Nicht ankleben, sondern anpacken
Roman Pletter, Mariam Lau & Olaf Scholz
Roman Pletter und Mariam Lau haben Bundeskanzler Olaf Scholz im Hamburger Audimax zur Langen Nacht der Zeit interviewt — 90 Minuten über Ukraine, das Heizungsgesetz und sogar seine Ehe. Im Nachgespräch auf der Bühne zeigt sich Mariam Lau überrascht: Scholz wirkte in seiner Heimatstadt sichtlich wohl, gestand auf Nachfrage zu Nord Stream fast einen Fehler ein und wählte beim Heizungsstreit einen Ton, der auffällig nah an FDP-Kritik war.
„Also mit Verboten und Belehrungen... das war im Ton tatsächlich relativ nah an der FDP-Kritik dran.“
Erwähnte Medien (7)
Rede Wladimir Putins im Deutschen Bundestag
Wladimir Putin · 2025
DEUTSCHE OSTEUROPAPOLITIK – HINTERGRÜNDE UND POLITISCHE ENTSCHEIDUNGSPROZESSE Die Geschichte, Kultur und Politik Osteuropas während eines Krieges zu studieren und zu reflektieren, ist eine Herausforderung. Wie wird Osteuropa, wie wird Europa am Ende des Krieges beschaffen sein? Wie werden Geschichte und Kultur des östlichen Europas im Zuge des Krieges neu bewertet werden? Wie kann man erklären, dass es nach der Annexion der Krim keine entschlossene Kehrtwende in der deutschen Russlandpolitik gab...
🗣 Olaf Scholz referenziert bei ⏱ 00:07:13 „Ich will auch hier gerne bekennen, dass ich die Rede des russischen Präsidenten im Deutschen Bundestag nie so toll fand wie viele andere, weil sie aus meiner Sicht eine Rede war gegen das Konzept der Europäischen Union. Weil wenn man sagt, lasst uns das alles beiseite lassen und von Lissabon bis Wladiwostok einen einheitlichen Raum schaffen, ist das eine Aussage, dass es nicht die Europäische Union sein soll.“
Scholz erläutert seine frühe Skepsis gegenüber Russland und distanziert sich von der damaligen Begeisterung über Putins Bundestagsrede von 2001. Er interpretiert Putins Vorschlag eines einheitlichen Raums von Lissabon bis Wladiwostok als gezielte Untergrabung der Europäischen Union – eine Lesart, die er damals gegen den Mainstream vertrat.
Rückkehr nach Reims
Didier Eribon
Eine autobiografische Reflexion über die Rückkehr in die Heimatstadt und die Auseinandersetzung mit Arbeiterklassen-Herkunft, familiärer Gewalt und sozialen Strukturen. Eribon zeigt, wie Armut und soziale Umstände menschliches Verhalten prägen und ermöglicht damit Verständnis für frühere Generationen.
🗣 Roman Pletter referenziert bei ⏱ 00:32:33 „Sie haben derzeit mal erzählt, dass die Bücher von Didier Eribon und J.D. Vance Sie sehr beeindruckt haben und geradezu zu Tränen gerührt. Können Sie uns beschreiben, was Sie daran so berührt hat?“
Roman Pletter konfrontiert Olaf Scholz mit einer früheren Aussage, wonach ihn die Bücher von Eribon und Vance zu Tränen gerührt hätten. Scholz erklärt daraufhin, dass beide Autoren beschreiben, wie sie sich trotz schwieriger Herkunft durchgekämpft haben, und dass ihn als Sozialdemokrat die Frage bewegt, ob Herkunft Lebenschancen verbauen darf.
Hillbilly Elegy
J.D. Vance
From a former marine and Yale Law School graduate, this book is a probing look at the struggles of America's white working class through the author's own story of growing up in a poor Rust Belt town. Hillbilly Elegy is a passionate and personal analysis of a culture in crisis - that of poor, white Americans.
🗣 Roman Pletter referenziert bei ⏱ 00:32:33 „Sie haben derzeit mal erzählt, dass die Bücher von Didier Eribon und J.D. Vance Sie sehr beeindruckt haben und geradezu zu Tränen gerührt. Können Sie uns beschreiben, was Sie daran so berührt hat?“
Im Kontext von sozialer Gerechtigkeit und Respekt fragt Pletter nach Scholz' emotionaler Reaktion auf die Bücher von Eribon und Vance. Scholz nutzt beide als Beleg dafür, dass Menschen eine echte Lebensperspektive brauchen, nicht bloß Entschädigung – ein Kernthema seiner Sozialpolitik.
Der arbeitende Souverän
Axel Honneth · 2023
Welche Rolle spielt die Organisation von Arbeitsverhältnissen für die Bestandssicherung eines demokratischen Gemeinwesens? Dieser Frage geht Axel Honneth in seiner großen Monografie nach, deren Schlüsselbegriffe »gesellschaftliche Arbeit« und »soziale Arbeitsteilung« sind. Honneths zentrale These lautet: Die Teilnahme an der demokratischen Willensbildung ist an die Voraussetzung einer transparent und fair geregelten Arbeitsteilung gebunden. Dass das heute nicht in ausreichendem Maß der Fall ist,
🗣 Olaf Scholz referenziert bei ⏱ 00:50:21 „Ich habe gerade ein Buch gelesen von Axel Honneth, das mich sehr beeindruckt hat, Der arbeitende Souverän.“
Auf die Frage, was er gerade lese, empfiehlt Scholz Axel Honneths Buch über die Rolle der Arbeit in der Demokratie.
Achieving Our Country
Richard Rorty · 1999
One of America's foremost philosophers challenges the lost generation of the American Left to understand the role it might play in the great tradition of democratic intellectual labor that started with writers such as Walt Whitman and John Dewey.
🗣 Olaf Scholz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:51:13 „Achieving Our Country. Also das ist ja genau das Thema, was wir gerade hatten mit der Identitätspolitik. Ja, da ist er politisch immer sehr klar gewesen und da stimme ich sogar zu 100 Prozent mit ihm überein, dass er gewarnt hat vor diesen jetzt linken identitätspolitischen Diskursen, wenn sie übertrieben sind.“
Im Anschluss an die Honneth-Empfehlung erwähnt Scholz Rortys Buch zum Thema Identitätspolitik. Er stimmt Rortys Warnung vor übertriebenen identitätspolitischen Diskursen zu 100 Prozent zu und ordnet das Buch in den amerikanischen Pragmatismus als Philosophie ein, der auch praktisch im politischen Alltag helfe.
Erschütterungen: Was unsere Demokratie von außen und innen bedroht
Joachim Gauck · 2023
Was unsere Demokratie bedroht: Joachim Gauck über die Gefahren von außen und innen - der Bestseller in aktualisierter Fassung Die Erfolge der Rechts- und Linkspopulisten nicht nur in Deutschland und die russische Aggression gegen die Ukraine zeigen, wie sehr unsere liberale Demokratie von innen und außen bedroht ist. Wie kam es dazu? Joachim Gauck geht der Frage nach, weshalb das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in die liberalen Prinzipien unserer Demokratie erschüttert ist.
🗣 Roman Pletter zitiert daraus bei ⏱ 00:54:30 „Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck schreibt in seinem neuen Buch, die Westdeutschen, vor allem die Linken, hätten bis 1989 die Bürgerrechtler im Osten oft schlechter behandelt als deren Unterdrückerregimes. Helmut Schmidt beispielsweise hielt es lieber mit dem polnischen General Jaruzelski als mit den Arbeitern von der Solidarność.“
Pletter zitiert aus Gaucks neuem Buch eine provokante These über die westdeutsche Linke und ihre Haltung gegenüber osteuropäischen Bürgerrechtlern vor 1989. Er nutzt das Zitat, um Scholz zu fragen, ob er die polnische und ukrainische Skepsis gegenüber der deutschen Ostpolitik nachvollziehen kann.
Wie Russland die Demokratie gewann und wieder verlor
Sachbuch über Russlands politische Geschichte: Wie das Land nach dem Sowjet-Zusammenbruch eine kurze Chance für Demokratie hatte, diese aber unter Putins Herrschaft verlor und in einen revisionistischen, expansiven Kurs verfiel. Das Werk behandelt das "demokratische Fenster" als prägendes Moment für Russlands Weg ins Autoritäre.
🗣 Olaf Scholz referenziert bei ⏱ 00:56:57 „Es gibt ein schönes Buch mit dem Titel Wie Russland die Demokratie gewann und wieder verlor. Das mich sehr beeindruckt hat und auch nicht alles ist, was sich dazu zu sagen hat, aber dass es sehr symbolisiert. Es ist sehr bedrückend gewesen zu sehen, dass Russland einen kurzen Moment hatte, wo die Demokratie eine Chance hatte.“
Scholz wird nach den Ursprüngen seiner Russland-Skepsis gefragt, die ihn innerhalb der SPD von Gerhard Schröder unterschied. Er nennt dieses Buch als prägend für sein Verständnis, wie Russland nach einem kurzen demokratischen Fenster unter Putin einen revisionistischen Kurs einschlug. Das Buch untermauert seine frühe Distanz zu Moskau.