Die sogenannte Gegenwart – Trauma ist für alle da
#038

Trauma ist für alle da

Die sogenannte Gegenwart / 21. Februar 2022 / 14 Medien

Nina Pauer, Ijoma Mangold

Der Begriff "Trauma" hat in den letzten Jahren eine inflationäre Verwendung erfahren — vom klinischen Fachbegriff zur beliebten Selbstbeschreibung. Die Folge fragt, ob es mittlerweile so etwas wie "Traumapornografie" gibt, also eine Lust an der fiktionalen Aufbereitung von Leid, und warum der Begriff so stark ausfranst, dass schon das Anmeckern von Kindern als traumatisierend gelten kann.

„Ob es mittlerweile vielleicht sogar so etwas gibt wie Traumapornografie, also eine reine Lust und Erregung an der fiktionalen Aufbereitung von Traumata und Leid, die ein Publikum zum Beispiel beim Lesen empfindet.“
🗣 Nina Pauer

Erwähnte Medien (14)

Kriegsenkel

Kriegsenkel

Sabine Bode · 2010

Die Kriegsvergangenheit zeigt auch heute noch in vielen Familien Spuren, bis in die zweite und dritte Generation hinein. Jetzt meldet sich die Generation der Kinder der Kriegskinder zu Wort. Sie sind in den Zeiten des Wohlstands aufgewachsen. Noch ist es ein völlig neuer Gedanke, sich vorzustellen, ihre tief sitzende Verunsicherung könnte von den Eltern stammen, die ihre Kriegserlebnisse nicht verarbeitet haben.

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:24:09 „Den einen verknüpfe ich jetzt mal mit dem Namen Sabine Bode, eine Sachbuchautorin, die sehr, sehr erfolgreiche Bestsellerbücher geschrieben hat über die Erfahrungen der Enkelgeneration derer, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben.“

Im Gespräch über die inflationäre Verwendung des Trauma-Begriffs nennt Ijoma Mangold Sabine Bode als Beispiel für die Popularisierung des Konzepts transgenerationeller Traumata. Ihre Bestseller-Sachbücher über die Kriegsenkel-Generation hätten die Idee verbreitet, dass Traumata sich epigenetisch über Generationen weitervererben können — etwa vom gefallenen Großvater über die Mutter bis zum Enkel.

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Dantons Tod

Dantons Tod

Georg Büchner

Georg Büchners dramatisches Werk "Dantons Tod" thematisiert die existenzielle Desillusionierung eines revolutionären Idealisters, der an der Bedeutungslosigkeit des alltäglichen Lebens zerbricht. Danton verkörpert den verlorenen Glauben an die Revolution und kämpft gegen die erdrückende Langeweile der Wiederholung – ein Zustand, der sowohl die persönliche als auch die politische Sinnlosigkeit offenbart. Das Drama stellt fundamentale Fragen zur menschlichen Existenz und der Fähigkeit, angesichts von Absurdität und Alltäglichkeit weiterzuleben.

🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:26:50 „Da ging es um eine Danton-Inszenierung und ein schwarzer deutscher Schauspieler, der da die Figur, ich glaube, eines haitianischen Sklavenaufstand-Anführers spielte, sagte, dass er in irgendeiner Weise sich diskriminiert gefühlt habe.“

Mangold erwähnt eine Danton-Inszenierung am Schauspielhaus Düsseldorf als Beispiel für die Debatte um Rassismus und Retraumatisierung im Theater. Die Inszenierung löste eine größere Bewegung schwarzer deutscher Schauspieler aus, die einen eigenen Safe Space forderten.

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Danton-Inszenierung am Schauspielhaus Düsseldorf

Danton-Inszenierung am Schauspielhaus Düsseldorf

Dantons Tod-Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses, die Gegenstand einer öffentlichen Rassismus-Debatte wurde. Ein schwarzer deutscher Schauspieler war beteiligt und die Inszenierung wurde zum konkreten Beispiel für diskutierte Fragen rund um Retraumatisierung, Safe Spaces und strukturelle Probleme im Kulturbetrieb. Das Stück illustriert den Konflikt zwischen künstlerischer Freiheit und dem Umgang mit sensiblen Themen auf der Bühne.

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:04 „es gab eine Debatte über Rassismus am Schauspielhaus Düsseldorf. Da ging es um eine Danton-Inszenierung und ein schwarzer deutscher Schauspieler“

Eine Theaterinszenierung wird als konkretes Beispiel für die Debatte um Retraumatisierung und Safe Spaces im Kulturbetrieb angeführt

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Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren

Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren

Svenja Flaßpöhler · 2021

»Sensibilität ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Im Kampf um Anerkennung unterdrückter Gruppen spielt sie eine wichtige Rolle. Aber sie kann auch vom Progressiven ins Regressive kippen. Über diese Dialektik müssen wir nachdenken, um die gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden.« Svenja Flaßpöhler Mehr denn je sind wir damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren.

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:31:00 „Die Hypersensibilität, die Svenja Flaßpöhler hat darüber auch ein interessantes Buch geschrieben, die wird ja als Wert bekräftigt. Also der hypersensible Mensch, das ist ja keine Schwäche, sondern eine Auszeichnung.“

Im Gespräch über den gesellschaftlichen Wertewandel von Härte zu Weichheit und die Aufwertung von Verletzlichkeit erwähnt Mangold Flasspöhlers Buch als relevanten Beitrag zur Debatte über Hypersensibilität. Er nutzt es als Beleg dafür, dass Empfindlichkeit in unserer Zeit zur Auszeichnung geworden ist.

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The Coddling of the American Mind

The Coddling of the American Mind

Greg Lukianoff, Jonathan Haidt · 2018

Something is going wrong on many college campuses in the last few years. Rates of anxiety, depression, and suicide are rising. Speakers are shouted down. Students and professors say they are walking on eggshells and afraid to speak honestly. How did this happen? First Amendment expert Greg Lukianoff and social psychologist Jonathan Haidt show how the new problems on campus have their origins in three terrible ideas that have become increasingly woven into American childhood and education: what d...

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:32:05 „Jonathan Haidt, oder Haidt, H-A-I-D-T, ein amerikanischer Sozialpsychologe, der an der New York University lehrt, der hat in diesem ganzen Kontext, du hast es schon angesprochen, Trigger Warning, Safe Spaces, der hatte mal versucht, nach einer Erklärung zu suchen, wie es zu dieser psychologischen Innenausstattung der jüngeren Generation gekommen ist.“

Mangold führt Jonathan Haidts These an, wonach die unbeaufsichtigte Kindheit früherer Generationen eine natürliche Resilienz förderte, die heutigen überbehüteten Kindern fehle. Haidt dient als sozialpsychologische Erklärung für die gestiegene Empfindlichkeit der jüngeren Generation rund um Trigger Warnings und Safe Spaces.

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Schmerz lass nach

Schmerz lass nach

Johannes Franzen

Der Artikel analysiert die zunehmende Verwendung von Traumata als zentrales Erzählmittel in Literatur und Serien. Autor Johannes Franzen beobachtet, dass zeitgenössische Werke inflationär auf traumatische Hintergrundgeschichten zurückgreifen, um ihren Figuren psychologische Tiefe zu verleihen. Der Text dokumentiert wachsende Kritik an diesem narrativen Trend und hinterfragt, ob die Übernutzung des Trauma-Motivs künstlerisch berechtigt ist.

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:33:34 „Wir haben beide mit großem Interesse einen Text von einem Kollegen auf Zeit Online, nämlich Johannes Franzen, gelesen. Der hieß Schmerz lass nach oder heißt, den sollte man sich mal reinziehen und der beruft sich wiederum auch auf ein Essay aus dem New Yorker von der Autorin Parul Segal.“

Pauer stellt den Zeit-Online-Artikel als zentralen Ausgangspunkt für die Diskussion über den sogenannten Trauma-Plot in Literatur und Serien vor. Franzen fasst darin die Beobachtung zusammen, dass zeitgenössische Erzählungen inflationär auf traumatische Hintergrundgeschichten als Tiefenschablone für Figuren zurückgreifen.

Zum Artikel bei ZEIT Online Details
The Trauma Plot

The Trauma Plot

Parul Sehgal · 2022

Es liegt die Vermutung nahe, dass es für ›die Jugend‹ gerade in den frühen Nachkriegsjahren einen großen Bedarf an Sinn und Trost, an Religion und ›Religioidem‹ (Simmel) gegeben habe. Aber war es tatsächlich so? Gerade die junge Generation hatte sich mit einer nie dagewesenen »transzendentalen Obdachlosigkeit« (G. Lukács) auseinanderzusetzen.

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:33:34 „Der beruft sich wiederum auch auf ein Essay aus dem New Yorker von der Autorin Parul Segal. Da geht es um den Trauma-Plot, besonders in der Literatur, aber auch in Serien.“

Pauer verweist auf Sehgals einflussreiches New-Yorker-Essay als Ursprung des Begriffs 'Trauma-Plot'. Das Essay beschreibt das Muster, dass Protagonisten in zeitgenössischer Literatur und Serien auf ihre Symptome reduziert werden und die Handlung darin besteht, Schicht für Schicht die traumatische Vorgeschichte freizulegen.

Zum Artikel bei The New Yorker Details
Homeland

Homeland

Howard Gordon, Alex Gansa · 2011

Top CIA Officer Carrie Mathison leistet großartige Arbeit im vielfältigen Kampf gegen den Terrorismus. Mit Hilfe ihres langjährigen Mentors Saul Berenson gibt die furchtlose Carrie alles und riskiert hierfür persönliches Wohl und Geisteszustand. Ihre bipolare Störung macht sie dabei verletzlich und unberechenbar.

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:33:50 „Mir fiel jetzt auch nochmal ein, der Brody, wie heißt er mit Vornamen, dieser aus Homeland, der dann traumatisiert da aus dem Krieg kommt und immer auf dem Boden schläft deshalb. Also er kann nicht mehr im Bett schlafen, weil er immer in der Gefangenschaft auf dem Boden geschlafen hat.“

Pauer nennt die Figur Brody aus Homeland als konkretes Beispiel für den Trauma-Plot in Serien. Brodys Kriegstraumatisierung und seine Symptome – etwa das Schlafen auf dem Boden – illustrieren das Muster, dass Figuren durch ihre traumatischen Symptome definiert werden.

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James Bond

James Bond

Ian Fleming · 2012

James Bond erhält eine kryptische Nachricht aus seiner Vergangenheit, die ihn auf die Spur einer finsteren Organisation bringt. Bond muss immer mehr entdecken, dass es viele Täuschungen und Lügen gibt, die er entschlüsseln muss. Während sein Boss M mit anderen Problemen kämpft, mit politischen Kräften konfrontiert ist, die den ganzen Geheimdienst gefährden, erkennt Bond erst nach und nach die schreckliche Wahrheit hinter Spectre.

🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:35:16 „James Bond wird da zum Beispiel genannt, das reicht nicht, jeder muss jetzt einfach eine traumatische Vorgeschichte haben.“

Pauer erwähnt die James-Bond-Filmreihe als weiteres Beispiel für den Trauma-Plot-Trend. Selbst eine klassische Action-Figur wie Bond dürfe heute keine Freude mehr am Schießen haben, sondern müsse von inneren Dämonen geplagt sein – ein Zeichen dafür, wie allgegenwärtig die traumatische Hintergrundgeschichte als Erzählkonvention geworden ist.

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Ein wenig Leben

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara · 2017

"Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.

🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:35:24 „im Zentrum dieser Auseinandersetzung, weil man es da so gut beschreiben kann wie bei keinem anderen Buch, steht der Roman von der Hanya Yana Gihara, der, ich vermute, schon wieder länger her, 2016 oder so, erschienen ist, hier in Deutschland bei Hansa Berlin. Ein wenig Leben.“

Zentrales Beispiel für den Trauma-Plot in der Literatur – der Roman wird ausführlich besprochen als Paradebeispiel für die Instrumentalisierung von Traumata zur Figurenvertiefung

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WDR-Dokumentation über Missbrauchsopfer

WDR-Dokumentation über Missbrauchsopfer

Die WDR-Dokumentation erzählt die Geschichte eines Mannes, der als Kind in einer evangelischen Einrichtung sexuell missbraucht wurde. Sie bietet eine authentische, nicht-fiktionalisierte Perspektive auf Missbrauchstraumatisierung und Aufarbeitung.

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:42:15 „ich habe tatsächlich vorletzte Woche, ne letzte Woche eine Doku gesehen über, im WDR über Missbrauchsopfer“

Nina Pauer beschreibt eine WDR-Dokumentation über einen 65-jährigen Mann, der als Kind in einer evangelischen Einrichtung missbraucht wurde, als Gegenbeispiel zur fiktionalisierten Traumadarstellung in Literatur

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Das Deutsche Krokodil

Das Deutsche Krokodil

Ijoma Mangold · 2017

Ijoma Alexander Mangold lautet sein vollständiger Name; er hat dunkle Haut, dunkle Locken. In den siebziger Jahren wächst er in Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater ist aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, geht er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründet dort eine neue Familie. Erst zweiundzwanzig Jahre später meldet er sich wieder und bringt Unruhe in die Verhältnisse.

🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:50:05 „ich hatte mal auch schon wieder vier, fünf Jahre her ein Memoir geschrieben, das Deutsche Krokodil. Und da habe ich mich mit dieser Frage der Verdrängung, des Verdrängten und des Traumas auch auseinandergesetzt“

Mangold liest eine längere Passage aus seinem eigenen Memoir vor, in der er den Trauma-Begriff und die Sehnsucht nach Unversehrtheit kritisch hinterfragt

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Über den Prozess der Zivilisation

Über den Prozess der Zivilisation

Norbert Elias

Das Werk untersucht den Zivilisationsprozess als historische Entwicklung von Affektkontrolle: Menschen werden zunehmend sensibler, Aggressivität wird weniger toleriert, gegenseitige Rücksichtnahme erweitert sich. Diese Sublimierung roher Impulse ermöglicht Spitzenleistungen, führt aber auch zu Überempfindlichkeit und neurotischen Reaktionen.

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:54:43 „Also auch in einer längeren historischen Perspektive, so wie Norbert Elias den Prozess der Zivilisation beschreibt, das ist auch ein Prozess einerseits der Affektdisziplinierung, aber auch der Verinnerlichung.“

Mangold ordnet die zunehmende Beschäftigung mit dem Seelischen und Trauma in eine größere zivilisationsgeschichtliche Perspektive ein. Er verweist auf Norbert Elias' Hauptwerk, um zu zeigen, dass die wachsende Verinnerlichung kein neues Phänomen ist, sondern Teil eines langen historischen Prozesses der Affektkontrolle und Selbstregulierung.

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Mein langer Lauf zu mir selbst

Mein langer Lauf zu mir selbst

Joschka Fischer

Eine Autobiografie über persönliche Transformation durch Marathon-Laufen und körperliche Erneuerung. Das intensive Training führte zur Gewichtsabnahme und einer tiefgreifenden inneren Umgestaltung, die zum Symbol für die Neuerfindung als seriöser Staatsmann wurde.

🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:58:05 „Joschka Fischer machte damals einen berühmten Lauf zu sich selbst, nahm ab, der Speck verschwand und er erfand sich neu im Dreiteiler mit Krawatte und war dann irgendwann ganz identisch mit dem Dreiteiler und der Krawatte.“

In der Schlussrubrik vergleicht Mangold Robert Habecks Auftreten als Minister mit Joschka Fischers Wandlung während Rot-Grün. Die Formulierung 'Lauf zu sich selbst' spielt auf Fischers bekanntes Buch über seine Marathon-Transformation an, das zum Symbol seiner Neuerfindung als seriöser Staatsmann wurde.

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