ZEIT Verbrechen – Amok
#085

Amok

ZEIT Verbrechen / 13. Juli 2021 / 4 Medien

Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste

Der 22. Juli 2016: In München eröffnet ein Täter namens David das Feuer, und eine ganze Stadt versinkt im Chaos aus Gerüchten, Eilmeldungen und Angst. ZEIT-Dossier-Redakteur Bastian Berbner fährt noch am selben Abend aus dem Urlaub direkt ins Geschehen und schildert, wie er als nahezu einziges Auto auf einer leeren Autobahn Richtung München raste — während auf der Gegenfahrbahn alle die Stadt verließen. Die Episode fragt, wo die Grenze zwischen Amok und Terror verläuft und ob Gewalt ansteckend sein kann.

„Ich war nahezu das einzige Auto, das Richtung München reinfuhr. Das Autoradio lief die ganze Zeit und man hörte nur: Täter sind nicht gefasst, Schüsse am Stachus, Schüsse am Marienplatz, Schüsse sonst wo in der Stadt.“
🗣 Bastian Berbner

Erwähnte Medien (4)

Amok im Kopf – Warum Schüler töten
Buch

Amok im Kopf – Warum Schüler töten

Peter Langman

🗣 Andreas Sentker empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:22:19 „Es wurde bei ihm ein Buch gefunden. 334 Seiten stark. Amok im Kopf, warum Schüler töten. Und ihr habt für diese Recherche den Autoren dieses Buches angerufen und habt ihm die Frage gestellt, was löst das in Ihnen aus, wenn im Besitz eines Amokläufers Ihr Buch über Amok ist?“

Im Zimmer des Münchner Amokläufers David wurde dieses Standardwerk des US-Psychologen Peter Langman gefunden. Das Buch war mit gelben Markierungen versehen, insbesondere die Stellen zum Columbine-Massaker. Langman hatte das Buch geschrieben, um Amokläufe zu verhindern – dass es im Besitz eines Täters gefunden wurde, war für ihn verstörend. Bastian Berbner schildert, dass dies nicht das erste Mal war: Auch in den USA wurde Langmans Manuskript auf dem Computer eines Amokläufers entdeckt.

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2083 – A European Declaration of Independence
Buch

2083 – A European Declaration of Independence

Anders Breivik

🗣 Bastian Berbner referenziert bei ⏱ 00:25:00 „Wir wissen, dass David das Manifest von Breivik gelesen hatte. Wir wissen, dass er einige Male auf sozialen Medien das Profilbild von Anders Breivik benutzt hat.“

Berbner schildert, wie tief der Einfluss Anders Breiviks auf den Attentäter David war. Das Manifest – Breiviks ideologische Rechtfertigungsschrift für seinen Terroranschlag in Norwegen – wurde von David gelesen, zusammen mit zahlreichen Zeitungsartikeln über Breivik.

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Why Kids Kill: Inside the Minds of School Shooters
Buch

Why Kids Kill: Inside the Minds of School Shooters

Peter Langman

🗣 Bastian Berbner referenziert bei ⏱ 00:31:08 „Er hat sich die Schule angeschaut in Winden, wo dort der Amoklauf passiert ist, hat Fotos gemacht, die man dann auf seiner Kamera gefunden hat. Und er hat sich eben sehr, sehr detailliert mit diesen Taten beschäftigt, hat alles darüber gelesen, hat Langmans Buch bestellt. Man muss sich das vorstellen, der hat sich hingesetzt, hat gesagt, was gibt es an Literatur? Hat sich dieses Buch kommen lassen. Das war ein Studium.“

Bastian Berbner beschreibt, wie der Attentäter David sich systematisch auf seine Tat vorbereitet hat. Das Buch von Peter Langman über die Psychologie von Amokläufern wurde in Davids Zimmer gefunden – er hatte es gezielt bestellt und studiert, um sich mit früheren Taten auseinanderzusetzen.

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Die Leiden des jungen Werther
Buch

Die Leiden des jungen Werther

Johann Wolfgang von Goethe

🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:44:04 „Du hast den Wert da vorhin ja schon genannt. Wahrscheinlich der tödlichste Bestseller der Weltliteratur. Auf der einen Seite, weil er viele Menschen zum Selbstmord inspiriert hat. Auf der anderen Seite haben Generationen von Schülern aus dieser Lektüre etwas über den Menschen gelernt. Johann Wolfgang von Goethe. Die Leiden des jungen Werther.“

Andreas Sentker zieht eine Parallele zwischen dem Werther-Effekt und dem Nachahmungseffekt bei Terroranschlägen. Goethes Roman löste nach Erscheinen eine Suizidwelle aus – genau wie heute mediale Berichterstattung über Attentate Folgetaten inspirieren kann. Das Buch dient als historisches Beispiel für die Doppelschneidigkeit öffentlicher Darstellung von Gewalt.

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