgezeichnet mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis als bestes Sachbuch des Jahres Demokratien sterben mit einem Knall oder mit einem Wimmern. Der Knall, also das oft gewaltsame Ende einer Demokratie durch einen Putsch, einen Krieg oder eine Revolution, ist spektakulärer. Doch das Dahinsiechen einer Demokratie, das Sterben mit einem Wimmern, ist alltäglicher – und gefährlicher, weil die Bürger meist erst aufwachen, wenn es zu spät ist.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:12:05 „Die beiden sind ein Erfolgsduo, kann man sagen, weil sie 2018 schon tatsächlich ein sehr, sehr breit rezipiertes, richtig viel diskutiertes Buch geschrieben haben, nämlich Wie Demokratien sterben, ein Bestseller.“
Cammann stellt das Vorgängerbuch des Autorenduos Levitsky/Ziblatt vor, um deren Expertise zu untermauern. Das Buch habe verschiedene Länder verglichen – darunter viel Lateinamerika und Thailand – und untersucht, wie demokratische Verhältnisse in die Schieflage geraten.
Über die Demokratie in Amerika
Alexis de Tocqueville · 1835
Alexis de Tocquevilles Klassiker von 1835 analysiert die amerikanische Demokratie und Gesellschaft. Das Werk gilt als eine der scharfsinnigsten Analysen demokratischer Systeme und warnt vor der Tyrannei der Mehrheit.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:14:03 „Tyrannei der Minderheit setzt sich ab gegen das große demokratietheoretische Problem, Problem der Tyrannei der Mehrheit. Also eigentlich eine typische Sorge, was viele große Theoretiker umgetrieben hat. Das als großes Problem der Klassiker von Tocqueville bis heute immer wieder nachgedacht.“
Cammann verweist auf Tocquevilles klassische Analyse der Tyrannei der Mehrheit, um den intellektuellen Rahmen zu setzen, gegen den Levitsky und Ziblatt ihr Gegenargument der Tyrannei der Minderheit formulieren.
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen
Hannah Arendt
Hannah Arendts klassisches Werk untersucht den Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann und prägt dabei das Konzept der "Banalität des Bösen" – die Idee, dass Grausamkeit nicht aus Böswilligkeit, sondern aus pflichtbewusster Bürokratie entsteht. Das Buch zeigt, wie Eichmann als Verwaltungsbeamter funktionierte und das moralische Grauen seiner Handlungen verdrängte. Arendts Analyse ist fundamental für das Verständnis von Enthumanisierung und institutionalisierter Verbrechen im 20. Jahrhundert.
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:23:04 „Ja, das nennen sie in Anlehnung an Hannah Arendt die Banalität des Autoritarismus. Also der nicht mit lautem Pomp kommt, sondern einfach auch durch ein paar politische Karrieristen.“
Beckers erklärt den Begriff 'Banalität des Autoritarismus', den Levitsky und Ziblatt in Anlehnung an Hannah Arendts berühmtes Konzept der 'Banalität des Bösen' prägen. Damit beschreiben die Autoren, wie autoritäre Tendenzen nicht ideologisch, sondern durch opportunistische Karrieristen entstehen.
Evicted
Matthew Desmond
Evicted: Poverty and Profit in the American City is a 2016 non-fiction book by American author Matthew Desmond. Set in the poorest areas of Milwaukee, Wisconsin, the book follows eight families struggling to pay rent to their landlords during the financial crisis of 2007–2008. Through a year of ethnographic fieldwork, Desmond's goal in the book is to highlight the issues of extreme poverty, affordable housing, and economic exploitation in the United States. Evicted was well-received and won m...
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:26:25 „Er hat 2017 den Pulitzerpreis bekommen für sein Buch Evicted, für das er acht Familien begleitet hat in Milwaukee. Die versuchen ein Dach über dem Kopf zu behalten und ihren Struggle mit der Obdachlosigkeit und eben nicht auf der Straße zu landen.“
Maja Beckers stellt Desmonds früheres, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Buch vor, um den Autor und seine Arbeitsweise einzuordnen. Evicted wird als Vorgängerwerk von 'Armut' vorgestellt, in dem Desmond acht Familien in Milwaukee auf ihrem Kampf gegen Obdachlosigkeit begleitete.
Kind im Schatten – Armut, Überleben, Hoffnung in New York City
Andrea Elliott
Pulitzer-preisgekröntes Reportage-Buch, das das Leben eines Mädchens aus armen Verhältnissen in New York City dokumentiert. Es erzählt von alltäglichem Überlebenskampf, Hoffnung und Resilienz inmitten extremer wirtschaftlicher Benachteiligung. Ein intimer Blick auf strukturelle Armut in Amerika.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:30:05 „Wir selber haben in unserem Podcast ja schon neulich über Andrea Elliotts Kind im Schatten gesprochen, über Armut in New York, eine ähnliche Idee quasi auf eine richtig arme Herkunft zu gucken, wie so ein Mädchen da von einer Reporterin, das haben wir ja hier im Podcast vorgestellt.“
Alexander Cammann verweist auf ein früher im Podcast besprochenes Buch, das thematisch verwandt ist – ebenfalls ein Pulitzerpreis-Werk über Armut in Amerika. Er nutzt den Vergleich, um zu zeigen, dass das Thema Armut ein amerikanischer Dauerbrenner ist, der immer wieder große Bücher hervorbringt.
Working Poor
Barbara Ehrenreich · 2001
The author's experience holding low-wage jobs in three parts of the U.S. in the late 1990s.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:39:13 „Trotzdem bleibt bei mir die große, große Frage, warum das als Dauerthema Amerikas so immer virulent ist und über die Jahre hinweg immer wieder diese Bücher, also Baba Ehrenreich, Working Poor, diese ganzen Begriffe und Reportagen zeitig.“
Cammann nennt Barbara Ehrenreichs Klassiker als Beispiel für die lange Tradition amerikanischer Bücher über Armut. Er nutzt den Verweis, um seine Verwunderung auszudrücken, dass trotz all dieser herzzerreißenden Schilderungen über Jahrzehnte hinweg sich so wenig an der Situation ändert.
Ganz normale Laster
Judith N. Shklar · 2014
Judith Shklars philosophisches Werk untersucht Laster statt Tugenden und stellt damit die aristotelische Tradition der Tugendethik bewusst in Frage. Als zentrales Laster identifiziert sie Grausamkeit und analysiert, warum ihre Vermeidung grundlegend für eine ethische Gesellschaft ist. Der innovative Ansatz bietet eine frische Perspektive auf klassische philosophische Fragen.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:42:43 „Und ganz normale Laster, das andere, das heißt beides Bücher, die eher so ein Antibild gegenüber der politischen Philosophie bedeuten“
Weiteres wichtiges Werk von Shklar, als Gegenbild zur Tugendphilosophie seit Aristoteles
Über Ungerechtigkeit
Judith N. Shklar · 2024
Klassisches Werk der Politischen Philosophie, das sich bewusst der Ungerechtigkeit statt der Gerechtigkeit widmet. Shklar entwickelt einen Gegenentwurf zur traditionellen Gerechtigkeitsphilosophie und untersucht die »normalen Laster« als Gegenseite klassischer Gerechtigkeitsdebatten.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:46:05 „Ihr Hauptwerk ist über Ungerechtigkeit eigentlich und ganz normale Laster, das andere, das heißt beides Bücher, die eher so ein Antibild gegenüber der politischen Philosophie bedeuten, die sich Ungerechtigkeit, eine Gegenthese zu all denen, die sich immer auf Gerechtigkeit konzentrieren.“
Alexander Cammann stellt Shklars Gesamtwerk vor, bevor er auf den eigentlichen Klassiker der Folge eingeht. 'Über Ungerechtigkeit' wird als eines ihrer beiden Hauptwerke beschrieben – ein Gegenentwurf zur klassischen Gerechtigkeitsphilosophie, der bewusst die andere Seite beleuchtet.