Im Osten viel Neues
Adam Soboczynski, Iris Radisch, Maja Beckers, Alexander Cammann
Die Runde kreist um das Phänomen des sozialen Abstiegs und die Frage, was bleibt, wenn der materielle Wohlstand schwindet. Am Beispiel deklassierter Großbürger, die sich mit verschärfter Etikette über den Statusverlust hinwegtrösten, entspinnt sich eine Diskussion über symbolisches Kapital — von Uwe Tellkamps DDR-Bürgertum bis zur heutigen nivellierten Mittelschicht, in der ständische Codes kaum noch greifen.
„An diesem Zitat zeigt sich auch, was der Abstieg heute bedeuten könnte, nämlich, dass man nichts mehr hat.“
Erwähnte Medien (9)
Notizbuch aus dem Januar 1945
Heiner Müller
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv „Die Sekretärin von Heiner Müller hat in einer nicht ausgepackten Umzugskiste ein altes Notizbuch aus dem Januar 1945 von Heiner Müller gefunden. Und die Akademie der Künste von Berlin hat es in der Zeitschrift Sinn und Form, jedenfalls in Teilen, publiziert.“
In der Rubrik 'Der Klassiker' stellt Iris Radisch einen sensationellen Fund vor: ein Notizbuch des 15-jährigen Heiner Müller von Januar 1945, das in Auszügen in der Zeitschrift 'Sinn und Form' veröffentlicht wurde. Beide Kritiker sind fasziniert davon, wie der jugendliche Müller bereits mit enormer Belesenheit und stilistischer Reife über die Aufgabe des Dichters, literarische Traditionen und Revolutionen reflektiert — und wie deutlich sein späteres Werk hier schon angelegt ist.
Der Turm
Uwe Tellkamp
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:01:59 „Was mir da im Übrigen eingefallen ist, ist das frühe, aber gleichzeitig extrem erfolgreiche Buch von Uwe Tellkamp, Der Turm, da beschreibt er ja, dieser Schriftsteller, der diesen Sensationserfolg hatte, wie in der DDR das Bürgertum überlebt hat und eigentlich im Prinzip umso stilsicherer das konserviert hat, die Verhaltenscodes, obwohl es eigentlich keine Funktion mehr hatte gesellschaftlich.“
Beim Rätselraten über das Zitat der Woche fällt Adam Soboczynski Uwe Tellkamps Roman ein, weil dieser ein ähnliches Phänomen beschreibt: ein Bürgertum, das trotz gesellschaftlicher Deklassierung in der DDR seine sozialen Codes umso strikter bewahrte. Die Parallele zum Zitat über symbolisches Kapital bei verlorener ökonomischer Grundlage ist der Anlass der Erwähnung.
Einsam sein
Daniel Haas
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:07:44 „Ganz interessant, das ist ja ein Kollege von uns, der das Buch geschrieben hat, Daniel Haas. Er nennt es eine Befreiungsgeschichte. Wie heißt das denn? Einsam sein. Ist gerade erschienen und er erzählt eben seine Familiengeschichte.“
Iris Radisch stellt das neue Buch ihres Kollegen Daniel Haas vor, das als Befreiungsgeschichte aus einer oberbürgerlichen, einst wohlhabenden Familie erzählt wird. Haas beschreibt den psychischen Preis der Zugehörigkeit zur Finanzelite – vor allem die Einsamkeit – und wie starre Verhaltenskodizes jede Bewegungsfreiheit im Leben ausschließen. Das Buch wird als Ausgangspunkt für das Gesprächsthema transgenerationelle Familienerfahrungen genutzt.
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Judith Hermann
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:10:07 „Judith Herrmann, die berühmte Judith Herrmann, hat ein Buch geschrieben, das heißt »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Das ist eine Ich-Geschichte, wo man natürlich sofort sagt, aha, das ist natürlich Judith Herrmann, die hier von sich schreibt, weil sie auf den Spuren ihres Großvaters unterwegs ist in diesem Buch.“
Das Hauptbuch dieser Podcast-Folge: Judith Hermanns neues Buch, in dem eine Ich-Erzählerin nach Radom in Polen reist, um die Geschichte ihres SS-Großvaters zu erforschen. Es entspinnt sich eine kontroverse Debatte zwischen Iris Radisch, die das Buch als grandiose Darstellung transgenerationellen Traumas und familiärer Sprachlosigkeit lobt, und Adam Soboczynski, der die poetische Literarisierung der Leerstelle und das Ausblenden der konkreten Täterperspektive kritisiert.
Poetikvorlesungen
Judith Hermann
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:19:32 „Das hat sie auch wunderbar in den Poetikvorlesungen, die sie vor nicht so allzu langer Zeit mal gehalten hat, hat sie das auch erklärt. Sie hat selber gesagt, ich kann das Eigentliche nicht erzählen. Ich kann nur das Verschweigen des Eigentlichen erzählen.“
Iris Radisch verteidigt Judith Hermanns literarischen Ansatz des Umkreisens einer Leerstelle und verweist auf deren Poetikvorlesungen, in denen Hermann selbst ihr ästhetisches Programm erläutert hat.
Die Unfähigkeit zu trauern
Alexander und Margarete Mitscherlich · 1967
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:20:34 „Es gibt schon Stellen in dem Buch, wo ich aussage, musste sie jetzt ausgerechnet immer noch mitscherlich die Unfähigkeit zu trauern lesen. Es gibt schon Stellen, wo ich auch ein bisschen das zu dick finde.“
Iris Radisch erwähnt den Klassiker der Mitscherlichs im Kontext von Judith Hermanns Buch. Die Ich-Erzählerin in Hermanns Text liest offenbar dieses Standardwerk über die deutsche Nachkriegsverdrängung, was Radisch als eine der wenigen Stellen empfindet, die etwas zu dick aufgetragen wirken.
Werke von Wolfgang Hilbig
Wolfgang Hilbig
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:42:31 „Ich dachte manchmal an Wolfgang Hilbig, wenn der so um Meudelfitz diese komplett zerstörten Landschaften beschreibt. Dann durch den Bergbau komplett zerstörten Landschaften. Das ist eine absolute Tristesse.“
Iris Radisch zieht beim Gespräch über 'Sandit' einen literarischen Vergleich zu Wolfgang Hilbig, der in seinen Werken die durch den Bergbau zerstörten Landschaften um seinen Heimatort Meuselwitz beschrieben hat. Für Radisch gelingt Hilbig die Darstellung dieser Tristesse sprachlich ungleich überzeugender als Rietzel.
Dialektik der Aufklärung
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:45:10 „Es gibt ganz am Anfang ein Motto, dem das Ganze vorangestellt wird, ein berühmtes von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Der Listige überlebt nur um den Preis seines eigenen Traums, den er abdingt, indem er wie die Gewalten draußen sich selbst entzaubert.“
Soboczynski zitiert das Motto, das dem Roman 'Sandit' vorangestellt ist, um dessen geschichtsdialektische Tiefe zu belegen. Das Zitat stammt aus der 'Dialektik der Aufklärung' und soll zeigen, dass der Roman von einem größeren mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang handelt: Die ostdeutsche Gesellschaft hat zwar die Revolution von 1989 geschafft, dabei aber ihre Träume und Seele verkauft.
Der Untergang des Abendlandes
Oswald Spengler
🗣 Iris Radisch erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:52:57 „Er ist unendlich belesen. Das ist sehr erstaunlich, dass man sieht, wie gebildet der 15-jährige Heiner Müller war, was er schon alles kannte von Spengler, Nietzsche, Goethe, Storm kommt vor.“
Iris Radisch zählt die Autoren auf, die der 15-jährige Heiner Müller in seinem Notizbuch von 1945 bereits rezipiert hatte. Spengler wird als einer der Denker genannt, was die erstaunliche Frühreife und Belesenheit Müllers belegt. Das konkrete Werk ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Spenglers Hauptwerk.