Wie viel Schmerz gehört zum Leben
Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Ausgangspunkt ist Ijomas schwere Erkältung und seine Überzeugung, dass Schmerz zur Heilung gehört — eine Haltung, die direkt zum eigentlichen Thema überleitet: die verheerende Opioid-Epidemie in den USA. Anhand einer neuen Serie und eines frisch erschienenen Buchs über die Verantwortlichen in der Pharmaindustrie stellen sie die größere Frage, welche gesellschaftlichen Verformungen sich im Drogenmissbrauch einer Gegenwart ausdrücken.
„Da bin ich eher der Meinung, der Schmerz ist Teil der Heilung. Wenn man viel schwitzt, ist es gesund, und wenn einem der Hals weh tut, hat auch das irgendwie seinen Sinn.“
Erwähnte Medien (18)
American Beauty
Sam Mendes · 1999
Als der von Job und Ehe frustierte Lester Burnham sich in Angela, die Freundin seiner missmutigen Tochter Jane, verliebt, beginnt für ihn ein neues Leben. Zuhause zeigt er das erste Mal seit langem, wer der Herr im Hause ist, wirft seinen Job hin, erpresst sich eine satte Abfindung, erfüllt sich lang unerfüllte Träume und phantasiert über eine Affäre mit Angela.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:05:02 „Wenn ich es darüber hinaus so verstehen will, wie du es mir gerade erklärt hast, dann bin ich ganz weit zurück bei American Beauty und der berühmten Szene, wie die Plastiktüte im Wind wirbelt und der eine junge Kreative sagt irgendwie, das ist doch so wunderschön.“
Lars vergleicht den Twitter-Trend 'Alles daran ist wunderschön' mit der ikonischen Szene aus American Beauty, in der ein Jugendlicher eine im Wind wehende Plastiktüte filmt und darin Schönheit sieht. Er argumentiert, dass diese Form der Schönheitsfindung im Banalen nicht besonders gegenwärtig sei.
Der Mann mit dem Koks ist da
Falco
Falco (eigentlich: "Hans" Johann Hölzel, * 19. Februar 1957 in Wien; † 6. Februar 1998 zwischen Villa Montellano und Puerto Plata in der Dominikanischen Republik) war ein österreichischer Musiker. Er wird gelegentlich als „der erste weiße Rapper“ bezeichnet. Sein Titel Rock Me Amadeus erreichte als erstes und bisher einziges deutschsprachiges Lied die Spitze der US-Billboard-Charts. Zu Lebzeiten wurden rund 60 Millionen seiner Tonträger verkauft.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:16:49 „80er natürlich ganz klar Kokain. Falco, der Mann mit dem Koks ist da. Genau, diese Riege des Kokains.“
Lars Weisbrod ordnet verschiedenen Jahrzehnten ihre jeweilige Leitdroge zu. Für die 80er Jahre steht Kokain, und er verweist auf Falcos Hit als kulturellen Beleg für die Prominenz der Droge in dieser Ära.
Breaking Bad
Vince Gilligan · 2008
Ein krebskranker Chemielehrer tut sich mit einem ehemaligen Schüler zusammen, um die Zukunft seiner Familie durch die Herstellung und den Verkauf von Meth zu sichern.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:17:19 „Aber es spielte als Gesellschaftsbeobachtungsinstrument eine riesige Rolle wegen Breaking Bad.“
Im Gespräch über die These, dass jede Epoche ihre passende Droge hat, ordnet Ijoma Mangold Crystal Meth den 2000er/2010er Jahren zu. Er betont, dass die Droge vor allem durch die Serie Breaking Bad kulturell relevant wurde, auch wenn man persönlich niemanden kannte, der sie konsumierte.
Die Pforten der Wahrnehmung
Aldous Huxley · 2017
Die beiden epochemachenden Essays Aldous Huxleys berichten von Entdeckugsreisen zu den »Antipoden unseres Bewusstseins«, in Regionen des Seins, die nur im Zustand der Entrückung zu erreichen sind, In den »Pforten der Wahrnehmung« schildert Huxley seine Experimente mit Meskalin, die zu einer außerordentlichen visuellen Wahrnehmungsfähigkeit führten, zum Erlebins des »Wunders der reinen Existenz«.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:22:16 „Ich glaube, da öffnen sich nicht die Pforten der Wahrnehmung, wie bei LSD oder irgendwelchen Kröten, an denen man da geleckt hat früher.“
Lars Weisbrod erklärt anhand eines Koordinatensystems die Wirkungsweisen verschiedener Drogen und unterscheidet dabei zwischen Uppern, Downern, Halluzinogenen und Antipsychotika. Bei der Einordnung von Kokain verweist er implizit auf Huxleys berühmtes Werk über psychedelische Erfahrungen, um den halluzinogenen Effekt von LSD zu beschreiben.
Bill Burr Stand-Up Special
Bill Burr
Bill Burrs neues Stand-Up-Special behandelt humorvoll die Thematik von Halluzinogenen wie LSD und Ayahuasca. Der Comedian schildert darin seine eigenen Erfahrungen mit diesen Substanzen und hinterfragt die weit verbreitete Annahme, dass Halluzinationen automatisch positive Effekte haben. Burr zeigt auf satirische Weise, dass solche Drogenerfahrungen auch zu unangenehmen Einsichten führen können, etwa zum Gefühl, von niemandem geliebt zu werden.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:23:05 „Daher habe ich auch meine Midlife-Crisis-Vorstellung, dass ich dann doch mal sowas nehme. Das aktuelle Stand-Up-Special von einem meiner Lieblingskomiker, Bill Burr, der sehr schön da ein Bit dazu hat, wie er glaube ich, LSD oder so nimmt oder auch Ayahuasca und genau damit hadert.“
Lars Weisbrod empfiehlt das aktuelle Stand-Up-Special von Bill Burr im Kontext einer Diskussion über Halluzinogene. Burr beschreibt darin humorvoll seine eigene Drogenerfahrung und das Gefühl, dass einen niemand liebt – als Gegenbeispiel zur Vorstellung, dass Halluzinationen automatisch positiv seien.
Tilidin
Capital Bra feat. Samra
Ein Deutschrap-Track, der mit verschlüsselter Drogensprache über Opioid-Konsum arbeitet. Der Song prägte den Sound des modernen Trap-Deutschrap und steht exemplarisch für die künstlerische Auseinandersetzung mit Suchtthemen in der Szene. Ein kulturell bedeutsames Werk in der Entwicklung des zeitgenössischen deutschen Hip-Hop.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:24:06 „Capital Bra, der Rapper hat sogar mal bekannt, er sei Teledinsüchtig, hat auch sehr viele Songs darüber gemacht. Es gibt, glaube ich, so ein Superhater, der hat glaube ich auf YouTube wirklich 60 Millionen Klicks, der heißt einfach Teledin. Da gibt es einen Song, den fand ich so wichtig für den deutschen Rap, den hat er zusammen mit Samra gemacht.“
Im Gespräch über Opioide in der Popkultur beschreibt Lars Weisbrod, wie das Schmerzmittel Tilidin den deutschen Rap geprägt hat. Der Song von Capital Bra und Samra mit der Refrainzeile über '20 Darby Hooper in einem Hurrikan' steht exemplarisch für die verschlüsselte Drogensprache im Deutschrap.
Dr. House
David Shore · 2004
Dr. Gregory House, Arzt am fiktiven Princeton-Plainsboro Teaching Hospital, ist nicht gerade einfühlsam im Umgang mit Patienten und würde am liebsten gar nicht mit ihnen sprechen, wenn er damit ungeschoren davon kommen könnte. Nach erfolgreicher Entfernung großer Teile nekrotisierten Gewebes aus seinem rechten Oberschenkel, leidet er selbst unter ständigen Schmerzen und ist auf seinen Gehstock angewiesen, der seine bittere, schonungslose Haltung zusätzlich unterstreicht.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:27:20 „Wovon war denn eigentlich Dr. House abhängig? Weißt du, das war doch auch mal eine sehr gegenwärtige Serie in den Nullerjahren.“
Erwähnt als frühes popkulturelles Beispiel für das Thema Opioid-Abhängigkeit. Die Hauptfigur war abhängig von Vicodin.
Euphoria
· 2019
Die 17-jährige drogenabhängige Rue Bennett hat bereits einen Entzug gemacht hat, doch sie kann die Finger nicht von Drogen lassen. Eine Gruppe von Schülern setzt sich mit Drogen, Sex, Gewalt und Freundschaft auseinander.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:27:24 „Ich glaube, eine Serie, die ich nicht gesehen habe. Sie heißt Euphoria und ist, glaube ich, die Gegenwartsserie, wenn man popkulturell verstehen will, wie junge Leute heute ticken.“
Lars Weisbrod bezeichnet Euphoria als die wichtigste Gegenwartsserie zum Verständnis junger Menschen, obwohl er sie selbst noch nicht gesehen hat. Er erwähnt, dass Fentanyl, ein Opioid, darin eine zentrale Rolle spielt – passend zum Thema der Opioid-Krise.
Sherlock Holmes
Arthur Conan Doyle
The Return of Sherlock Holmes is a 1905 collection of 13 Sherlock Holmes stories, originally published in 1903–1904, by Arthur Conan Doyle. The stories were published in the Strand Magazine in Britain and Collier's in the United States. Contains: [Adventure of the Empty House](https://openlibrary.org/works/OL1518119W/The_Adventure_of_the_Empty_House) [Adventure of the Norwood Builder](https://openlibrary.org/works/OL262418W/Adventure_of_the_Norwood_Builder) [Adventure of the Dancing Men](h...
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:28:11 „Hier hat das aber eine besondere, vielleicht kommen wir später nochmal darauf zu sprechen, eine besondere kulturelle Referenzpointe, weil Dr. House ja eine Art Wiedergänger von Sherlock Holmes sein sollte, angelehnt daran. Der ist entweder morphiumabhängig oder es wird angedeutet.“
Lars Weisbrod stellt die Verbindung zwischen Dr. House und Sherlock Holmes her – beide sind geniale, sozial schwierige Figuren mit Drogenabhängigkeit. Holmes' Morphiumkonsum in den Originalgeschichten von Conan Doyle wird als kulturhistorischer Vorläufer der Opioid-Thematik in der Popkultur eingeordnet.
Justified
· 2010
„Justified“ basiert auf der Figur des Deputy U.S. Marshal Raylan Givens (Elmore Leonard), der in den Büchern und Kurzgeschichten von Elmore Leonard auftaucht. Givens wird nach einem Vorfall in Miami zurück zu den Marshals in seiner alten Heimat in Kentucky versetzt. Dort muss er sich nicht nur alten Freunden stellen, die inzwischen zu Feinden des Gesetzes geworden sind, sondern auch den Konsequenzen seiner eigenen, manchmal zweifelhaften Vorgehensweisen.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:31:54 „Ich erinnere mich, dass ich früher immer gern Justified geguckt habe. Crime, Genre, nicht so übersmart. Da haben dann nicht immer alle Füllungsgerufen, das ist die schlauste Serie des Jahres. Und sie war sehr gut. Und vor allem war der Handlungsort interessant. Sie spielte in, genau, in Kentucky, in Harlan County, Kentucky.“
Lars Weisbrod erinnert sich an die Crime-Serie Justified als sein erstes popkulturelles Erlebnis mit der Opioid-Krise. In einer Folge von 2011 kam der 'Oxy-Bus' vor – Kleinganoven fuhren gemeinsam nach Florida zu sogenannten Pill-Mills, um Oxycodon-Rezepte zu bekommen. Die Serie spielte in den verarmten Appalachen Kentuckys, genau dort, wo die Opioid-Epidemie später besonders verheerend wütete.
Imperium der Schmerzen
Patrick Radden Keefe
Das preisgekrönte Werk des New-Yorker-Journalisten Patrick Radden Keefe erzählt die Geschichte der Familie Sackler und ihres Aufstiegs zur Pharmamacht. Mit aggressivem Marketing machte die Familie ihr Schmerzmittel Oxycodon zum Massenprodukt und löste damit die größte westliche Drogenkatastrophe der letzten Jahrzehnte aus. Das Buch beleuchtet die Einwanderungsgeschichte der Familie, ihren wirtschaftlichen Aufstieg und die Opioid-Krise mit brillanter Erzählweise und großer thematischer Tiefe.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:33:42 „Das Buch hat geschrieben ein vielfach preisgekrönter Journalist, der für den New Yorker schreibt, Patrick Cronin. Redden Keefe und das Buch ist jetzt gerade auf Deutsch erschienen unter dem Titel Imperium der Schmerzen, wie eine Familiendynastie die weltweite Opioid-Krise auslöste.“
Das Buch ist eines der zwei Hauptkulturprodukte dieser Episode. Ijoma Mangold lobt es als glänzend geschrieben und thematisch enorm breit – von der Einwanderungsgeschichte der Sackler-Familie über deren Aufstieg in der Pharmaindustrie bis zur Opioid-Katastrophe. Das Buch erzählt, wie die Familie Sackler mit aggressivem Marketing ihr Schmerzmittel Oxycodon zum Massenprodukt machte und damit die größte westliche Drogenkatastrophe der letzten Jahrzehnte auslöste.
Einer flog über das Kuckucksnest
· 1975
McMurphy ist ein krimineller gesellschaftlicher Außenseiter. Mitte dreißig, ehemaliger Korea-Kämpfer, wegen Ungehorsam aus der Armee entlassen, wird er wegen Schlägereien, Notzucht und Trunksucht in eine Strafanstalt eingeliefert. Von dort aus lässt er sich mit einem Trick zur Beobachtung in eine psychiatrische Anstalt überweisen. In die graue Welt einer anonymen Heilanstalt wird McMurphy eines Tages eingeliefert.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:25 „Bisschen so ähnlich wie bei einer Flog übers Kuckucksnest, also die Versuche, wie man da Massen von Patienten einkerkerte und mit welchen Mitteln und Methoden man versuchte, sie ja im Grunde ruhig zu stellen.“
Ijoma Mangold zieht den Vergleich zu 'Einer flog übers Kuckucksnest', um die grauenvollen Zustände in psychiatrischen Kliniken der 1940er/50er Jahre zu veranschaulichen, in denen Arthur Sackler arbeitete. Diese Erfahrung prägte Sacklers Interesse an der Pharmaindustrie.
Breakfast at Tiffany's
· 1961
Holly Golightly verbirgt ihre Vergangenheit gekonnt vor anderen, zuweilen auch vor sich selbst und widmet sich lieber den schönen Dingen des Lebens. Sie schwelgt in luxuriösem Ambiente als wenn sie ihr jetziges Dasein bereits mit der Muttermilch eingesogen hätte. Auf den Feiern der New Yorker High Society gelingt es ihr auf wunderbare Weise, die Leichtigkeit eines Partygirls auszustrahlen. Insgeheim sucht sie einen reichen Ehemann.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:42:04 „Breakfast at Tiffany's? Absolut. Ist das nicht die neurotische Single-Frau? Bisschen verrückt.“
Erwähnt als Beispiel für den Stereotyp der 'neurotischen Single-Frau' der 1950er Jahre im Kontext der Valium-Vermarktung.
The Age of Anxiety
Andrea Tone
"Our reliance on anti-anxiety medication is a creation of the last half-century. When the first tranquilizer - Miltown - went on the market in 1955, pharmaceutical executives worried that there wouldn't be interest in stress relief in the form of a pill. At mid-century, talk therapy remained the treatment of choice. But Miltown quickly became a sensation - the first psychotropic blockbuster in American history.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:42:27 „Was die Historikerin Andrea Tone in ihrem Buch »The Age of Anxiety« zu dem Schluss brachte, das eigentliche Problem, für das Roach mit seinen Beruhigungsmitteln eine schnelle Lösung anbot, sei, eine Frau zu sein.“
Im Kontext der geschlechtsspezifischen Vermarktung von Valium und Librium in den 1950er Jahren wird das Buch der Historikerin Andrea Tone zitiert. Ihre pointierte These: Die Pharmaindustrie definierte das Frausein selbst als behandlungsbedürftigen Zustand.
Dopesick
· 2021
Der Pharmakonzern Purdue bringt ein neues Schmerzmittel namens OxyContin auf den Markt, das bei den niedergelassenen Ärzten als neues Wunderheilmittel vermarktet wird, da angeblich nur weniger als ein Prozent der Patienten davon süchtig werden. Der Hausarzt und Allgemeinmediziner Dr. Samuel Finnix verschreibt guten Gewissens das neue Medikament an seine Patienten, die als Minenarbeiter in Virgina aufgrund der harten körperlichen Arbeit auf Schmerzmittel zurückgreifen müssen.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:43:11 „Es gibt neben diesem Buch eine ganz tolle Serie. Sie lief schon letztes Jahr an, also nicht mehr ganz neu, aber gibt es bei Disney Plus noch. Empfehle ich nur zu gucken. Sie heißt Dope Sick.“
Dopesick ist das zweite Hauptkulturprodukt der Episode neben dem Buch 'Imperium der Schmerzen'. Die fiktionalisierte Serie bei Disney+ erzählt die Geschichte der Opioid-Epidemie ab den 1990er Jahren, als die Sackler-Familie Oxycodon mit aggressivem Marketing an Hausärzte vermarktete und die Zulassungsbehörde FDA dazu brachte, die Suchtgefahr herunterzuspielen.
Artikel über den Isenheimer Altar und Schmerzgesellschaft
Jörg Scheller
Jörg Schellers Feuilleton-Text behandelt den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald als künstlerische Auseinandersetzung mit dem Leiden am Kreuz. Der Text interpretiert diese klassische christliche Ikonografie als Gegenpol zur modernen gesellschaftlichen Tendenz der totalen Schmerzvermeidung und stellt die künstlerische Darstellung von Leid als kulturelle und philosophische Notwendigkeit dar. Der Isenheimer Altar, eines der bedeutendsten Werke der deutschen Kunstgeschichte, dient Scheller als Reflexionspunkt für die Frage, wie eine Gesellschaft mit Leiden und Schmerz umgeht und welche Bedeutung deren künstlerische Darstellung hat. Das Werk wird damit nicht nur kunsthistorisch betrachtet, sondern als zeitlose Mahnung gegen eine Kultur der Schmerzverleugnung verstanden.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:03 „Wir haben interessanterweise neulich einen Text im Füllton gehabt von dem Kollegen Jörg Scheller. Es ging um eine alte christliche Darstellung von Jesus Tod am Kreuz.“
Ein Feuilleton-Text, der die Darstellung des Leidens am Kreuz als Symbol gegen die gesellschaftliche Tendenz zur totalen Schmerzvermeidung interpretiert.
Isenheimer Altar
Matthias Grünewald
Der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (1512-1516) zeigt eine drastische Darstellung des sterbenden Christus und wird als kulturelles Gegenbild zu einer modernen, schmerzfreien Gesellschaft diskutiert. Die intensive Leidenssymbolik des Altars wirkt erhellend in einer Zeit, die jeden Schmerz eliminieren möchte und dadurch möglicherweise an Intensität und Tiefe verliert. Das Werk hinterfragt, welchen Preis die Abschaffung von Leiden hat.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:08 „Wir haben interessanterweise neulich einen Text im Föton gehabt von dem Kollegen Jörg Scheller. Es ging um eine alte christliche Darstellung von Jesus Tod am Kreuz. Du weißt, glaube ich, noch welches es war. Ich glaube, den Isenheimer Alter von Höhenwald.“
Lars Weisbrod bringt den Isenheimer Altar als kulturelles Gegenbild zur schmerzfreien Gesellschaft der Sacklers ins Gespräch. Er zitiert Jörg Schellers These, dass die drastische Leidensdarstellung Christi am Kreuz in einer Gesellschaft, die jeden Schmerz eliminieren will, gerade deshalb erhellend wirke — weil der Versuch, Schmerz gänzlich abzuschaffen, mit dem Verlust von Intensität und Erlösung einhergehen könne.
Text über den Isenheimer Altar
Jörg Scheller
Der Artikel behandelt den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald als kulturhistorisches Meisterwerk und Ausgangspunkt für eine Reflexion über die gesellschaftliche Schmerzvermeidung. Der Text argumentiert, dass moderne Bemühungen zur Eliminierung von Schmerz – etwa durch Opioide oder das Unterbinden von Unbehagen – zu einem Verlust von existenzieller Intensität und menschlicher Tiefe führen. Die unmittelbare Darstellung des Leidens im Altar wird als erhellendes Symbol einer differenzierteren Sicht auf Schmerz in Gesellschaften verstanden, die ihn zu verdrängen suchen.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:25 „Vor allem das Leiden am Kreuz erscheint in seiner direkten Drastik als unzeitgemäßes, aber gerade deshalb erhellendes Symbol in Gesellschaften, die sich den Kampf gegen Schmerzen aller Art auf die Fahnen schreiben.“
Lars Weisbrod verweist auf einen Artikel des Kollegen Jörg Scheller im Feuilleton der ZEIT, der den Isenheimer Altar als Ausgangspunkt nimmt, um über die gesellschaftliche Schmerzvermeidung zu reflektieren. Scheller argumentiert, dass die Eliminierung von Schmerz — ob durch Opioide oder durch das Unterbinden von Mikroaggressionen — mit einem Verlust von Intensität und Ekstase einhergehe. Lars nutzt den Text als Brücke zwischen der Opioid-Krise und einer breiteren kulturkritischen Debatte.