Die sogenannte Wirklichkeit
Maja Beckers, Alexander Cammann
In dieser Folge geht es um Helene Hegemanns Roman «Striker», der ein katastrophisches Lebensgefühl in einem trashigen Berlin beschreibt. Anhand des ersten Satzes über Intervalltraining und die ständige Versuchung, alles abzubrechen, entspinnt sich eine Diskussion über Verzweiflung als Lebensmotto und die Frage, ob man jede dritte Sekunde den Impuls haben kann, mit allem aufzuhören, ohne bereits seelisch krank zu sein.
„Wenn das ein Lebensgefühl ist, alle drei Sekunden mit allem aufhören zu wollen, braucht man vielleicht eine Therapie.“
Erwähnte Medien (21)
Striker
Helene Hegemann
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:04:05 „Es geht um ein katastrophenähnliches Leben in einem sehr trashigen Berlin und der Roman heißt wahrscheinlich, muss man ihn englisch aussprechen, ich weiß es nicht, »Striker«.“
Der Roman wird als Einstieg der Episode über den ersten Satz vorgestellt. Die Sprecher diskutieren das katastrophische Lebensgefühl der Erzählerin, die als Kampfsporttrainerin in einem prekären Berliner Milieu lebt. Der Roman wird als typisch für Hegemanns Stil eingeordnet, extreme Zustände und abgehalfterte Figuren zu beschreiben.
Axolotl Roadkill
Helene Hegemann
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:04:18 „Helene Hegemann, die ja sehr bekannt ist durch ihren 2010 erschienenen ersten Roman, da weiß ich auch nie so genau, wie man ihn ausspricht.“
Hegemanns Debütroman von 2010 wird als Referenz erwähnt, um die Autorin einzuordnen. Der Roman wird als Coming-of-Age-Roman beschrieben, der für Furore und viele Diskussionen sorgte. Der Titel wird nicht explizit genannt, aber es handelt sich eindeutig um Axolotl Roadkill.
Bungalow
Helene Hegemann
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:04:41 „Hat sie auch noch weitere Romane geschrieben, Bungalow zum Beispiel, dann zuletzt ein Erzählungsband, Schlachten Sie.“
Im Kontext der Vorstellung von Hegemanns neuem Roman Striker werden ihre früheren Werke aufgezählt, um ihr bisheriges Schaffen einzuordnen.
Schlachten Sie
Helene Hegemann
🗣 Adam Soboczynski erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:04:41 „Hat sie auch noch weitere Romane geschrieben, Bungalow zum Beispiel, dann zuletzt ein Erzählungsband, Schlachten Sie.“
Der Erzählungsband wird als Hegemanns letztes Werk vor dem neuen Roman Striker erwähnt, um ihr literarisches Schaffen chronologisch einzuordnen.
Es werden schöne Tage kommen
Zach Williams
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:06:53 „Zach Williams heißt der Autor. Es werden schöne Tage kommen, heißt das Ganze. Stories ist die Gattungsbezeichnung, also amerikanische Erzählungen, könnte man sagen. Übersetzt wurde das Werk von Bettina A. Barbanel und Clemens J. Setz, dem Schriftsteller Clemens J. Setz.“
Das Debüt von Zach Williams ist eines der zwei Hauptbücher der Episode. Die Sprecher sind begeistert von den Erzählungen, die aus banalen US-Alltagssituationen unmerklich ins Unheimliche, Surreale und Paranoische kippen. Sie vergleichen die Kunst der unmerklichen Übergänge mit Kafka und sehen darin einen Kommentar auf die von Verschwörungstheorien und Fake News geprägte amerikanische Gegenwart.
Das Schloss
Franz Kafka
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:11:37 „Wir kennen das beispielsweise bei Kafka, da gibt es ja auch. Da steht eine Figur vor dem Schloss irgendwo draußen und kommt einfach nie hinein und so.“
Kafkas Schloss wird als literarischer Vergleich herangezogen, um die Erzähltechnik von Zach Williams einzuordnen: Figuren, die das Übernatürliche mit großer Selbstverständlichkeit hinnehmen, ohne sich darüber zu wundern.
Die göttliche Komödie
Dante Alighieri
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:18:19 „Der hat darauf hingewiesen, dass Dante eine ganz große Rolle spielt in diesem Buch. Wirklich mit direkten Anspielungen. Auch von Namen von bestimmten Figuren beispielsweise. Also tatsächlich dieses letztlich Endzeitliche und das Göttliche einfach eine ganz große Rolle spielen.“
Im Gespräch über Zach Williams' Erzählungen weist Adam Soboczynski auf eine Rezension hin, die Dantes Einfluss auf das Buch herausarbeitet. Die immer enger ziehenden Ringe zur Hölle werden als strukturgebendes Element identifiziert – eine klare Referenz auf Dantes Inferno.
Wiederholung
Vigdis Hjorth
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:20:38 „Und das passt auch ganz schön, weil ja die Leipziger Buchmesse nicht mehr lange hin ist, wo die Norweger auch zu Gast sein werden und das ist eben eine Autorin, die jetzt schon mehrere, also eigentlich schon sehr viele Romane von ihr wurden und alle sehr schön von Gabriele Heves ins Deutsche übersetzt. Jetzt kommt Wiederholung, heißt das einfach nur.“
Das zweite Hauptbuch der Episode. Der Roman spielt 1975, als die Protagonistin 16 Jahre alt ist, und erzählt von ihrem sexuellen Erwachen unter der erstickenden Kontrolle der Mutter. Die Sprecher diskutieren ausführlich, wie sich hinter dieser Kontrolle ein verdrängtes Familiengeheimnis – eine Missbrauchsgeschichte – verbirgt, und debattieren die problematische Grenze zwischen Autofiktion und Wahrheit in Hjorths Werk.
Ein falsches Wort
Vigdis Hjorth
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:21:09 „Ein falsches Wort hieß der eine und die Wahrheiten meiner Mutter hieß der andere. Da ist sie eigentlich erst als ganz ernsthafte Autorin bei uns in Deutschland entdeckt worden.“
Der Roman wird als eines der beiden Werke genannt, mit denen Vigdis Hjorth in Deutschland als ernsthafte Autorin wahrgenommen wurde. Die Sprecher ordnen ihn in die Reihe ihrer autofiktionalen Romane ein, in denen sie ihrer Familie schwere Vorwürfe macht, ohne die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit offenzulegen.
Die Wahrheiten meiner Mutter
Vigdis Hjorth
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:21:09 „Ein falsches Wort hieß der eine und die Wahrheiten meiner Mutter hieß der andere. Da ist sie eigentlich erst als ganz ernsthafte Autorin bei uns in Deutschland entdeckt worden.“
Zusammen mit Ein falsches Wort als das zweite Werk genannt, das Hjorth in Deutschland den Durchbruch als ernsthafte Autorin brachte. Beide Romane kreisen um die gleichen autofiktionalen Themen von Familie, Missbrauch und verdrängter Wahrheit.
Gjentagelsen (Wiederholung)
Søren Kierkegaard
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:22:56 „Sie ist ja eine Kierkegaard-Leserin und die Wiederholung, das ist ein Motiv, das sie von Kierkegaard übernommen hat und das ihr auch sehr wichtig ist.“
Im Gespräch über Vigdis Hjorths neuen Roman 'Wiederholung' wird erklärt, dass der Titel und das zentrale Motiv der Wiederholung direkt auf Kierkegaards philosophisches Werk zurückgehen, das für die Autorin eine wichtige Inspirationsquelle darstellt.
Min Kamp
Karl Ove Knausgård
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:29:09 „Und sie steht natürlich auch irgendwie schon in dieser Selbstentblößungsliteratur, die wir aus Norwegen ja kennen, eben natürlich vor allen Dingen von Knausgaard, aber auch von Thomas Espedal und vielen anderen.“
Knausgårds autobiografisches Schreiben wird als Vergleichsfolie für Vigdis Hjorth herangezogen. Iris Radisch grenzt Hjorths Stil jedoch bewusst ab: Während Knausgårds Stil bewusst unelaboriert und down-to-earth sei, schreibe Hjorth angestrengter, existenzieller und atemloser.
Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Rainer Maria Rilke
🗣 Unbekannt empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:37:20 „Es gab eine ganz interessante Veröffentlichung in einer kleinen Zeitschrift, aber bedeutenden Zeitschrift natürlich, Sinn und Form. Und zwar wurde jetzt zum ersten Mal veröffentlicht der Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Rainer Maria Rilke. Zwei bedeutende, könnte man wirklich, eine der bedeutendsten Figuren der deutschen Geistesgeschichte, der deutschsprachigen Geistesgeschichte, die hier aufeinandertreffen.“
Als Klassiker der Folge wird ein neu veröffentlichter Briefwechsel in der Zeitschrift Sinn und Form vorgestellt. Der Sprecher ist fasziniert, dass Freud und Rilke sich überhaupt begegnet sind und korrespondiert haben. Die drei erhaltenen Briefe aus dem Februar 1916 zeigen, wie Freud Rilke als möglichen Patienten anspricht und Rilke sich der Psychoanalyse verweigert – ein Thema, das den gesamten Klassiker-Abschnitt der Episode bestimmt.
Duineser Elegien
Rainer Maria Rilke
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:37:52 „Also Rilke kennt vielleicht ja jeder oder fast jeder 1875 bis 1926 gelebt. Wir kennen die Dionyser Elegien, die Sonnette an Aufholz, dann diesen ersten modernen deutschsprachigen Roman, die Aufzeichnungen des Maute Laurits Brügge.“
Bei der Vorstellung von Rilke als Figur der Geistesgeschichte zählt der Sprecher dessen bekannteste Werke auf. Die Duineser Elegien werden als eines der kanonischen Hauptwerke Rilkes genannt, um dem Publikum den Rang des Dichters zu verdeutlichen.
Die Sonette an Orpheus
Rainer Maria Rilke
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:37:52 „Wir kennen die Dionyser Elegien, die Sonnette an Aufholz, dann diesen ersten modernen deutschsprachigen Roman, die Aufzeichnungen des Maute Laurits Brügge.“
Gemeinsam mit den Duineser Elegien werden die Sonette an Orpheus als Rilkes zweiter großer Gedichtzyklus aufgezählt, um seine literarische Bedeutung zu unterstreichen.
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Rainer Maria Rilke · 1910
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:37:52 „Wir kennen die Dionyser Elegien, die Sonnette an Aufholz, dann diesen ersten modernen deutschsprachigen Roman, die Aufzeichnungen des Maute Laurits Brügge.“
Rilkes Roman wird zunächst als Meilenstein der deutschsprachigen Literatur eingeführt und später im Gespräch erneut aufgegriffen: Alexander Cammann argumentiert, dass die im Roman beschriebenen seelischen Ängste und bedrohlichen Wahrnehmungen genau die Neurose widerspiegeln, die Rilke sich von Freud nicht ‚aufräumen' lassen wollte – ein angstfreier Mensch hätte diesen modernen Großstadtroman nie schreiben können.
Herbsttag
Rainer Maria Rilke
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:38:19 „Beispielsweise in seinem Gedicht Herbsttag, wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Das kennt man.“
Der Sprecher illustriert Rilkes einzigartige Stellung in der deutschen Kultur damit, dass einzelne Zeilen seiner Gedichte bis heute im allgemeinen Sprachgebrauch präsent sind. ‚Herbsttag' dient als erstes Beispiel für diese kulturelle Durchdringung.
Der Panther
Rainer Maria Rilke
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:38:32 „Oder auch dieses Panther-Gedicht, das mochte ich immer gerne. Und ich lese es immer noch, obwohl es so verbraucht ist. Ich finde es einfach ungeheuer hübsch. Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müde geworden, dass er nichts mehr hält und so weiter und so fort.“
Der Sprecher gesteht eine persönliche Zuneigung zum ‚Panther'-Gedicht und zitiert die berühmte Anfangszeile. Obwohl das Gedicht seiner Meinung nach ‚verbraucht' sei, findet er es weiterhin schön – ein Moment persönlicher Leidenschaft für Rilkes Lyrik.
Rilke-Biografie
Sandra Richter
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:38:46 „Und ich hatte mich jetzt ein bisschen auch mit Rilke beschäftigen können, weil es gibt zwei Biografien. Eine kenne ich von Sandra Richter, die das Deutsche Literaturarchiv in Marbach leitet. Die habe ich gelesen und da ist mir ein sehr schönes Buch, das man nur empfehlen kann.“
Der Sprecher empfiehlt Sandra Richters Rilke-Biografie ausdrücklich als ‚sehr schönes Buch'. In der Biografie gibt es ein eigenes Kapitel über Rilkes Überlegung, eine Psychoanalyse zu machen – was direkt zum Thema des Freud-Rilke-Briefwechsels überleitet.
Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:40:09 „Es gibt ja den Briefechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Luandrea Salome, in dem es immer wieder darum geht. Also wo er ihr seine ganzen Symptome, seine Unsicherheiten, seine Krisen und sie ihn immer wieder und durchaus auch aus psychoanalytischer Perspektive berücksichtigt.“
Alexander Cammann verweist auf den publizierten Briefwechsel zwischen Rilke und Lou Andreas-Salomé, um zu zeigen, dass Rilke sich mit der Psychoanalyse durchaus auseinandersetzte – nur eben über seine mütterliche Freundin und nicht direkt bei Freud. Salomé, die sich bei Freud zur Analytikerin hatte ausbilden lassen, fungierte in den Briefen fast wie eine Therapeutin für Rilke.
Das Lied von der Glocke
Friedrich Schiller
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:43:49 „Und das Tolle ist, dass das Ganze ein Zitat ist. Kein ewiger Bund mit ihm zu flechten ist ein Zitat aus Schillers Lied von der Glocke. Sehr berühmt ist und da heißt es, und das ist ganz hintersinnig, Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell.“
Der Sprecher entdeckt, dass Freud in einem späteren Brief Rilkes Verweigerung mit einem Schiller-Zitat aus dem ‚Lied von der Glocke' kommentiert. Das Zitat ‚kein ewiger Bund zu flechten' deutet hintersinnig an, dass Freud Rilkes Ablehnung der Therapie mit einem düsteren Ausgang verbindet – eine elegante literarische Pointe in der Korrespondenz.