Recht statt Rache - 80 Jahre Nürnberger Prozesse
Markus Lanz, Richard David Precht
Zum 80. Jahrestag der Nürnberger Prozesse analysieren die beiden, warum die Siegermächte 1945 den Weg eines fairen Verfahrens wählten statt standrechtlicher Erschießung. Precht betont das eigentliche Ziel: den Deutschen in einem verbrecherischen Unrechtsstaat vorzuexerzieren, wie eine demokratische, liberale Justiz urteilt. Besonderes Gewicht liegt auf dem Novum der 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' — einem Anklagepunkt, den man für diesen Prozess erst erfinden musste.
„Das Häufigste, was passiert ist, wenn ein Land ein anderes überfallen wird, dass man diejenigen, deren man habhaft wird, dass man die einsperrt, hängt oder erschießt. Und nicht, dass man hingeht und ihnen einen fairen Prozess macht.“
Erwähnte Medien (10)
Erinnerungen
Albert Speer · 1969
"Inside the Third Reich is a memoir written by Albert Speer, the Nazi Minister of Armaments from 1942 to 1945, serving as Adolf Hitler's main architect before this period. It is considered to be one of the most detailed descriptions of the inner workings and leadership of Nazi Germany but is controversial because of Speer's lack of discussion of Nazi atrocities and questions regarding his degree of awareness or involvement with them." --
🗣 Precht referenziert bei ⏱ 00:17:20 „Albert Speer schreibt in seiner Erinnerung, Hitler hatte keine Freunde, aber wenn er einen Freund gehabt hätte, wäre ich es gewesen.“
Precht zitiert aus Albert Speers Memoiren, um dessen Selbstinszenierung als Hitlers engster Vertrauter zu illustrieren und seine Rolle als Rüstungsminister zu kontextualisieren.
Nürnberger Tagebuch
Gustave Gilbert · 1947
The renowned WWII historian's definitive biography of the notorious German SS officer convicted of war crimes for his role in the Holocaust. Described as one of the greatest mass-murderers in history, Rudolf Höss was the longest-serving commandant of the Auschwitz concentration and extermination camps in Nazi-occupied Poland. He was one of the chief architects behind Hitler's Final Solution.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:20:05 „Es gibt einen amerikanischen Übersetzer, einen US-Offizier, Psychologe, Gilbert, der ein sogenanntes Nürnberger Tagebuch geführt hat, wo er so ein bisschen Einblick in die Gedankenwelt der Täter gibt.“
Markus Lanz führt das Nürnberger Tagebuch von Gustave Gilbert ein, um die Persönlichkeit Hermann Görings während des Prozesses zu beleuchten. Gilbert war als Gefängnispsychologe in Nürnberg tätig und dokumentierte seine Gespräche mit den Angeklagten, was Lanz als Quelle für die Charakterisierung Görings nutzt.
Nürnberg 45
· 2025
Am 20. November 1945 beginnt der erste der sogenannten Nürnberger Prozesse. Auf der Anklagebank des Internationalen Militärgerichtshofes sitzen Hermann Göring und 23 weitere ranghohe Nazis, wie Franz von Papen, Wilhelm Keitel oder Albert Speer. Nach monatelangen Verhandlungen verhängt das Militärtribunal zehn Todesurteile und sieben Freiheitsstrafen. Drei Angeklagte werden freigesprochen.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:25:31 „Und dieser junge Mann, dieser Michel, der war damals Prozessbeobachter und es gibt ein interessantes ARD-Doku-Drama in Nürnberg 45, in dem diese Geschichte auch erzählt wird.“
Lanz erwähnt ein ARD-Doku-Drama über die Nürnberger Prozesse, in dem die Geschichte des jungen Holocaust-Überlebenden Ernst Michel als Prozessbeobachter erzählt wird – einschließlich der bizarren Episode, dass Göring ihn in seiner Zelle kennenlernen wollte.
Der Vater: Eine Abrechnung
Niklas Frank · 2003
Niklas Franks unnachgiebige Abrechnung mit seinem Vater Hans Frank, dem NS-Generalgouverneur von Polen. Das Buch dokumentiert eine seltene innerfamiliäre Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung in der NS-Zeit — eine persönliche Konfrontation mit dem historischen Erbe.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:30:49 „Ja genau, der Schlechter von Polen, der gerade bei uns in der Sendung war, das ist auch eine ganz eigene Geschichte, der Sohn Niklas Frank. Er greift das Buch über seinen Vater und eins über seine Mutter geschrieben hat.“
Im Gespräch über die Nürnberger Prozesse und die Todesurteile kommt die Sprache auf Hans Frank, den Generalgouverneur von Polen. Precht erwähnt, dass dessen Sohn Niklas Frank ein Buch über seinen Vater geschrieben hat, in dem er hart mit ihm ins Gericht geht. Die Bücher stehen für die seltene innerfamiliäre Auseinandersetzung mit der NS-Schuld.
Meine deutsche Mutter
Niklas Frank
Autobiografische Abrechnung mit der Mutter und der Rolle der Familie im Nationalsozialismus. Das Buch dokumentiert eine kompromisslose Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte im Dritten Reich.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:30:56 „Er greift das Buch über seinen Vater und eins über seine Mutter geschrieben hat. Niklas Frank geht da ganz hart ins Gericht.“
Neben dem Buch über seinen Vater Hans Frank erwähnt Precht auch Niklas Franks zweites Buch über seine Mutter. Beide Werke stehen für Franks kompromisslose Abrechnung mit der eigenen Familiengeschichte im Nationalsozialismus.
Bücher über Vater und Mutter
Niklas Frank · 1987
Ein hochaktueller Roman über den Zustand unserer Welt. Andreas Ban ist ein Psychoanalytiker, der nicht mehr analysiert, und ein Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Ein echter Intellektueller, dessen Welt seit Jahren mehr und mehr verfällt, die nur noch aus Erinnerungen besteht, an Freunde und Geliebte, aber auch an die Schrecken des 20. Jahrhunderts.
🗣 Lanz referenziert bei ⏱ 00:31:00 „Niklas Frank. Ein ergreifendes Buch über seinen Vater und eins über seine Mutter geschrieben hat.“
Lanz erwähnt die Bücher von Niklas Frank, dem Sohn des hingerichteten NS-Generalgouverneurs Hans Frank, der schonungslos mit seinen Eltern ins Gericht geht.
Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich
Ronan Steinke · 2022
Der Rechtsstaat bricht sein zentrales Versprechen Das Versprechen lautet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Aber sie sind nicht gleich. Das Recht hierzulande begünstigt jene, die begütert sind; es benachteiligt die, die wenig oder nichts haben. Verfahren wegen Wirtschaftsdelikten in Millionenhöhe enden mit minimalen Strafen oder werden eingestellt. Prozesse gegen Menschen, die ein Brot stehlen oder wiederholt schwarzfahren, enden hart und immer härter.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:33:24 „Zitiert der Bundesgerichtshof in ganz kühler Präzision, so beschreibt das Rohnen-Steinke, eine ganze Reihe von Äußerungen westdeutscher Regierungsstellen und so weiter, um zu untermauern, dass die Bundesrepublik keine einzige Entscheidung dieses Nürnberger Tribunals anerkennt.“
Lanz stützt sich auf eine Darstellung von Ronan Steinke, um den BGH-Beschluss vom 9. September 1958 zu beschreiben, in dem der Bundesgerichtshof die Nürnberger Urteile systematisch ablehnte. Der Name wird im Transkript als "Rohnen-Steinke" wiedergegeben. Das genaue Werk wird nicht genannt, es handelt sich vermutlich um eines von Steinkes Bücher über die deutsche Justizgeschichte.
Die Unfähigkeit zu trauern
Alexander und Margarete Mitscherlich · 1967
Die Unfähigkeit zu trauern ist ein psychoanalytisches Klassiker-Werk von Alexander und Margarete Mitscherlich über die gesellschaftliche Verdängung deutscher Vergangenheit. Der Titel wird im Podcast herangezogen, um die fehlende emotionale und gesellschaftliche Aufarbeitung von Gastarbeiter- und Einwanderungsgeschichte zu analysieren. Das Buch bietet theoretische Ansätze zum Verständnis kollektiver psychologischer Verdrängungsmechanismen in modernen Gesellschaften.
🗣 Precht referenziert bei ⏱ 00:33:48 „Die Deutschen, in den Worten von Margarete Mitscherlichs berühmten Buch vom Ende der 60er Jahre, waren unfähig zu trauern“
Precht verweist auf den Klassiker der Mitscherlichs, um die deutsche Unfähigkeit zur Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld nach dem Zweiten Weltkrieg zu beschreiben.
Die Schuldfrage
Karl Jaspers · 2021
Die Schuldfrage gilt als Jaspers' bedeutendste politische Schrift. Ihre Neuausgabe im Rahmen der Karl-Jaspers-Gesamtausgabe präsentiert den Text letzter Hand erstmals in Verbindung mit der ausführlichen, später gekürzten Einleitung zur Erstausgabe. Komplettiert wird der Band durch einschlägige kleinere Veröffentlichungen: von der vielzitierten «Antwort an Sigrid Undset» (1945) über Jaspers' Interviews zum Eichmann-Prozess 1961 bis zu einem Porträt über Julius Leber (1968), das Jaspers ursprüngli...
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:34:35 „Karl Jaspers, der sich sehr für die Nürnberger Prozesse interessierte, weil er selber schwer an seiner geringen Schuld trug. Jaspers war mit einer Jüdin verheiratet und hätte die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt Heidelberg nicht relativ schnell befreit, der Deportationsbefehl lag schon vor.“
Precht schildert ausführlich Jaspers' persönliche Geschichte – die Ehe mit einer Jüdin, die knappe Rettung vor der Deportation, die Zyankali-Kapsel – und seine philosophische Auseinandersetzung mit individueller versus kollektiver Schuld. Jaspers' zentrale These, dass Kollektivschuld dazu dient, individuelle Schuld zu verdecken, wird zum Kernargument der Diskussion. Obwohl der Titel nicht explizit genannt wird, referiert Precht hier klar Jaspers' Hauptwerk zur Schuldfrage.
Wolfszeit
Harald Jähner
Sachbuch über die deutsche Nachkriegszeit (1945–1955), das zeigt, wie psychologische Reaktionen auf Wut, Demütigung und Verdrängung die Deutschen in eine kollektive Arbeitswut trieben, die das Wirtschaftswunder ermöglichte, gleichzeitig aber eine echte Auseinandersetzung mit der historischen Schuld verhinderte.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:40:46 „Mich hat noch einmal sehr ins Grübeln gebracht das Buch von Harald Jena über die Wirtschaftswunderzeit. Wo er sagt, im Grunde entwickelte sich daraus genau das, was dann dieses Wirtschaftswunder erst möglich gemacht hat, nämlich diese Arbeitswut.“
Lanz zieht Harald Jähners Buch heran, um die psychologische Dynamik der Nachkriegszeit zu erklären: Die Deutschen hätten sich aus Wut, Demütigung und Verdrängung in eine kollektive Arbeitswut gestürzt, die das Wirtschaftswunder erst ermöglichte. Das Buch dient ihm als Erklärungsmodell dafür, warum die Auseinandersetzung mit der Schuld so lange ausblieb. Der Name wird im Transkript als "Harald Jena" wiedergegeben, gemeint ist Harald Jähner.