Unter Pfarrerstöchtern – Ein Feigling und ein Verräter
#147

Ein Feigling und ein Verräter

Unter Pfarrerstöchtern / 21. März 2025 / 11 Medien

Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler

Auf der Zielgeraden zur Passionszeit nehmen sich die Schwestern die zwei schillerndsten Figuren des Neuen Testaments vor: Petrus, den großspurigen Feigling, und Judas, den Verräter, der beim letzten Abendmahl noch seelenruhig mit Jesus aus derselben Schüssel isst. Im Matthäusevangelium — gewählt auch wegen Bachs Matthäuspassion — entfaltet sich das Drama zweier Männer, die beide an Jesus scheitern, aber auf völlig unterschiedliche Weise: der eine aus Selbstüberschätzung, der andere mit kaltem Kalkül.

„Aber ein richtiger Verräter muss natürlich mit am Tisch sitzen.“
🗣 Sabine Rückert

Erwähnte Medien (11)

Judas-Text in der ZEIT

Judas-Text in der ZEIT

Sabine Rückert

Die Autorin Sabine Rückert zeichnet in diesem Artikel die Figur des Judas nach – von einer Symbolfigur des Bösen zu einer tragischen Gestalt der Aufklärung. Sie argumentiert, dass Judas' Verrat nicht nur ein moralisches Versagen darstellt, sondern eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung des Christentums war. Der Text hinterfragt damit die vereinfachte Interpretation dieser zentralen Gestalt der Religionsgeschichte.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:36:16 „Jetzt muss ich dir was vorlesen und zwar habe ich über den Judas einen Text geschrieben. Und da wollte ich was draus vorlesen. Ist schon ein paar Jährchen her, das war 2010, aber es ist nach wie vor gültig, muss ich sagen.“

Sabine Rückert liest ausführlich aus einem eigenen Text von 2010 über die Judas-Figur vor, in dem sie die Wandlung des Judas vom Inbegriff des Bösen zur tragischen Figur der Aufklärung nachzeichnet. Der Text argumentiert, dass ohne Judas' Verrat das Christentum nie entstanden wäre.

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Der Fall Judas

Der Fall Judas

Walter Jens · 2008

Studienarbeit aus dem Jahr 2004 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,0, Philipps-Universität Marburg (Neuere deutsche Literatur und Medien), Veranstaltung: Biblische Gestalten in der Literatur seit 1945, 14 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: So radikal die Forderung Jens' in seinem Buch "Der Fall Judas" nach der Seligsprechung des Verräters auch scheinen mag, fand sich ein ähnlicher Ansatz bereits rund 30 Jahre früher in der Erzählung "Drei Fa...

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:39:25 „Oder, wie der Rhetorikprofessor Walter Jens einmal resonierte, bloß ein verrenteter Zimmermann, nicht gekreuzigt, sondern am Kreuze schnitzend, ein unter seinesgleichen geachteter Mann, dem die Sprüche längst verziehen waren, die er gemacht hatte, als er jung war.“

In ihrem vorgelesenen ZEIT-Text zitiert Sabine Rückert Walter Jens' berühmte Überlegung, was aus Jesus ohne Judas' Verrat geworden wäre. Jens beschäftigte sich in seinem Werk 'Der Fall Judas' intensiv mit der Rehabilitierung der Judas-Figur.

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Jesus Christ Superstar

Jesus Christ Superstar

Andrew Lloyd Webber

Jesus Christ Superstar ist eine Rockoper, die am 12. Oktober 1971 im Mark Hellinger Theater in New York City uraufgeführt wurde. Die Musik wurde von dem damals noch unbekannten Andrew Lloyd Webber geschrieben, Tim Rice verfasste die Liedtexte in Anlehnung an die Evangelientexte zu den letzten sieben Tagen Jesu.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:41:39 „Und der blutjunge britische Musiker Andrew Lloyd Webber komponiert sein bestes Werk, die Rock'n'Roll-Passion »Jesus Christ Superstar«, in deren Mittelpunkt nicht der leidende Titelheld steht, sondern Judas. Dem gehört gleich der erste Song, My Mind Is Clearer Now. Das Lied von der Erkenntnis, die der Anfang der Skepsis ist.“

Sabine Rückert liest aus einem eigenen Text über die Judas-Figur vor und beschreibt, wie Andrew Lloyd Webbers Rockoper in den 70er Jahren Judas ins Zentrum rückte. Sie analysiert, wie Judas dort als rationaler Zweifler und Stratege gezeichnet wird, der Jesus vor sich selbst schützen will — eine radikale Neuinterpretation der biblischen Figur.

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Das letzte Abendmahl

Das letzte Abendmahl

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vincis "Das Letzte Abendmahl" ist eine der bedeutendsten Darstellungen dieses biblischen Ereignisses. Das Gemälde zeigt den Jünger Johannes traditionell als die Figur, die ihren Kopf an Jesus lehnt. Diese ikonografische Darstellung verbindet die historische Identifikation des Evangelisten mit der künstlerischen Meisterschaft der Renaissance und ermöglicht es, theologische Traditionen in Kunstgeschichte zu erkennen.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:43:24 „Beim letzten Abendmahl nimmt die Gruppe der 13 für einen kleinen Augenblick exakt die Position ein, in der Leonardo da Vinci sie 500 Jahre zuvor gemalt hat, Jesus mit geneigtem Haupt, die Augen gesenkt, Judas abgewandt und verschattet.“

Sabine Rückert beschreibt eine Szene aus der Jesus-Christ-Superstar-Verfilmung, in der die Abendmahlsgruppe für einen Moment die ikonische Komposition von Leonardo da Vincis Gemälde nachstellt. Das berühmte Kunstwerk dient als visuelles Zitat im Film.

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Adversus Haereses (Gegen die Häresien)

Adversus Haereses (Gegen die Häresien)

Irenäus von Lyon · 2021

Die “Fünf Bücher gegen die Häresien”, manchmal auch unter dem lateinischen Titel “Adversus Haereses” bekannt, sind ein Werk der christlichen Theologie, das um das Jahr 180 von Irenäus, dem Bischof von Lyon in griechischer Sprache verfasst wurde. Darin identifiziert und beschreibt Irenäus mehrere Schulen des Gnostizismus sowie andere Schulen des christlichen Denkens und kontrastiert ihre Überzeugungen mit seiner Vorstellung vom orthodoxen Christentum.

🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:45:30 „Weil der Irenaeus, ein später als Heretiker gedachter, also Kirchendenker, dies zitiert. Also Irenaeus, zweites Jahrhundert hat er gelebt und von dem wissen wir in seinen Schriften, dass es ein Evangelium des Judas gegeben hat.“

Johanna Haberer erklärt, dass man vom Judas-Evangelium überhaupt nur wusste, weil der Kirchenvater Irenäus von Lyon es im 2. Jahrhundert in seinen Schriften erwähnte. Irenäus' Werk ist die früheste Quelle für die Existenz dieses apokryphen Textes.

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Schattenarbeit / Archetypen-Theorie

Schattenarbeit / Archetypen-Theorie

C.G. Jung · 2011

C.G. Jungs Schattenkonzept beschreibt die unbewussten oder verdrängten Aspekte der Persönlichkeit. Das Werk zeigt, wie die Integration dieser dunklen Seiten – Verrat, Angst, Verleugnung – für psychisches Wachstum notwendig ist. Wer seine Schattenseiten nicht annimmt, bleibt psychisch fragmentiert.

🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:52:18 „Die Psychologie des C.G. Jung, der ja sagt, dass alles, was so leuchtet und hell ist und so gut wirkt, immer auch seinen Schatten hat. Und das ist, wenn ein Mensch seine eigenen Schattenseiten nicht integrieren kann, dass das eigentlich ins Verderben führt.“

Johanna Haberer nutzt C.G. Jungs Schattenkonzept als psychologischen Deutungsrahmen für die Passionsgeschichte: Die Integration der eigenen dunklen Seiten – Verrat, Verleugnung, Feigheit – sei eine Lebensaufgabe, die auch in der Abendmahlsszene abgebildet werde.

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Politeia (Der Staat)

Politeia (Der Staat)

Platon · 2019

Platon Politeia - Der Staat Platon's Politeia - Der Staat als Studienausgabe Da gibt es, sagte ich, noch ein Drittes: die Möglichkeit, daß ihr uns fortlassen müßt.Vermögt ihr, fragte er, auch Leute zu überzeugen, die nicht hören? Das nicht, versetzte Glaukon. So richtet euch darauf ein, daß wir nicht hören werden, erwiderte er. Und Adeimantos sagte: Am Ende wißt ihr nicht einmal, daß auf den Abend ein Fackelrennen zu Roß der Göttin zu Ehren stattfinden wird? Zu Roß? sagte ich; das ist neu.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:53:50 „Ich habe dann auch festgestellt, dass die Tapferkeit nach Platon eines der vier Kardinalstugenden ist, neben der Weisheit, der Besonnenheit und der Gerechtigkeit. Aber die Feigheit hat er nicht gewürdigt.“

Im Zusammenhang mit ihrer Recherche zur Feigheit als Gegenstück zur Petrus-Figur verweist Sabine Rückert auf Platons Tugendlehre, in der Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden definiert wird, die Feigheit aber keinen eigenen Platz erhält.

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Interview mit Niklas Frank über Feigheit

Interview mit Niklas Frank über Feigheit

Katja Thorwart

Niklas Frank kritisiert in diesem Gespräch die historische Entnazifizierung als gescheitert. Der Autor argumentiert, dass es mangelndes Schuldbewusstsein und fehlendes Rechtsbewusstsein bei den Nazis gab – und dass ein anderer Ansatz nötig gewesen wäre, etwa durch Konfrontation mit ihrer Feigheit. Frank zieht dabei auch eine Verbindung zur AfD und kritisiert deren heutige Gewissenlosigkeit.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:56:55 „Und dann bin ich auf ein sehr interessantes Interview gestoßen. Das Interview ist aus dem Jahr 2017. Das ging auch um die Feigheit. Und zwar wurde da interviewt in der Frankfurter Rundschau von einer Frau Katja Thorwart.“

Sabine Rückert liest ausführlich aus einem Interview der Frankfurter Rundschau von 2017 vor, in dem Niklas Frank über die Feigheit als deutsche Eigenschaft spricht, die von der gescheiterten Entnazifizierung bis zum Aufstieg der AfD reiche. Das Interview verbindet sie mit dem Thema der Passionsgeschichte — der Feigheit des Petrus als zeitloses menschliches Muster.

Zum Artikel bei Frankfurter Rundschau Details
Dunkle Seele, feiges Maul

Dunkle Seele, feiges Maul

Niklas Frank · 2016

Niklas Frank setzt sich in diesem Buch mit seinem Vater, dem NS-Generalgouverneur Hans Frank, auseinander und prangert die verfehlte Entnazifizierung an. Das Werk dokumentiert sowohl die historische Schuld des Vaters als auch die nachträgliche Verdrängung dieser Vergangenheit in der deutschen Gesellschaft. Frank liefert eine kritische Analyse der politischen und persönlichen Kontinuitäten, die nach 1945 fortbestanden.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:57:39 „Und dessen Sohn, hat ein Interview gegeben. Der hat auch Bücher geschrieben, dunkle Seele, feiges Maul und so weiter, über die gemisslungene Entnazifizierung.“

Sabine Rückert erwähnt das Buch von Niklas Frank, dem Sohn des NS-Generalgouverneurs Hans Frank, im Kontext eines Interviews über Feigheit und missglückte Entnazifizierung. Frank rechnet darin mit seinem Vater und der deutschen Verdrängungskultur ab.

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Dresdner Rede (Denkmal der Schande)

Dresdner Rede (Denkmal der Schande)

Björn Höcke · 2018

Masterarbeit aus dem Jahr 2017 im Fachbereich Germanistik - Linguistik, Note: 1,0, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Sprache: Deutsch, Abstract: Sprache ist das Kommunikationsmittel schlechthin: Sie bildet seit Jahrtausenden die Grundlage für das gegenseitige Verständigen und Verstehen von heute mehr als sieben Milliarden Menschen weltweit. Währenddessen liegt die Aufmerksamkeit eigentlich mehr auf dem was wir sagen, als auf dem wie wir es sagen.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 01:01:29 „Doch wie es ist, sehen wir an Höcke. Den Geschichtslehrer. Denkmal der Schande, sagt er, weg damit. Die ganzen zwölf Jahre, weg damit.“

Im Kontext der Diskussion über deutsche Feigheit und das Verdrängen der NS-Verbrechen wird Höckes berüchtigte Dresdner Rede von Januar 2017 zitiert, in der er das Holocaust-Mahnmal als 'Denkmal der Schande' bezeichnete. Herr Frank nutzt dies als Beleg dafür, dass selbst Geschichtslehrer die Verbrechen relativieren wollen.

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Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Holocaust-Mahnmal)

Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Holocaust-Mahnmal)

Peter Eisenman

Eisenmans Holocaust-Mahnmal in Berlin nutzt ein Feld aus geneigten Stelen, um durch körperliche Destabilisierung eine intensive emotionale Erfahrung zu schaffen. Der bewusst geneigte Boden zieht sich durch die gesamte Installation und führt dazu, dass Besucher die räumliche Verunsicherung unmittelbar körperlich erleben. Architekten wie Daniel Libeskind schätzen diese innovative Gestaltung als kraftvolle Demonstration, wie Architektur die menschliche Wahrnehmung beeinflussen kann.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 01:01:59 „Es wird jetzt nicht erklärt, aber das ist das große Stehlenfeld in Berlin. Ich bin da sehr gerne und betroffen durchgegangen. Vor allem auch durch das Dokumentationszentrum. Wer da nicht rausgeht und sagt, scheiße, was haben die Deutschen nur in den zwölf Jahren alles angerichtet, der will nicht hinschauen.“

Im Gespräch über die deutsche Erinnerungskultur und die Frage, ob Holocaust-Denkmäler aus der 'Seele des Volkes' kommen, wird das Berliner Stelenfeld als konkretes Beispiel angeführt. Herr Frank (der zitiert wird) betont die Wirkung des Dokumentationszentrums, relativiert aber, dass das Denkmal eher Ausdruck von Political Correctness als echtem Volksempfinden sei.

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