Droht uns ein neues 1933
Iris Radisch, Adam Soboczynski & Nora Bossong
Schriftstellerin Nora Bossong spricht über die Grenze zwischen Fiktion und Sachbuch — und warum manche Stoffe nach Realität verlangen. Anlass ist ihr Bestseller-Roman »Reichskanzlerplatz« über das Umfeld von Magda Goebbels, aber auch ihre Sachbücher »Rotlicht« und »Die Geschmeidigen«, das ausgerechnet am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine erschien.
„Fiktionalisierung ist auch immer so ein Schutzmechanismus, dass wir nicht wahrhaben wollen, dass es eigentlich sehr viele von uns betrifft.“
Erwähnte Medien (26)
36,9 Grad
Nora Bossong
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:01:28 „2015 vielleicht auch bekannt das Buch »36,9 Grad«. Auf den Spuren des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, beziehungsweise auch eines Gramsci-Forschers.“
Im Rahmen der Vorstellung von Nora Bossong erwähnt Soboczynski diesen Roman, der sich mit dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci und einem Gramsci-Forscher befasst.
Reichskanzlerplatz
Nora Bossong
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:01:43 „Und dieses Jahr ist ihr Roman »Reichskanzlerplatz« erschienen, ein Roman »Auf den Spuren« von Magda Göbbels, beziehungsweise ihrem Umfeld. Es ist ein veritabler Bestseller geworden, 40.000 Exemplare bislang verkauft, eine große Sache.“
Soboczynski hebt Bossongs aktuellen Roman als großen Erfolg hervor. Das Buch über das Umfeld von Magda Goebbels wird später im Gespräch noch mehrfach aufgegriffen, etwa als Soboczynski eine Szene über Otto Braun im Exil lobt.
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:06:17 „Gilt die Bibel als Sachbuch? Wahrscheinlich nicht.“
Nora Bossong nennt die Bibel als Buch, das sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, und berichtet, sie habe sie dieses Jahr komplett gelesen
Summa Theologica (Gesammelte Werke)
Thomas von Aquin
🗣 Maja Beckers empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:06:17 „Thomas von Aquin, gesammelte Werke, ist das ein Sachbuch? Ja, natürlich. Ja, dann würde ich das mitnehmen.“
Nora Bossong würde Thomas von Aquins gesammelte Werke auf die einsame Insel mitnehmen
Gesammelte Werke
Thomas von Aquin
🗣 Nora Bossong empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:06:43 „Thomas von Aquin, gesammelte Werke, ist das ein Sachbuch? Ja, natürlich. Ja, dann würde ich das mitnehmen. Dann habe ich ein paar Tage was zu tun, bis ich dann von einem Schiff aufgelesen werde.“
Auf die Frage nach dem Sachbuch für die einsame Insel wählt Bossong die gesammelten Werke von Thomas von Aquin – pragmatisch, weil es dick genug ist, und inhaltlich, weil sie sich dieses Jahr intensiv mit scholastischer Theologie beschäftigt hat.
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Nora Bossong referenziert bei ⏱ 00:07:14 „Ich habe tatsächlich dieses Jahr es geschafft, die Bibel komplett zu lesen. Das war so eine Sache neben der Suche nach der verlorenen Zeit, was ich mal in meinem Leben durchgelesen haben will.“
Bossong erzählt von ihrem Lesejahr und nennt die Bibel als eines der großen Werke, die sie sich vorgenommen hat, komplett zu lesen. Sie hat eine Jerusalemer Bibel, die vom intensiven Arbeiten bereits zerfleddert ist.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Marcel Proust
🗣 Nora Bossong referenziert bei ⏱ 00:07:14 „Das war so eine Sache neben der Suche nach der verlorenen Zeit, was ich mal in meinem Leben durchgelesen haben will. Bei der Suche nach der verlorenen Zeit bin ich noch auf Seite 2200. Da habe ich noch ein bisschen was.“
Bossong nennt Prousts Monumentalwerk als eines der zwei großen Leseprojekte ihres Lebens neben der Bibel. Sie ist bereits auf Seite 2200 angelangt, aber noch nicht fertig – es dient als Beispiel für die großen Lektüre-Vorsätze.
Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934
Jens Biski
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:09:08 „Jens Biski, Die Entscheidung, Deutschland 1929 bis 1934, erschienen im Rowold Berlin Verlag.“
Eines der drei Hauptbücher der Episode, ein Geschichtsbuch über den Untergang der Weimarer Republik
Der lange Schatten der Guillotine – Lebensbilder aus dem Paris des 19. Jahrhunderts
László Földényi
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:09:17 „So, dann sprechen wir über Laszlo Födeny, »Der lange Schatten der Guillotine«, Lebensbilder aus dem Paris des 19. Jahrhunderts, erschienen bei Mattes & Seitz.“
Das Buch wird als eines der vier zu besprechenden Bücher der Episode angekündigt. Es behandelt Lebensbilder aus dem Paris des 19. Jahrhunderts.
Reportage/Porträt über Navid Kermani
Tobias Haberl
🗣 Maja Beckers erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:09:41 „Man erinnert eine Reportage, ein Porträt über Navid Kermani, was er mal geschrieben hat, wo auch Fragen des Glaubens eine Rolle spielten.“
Frühere journalistische Arbeit von Tobias Haberl für das SZ-Magazin wird erwähnt
Höhenrausch
Harald Jähner
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:14:29 „Sein Kollege Harald Jena hat ein preisgekröntes Buch geschrieben, Höhenrausch, vor ein paar Jahren.“
Wird als vergleichbares preisgekröntes Buch über die Weimarer Zeit erwähnt
Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934
Jens Biski
🗣 Adam Soboczynski empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:16:20 „Kommen wir zum ersten Buch. Jens Biski, die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934. Ein historisches Buch. Brandt aktuell, beschäftigt sich doch mit dem Untergang der Weimarer Republik.“
Das zweite ausführlich besprochene Buch der Episode. Biskis über 600-seitiges Geschichtswerk über das Ende der Weimarer Republik wird als wichtiges Buch des Jahres gewürdigt. Die Sprecher diskutieren intensiv seine These, dass platte Vergleiche wie '5 vor 33' mehr verdecken als erhellen, und loben seine Zeitgenossenperspektive.
Berlin. Biografie einer großen Stadt
Jens Biski
🗣 Adam Soboczynski erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:16:42 „Dann 2019 ein wahnsinnig dickes Buch, Berlin, Biografie einer großen Stadt.“
Im Rahmen der Vorstellung von Jens Biski wird sein früheres Werk über Berlin erwähnt, um seine Kompetenz als historischer Autor zu unterstreichen.
Geboren am 13. August
Jens Bisky
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:16:48 „Empfehlen kann ich eben die Autobiografie von ihm. Das hat er nämlich auch schon vorgelegt. Ganz früh 2004, geboren am 13. August.“
Soboczynski empfiehlt Biskis Autobiografie aus dem Jahr 2004 als zusätzliche Lektüre neben dem aktuell besprochenen Geschichtsbuch.
5 vor 33
Philipp Ruch
🗣 Nora Bossong referenziert bei ⏱ 00:19:24 „Es ist ja auch ein Buch mit dem Titel erschienen von Philipp Bruch, den ich ohnehin jetzt nicht so als den größten historischen Analytiker schätze, vorsichtig gesagt. Und diese Verflachung historischer Vergleiche finde ich, ja, schlicht zu sagen verheerend.“
Bossong grenzt Biskis differenzierten Ansatz kritisch von Philipp Ruchs Buch ab, das sie als Beispiel für die Verflachung historischer Vergleiche zwischen Weimar und der Gegenwart sieht.
Der lange Schatten der Guillotine – Lebensbilder aus dem Paris des 19. Jahrhunderts
László Földényi
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:30:08 „Das nächste Buch ist Der lange Schatten der Guillotine von Laszlo Földeni. Er ist Essayist, Kunstkritiker, Übersetzer unter anderem von Heiner Müller und Max Frisch und hat viel über Melancholie geschrieben.“
Adam Soboczynski stellt das Buch als Hauptempfehlung der Folge vor. Es handelt sich um einen Essay über die Guillotine, die französische Revolution und vor allem das Paris des 19. Jahrhunderts. Beide Sprecher sind begeistert vom flanierenden Stil und der Art, wie Földényi über Fotografie, Malerei und die Veränderung des menschlichen Blicks auf Leben und Tod schreibt. Nora Bossong nennt es eines der Bücher des Jahres 2024.
Askese
Bas Kast
🗣 Alexander Cammann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:31:27 „eigentlich gerne über Bas Kast sprechen und dessen Askese gegen Alkohol Buch“
Alexander Cammann wollte ursprünglich über dieses Buch sprechen, wurde aber zugunsten von Földényis Buch nicht behandelt
Altern
Elke Heidenreich
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:33:07 „Ich wollte, so viel Transparenz muss nämlich hier sein, eigentlich gerne über Bas Kast sprechen und dessen Askese gegen Alkohol Buch ist ja vielleicht jetzt ganz passend nach Weihnachten und vor irgendwelchen Silvesterbesäufnissen oder über Helga Heidenreichs Riesen Sachbuchbester des Jahres, eigentlich glaube ich eine Million verkaufte Exemplare hat sie mittlerweile.“
Adam Soboczynski erwähnt beiläufig, dass er ursprünglich lieber über andere Bücher gesprochen hätte, darunter Elke Heidenreichs Bestseller über das Älterwerden. Der Name wird im Transkript als 'Helga Heidenreichs' wiedergegeben, gemeint ist aber Elke Heidenreich und ihr Sachbuch-Bestseller 'Altern' (2024), der sich rund eine Million Mal verkaufte.
Passagenwerk
Walter Benjamin
🗣 Nora Bossong referenziert bei ⏱ 00:35:00 „Aber über Paris ist ja so ein Muster eigentlich seit Walter Benjamin, der darüber ja sein Passagenwerk schreiben wollte, auch die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, das war ja für ihn Paris.“
Nora Bossong stellt Földényis Buch in die Tradition Walter Benjamins, der Paris als 'Hauptstadt des 19. Jahrhunderts' verstand. Sie sieht in Földényis Werk eine fantastische Einlösung dieses Programms, eine Stadt durch Ideen, Bilder und Zeitschnitte lebendig werden zu lassen.
Die Tatsachen im Fall Waldemar
Edgar Allan Poe
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:35:44 „Ich erinnere mich, als Kind, junge Jugendliche, so mit elf, zwölf, eine Geschichte von Edgar Allan Poe las, der Fall Waldemar oder in einer anderen Übersetzung die Tatsachen im Fall Waldemar, wo durch magnetische Versuche versucht wird, einen bereits Toten im Jenseits zu befragen.“
Adam Soboczynski erzählt eine persönliche Kindheitserinnerung: Die Poe-Erzählung hat ihm so viel Angst eingejagt, dass er das Buch mit der Kubin-Zeichnung auf dem Cover weit wegstellen musste. Er schlägt die Brücke zu Földényis Buch, weil dieselbe Erzählung dort vorkommt – als Beispiel für die Frage, ob ein toter Körper noch denken kann.
Der Fall Waldemar
Edgar Allan Poe
🗣 Nora Bossong referenziert bei ⏱ 00:35:44 „Ich erinnere mich, als Kind, junge Jugendliche, so mit elf, zwölf, eine Geschichte von Edgar Allan Poe las, der Fall Waldemar oder in einer anderen Übersetzung die Tatsachen im Fall Waldemar, wo durch magnetische Versuche versucht wird, einen bereits Toten im Jenseits zu befragen.“
Nora Bossong erzählt im Gespräch über Földényis Guillotine-Buch von ihrer Kindheitslektüre einer Poe-Erzählung, die sie so verängstigt hat, dass sie das Buch mit der Kubin-Zeichnung auf dem Cover weit wegstellen musste. Sie erwähnt den alternativen deutschen Titel 'Der Fall Waldemar' neben dem bereits gefundenen 'Die Tatsachen im Fall Waldemar'. Es handelt sich um dasselbe Werk unter einem anderen Übersetzungstitel.
Weimar
Jens Bisky
🗣 Nora Bossong erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:41:11 „Also man versetzt sich schon auch rein in den Bewusstseinszustand, also ganz ähnlich wie Bisky das mit Weimarschaft macht.“
Nora Bossong zieht einen Vergleich zwischen Földényis Methode, sich in den Bewusstseinszustand der Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts hineinzuversetzen, und Jens Biskys ähnlichem Ansatz in seinem Weimar-Buch. Die Transkription gibt den Titel als 'Weimarschaft' wieder.
Utopia
Thomas Morus
🗣 Nora Bossong erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:49:39 „Also sagt sie auch immer, von Ovid bis Marx gibt es die Momente. Thomas Morus ist natürlich dabei und erzählt, das stellt uns das nach.“
Nora Bossong erwähnt Thomas Morus als einen der kanonischen Autoren, die Agnes Heller in ihrem Buch über Utopien und Dystopien heranzieht. Morus' 'Utopia' steht dabei als Urtext der Gattung in einer Reihe von Ovid bis Marx.
Zum ewigen Frieden
Immanuel Kant
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:50:44 „An einer Utopie, sogar der kantischen Utopie, um es so zu sagen. Eine neue Weltordnung, eine gerechtere... um Kant zu zitieren, des ewigen Friedens.“
Kants Friedensschrift wird im Zusammenhang mit dem Roman Schutzzone und der Idee einer gerechteren Weltordnung erwähnt
1984
George Orwell · 1949
🗣 Nora Bossong referenziert bei ⏱ 00:51:05 „Sie erwähnt dann eben Klassiker von George Orwell, 1984 bis Will Huxley, bis zu Will Beck, genau. Also sie hat dann in beiden Kanon an Titeln am Ende.“
Nora Bossong nennt Orwells dystopischen Klassiker als eines der Werke, die Agnes Heller in ihrem Buch als kanonische Beispiele für dystopische Literatur anführt. Heller bevorzuge laut den Sprechern die Dystopie gegenüber der Utopie.
Zum ewigen Frieden
Immanuel Kant
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:52:44 „Eine gerechtere, eine Weltordnung des, um Kant zu zitieren, des ewigen Friedens. In dem die Nation ist hinbekommen, ihre eigenen Aggressionen so weit zurückzufahren, dass wir nicht von einer Kriegsspirale in die nächste fallen.“
Adam Soboczynski zitiert Kants Friedensschrift im Zusammenhang mit der Diskussion über gescheiterte Utopien. Die kantische Utopie des ewigen Friedens dient als Referenzpunkt für die Protagonistin in Nora Bossongs Roman 'Schutzzone', die an einer gerechteren Weltordnung arbeitet.