Kann der Tod uns Glück bringen
Ijoma Mangold, Nina Pauer
Was passiert, wenn man den Tod nicht mehr verdrängt, sondern sich aktiv mit ihm anfreundet? Die Episode erkundet die Death-Positive-Bewegung und Apps, die einen täglich ans Sterben erinnern — als Werkzeug für ein glücklicheres Leben. Im Gegenwartscheck wird vorher noch die neue Dating-Währung seziert: emotionale Verfügbarkeit als Selbstvermarktungslabel der durchtherapierten Generation.
„Das Emotionale hat ja gerade nichts mit Verfügbarkeit zu tun — es klingt wie ein Termin bei der Behörde.“
Erwähnte Medien (16)
Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung
Hartmut Rosa · 2019
Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. So lautet die Kernthese dieses gefeierten Buches von Hartmut Rosa, das als Gründungsdokument einer Soziologie des guten Lebens gelesen werden kann. Anstatt Lebensqualität in der Währung von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten zu messen, müssen wir unseren Blick auf die Beziehung zur Welt richten, die dieses Leben prägt.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:04:37 „Der schreckliche Hartmut Roser, der ist, glaube ich, der Fachmann in Deutschland für diese Frage. Mehr Resonanz.“
Im Gespräch über die Dating-App Bumble und deren Versuch, emotionale Verfügbarkeit als Wert zu etablieren, nennt Ijoma Mangold Hartmut Rosa als den Fachmann für Resonanz in Deutschland. Der Begriff Resonanz wird als Gegenstück zur oberflächlichen emotionalen Verfügbarkeit eingeführt.
Staub. Alles über fast nichts
Jens Sönken · 2000
Das Buch untersucht das alltägliche Phänomen Staub und würdigt dessen unerkannte Bedeutung. Es gehört zu einer Reihe von Werken, die vermeintlich banale Aspekte unseres Lebens aufwerten und ihre verborgene Wichtigkeit offenlegen.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:06:05 „Das beste letzte Beispiel ist ein sehr schönes, lesenswertes Buch von Jens Sönken, das heißt Staub. Alles über fast nichts. Und in diesem Buch nimmt der Sönken das Phänomen des Staubs in den Blick, um natürlich zu zeigen, wie wichtig der Staub ist.“
Ijoma Mangold stellt das Buch als bestes aktuelles Beispiel für einen Trend vor, den er als 'Rehabilitation von fast allem außer dem Menschen' beschreibt – also Bücher, die vermeintlich banale Phänomene würdigen und aufwerten. Nina Pauer sieht darin den Höhepunkt eines bereits übertriebenen Genres.
Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße
Florian Werner · 2011
Der Kulturjournalist und Philosoph Florian Werner untersucht in "Dunkle Materie" die kulturgeschichtliche Bedeutung von Fäkalien und deren Rolle in der Zivilisation. Das Buch zeigt, dass der Umgang mit Abfallprodukten ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaftsordnung ist. Werner rehabilitiert damit ein tabuisiertes Thema und verdeutlicht, wie grundlegend dieses für das Verständnis von Kultur und Zivilisation ist.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:06:29 „Ich erinnere jetzt an ein anderes auch sehr schönes Buch von dem Philosophen-Kulturjournalisten Florian Werner. Das heißt Dunkle Materie, die Geschichte der Scheiße. Auch hier wird die Scheiße gewissermaßen rehabilitiert, weil sie Teil der Zivilisation ist, weil man die Zivilisation gar nicht erklären kann, ohne ihren Umgang mit der Scheiße zu erläutern.“
Ijoma Mangold nennt das Buch als weiteres Beispiel für den Trend der 'Rehabilitations-Bücher', die verachtete Alltagsphänomene kulturgeschichtlich aufwerten. Florian Werner zeigt darin, dass Scheiße Teil eines zivilisatorischen Kreislaufs ist.
Essais de Théodicée
Gottfried Wilhelm Leibniz · 1846
Gottfried Wilhelm Leibniz (gelegentlich auch Leibnitz, * 21. Junijul. / 1. Juli 1646greg. in Leipzig, Kurfürstentum Sachsen; † 14. November 1716 in Hannover, Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg) war ein deutscher Philosoph, Mathematiker, Physiker, Ingenieur, promovierter Jurist, Historiker, Bibliothekar und politischer Berater der frühen Aufklärung. Leibniz war der universale Geist seiner Zeit und (zusammen mit Newton) der Erfinder der Infinitesimalrechnung.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:07:31 „Das erinnert mich natürlich an einen berühmten Philosophen des frühen 18. Jahrhunderts, Leibniz, der von der besten aller möglichen Welten sprach.“
Ijoma Mangold zieht die Verbindung zwischen den gegenwärtigen Rehabilitationsbüchern (Staub, Scheiße, Pilze, Bäume) und Leibniz' berühmter These von der besten aller möglichen Welten. Alles werde gefeiert – nur nicht der Mensch.
Candide
Voltaire · 2015
Candide ou l'Optimisme est un conte philosophique de Voltaire paru à Genève en janvier 1759. Il a été réédité vingt fois du vivant de l'auteurn 1, ce qui en fait un des plus grands succès littéraires français.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:07:44 „Das spielt dann auch bei Voltaire in seinem Roman Candide eine Rolle. Wo der Held von einem Unglück ins andere stürzt, aber immer daran festhalten soll an dem Diktum, dass dies die beste aller möglichen Welten ist.“
Ijoma Mangold zieht eine geistesgeschichtliche Linie von Leibniz' Philosophie der 'besten aller möglichen Welten' zu Voltaires satirischem Roman. Die Parallele dient ihm dazu, den heutigen Trend der Rehabilitations-Bücher zu kritisieren: Alles wird gewürdigt – nur der Mensch nicht.
Das geheime Leben der Bäume
Peter Wohlleben · 2023
Are trees social beings? For forester Peter Wohlleben, the answer has always been yes, the forest is a social network. Trees live like human families: tree parents live together with their children, support them as they grow, share nutrients with those who are sick and struggling, and even warn each other of impending dangers.
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:08:03 „Weil es einfach schon sozusagen bei Peter Wohlleben, also so dieses Abschreiten gewissermaßen“
Wird als früheres Beispiel des Rehabilitationstrends genannt, bei dem Natur-Phänomene aufgewertet werden
Sarggeschichten
YouTube-Kanal über neue Bestattungsrituale und praktische Aspekte des Umgangs mit Verstorbenen. Die Videos erklären die Death-Positive-Bewegung in anschaulichem, didaktischem Stil – ähnlich einer modernen „Sendung mit der Maus". Ein informativer Überblick über zeitgenössische Bestattungspraktiken.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:23:29 „Es gibt die Sarggeschichten, über die könnte ich kurz noch berichten. Die findet man auf YouTube. Die geben gewissermaßen so einen anschaulichen Eindruck davon, was das jetzt im Konkreten meint, sich auf dieses neue Verhältnis zum Tod einzulassen.“
Ijoma Mangold und Nina Pauer besprechen den YouTube-Kanal 'Sarggeschichten' als Beispiel für die Death-Positive-Bewegung. Die Videos zeigen neue Bestattungsrituale und erklären praktische Aspekte des Umgangs mit Verstorbenen – laut Nina Pauer fast im Stil von 'Sendung mit der Maus'.
4000 Wochen
Oliver Burkeman · 2022
Die Zeit reicht nicht aus – niemals. Gerade einmal 4000 Wochen haben wir auf der Erde, und das auch nur, wenn wir um die achtzig werden. Kein Wunder, dass wir unaufhörlich versuchen, möglichst viel in diese kurze Zeit hineinzupressen. Und gleichzeitig die Dinge aus dem Blick verlieren, die uns wichtig sind und uns vor allem glücklich machen.
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:29:10 „In etwa ist das ja immer 4000 Wochen so ein Leben als Durchschnitt.“
Implizite Referenz auf das populäre Sachbuch über Zeitmanagement und Endlichkeit
Intensives Leben. Eine moderne Obsession
Tristan Garcia · 2019
Der Autor, ehemaliger Hochschul- und Gymnasiallehrer, beschäftigt sich mit den zeitgenössischen Formen des Begehrens und der Einheit von Liebe und Tod vor dem Hintergrund der leibphilosophischen Tradition und der aktuellen Moderne. Damit sind Themen von überragender humaner Bedeutung (im Sinne Kants) angesprochen, die von der zeitgenössischen Philosophie jedoch in nahezu bestürzender Weise vernachlässigt werden.
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:29:35 „Mich hat das sehr erinnert an dieses Buch von, wie heißt der? Garcia, wie heißt der mit Vornamen? Intensives Leben. Christa. Genau, eine moderne Obsession. Also wir wollen das so ausquetschen wie so eine Zitrone und jeden Moment so intensiv leben, wie wir können.“
Nina Pauer zieht Tristan Garcias Buch als Referenz heran, um die gesellschaftliche Obsession mit Intensität zu beschreiben. Die Death-Positive-Bewegung mit ihren Apps und Todesuhren erscheint ihr als Steigerung dieser Tendenz: Nachdem Eisbaden und Marathonlaufen nicht mehr reichen, wird der Tod als ultimativer Intensitätsgeber herangezogen.
Six Feet Under
Alan Ball · 2001
Nach dem Tod ihres Vaters müssen zwei Brüder das Bestattungsinstitut der Familie retten.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:44:18 „Eine Serie, die mal so, auch so vor 10, 15 Jahren wahnsinnig populär war, als das goldene Zeitalter der Fernsehserien startete, das war Six Feet Under. Das war ein familienbetriebenes Bestattungsunternehmen in Kalifornien. Die Verschränkung von Leben und Tod, von Leben und Sterben, war da auf ganz unkitschige, gleichwohl berührende, auch lustige und sarkastische Art eigentlich ganz schön ausgeführt.“
Ijoma Mangold führt Six Feet Under als popkulturelles Beispiel dafür an, dass die Gesellschaft durchaus ein reifes Verhältnis zum Sterben entwickelt hat. Er lobt die Serie dafür, die Verschränkung von Leben und Tod auf unkitschige, berührende und zugleich sarkastische Weise dargestellt zu haben.
Bleibefreiheit
Eva von Redecker
Das von der Forschung vernachlässigte und kontrovers diskutierte späte Gedicht Hölderlins An die Madonna ist eine elegische Hymne, in der Hölderlin seiner Dichtung eine poetologische Neuorientierung gibt, die dem Geist der Zeit zwischen 1800 und 1805/06 entspricht. Die Studie weist nach, dass Hölderlin dem Lyrischen die neue Aufgabe zuweist, im Bild der Madonna als neue „Mythe“ die Ideale der Französischen Revolution mit der geschichtlichen Realität zu „versöhnen“ gegen eine sich immer regressiv...
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:49:59 „Es beschreibt Simone de Beauvoir auch in einem Roman, darauf hat mich gerade Eva von Redecker in ihrem Buch Bleibefreiheit hingewiesen. In einem Roman, der heißt glaube ich Fosca, erzählt sie von einem Renaissance-Fürsten, der unsterblich wird.“
Ijoma Mangold erwähnt Eva von Redeckers Buch Bleibefreiheit als Quelle, die ihn auf einen Roman von Simone de Beauvoir aufmerksam gemacht hat. Er nutzt die Referenz im Kontext seines Arguments, dass Endlichkeit die Voraussetzung für Sinnstiftung im Leben ist.
Alle Menschen sind sterblich
Simone de Beauvoir · 2012
Alle Menschen sind sterblich (frz. „Tous les hommes sont mortels“) ist ein Roman von Simone de Beauvoir, der 1946 beim Pariser Verlag Éditions Gallimard erschienen ist. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1949 beim Rowohlt-Verlag. Er erzählt die Geschichte von Raymond Fosca, der unter seiner selbstverschuldeten Unsterblichkeit leidet. Eine gleichnamige Filmadaption von Ate de Jong erschien 1995.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:50:04 „In einem Roman, der heißt glaube ich Fosca, erzählt sie von einem Renaissance-Fürsten, der unsterblich wird. Und für den ist es quasi unmöglich, Sinnstiftung herzustellen, eben wegen dieses kompletten Mangels an Endlichkeit.“
Ijoma Mangold referenziert Simone de Beauvoirs Roman über den unsterblichen Renaissance-Fürsten Fosca, um seine existenzialistische These zu untermauern: Ohne Endlichkeit gibt es keinen Sinn. Der Roman illustriert, dass erst die begrenzte Lebenszeit Entscheidungen Gewicht verleiht. Mangold nennt den Titel als 'Fosca', gemeint ist der Roman 'Alle Menschen sind sterblich'.
Hälfte des Lebens
Friedrich Hölderlin · 2010
Hälfte des Lebens ist eines der berühmtesten Gedichte von Friedrich Hölderlin. Es erschien zuerst im Jahr 1804 in Friedrich Wilmans Taschenbuch für das Jahr 1805.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:52:11 „Und oh, die Hälfte des Lebens, berühmtes Gedicht von Hölderlin, Hälfte des Lebens, da bin ich jetzt, du noch nicht, da bin ich jetzt schon eindeutig in der zweiten Hälfte angekommen.“
Ijoma Mangold zitiert Hölderlins berühmtes Gedicht als persönliche Standortbestimmung. Im Gespräch über das bewusste Wahrnehmen der verrinnenden Lebenszeit nutzt er den Titel als Metapher für seinen eigenen Lebensabschnitt – er sei nun eindeutig in der zweiten Hälfte angekommen.
Mitten wir im Leben sind vom Tod umgeben
Martin Luther
Klassisches deutsches Kirchenlied aus dem 16. Jahrhundert von Martin Luther, das die menschliche Sterblichkeit und die Conditio Humana thematisiert. Mit volkstümlich prägnanten Melodien wurde es zu einem zentralen Ausdruck der protestantischen Grundhaltung gegenüber dem Todesbewusstsein – von universeller kulturgeschichtlicher Bedeutung.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:53:33 „Also von Martin Luther gibt es dieses berühmte Kirchenlied, mitten wir im Leben sind vom Tod umgeben. Das ist die Conditio Humana, das ist die Voraussetzung.“
Ijoma Mangold skizziert verschiedene kulturgeschichtliche Antworten auf die menschliche Sterblichkeit. Luthers Kirchenlied zitiert er als Ausdruck der christlichen Grundhaltung, dass das Todesbewusstsein eine ständige Begleiterscheinung des Lebens ist – die Conditio Humana schlechthin.
Phaidon
Platon
Platons Dialog über die Unsterblichkeit der Seele. Sokrates entwickelt vor seiner Hinrichtung die Lehre, dass Körper und Seele getrennt sind und allein die Seele unsterblich ist. Ein klassisches Werk der abendländischen Philosophie über die zentrale Frage: Was bleibt nach dem Tod?
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:54:03 „Es gibt gewissermaßen die platonische Antwort, die formuliert beispielsweise für die amnestische Geschichte Sokrates, als er in die Athena zurückkehrt. Bürgerschaft zum Schirlingstod verurteilt hat und seine Freunde besuchen ihn und stehen in seiner Gefängniszelle um ihn herum und sie sind ganz verzweifelt, weil sie diesen besonderen Menschen verlieren werden und jetzt will Sokrates sie trösten und wie macht er es? Indem er die unsterbliche Seele stipuliert.“
Mangold beschreibt die berühmte Szene aus Platons Phaidon, in der Sokrates vor seiner Hinrichtung die Lehre von der unsterblichen Seele entwickelt, um seine trauernden Freunde zu trösten. Er nutzt diese als Beispiel für die erste große kulturelle Antwort auf die Angst vor dem Tod: die Trennung von Körper und Seele, bei der nur der Körper stirbt.
Masse und Macht
Elias Canetti · 2016
In seinem philosophischen Hauptwerk "Masse und Macht" beschäftigt sich Elias Canetti mit zwei Schlu?sselbegriffen zum Verständnis unseres Zeitalters. Damit das Zusammenleben funktioniert, folgt die Masse bestehenden Gesetzen – doch kennt die Geschichte auch viele Beispiele, wo sie blind der Macht eines Diktators oder einer Weltanschauung folgt.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:56:12 „der große Nobelpreisträger Elias Canetti, der sein ganzes Leben lang sich abgearbeitet hat mit dem Tod und immer sagte, er verfluche den Tod und er nannte ihn, der Tod ist ein Skandal“
Canettis lebenslange Auseinandersetzung mit dem Tod wird als radikale Gegenposition zur Death-Positive-Bewegung vorgestellt