Was liest du gerade? – Eine Liebe aus Klagenfurt und eine in Ost-Berlin
#021

Eine Liebe aus Klagenfurt und eine in Ost-Berlin

Was liest du gerade? / 29. Juni 2024 / 20 Medien

Iris Radisch, Adam Soboczynski

In dieser Folge geht es um Jenny Erpenbecks Roman «Kairos», der nach dem International Booker Prize in Großbritannien so gefragt ist, dass er ausverkauft ist — eine Liebesgeschichte im untergehenden Ost-Berlin. Dazu kommen Entdeckungen aus dem Nachlass von Ingeborg Bachmann, der großen Klagenfurterin, und eine Kurzgeschichte von Heiner Müller. Zum Einstieg entspinnt sich eine lebhafte Debatte über die Langeweile als Grundgefühl der modernen Existenz — und ob das wirklich so schlimm ist.

„Die schlimmsten Menschen sind doch diejenigen, die ständig mit großen Augen durch die Welt laufen und sich vor Glück gar nicht einkriegen können. Es muss ja etwas Sparsames sein, das Schöne, sonst ist es nicht mehr schön.“
🗣 Adam Soboczynski

Erwähnte Medien (20)

Die Frau mit den vier Armen
Buch

Die Frau mit den vier Armen

Jakob Nolte

🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:04:40 „Der Autor heißt Jakob Nollte, der hat im Surkamp Verlag einen Roman geschrieben mit dem Titel Die Frau mit den vier Armen. Das ist erstmal überhaupt ein schöner Titel. Zweitens ist das ein, ja, ungewöhnlicher, düsterer, durchaus humorvoller, etwas verrückter, ungewöhnlicher Krimi, der das Krimi-Genre allerdings verlässt, weil er gegenwärts analytisch ist, auch so Film-Noir-Elemente hat und interessanterweise eine zwar häufig besprochene, aber immer noch unterschätzte Stadt behandelt, nämlich Hannover.“

Das Buch wird als Hauptempfehlung der Episode ausführlich besprochen. Adam Soboczynski und Iris Radisch diskutieren den Roman als ungewöhnlichen Krimi mit philosophischen Passagen, Film-Noir-Elementen und ironischem Stil, der in Hannover spielt. Iris Radisch lobt besonders die Kombination aus kurzen Blicken ins All, pascalschen Gedanken und der Krimihandlung.

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Senza Casa – Autobiografische Skizzen, Notate
Buch

Senza Casa – Autobiografische Skizzen, Notate

Ingeborg Bachmann

🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:06:43 „Senza Casa heißen die, Senza Casa, autobiografische Skizzen, Notate“

Posthum veröffentlichte Zettel und Notizen aus Ingeborg Bachmanns Nachlass, die in der großen Ausgabe ihrer gesammelten Werke erscheinen

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Senza Casa
Buch

Senza Casa

Ingeborg Bachmann

🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:07:21 „Ingeborg Bachmann. Das sind Zettel, Notizen, die in ihrem Nachlass, also nicht gefunden wurden, sondern da schon lange in ihrem Nachlass liegen, aber jetzt in der großen Ausgabe ihrer gesammelten Werke eben posthum veröffentlicht werden dürfen. Und das ist schon sehr interessant.“

Die posthum veröffentlichten autobiografischen Skizzen und Notate von Ingeborg Bachmann werden ausführlich besprochen. Die Texte zeigen ihre existenzielle Unruhe, die gescheiterten Liebesbeziehungen mit Hans Werner Henze und Paul Celan, ihre Italien-Sehnsucht und die psychische Erschütterung nach der Trennung von Max Frisch. Besonders die ungeschützten, teils auf Italienisch verfassten Klagen beeindrucken die beiden Kritiker.

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Kriegstagebuch
Buch

Kriegstagebuch

Ingeborg Bachmann

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:09:39 „Das ist retrospektiv auch schon in dem sogenannten Kriegstagebuch war das auch schon mal veröffentlicht. Das ist also die Zeit, wo diese autobiografische Skizze herkommt.“

Das bereits früher veröffentlichte Kriegstagebuch von Ingeborg Bachmann wird als Vergleichstext zu den neuen Nachlass-Notaten erwähnt. Die autobiografische Skizze über ihre Kindheit im Nationalsozialismus war dort bereits zu lesen.

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Briefwechsel Max Frisch – Ingeborg Bachmann
Buch

Briefwechsel Max Frisch – Ingeborg Bachmann

🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:10:48 „Wie auch kürzlich erst unsere Hörerinnen und Hörer werden das vielleicht wissen, gab es ja auch den Briefwechsel zwischen Max Frisch und ihr. Du hast ja auch darüber geschrieben, ein großes Ereignis, dass das erscheinen konnte.“

Der lange gesperrte Briefwechsel zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann wird im Zusammenhang mit den neuen Nachlass-Notaten erwähnt. Iris Radisch erklärt, dass der Briefwechsel erst Jahrzehnte nach dem Tod beider veröffentlicht werden durfte und viel Spekulation über die Schuldfrage in dieser Liebesbeziehung auslöste.

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Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Werner Henze
Buch

Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Werner Henze

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:12:21 „Das hat wirklich eine Note, eine Note der Verzweiflung, die mir, wenn man sich den Briefwechsel zwischen den beiden, der ja schon lange ediert ist, anguckt, so nicht klar war.“

Der bereits edierte Briefwechsel zwischen Bachmann und dem Komponisten Hans Werner Henze wird als Vergleichsgrundlage herangezogen. Iris Radisch stellt fest, dass die neuen Notate eine Verzweiflung zeigen, die im bekannten Briefwechsel so nicht sichtbar war.

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Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Paul Celan
Buch

Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Paul Celan

Ingeborg Bachmann / Paul Celan

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:14:14 „die andere große gescheiterte Liebesgeschichte mit Paul Celan, den sie ganz jung in Wien kennengelernt hat“

Die Liebesbeziehung zwischen Bachmann und Celan wird im Kontext der Pariser Notate erwähnt; der edierte Briefwechsel der beiden ist implizit referenziert

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Buch

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Rainer Maria Rilke · 1910

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:15:58 „Wo sie einsam ist, wo sie dieses typische Malte-Lauretz-Brigge-Gefühl alleine im Hotel und so weiter und so weiter.“

Iris Radisch vergleicht Bachmanns Einsamkeitsgefühl in Paris mit dem berühmten Roman von Rilke. Das Bild des einsamen Fremden im Hotelzimmer einer feindseligen Großstadt dient als literarische Referenz für Bachmanns Pariser Aufzeichnungen.

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Mein Name sei Gantenbein
Buch

Mein Name sei Gantenbein

Max Frisch

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:17:34 „Er hat versucht, das Romanmanuskript von Mein Name sei Gantenbein, das ist ja der Roman, in dem sie sich so verraten fühlte in der Figur der Lila, dass er ihr das gezeigt hat, damit sie Änderungswünsche und so weiter.“

Der Roman wird im Kontext der Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann erwähnt. Bachmann fühlte sich in der Romanfigur Lila verraten und porträtiert – ein Vorgang, den sie laut den neuen Notaten als unverzeihlich empfand und der zu ihrer psychischen Erschütterung beitrug.

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Kairos
Buch

Kairos

Jenny Erpenbeck

🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:23:53 „Wir werden uns heute beschäftigen insgesamt mit drei weiteren Büchern, wie immer, nämlich mit Jenny Erpenbeck, Kairos, ein Buch, das schon 2021 erschienen ist Kairos, was aber jetzt sich rasend gut verkauft, weil es einen internationalen Preis bekommen hat, den International Booker Preis in Großbritannien und es ist auch gerade ausverkauft.“

Der Roman wird ausführlich besprochen, weil er den International Booker Prize gewonnen hat und sich dadurch rasend gut verkauft. Das Buch handelt von einer toxischen Liebesbeziehung zwischen dem 53-jährigen Schriftsteller Hans und der 19-jährigen Katharina im Ost-Berlin der späten 1980er Jahre. Die Diskussion dreht sich um die Darstellung des DDR-Intellektuellenmilieus und die Frage, ob das Buch in Deutschland unterschätzt wurde.

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Der preußische Ikarus
Musik

Der preußische Ikarus

🗣 Iris Radisch erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:24:48 „man singt den preußischen Icarus“

Wird als Beispiel für die DDR-Kulturwelt im Roman Kairos genannt, in der ständig Brecht, Eisler und Busch präsent sind

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Der preußische Ikarus
Buch

Der preußische Ikarus

Heiner Müller

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:26:39 „Mit Ernst Busch, man singt den preußischen Icarus, also es ist eine unendlich deutsche Thematik.“

Iris Radisch beschreibt das DDR-Intellektuellenmilieu in Jenny Erpenbecks Roman Kairos und zählt die kulturellen Referenzen auf, mit denen sich die Figuren umgeben – darunter Brecht, Hans Eisler, Ernst Busch und eben Heiner Müllers Text 'Der preußische Ikarus'.

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Für unser Land (Aufruf)
Rede

Für unser Land (Aufruf)

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:29:15 „als dann so die Rede für unser Land. Es wird schon zugestanden, dass das Ideal nicht ganz verwirklicht war, aber es muss doch möglich sein. Bleibt in unserem Land, also dieser Aufruf zu bleiben, lasst uns einen dritten Weg finden.“

Der Aufruf 'Für unser Land' von November 1989, der zum Erhalt der DDR und einem dritten Weg aufrief, wird im Kontext von Erpenbecks Kairos erwähnt

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Rezension zu Jenny Erpenbecks Roman
Artikel

Rezension zu Jenny Erpenbecks Roman

Helmut Böttiger

🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:29:15 „In der Vorbereitung habe ich mir nochmal angeschaut, was über den Roman geschrieben worden ist. Der Kritiker Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung war schon der Kritischste, fand ich sehr interessant.“

Adam Soboczynski referiert Helmut Böttigers Kritik in der Süddeutschen Zeitung zum Erpenbeck-Roman. Böttiger habe pointiert argumentiert, dass das beschriebene Sondermilieu kein repräsentatives DDR-Bild einfange – bei der ersten freien Wahl hätten 48 Prozent Kohl gewählt. Soboczynski stimmt dieser Einschätzung weitgehend zu.

Zum Artikel bei Süddeutsche Zeitung
Rezension zu Kairos
Artikel

Rezension zu Kairos

Helmut Böttiger

🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:29:30 „Der Kritiker Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung war schon der Kritischste, fand ich sehr interessant. Er hat nämlich mehr oder weniger geschrieben, was ich interessant fand, dass ein Bild, eine Stimmungslage der DDR selbst, dadurch, dass hier so ein Sondermilieu beschrieben wird, einfach nicht aufgefangen wird.“

Adam Soboczynski zitiert die Kritik von Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung als die pointierteste unter den Rezensionen zu Erpenbecks Kairos. Böttigers Einwand: Durch die Fokussierung auf das DDR-Intellektuellenmilieu werde die tatsächliche Stimmungslage der DDR-Bevölkerung nicht eingefangen.

Zum Artikel bei Süddeutsche Zeitung
Der geteilte Himmel
Buch

Der geteilte Himmel

Christa Wolf

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:30:15 „Mir kam das, ich musste wirklich manchmal denken an diesen frühen Roman von Christa Wolf, Der geteilte Himmel, wo es dann doch auch ständig diesen Ost-West-Vergleich gibt und wo auch dann die Heldin sich entscheidet, ihrer Liebe, die in den Westen geht, nicht zu folgen.“

Iris Radisch zieht eine Parallele zwischen dem besprochenen Erpenbeck-Roman und Christa Wolfs frühem Roman. Beide Werke teilen den Ost-West-Vergleich und eine Protagonistin, die sich gegen den Westen entscheidet. Radisch sieht darin ein wiederkehrendes Muster der DDR-Literatur: das Zugeständnis, dass das Ideal nicht verwirklicht war, verbunden mit dem Appell, trotzdem zu bleiben.

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🎤
Rede

Für unser Land

🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:30:38 „In der Wende, als dann so die Rede für unser Land, es wird schon zugestanden, dass das Ideal nicht ganz verwirklicht war, aber es muss doch möglich sein. Bleibt in unserem Land also dieser Aufruf zu bleiben, lasst uns einen dritten Weg finden.“

Iris Radisch erwähnt den berühmten Aufruf 'Für unser Land' vom November 1989, der von DDR-Intellektuellen unterzeichnet wurde und für einen eigenständigen dritten Weg der DDR warb. Sie sieht im Erpenbeck-Roman genau diese Haltung gespiegelt: die Trauer darüber, dass dieser dritte Weg nie gefunden wurde und stattdessen alles 'abgewickelt' wurde.

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Das Boot
Film

Das Boot

Wolfgang Petersen

🗣 Adam Soboczynski erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:32:35 „Entweder sind es Romane über die Nazizeit oder über... Filme, natürlich wie das Boot, spielte eine irrsinnige Rolle. Oder, und das kam ja dann später auch diese Welle, oder es ist die Diktatur des Ostens.“

Adam Soboczynski erklärt, warum deutsche Literatur und Filme im Ausland so erfolgreich sind: Deutschland werde vor allem historisch und politisch rezipiert. Das Boot nennt er als Paradebeispiel für die internationale Faszination mit der deutschen Nazi-Vergangenheit, neben der späteren Welle von DDR-Stoffen.

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Das Leben der Anderen
Film

Das Leben der Anderen

Florian Henckel von Donnersmarck

🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:32:39 „Oder es ist die Diktatur des Ostens und die wird natürlich auch ausgefaltet und wird dann international auf einmal interessant, wie das Leben der anderen beispielsweise. Deutschland ist einfach das Land der totalitären Regime.“

Im Gespräch darüber, warum Erpenbecks Roman international so erfolgreich ist, nennt Soboczynski 'Das Leben der Anderen' als Beispiel für die zweite große Welle deutscher Stoffe im Ausland: nach den Nazi-Filmen kam das Interesse an der DDR-Diktatur. Er sieht Erpenbecks Erfolg in dieser Tradition.

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Das Eiserne Kreuz
Buch

Das Eiserne Kreuz

Heiner Müller

🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:35:59 „Und in dem Fall war es Heiner Müller und hat mich an einen Text erinnert, den ich kurioserweise, wahrscheinlich auch eher selten, in der Schule bekam, eine Kurzgeschichte zu lesen bekam. Wirklich kurz gedruckt, so etwa zwei Seiten. Das Eiserne Kreuz von 1956, also ein frühes Werk.“

Als Klassiker der Sendung stellt Adam Soboczynski Heiner Müllers Kurzgeschichte 'Das Eiserne Kreuz' von 1956 vor, die er über die Erpenbeck-Diskussion und deren Bezüge zu Müller wiedergefunden hat. Die Geschichte handelt von einem Familienvater, der im April 1945 Frau und Tochter erschießt, sich selbst aber nicht umbringt – und so von seiner Vergangenheit befreit in den Westen untertaucht. Beide Kritiker analysieren die Geschichte ausführlich als paradigmatisch für die Nachkriegszeit.

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