Zu Weihnachten – das Erlebnis der Mystik
Sabine Rückert & Johanna Haberer
In dieser Weihnachtssondersendung dreht sich alles um die mystische Gotteserfahrung — von der Entrückung des Paulus auf dem Weg nach Damaskus bis zu den prophetischen Visionen des Alten Testaments. Dabei wird diskutiert, ob Mystik ein spezifisch christliches Phänomen ist oder in der gesamten jüdisch-christlichen Tradition wurzelt, und warum gerade Weihnachten als kollektives Gotteserlebnis verstanden werden kann.
„Ganz am Anfang des Christentums steht schon sowas wie eine Erfahrung der Entrückung.“
Erwähnte Medien (23)
Artikel über Mystik als religionsübergreifende Erfahrung
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:05:43 „Ich habe in der Neuen Züricher Zeitung ein kleines Gedicht gefunden, das heißt Shodokar, Gesang vom Erleben der Wahrheit. Die schreiben auch darüber, dass eben Mystik tatsächlich Kabbalah, die jüdische Mystik und so, dass das eine religionsübergreifende Erfahrung ist.“
Sabine Rückert bezieht sich auf einen NZZ-Artikel, in dem argumentiert wird, dass Mystik – einschließlich Kabbalah und anderer Traditionen – eine religionsübergreifende Erfahrung sei. Der genaue Titel des Artikels wird nicht genannt.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
Rainer Maria Rilke
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:06:45 „Darf ich zum Anfang unserer Sendung ein gutes Wort zum Anfang sagen, das sehr schön hineinpasst? Ich habe ein schönes Gedicht, das dir vielleicht auch gefallen wird. Es ist nämlich von einem deiner Lieblingsdichter, Rainer Maria Rilke. Ein mystisches Gedicht, wie ich finde.“
Sabine Rückert trägt als Einstieg in die Sendung über Mystik ein Gedicht von Rilke vor, in dem das lyrische Ich um Gott kreist wie um einen uralten Turm. Sie wählt es bewusst als Beispiel für moderne Mystik in der Dichtung und als Überleitung zum Thema Gotteserfahrung.
Siddhartha
Hermann Hesse
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:07:56 „Hermann Hesse, der aus der Erfahrung, der war ja Pfarrerssohn, aus der Erfahrung und dem Ablegen bestimmter christlicher, dogmatischer Normen und dann eine Reise nach Indien oder Indonesien und dort die asiatische Religion kennenlernend und das zusammendenkend, dann hat er seinen Siddhartha geschrieben und ganz mystische Gedichte.“
Johanna Haberer zählt Hermann Hesse zu den modernen deutschen Mystikern. Hesse habe als Pfarrerssohn christliche Dogmen abgelegt, sei nach Asien gereist und habe aus der Verbindung beider Welten den Siddhartha geschrieben – ein Paradebeispiel für religionsübergreifende mystische Literatur.
Der schwebende Engel
Ernst Barlach
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:08:45 „Er erzählt zu den deutschen Mystikern auch Künstler wie Ernst Barlach, der diese wunderbaren Figuren, geistliche Figuren, den Engel zum Beispiel. Das ist in einer Güstroher Kirche, oder? Ja, der schwebende Engel. Großartig, wenn man da davor steht, da kann man im Grunde genommen, man kann ein bisschen erstarren davor und eine Stunde stehen und nur diesen Engel anschauen.“
Johanna Haberer nennt Ernst Barlachs schwebenden Engel in der Güstrower Kirche als Beispiel für mystische Kunst. Sie beschreibt die überwältigende Wirkung der Skulptur – man könne davor erstarren und sie eine Stunde lang anschauen – als Beleg dafür, dass mystische Erfahrung auch über bildende Kunst vermittelt wird.
Ich steh an deiner Krippen hier
Paul Gerhardt
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:09:21 „Und zwar gibt es ein mystisches Weihnachtslied, das unglaublich bekannt ist, aber keiner weiß eigentlich, dass es eigentlich ein mystischer Text ist, nämlich Ich stehe an deiner Krippe hier.“
Johanna Haberer wählt das bekannte Weihnachtslied als ihren weihnachtlichen Einstieg in das Thema Mystik. Sie argumentiert, dass der Text alle Merkmale der Mystik enthält – die exorbitante Erfahrung, die Unaussprechlichkeit, die Paradoxien – obwohl die meisten Menschen das Lied nicht als mystischen Text erkennen.
Ich steh an deiner Krippen hier
Paul Gerhardt
🗣 Johanna Haberer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:09:36 „nämlich Ich stehe an deiner Krippe hier. Und vielleicht hören wir uns diesen Text mal an.“
Johanna Haberer stellt das Weihnachtslied als Beispiel für einen mystischen Text vor, der allgemein bekannt ist, aber selten als mystisch erkannt wird
Meine Beichte
Leo Tolstoi
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:13:06 „Er beschreibt in diesem Büchlein, das heißt Meine Beichte, hat er mit 50 geschrieben, beschreibt er, dass er sehr atheistisch geworden ist. Und zwar, er lebte im 19. Jahrhundert in einer Oberschicht.“
Johanna Haberer stellt Tolstois autobiografisches Werk ausführlich vor, in dem er seine zehnjährige Sinnkrise beschreibt. Der Text wird als Schlüsselwerk vorgelesen und besprochen: Tolstoi erkennt, dass die vernünftige Erkenntnis allein keine Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn gibt und dass nur der Glaube – das Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen – diese Lücke füllen kann.
Der Tod des Iwan Iljitsch
Leo Tolstoi · 1886
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:44 „Er hat zum Beispiel das Buch geschrieben, Der Tod des Ivan Ilyich, wo es nur darum geht, dass jemand stirbt, der ein sinnloses Leben geführt hat und erst sterben kann, als er sich das eingesteht.“
Sabine Rückert erwähnt die Erzählung als Beispiel für Tolstois mystische Spätwerke
Der Morgenstern
Karl Ove Knausgård
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:17:44 „Und aus dem Buch »Der Morgenstern«, Das kürzlich erschienen ist ein hochmystisches Werk über den langsam sich einstellenden Untergang der Welt.“
Sabine Rückert liest eine lange Passage aus dem apokalyptischen Roman vor, in der eine Figur eine mystische Erfahrung in einer Kirche und im Wald macht
Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel
Søren Kierkegaard
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:44 „Ein Band hatte Vogel im Titel und ich zog ihn heraus. die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel.“
Wird innerhalb der vorgelesenen Knausgård-Passage erwähnt – die Romanfigur findet diesen Kierkegaard-Band und erlebt beim Lesen ein mystisches Gefühl
Auferstehung
Leo Tolstoi
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:18:33 „Oder er hat geschrieben, die Auferstehung über einen jungen Patrizia, der eine ihm untergebene Dienerin oder Hausangestellte schwängert und stehen lässt und die dann ins Unglück stürzt und ihr dann später wieder begegnet, als er als Schöffe im Gericht sitzt und sie verurteilt wird.“
Sabine Rückert beschreibt Tolstois Roman als weiteres Beispiel für seine hochmoralischen Spätwerke. Die Geschichte eines Adligen, der die Konsequenzen seines eigenen Fehlverhaltens im Gerichtssaal erkennt, illustriert Tolstois mystisch-moralische Weltsicht nach seiner religiösen Wende.
Der Morgenstern
Karl Ove Knausgård
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:19:16 „Ich habe auch was mitgebracht von einem Mystiker, der sehr, sehr neu ist. Das Buch ist erst dieses Jahr erschienen und da geht es ganz anders herum, als du es gerade beschrieben hast. Es findet hier keine Abkehr von der Kirche statt, sondern ein Atheist geht in die Kirche und erlebt etwas sehr Eigenartiges.“
Sabine Rückert liest eine lange Passage aus Knausgårds apokalyptischem Roman vor, in dem ein atheistischer Mann eine Dorfkirche besucht und danach im Wald eine Art mystisches Erlebnis hat. Sie stellt das Buch als modernen Gegenentwurf zu Tolstois Kirchenkritik vor – hier führt der Weg nicht weg von der Kirche, sondern ein Ungläubiger wird von einer unerklärlichen Gotteserfahrung erfasst.
Furcht und Zittern
Søren Kierkegaard
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:31:50 „Als ich damals Furcht und Zittern las, war ich so begeistert von Kierkegaards Gedanken und Stil gewesen, dass ich beim Verlag in Dänemark unverzüglich seine gesammelten Werke bestellt hatte. Es waren über 50 Bände und ich hatte, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, keinen einzigen von ihnen jemals geöffnet.“
Das Buch wird innerhalb der vorgelesenen Passage aus Knausgårds Roman erwähnt. Die Romanfigur erinnert sich an ihre frühere Begeisterung für Kierkegaards philosophisches Werk über den Glaubenssprung, die jedoch schnell verflog – ein Detail, das die intellektuelle Distanz der Figur zur Religion unterstreicht.
Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel
Søren Kierkegaard
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:32:27 „Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel. Nachdem ich ein bisschen darin geblättert hatte, erkannte ich, dass es eine Predigt war, die Deutung einer Textstelle aus dem Neuen Testament.“
Innerhalb der vorgelesenen Knausgård-Passage greift die Romanfigur nach dem mystischen Erlebnis im Wald zu diesem Kierkegaard-Band, weil er das Wort 'Vogel' im Titel trägt – eine Verbindung zum Raben, der ihm im Wald erschienen war. Die Lektüre dieser Predigt löst schließlich das eigentliche mystische Erlebnis aus: 'Das Reich Gottes war hier.'
Dona Nobis Pacem
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:35:16 „Und dann habe ich die gebeten, Dona Nobis Patem im Kanon zu singen. Und da war vollkommen klar, da gab es vielleicht zwei, die diesen Kanon jemals gehört haben und alle anderen. Aber wir hatten eine Geige dabei und wir hatten eine Sängerin. Wir haben das hingekriegt.“
Johanna Haberer erzählt von einer persönlichen Erfahrung bei einer Rotary-Club-Andacht, bei der sie die Anwesenden den Kanon 'Dona Nobis Pacem' singen ließ. Eine Frau war danach so bewegt, dass sie sagte, sie habe ihre eigene Stimme seit 40 Jahren nicht mehr beim Singen gehört.
Die Brüder Karamasow
Fjodor Dostojewski
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:40:56 „Hat diese Begegnung der erstarrten Kirche mit der Erfahrung Gottes in einer ganz berühmten Parabel beschrieben, die heißt der Großinquisitor aus den Brüdern Karamasos.“
Johanna Haberer bringt Dostojewskis Großinquisitor-Parabel aus den Brüdern Karamasow als Beispiel für den Konflikt zwischen mystischer Gotteserfahrung und erstarrter kirchlicher Institution. Die Passage wird anschließend ausführlich vorgelesen: Jesus kehrt nach 1500 Jahren nach Sevilla zurück, vollbringt Wunder, wird aber vom Großinquisitor verhaftet und zum Tode verurteilt.
Der Großinquisitor
Fjodor Dostojewski
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:41:16 „Ja, es gibt es als Reklamheft. Der Großinquisitor kannst du dir extra bestellen. Als Exzerpt haben wir in der Schule gelesen.“
Sabine Rückert ergänzt, dass die Großinquisitor-Parabel auch als eigenständiges Reclam-Heft erhältlich ist und sie es bereits in der Schule gelesen hat. Dies unterstreicht die Bekanntheit und Bedeutung dieses Textauszugs als eigenständiges Werk.
Die Brüder Karamasow
Fjodor Dostojewski
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:48:30 „Warum bist du gekommen, uns zu stören? Ja, das ist ja fantastisch. Das ist eine fantastische Passage. Der Dostoevsky, was für ein verrückter Typ.“
Johanna Haberer kommentiert begeistert eine offenbar vorgelesene Passage aus Dostojewskis Großinquisitor-Kapitel als Beispiel für mystischen und institutionenkritischen Zugang
Bertelsmann-Umfrage zu Kirchenaustritten
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:49:57 „Aber wir haben jetzt auch eine neue Bertelsmann-Umfrage in der Zeit veröffentlicht, in der es darum geht, dass die Leute sich innerlich von den Kirchen abwenden. Viele treten ja aus aus der Kirche. Wir haben eine erhebliche Austrittswelle im Jahr 2022 wieder gehabt.“
Sabine Rückert verweist auf eine in der ZEIT veröffentlichte Bertelsmann-Umfrage, die zeigt, dass viele Menschen aus der Kirche austreten, aber über 80 Prozent der Deutschen weiterhin an Gott glauben. Sie nutzt die Studie, um Karl Rahners These von der Zukunft der Mystik zu untermauern.
Mittagsstunde
Lars Jessen
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:53:46 „auch aus einem modernen Buch von Dörte Hansen, Mittagsstunde. Es handelt sich um das Leben in einem kleinen Dorf an der Nordseeküste“
Sabine Rückert liest eine lange Passage vor, in der ein Kriegsheimkehrer eine dunkle, auf Vergeltung beruhende Gottesbeziehung erlebt – Johanna Haberer empfiehlt das Buch ausdrücklich
Mittagsstunde
Dörte Hansen
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:54:29 „Ich habe noch eine wunderbare Geschichte mitgebracht, auch modern, auch aus einem modernen Buch von Dörte Hansen, Mittagsstunde. Es handelt sich um das Leben in einem kleinen Dorf an der Nordseeküste und ein Mann, ein Russlandsoldat, kehrt nach langer Gefangenschaft in Sibirien zurück in sein Zuhause und stellt fest, dass dort niemand auf ihn gewartet hat.“
Sabine Rückert liest eine längere Passage aus Dörte Hansens Roman vor, in der ein Kriegsheimkehrer seine Schuld mit einem rechnenden, strafenden Gott verarbeitet. Sie empfiehlt das Buch am Ende ausdrücklich: 'Das Buch ist fantastisch. Das kann ich nur jedem empfehlen. Mittagsstunde, ein unglaubliches Buch.'
Großer Gott, wir loben dich (Te Deum)
Ignaz Franz
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:58:32 „Die Blaskapelle auf dem Bahnhof hatte 'Großer Gott, wir loben dich' gespielt. Nur eine fromme Lüge. Wer sollte seinen Gott denn dafür loben, dass danach tausend Tagen ein Gespenst nach Hause kam?“
Das Kirchenlied wird innerhalb der vorgelesenen Passage aus Dörte Hansens 'Mittagsstunde' erwähnt. Die Blaskapelle spielt es bei der Ankunft des Kriegsheimkehrers am Bahnhof, doch für den Protagonisten ist es nur eine 'fromme Lüge' angesichts dessen, was er erlebt und getan hat.
Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren
Angelus Silesius
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 01:01:37 „Es gibt einen Mystiker im 17. Jahrhundert, ein Theologe, Dichter und Arzt, der heißt Angelus Silesius. Und der sagt den berühmten weihnachtlichen Satz, und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du gingest ewiglich verloren. Das ist sozusagen der Spitzensatz der weihnachtlichen Mystik.“
Johanna Haberer zitiert den berühmten Vers von Angelus Silesius als Höhepunkt der weihnachtlichen Mystik-Diskussion. Der Spruch stammt aus dem 'Cherubinischen Wandersmann' und fasst die mystische These zusammen, dass religiöse Erfahrung innerlich und persönlich sein muss.