Schafft der Westen Urlaub nur noch mit Beruhigungsmitteln
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Die dritte Staffel von White Lotus führt nach Thailand, und die Begeisterung ist groß: Wieder stranden wohlstandsverwahrloste Reiche in einem Luxusresort, wieder ist am Ende jemand tot. Die Episode fragt, warum ausgerechnet Urlaub — dieser Ort des erzwungenen Glücks — ein so brillantes Brennglas für menschliche Abgründe ist, und ob die vermeintlich dummen, reichen Amerikaner auf der Leinwand nicht eigentlich ein Spiegel unserer selbst sind.
„Wieder kommen wunderbar wohlstandsverwahrloste, superreiche oder sehr reiche Figuren als Touristen auf eine traumhafte Insel, wo sie von den Hotelangestellten des Luxus-Ressort The White Lotus empfangen werden, die winken und lächeln und sie begrüßen mit irgendwelchen Blumengeschenken und am Ende ist wieder einer tot nach einer Woche.“
Erwähnte Medien (15)
The White Lotus
Mike White
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:01:19 „White Lotus ist wieder da. Die viel gefeierte HBO-Serie. In Deutschland kann man sie sehen bei Sky und Wow. Die dritte Staffel hat gerade angefangen und wir wollten spätestens schon bei der zweiten Staffel hier im Gegenwartspodcast über White Lotus sprechen.“
White Lotus ist das Hauptthema der gesamten Episode. Lars Weisbrod und Nina Pauer bezeichnen sich als 'Ultras' der Serie und besprechen ausführlich die drei Staffeln – Hawaii, Sizilien, Thailand. Sie loben Casting, Soundtrack, die ästhetische Inszenierung und den erzählerischen Trick des Foreshadowing mit einem Todesfall. Die Serie dient ihnen als Ausgangspunkt für eine Diskussion über Wohlstandsverwahrlosung, Glücksdruck im Urlaub und die Frage, ob die reichen amerikanischen Touristen eigentlich ein Spiegel des Publikums sind.
Ich möchte nochmal zwanzig sein
Zarah Leander
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:13:24 „Früher war ja sozusagen die Idee, ich weiß nicht, was ist das, Sarah Leander oder so, ich möchte nochmal 20 sein und so verliebt wie damals. Ich kenne es nur in der kölschen Version von Brings.“
Lars Weisbrod kontrastiert den Instagram-Trend, das eigene jüngere Ich auf einen Kaffee zu treffen, mit der älteren nostalgischen Tradition, die Jugend zurückzuwünschen. Er nennt Zarah Leanders berühmtes Lied als Beispiel für eine Nostalgie, die man sich heute nicht mehr zutraue.
Game of Thrones
David Benioff, D. B. Weiss / George R. R. Martin
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:17:22 „Man muss vielleicht gar nicht mehr dazu sagen, dass sie nicht nur bei Kritikern eine beliebte Serie ist, sondern auch vielleicht jetzt nicht die allergrößte Publikums-Serie, also es hat jetzt nicht Game of Thrones Einschaltquoten, aber doch von so vielen und so breit rezipiert wird.“
Lars Weisbrod nutzt Game of Thrones als Maßstab für Publikumserfolg, um White Lotus einzuordnen. Die Serie erreiche zwar nicht dieselben Einschaltquoten, sei aber trotzdem eines der großen Serienereignisse des Jahres.
Das Traumschiff
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:20:08 „Ich finde immer interessant, wenn man das so nacherzählt, so abstrakt, könnte man kurz als deutscher geschädigter öffentlich-rechtlicher Zuschauer denken, ist ja ein bisschen wie Traumschiff. Im Traumschiff kommen ja auch immer so Tristen aufs Boot, haben dann Kontakt mit dem Personal und dann gibt es so Probleme, die gelöst werden oder auch nicht.“
Lars Weisbrod stellt einen ironischen Vergleich zwischen White Lotus und dem ZDF-Traumschiff her: Beide erzählen von Touristen, die mit Personal interagieren und Probleme haben. Der Vergleich dient dazu, die Überlegenheit von White Lotus hervorzuheben – in den Details sei alles 'um so viel besser als öffentlich-rechtliches Traumschiff'.
Big Little Lies
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:21:25 „Ich glaube, man muss einmal kurz die sehr schöne Serie Big Little Lies nennen, die das so ein bisschen etabliert hat als interessantes Erzählprinzip aus Wohlstandswelten. Die erzählt ja aus so einer sehr wohlhabenden Community in Nordkalifornien und beginnt eben auch, oder zieht das zwischendurch durch, immer damit so vorauszublicken, auf ein Verbrechen, was passiert.“
Lars Weisbrod ordnet den Erzähltrick des Foreshadowing bei White Lotus serienhistorisch ein. Er nennt Big Little Lies als Vorbild, das dieses Prinzip – eine Vorausblende auf ein Verbrechen in einer Wohlstandswelt – als erzählerisches Mittel etabliert habe.
Club Las Piranjas
Hape Kerkeling
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:24:38 „Ich habe ja für die Serie noch mal Club Las Piranjas geguckt mit Harpe Kerkeling und da ist der Glücksdruck. Also auch da ist es übrigens interessant, wenn man gerade White Lotus frisch geguckt hat und alle da so winken, diese Hotelangestellten. Und dann sieht man so Harpe Kerkeling winken und das ist natürlich low level und sehr deutsch.“
Nina Pauer zieht eine Verbindung zwischen White Lotus und dem deutschen Urlaubsfilm Club Las Piranjas mit Hape Kerkeling. Sie hat den Film als Vergleich nochmal angeschaut und sieht im deutschen Pendant denselben Glücksdruck im Urlaub – nur eben 'low level und sehr deutsch' umgesetzt, etwa wenn ein Mann seine Frau auffordert, den Urlaub gefälligst zu genießen.
Sex and the City
Darren Star
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:44:57 „Ich würde mal sagen, es ist eigentlich eine ganz schöne Dekonstruktion von so einer Sex and the City Frauenfreundschaft, auch mit diesen unterschiedlichen Typen, die die drei verkörpern.“
Lars Weisbrod vergleicht die Konstellation der drei Freundinnen in White Lotus Staffel 3 mit der ikonischen Frauenfreundschaft aus Sex and the City. Er sieht White Lotus als Dekonstruktion dieses Modells – die oberflächliche gegenseitige Bestärkung kippt schnell ins Lästern, sobald eine der drei den Raum verlässt.
Justified
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:45:40 „Erwähnen muss man unbedingt noch den von mir sehr geschätzten Schauspieler Walton Goggins, den ich sehr schätze seit der Serie Justified.“
Lars Weisbrod erwähnt die Serie Justified als Referenz für den Schauspieler Walton Goggins, der in der dritten Staffel von White Lotus mitspielt. Er kennt und schätzt Goggins seit dessen Rolle in Justified und freut sich, ihn in White Lotus wiederzusehen.
Succession
Jesse Armstrong
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:52 „Du hast ja auch die Frage aufgeworfen, ist das eine Serie, in der wir uns über Reiche irgendwie lustig machen sollen, wie man das dann über manchmal über Succession gesagt hat, die Serie, oder über einen Film wie Glass Onion oder so.“
Ijoma Mangold nennt Succession als Vergleichsreferenz im Kontext der Frage, ob White Lotus primär eine Satire über Reiche ist. Er stellt die These auf, dass White Lotus im Urlaubssetting diese Frage bewusst offenlässt – anders als bei Succession, wo der satirische Blick auf die Superreichen eindeutiger ist.
Glass Onion
Rian Johnson
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:52 „Ist das eine Serie, in der wir uns über Reiche irgendwie lustig machen sollen, wie man das dann über manchmal über Succession gesagt hat, die Serie, oder über einen Film wie Glass Onion oder so.“
Glass Onion wird zusammen mit Succession als Beispiel für Medien genannt, die den Blick auf Superreiche thematisieren. Ijoma Mangold nutzt den Vergleich, um zu argumentieren, dass White Lotus ambivalenter ist – es lässt offen, ob man sich über die Reichen lustig macht oder sich selbst in ihnen wiedererkennen soll.
Sind das wir?
Berit Dieselkämper
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:49:32 „Ja, also sind das wir oder oh, das sind ja wir, war ja auch der Text bei uns im Feuilleton von Berit Dieselkämper und ich glaube in anderen Zeitungen wurde auch gerade bei dieser Staffel gesagt, das sind ja wir, um glaube ich auch nochmal das Geheimrezept von dieser Serie irgendwie zu versuchen zu knacken.“
Nina Pauer verweist auf einen Feuilleton-Artikel ihrer Kollegin Berit Dieselkämper in der ZEIT, der die Identifikationskraft von White Lotus analysiert. Die zentrale These des Artikels – 'Das sind ja wir' – wird als Erklärungsansatz für den Erfolg der Serie herangezogen: Die Zuschauer erkennen sich selbst in den erschöpften, sinnsuchen westlichen Touristen.
Crazy Rich Asians
Kevin Kwan
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:57:47 „Reiche Araber, reiche Chinesen, überhaupt die crazy rich Asians, die sind doch in den Hotels und lassen sich da bedienen.“
Mangold verwendet den Ausdruck 'crazy rich Asians' im Kontext seiner Kritik, dass Mike White in White Lotus keine nicht-westlichen Hotelgäste zeigt. Die Formulierung spielt auf den gleichnamigen Film bzw. Roman an, der den Reichtum asiatischer Eliten thematisiert – genau jene Klientel, die in realen Luxushotels längst präsent ist.
Elefantenkurve (Elephant Chart)
Branko Milanovic
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:58:26 „Ich habe neulich den Wirtschaftshistoriker Branko Milanovic interviewt. Der ist berühmt geworden mit seiner Forschung zur internationalen Ungleichheit. Mit einer Studie, von der vor allem eine Grafik dann so berühmt wurde und sie heißt die Elephant Chart, die Elefantenkurve.“
Ijoma Mangold bringt einen VWL-Exkurs ein, um White Lotus ökonomisch zu kontextualisieren. Die berühmte Elefantenkurve von Branko Milanovic zeigt, dass die westliche Mittelschicht beim Einkommenswachstum stagniert, während die aufsteigende asiatische Mittelschicht stark wächst. Mangold nutzt dies, um zu erklären, warum es unrealistisch ist, dass in den Luxushotels der Serie keine reichen Chinesen oder Inder auftauchen – und warum sich europäische Arbeiter Thailand-Urlaub bald nicht mehr leisten können werden.
Blackpink
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:03:13 „Es gibt dann wiederum Hotelangestellte und eine Nebenfigur, die ist nicht bei mir, aber anderswo auf der Welt, als Teil einer sehr wichtigen koreanischen K-Pop-Band namens Blackpink, ist aber selber Thailänderin.“
Mangold erwähnt die K-Pop-Band Blackpink, weil ein Mitglied – die Thailänderin Lisa – in der Thailand-Staffel von White Lotus mitspielt. Er deutet diese Besetzungsentscheidung als bewusstes Signal von Mike White, dass Amerika nicht mehr das Zentrum der Welt ist und die asiatische Popkultur längst global dominiert.
Blood, Toil, Tears and Sweat
Winston Churchill
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:11:14 „Weil das heißt doch in so europäischen Reden immer, wir müssen endlich mal wieder sagen, Blutschweiß und Tränen. That's all I have to, wie geht es bei Churchill, ja, alles, was ich euch zu bieten habe, ja, aber das können wir einfach nicht mehr. We don't have it in us.“
Mangold zitiert Churchills berühmte Rede, um die Parallele zwischen der White-Lotus-Figur, die zugibt, nicht mehr auf Privilegien verzichten zu können, und dem heutigen Westen zu ziehen. Seine These: Der Westen fordert rhetorisch Opferbereitschaft à la Churchill, ist aber tatsächlich nicht mehr in der Lage, Entbehrungen zu ertragen – 'We don't have it in us.'