Vernunft oder Unvernunft
Markus Lanz & Richard David Precht
Ein Rudi-Carell-Hit von 1975 löst eine Zeitreise in die Kindheit aus: Richard David Precht erinnert sich an endlose Sommer mit der Großfamilie auf der dänischen Ostseeinsel Erö, wo das Meer eiskalt und Transistorradios allgegenwärtig waren. Zwischen Nostalgie und Selbstironie geht es um Urlaubstypen — von strapaziösen Vogelexkursionen bis zum genüsslichen Einschlafen auf der Terrasse.
„Wir sind immer in dasselbe Haus gefahren und das war ja wie so ein zweites Zuhause für uns. Ziemlich nah auch am Meer. Klar, Ostsee war super kalt, aber man kannte ja nichts anderes.“
Erwähnte Medien (21)
Wann wird's mal wieder richtig Sommer?
Rudi Carrell
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:00:30 „Mir wurde von subversiven Kräften Folgendes zugespielt. Pass auf, hör mal ganz kurz zu. Wir brauchten früher keine große Reise. Wir wurden braun auf Borkum.“
Markus Lanz spielt Richard David Precht den Sommerhit von 1975 vor, der nostalgische Erinnerungen an unbeschwerte Sommerurlaube weckt. Precht erinnert sich, wie das Lied aus Transistorradios lief, während er auf der dänischen Ostseeinsel Ærø Urlaub machte.
Über das Altern
Elke Heidenreich
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:04:36 „Nummer eins in den Bestsellerlisten ist Elke Heidenreich mit Über das Altern. Und das ist ja auch ein ganz, ganz, ganz, ganz wichtiges Thema. Und immer mehr Leute beschäftigen sich immer früher mit dem Alter.“
Im Gespräch über das Älterwerden und den Umgang damit erwähnt Precht das Buch als aktuellen Bestseller. Es dient als Beleg für seine Beobachtung, dass das Thema Altern gesellschaftlich immer wichtiger wird und sich Menschen immer früher damit beschäftigen.
Die Freude an der Unvernunft
Hanno Rauterberg
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:07:21 „Ich habe neulich einen wunderbaren Text gelesen von Hanno Rauterberg in der Zeit. Der hat genau das beschrieben, die Freude an der Unvernunft. Und er sagt, es sind ja immer die anderen, die unvernünftig sind.“
Lanz zitiert ausführlich aus Rauterbergs Zeit-Artikel, der das Recht auf Unvernunft beschreibt – sich nicht eincremen, Schweinewürstchen essen, nach Mallorca fliegen. Der zentrale Satz daraus: 'Manchmal geht es nur darum, den inneren Oberlehrer für ein paar Stunden wegzusperren.'
Artikel über die Freude an der Unvernunft
Hanno Rauterberg
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:07:54 „ich habe neulich einen wunderbaren Text gelesen von Hanno Rauterberg in der Zeit. Der hat genau das beschrieben, die Freude an der Unvernunft.“
Lanz zitiert ausführlich aus Rauterbergs ZEIT-Artikel über das Recht auf Unvernunft und den inneren Oberlehrer
Radikaler Universalismus: Jenseits von Identität
Omri Böhm
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:08:38 „Omri Böhm, kennst du ja auch, hat ein tolles Buch gemacht über radikalen Universalismus und der sagt, wir brauchen ganz universelle Gleichheit heute mehr denn je. Ohne sie könnten wir gar nicht erklären, wieso ganz Rassismus überhaupt moralisch verwerflich ist.“
Im Übergang vom Thema Unvernunft zur Vernunft bringt Lanz Omri Böhms Buch ins Gespräch. Es dient als Brücke zur Kant-Diskussion, da Böhm argumentiert, dass universelle Gleichheit – ein kantisches Fundament – unverzichtbar bleibt, um Rassismus moralisch zu verurteilen.
Pure Vernunft darf niemals siegen
Tocotronic
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:10:28 „Vernunft und Unvernunft, die total zusammengehören, gibt sogar sozusagen die Idee, also pure Vernunft darf niemals siegen. Mit der schönen Idee, vor 5000 Jahren sind Menschen im heutigen Taiwan in Boote gestiegen und haben sich auf die Suche nach einer neuen Heimat irgendwo jenseits des Pazifiks gemacht.“
Lanz verwendet den Titel 'Pure Vernunft darf niemals siegen' als Leitmotiv für seine These, dass Unvernunft historisch unterschätzt wird. Er verbindet den Gedanken mit der Geschichte polynesischer Seefahrer, die vor 5000 Jahren gegen jede Vernunft den Pazifik besiedelten.
Il Milione (Die Reisen des Marco Polo)
Marco Polo
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:13:26 „Von dem er eben von Marco Polo wusste, dass das also völlig vergoldet und so weiter ist, wo wir bis heute nicht wissen, ob Marco Polo da jemals gewesen ist. Wahrscheinlich war der auch nie da. Sondern hat das, was er da in den Karawansereien gehört hat, da in der Seidenstraße und so, das hat er sich dann irgendwie zu einer tollen Geschichte zusammengesponnen.“
Precht erwähnt Marco Polos Reisebericht im Zusammenhang mit Kolumbus' unvernünftiger Entdeckungsfahrt. Kolumbus' Vorstellung vom vergoldeten Reich Kublai Khans stammte aus Marco Polos Erzählungen, die möglicherweise selbst erfunden waren – Unvernunft, die auf Fantasterei basierte.
Die Verwandlung
Franz Kafka
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:15:41 „Ich habe neulich über Kafka mal gelesen. Ich hatte mich so biografisch, also jeder kennt irgendwie die Verwandlung und den Prozess und so weiter. Aber was diese Leute biografisch zu bieten haben, das war mir auch nicht so ganz klar.“
Lanz erwähnt Kafkas Werke beiläufig als Vergleich zu Kants eintöniger Biografie. Er stellt fest, dass man zwar die berühmten Werke kennt, aber oft wenig über das tatsächliche Leben der Autoren weiß.
Der Prozess
Franz Kafka
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:15:41 „Ich habe neulich über Kafka mal gelesen. Ich hatte mich so biografisch, also jeder kennt irgendwie die Verwandlung und den Prozess und so weiter.“
Neben 'Die Verwandlung' wird 'Der Prozess' als weiteres allgemein bekanntes Kafka-Werk beiläufig genannt, um zu illustrieren, dass man berühmte Werke kennt, ohne viel über die Biografie der Autoren zu wissen.
Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland
Heinrich Heine
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:16:01 „Heiner hat ja mal sinngemäß gesagt, also niemand könnte über das Leben von Kant irgendwie später berichten, weil er eigentlich gar kein Leben gehabt hat.“
Precht zitiert Heinrich Heine (im Transkript als 'Heiner' verschrieben) mit dessen berühmtem Ausspruch über Kants ereignisloses Leben. Lanz ergänzt den vollständigen Wortlaut: 'Die Lebensgeschichte von Kant ist schwer zu beschreiben, denn er hatte weder Leben noch Geschichte.' Das Zitat stammt aus Heines philosophiegeschichtlichem Werk.
Kritik der praktischen Vernunft
Immanuel Kant · 1788
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:16:48 „Die Mutter ihm den Nachthimmel erklärt hat. Der Nachthimmel spielt eine riesige Rolle für Kant, bis hin zum kategorischen Imperativ, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“
Precht erzählt von Kants Kindheit und der Beziehung zu seiner Mutter, die ihm die Sterne erklärte. Er zitiert dabei die berühmte Schlusspassage der Kritik der praktischen Vernunft – ein anderes Werk als die bereits erfasste Kritik der reinen Vernunft.
Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Immanuel Kant
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:19:23 „Er war der Überzeugung, dass es diese Raster gibt, um auch zeigen zu können, der Mensch kommt moralfähig auf die Welt. Er kommt sozusagen mit Vernunft und Moral und all dem auf die Welt.“
Precht erläutert Kants Projekt, die angeborene Moralfähigkeit des Menschen zu beweisen und den kategorischen Imperativ zu begründen. Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten ist das Hauptwerk, in dem Kant den kategorischen Imperativ systematisch entwickelt – ein eigenständiges Werk neben der bereits erfassten Kritik der reinen Vernunft.
Kritik der reinen Vernunft
Immanuel Kant
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:20:33 „Und das Ergebnis davon wurde ein Buch, das immer dicker und dicker und dicker und immer unverständlicher und komplizierter wurde. Auch mit Abstand das dickste Buch, was er geschrieben hat, und das ist die Kritik der reinen Vernunft.“
Precht erklärt Kants Hauptwerk als Versuch, Empirismus und Rationalismus zu synthetisieren – ein Meilenstein der Philosophie
Zum ewigen Frieden
Immanuel Kant
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:24:51 „die Völkerrechtsvorstellung. Dass man nicht willkürlich andere Länder überfallen darf, die ist in Kants Schrift zum ewigen Frieden zementiert worden.“
Precht verweist auf Kants friedensphilosophische Schrift im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg und Putins Berufung auf Kant
Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf
Immanuel Kant · 1795
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:24:51 „Dass man nicht willkürlich andere Länder überfallen darf, die ist in Kants Schrift zum ewigen Frieden zementiert worden. Er war einer der ersten, der das in dieser Klarheit und Brillanz formuliert hat.“
Im Kontext von Putins absurder Berufung auf Kant als Lieblingsphilosoph verweist Precht auf diese Schrift, in der Kant das Völkerrecht und das Verbot von Angriffskriegen formulierte – ein direkter Widerspruch zu Putins Handeln in der Ukraine.
Schnelles Denken, langsames Denken
Daniel Kahneman
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:27:52 „Schnelles Denken, Langsames Denken, genau. Ich glaube, einer der meistverkauften Bestseller-Sachbücher überhaupt in der Zeit ist, glaube ich, 2011 erschienen. 2010, 2011, Schnelles Denken, Langsames Denken.“
Lanz bringt Kahnemans Bestseller ins Gespräch, als es um die Frage geht, wie irrational menschliche Entscheidungen – politische wie individuelle – tatsächlich sind. Er ordnet den kürzlich verstorbenen Kahneman biografisch ein: 1934 in Tel Aviv geboren, in Frankreich aufgewachsen, Nobelpreisträger.
Denken hilft zwar, nützt aber nichts
Dan Ariely
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:28:31 „Ich würde an gleicher Stelle noch Dan Ariely nennen, der das Buch mit dem schönen Titel geschrieben hat, Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Das geht in eine sehr ähnliche Richtung in den Forschungen.“
Precht ergänzt Kahnemans Werk um Arielys Buch aus der Verhaltensökonomik. Ariely, damals MIT-Professor, erforschte ähnliche Themen: wie Menschen sich beim Denken selbst belügen, Gefühle die Rationalität verzerren und geschicktes Ködern zu Fehleinschätzungen führt.
Ein Traktat über die menschliche Natur
David Hume
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:32:12 „Der vorhin zitierte David Hume, der hat in seinem Traktat über die menschliche Natur, also bereits 1737, klargemacht, dass unser Verstand sowieso gar keine Entscheidung entfällt. Und unsere Vernunft, die haben wir zwar irgendwo, die kann uns immer so eine Menge Gründe für oder etwas irgendwie liefern, aber die richtigen Entscheidungen werden immer von den Gefühlen entschieden.“
Precht zitiert Humes philosophisches Hauptwerk, um die These zu untermauern, dass der Verstand nur die 'Marketingabteilung' der Gefühle ist. Hume habe schon 1737 erkannt, dass nicht die Vernunft, sondern die Emotionen unsere Entscheidungen treffen — der Verstand rechtfertige im Nachhinein nur, was die Gefühle bereits beschlossen haben.
Star Trek
Gene Roddenberry
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:34:11 „Wenn man die Emotionalität wegnehmen würde, dann käme ja so ein Mr. Spock dabei raus. Also dann wäre der Mensch jetzt durch und durch vernünftig. So ähnlich hat Kant sich den Menschen gerne vorgestellt. Er wollte eigentlich, dass der Mensch so ist. So wie Mr. Spock.“
Precht nutzt die Figur Mr. Spock als Gedankenexperiment: Ein rein rationaler Mensch ohne Gefühle wäre handlungsunfähig. Spocks Loyalität und sein Wille zum Guten seien keine vernünftigen Einsichten, sondern starke Gefühle — ohne sie wäre er nur ein Hochleistungscomputer ohne Ziele.
Homo Deus
Yuval Noah Harari
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:41:47 „Ich muss gerade an Harari denken, der hat, glaube ich, so etwas Ähnliches mal gesagt, so sinngemäß. Wir sind so verrückt, wir glauben wirklich alle ernsthaft, dass die große Liebe, die Liebe fürs Leben im Umkreis der nächsten drei Kilometer lebt.“
Lanz erinnert sich an eine Beobachtung von Harari über die Irrationalität der Partnerwahl: Wir glauben ernsthaft, die Liebe unseres Lebens lebe zufällig in unserer unmittelbaren Nähe. Lanz nutzt das Zitat, um zu illustrieren, wie wenig rational unsere wichtigsten Lebensentscheidungen sind.
Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit
Yuval Noah Harari
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:41:47 „Ich muss gerade an Harari denken, der hat, glaube ich, so etwas Ähnliches mal gesagt, so sinngemäß. Wir sind so verrückt, wir glauben wirklich alle ernsthaft, dass die große Liebe, die Liebe fürs Leben im Umkreis der nächsten drei Kilometer lebt.“
Im Gespräch über irrationale Entscheidungen bei der Partnerwahl zitiert Lanz sinngemäß Hararis These über die Absurdität, dass Menschen glauben, die Liebe ihres Lebens lebe zufällig in ihrer Nähe. Diese Beobachtung stammt aus Sapiens, nicht aus dem bereits erfassten Homo Deus.