Die Treue einer jungen Frau
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Diese Folge widmet sich dem Buch Ruth — einer kunstvoll eingeschobenen Novelle zwischen Richter- und Königszeit, die den Stammbaum König Davids aus der Perspektive von Frauen erzählt. Als eines der wenigen biblischen Bücher, das nach einer Frau benannt ist, wird es zum Anlass, die systematische Unsichtbarkeit von Frauen in der Geschichtsschreibung zu beleuchten — von der Bibel bis zu den Denkmälern der USA, wo es elfmal mehr Meerjungfrauen-Statuen gibt als Standbilder von Parlamentarierinnen.
„Es gibt elfmal mehr Meeresjungfrauenstatuen, 22 nämlich im ganzen Land, als solche von Parlamentarierinnen. Nur ganze zwei Standbilder zeigen weibliche Mitglieder des Kongresses.“
Erwähnte Medien (11)
Das Buch Ruth
Jürgen Ebach
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:08 „ich begrüße Sie zu unserer Sendung über das Buch Ruth“
Das Buch Ruth aus der Bibel ist das zentrale Thema dieser Podcast-Episode und wird ausführlich besprochen
Buch der Richter
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:00:41 „Dieses Mal haben wir es mit einer Novelle zu tun, einem eingeschobenen Stück, das zwischen dem Buch der Richter, das wir letztes Mal beendet haben, und der großen Königsgeschichte, die nach dem Buch Rot anfangen wird, eingeklemmt worden ist.“
Sabine Rückert ordnet das Buch Ruth in den Kanon der biblischen Bücher ein. Das Buch der Richter wurde in der vorherigen Folge abgeschlossen und bildet den Kontext für die Einordnung der Ruth-Novelle.
Männer in Stein
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:02:54 „Am 11. Oktober 21 war nämlich auf der ersten Seite der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift Männer in Stein ein kleines, ganz kleines Stückchen abgedruckt. Denkmäler in den USA zeigen vor allem reiche Herren.“
Sabine Rückert liest vor der eigentlichen Bibelgeschichte einen kurzen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vor, der als thematische Klammer dienen soll. Der Artikel beschreibt eine Auswertung von Monument Lab, die zeigt, dass fast alle Denkmäler in den USA weiße, reiche Männer darstellen — nur drei Frauen schafften es unter die Top 50. Rückert nutzt diese Statistik als Kontrastfolie zum Buch Ruth, das als eines der wenigen biblischen Bücher nach einer Frau benannt ist und aus weiblicher Perspektive erzählt.
Das Buch Rut
Jürgen Ebach
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:19 „Bis dann vor, ich glaube, zehn Jahren oder was, der Kollege Ebach rausgearbeitet hat, dass das ein Buch aus einem Guss, möglicherweise von einer Frau geschrieben, mit wahnsinnig klugen Rechtsvorstellungen ist.“
Johanna Haberer verweist auf die exegetische Arbeit ihres Kollegen Jürgen Ebach, der die bisherige Sicht auf das Buch Ruth als bloße Novelle revidiert hat. Ebach zeigte, dass es ein durchkomponiertes Werk mit fundierten Rechtskenntnissen ist, möglicherweise von einer Frau verfasst.
Moby Dick
Herman Melville
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:25:06 „Es gibt eine wunderbare Beschreibung von Melville in seinem Roman »Moby Dick«, wie sich Wale verhalten, wenn einer von ihnen getroffen wird. Es gibt ja bei den Jungtieren Walschulen. Das heißt, die Jungtiere ziehen zusammen in Gruppen herum.“
Sabine Rückert zieht eine spontane Parallele zwischen der Loyalität der Ruth gegenüber Naomi und dem Verhalten weiblicher Wale in Melvilles Roman. Sie erinnert sich an eine Passage, in der beschrieben wird, dass weibliche Wale bei einem harponierten Artgenossen bleiben und versuchen, ihn zu retten, während männliche Wale fliehen. Diese Assoziation unterstreicht das zentrale Thema der weiblichen Solidarität im Buch Ruth.
Das Buch Ruth
Jürgen Ebach
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:34:32 „Du musst dir vorstellen, so unterm Tor, das ist also eine Stadtmauer und unterm Tor wird Gericht gehalten, beziehungsweise da werden die wichtigen Verhandlungen, Immobilien werden da ausgetauscht. Das ist so eine Art Richtplatz, wo man sich da einigt.“
Das Buch Ruth ist das zentrale Werk dieser Episode. Johanna Haberer und Sabine Rückert lesen und interpretieren die biblische Erzählung Kapitel für Kapitel – von der nächtlichen Szene auf der Tenne über das Löserecht-Verfahren am Stadttor bis zur Geburt Obeds. Sie deuten die Geschichte als politisches Statement für eine lebensfreundliche Tora-Auslegung und als Plädoyer für die Integration von Ausländerinnen, da König David von der Moabiterin Ruth abstammt.
Buch Esra
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:43:41 „Sondern es ist auch ein massiver Gegenspruch gegen das, was wir später bei Esra und Nehemiah lesen werden oder was wir auch im Deuteronomium schon gelesen haben, gegen dieses tut nichts mit Ausländern, lasst die draußen und mischt euch nicht mit ihnen.“
Johanna Haberer stellt das Buch Ruth in Kontrast zu den Büchern Esra und Nehemia, die eine strikte Abgrenzung gegenüber Ausländern fordern. Während Esra die Ehen mit fremden Frauen auflösen lässt, erzählt Ruth die Gegengeschichte: Eine Moabiterin wird Stammmutter König Davids.
Buch Nehemia
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:43:41 „Sondern es ist auch ein massiver Gegenspruch gegen das, was wir später bei Esra und Nehemiah lesen werden oder was wir auch im Deuteronomium schon gelesen haben, gegen dieses tut nichts mit Ausländern, lasst die draußen und mischt euch nicht mit ihnen.“
Zusammen mit dem Buch Esra wird Nehemia als biblischer Gegentext zum Buch Ruth genannt. Haberer argumentiert, dass die Ruth-Erzählung bewusst gegen die fremdenfeindliche Haltung dieser Bücher geschrieben wurde.
Deuteronomium
Mose
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:43:41 „Sondern es ist auch ein massiver Gegenspruch gegen das, was wir später bei Esra und Nehemiah lesen werden oder was wir auch im Deuteronomium schon gelesen haben, gegen dieses tut nichts mit Ausländern, lasst die draußen und mischt euch nicht mit ihnen.“
Das fünfte Buch Mose wird als weiterer biblischer Text genannt, der eine Abgrenzung gegenüber Fremden enthält. Haberer sieht das Buch Ruth als bewussten Gegenentwurf zu diesen Vorschriften.
Artikel über Standbilder für reiche weiße Männer
Süddeutsche Zeitung
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:45:19 „Jetzt wollte ich bei der Gelegenheit, nachdem ich ja mit der Süddeutschen Zeitung begonnen habe und mit den Standbildern, die man reichen weißen Männern aufstellt, wollte ich jetzt, wir haben es ja hier mit armen, nicht weißen Frauen zu tun gehabt die ganze Zeit, die unter einem besonderen Segen stehen.“
Sabine Rückert verweist auf einen offenbar in der ersten Hälfte der Episode besprochenen Artikel der Süddeutschen Zeitung über Standbilder für reiche weiße Männer. Sie nutzt den Artikel als Kontrastfolie zur Ruth-Geschichte, in der arme, nicht-weiße Frauen im Zentrum stehen und unter besonderem Segen stehen.
Interview mit Yuval Noah Harari
Die Zeit
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:45:37 „Jetzt wollte ich aufhören mit einem kleinen Interview, das in der Zeit stand, mit meinem Lieblingshistoriker Yuval Noah Harari. Der wurde kürzlich in der Zeit befragt über dieses und jenes und unter anderem sagt er Folgendes über die Bibel.“
Sabine Rückert zitiert am Ende der Episode ausführlich aus einem Zeit-Interview mit Yuval Noah Harari. Darin spricht Harari über die Bibel als grundlegendes Bezugssystem in Israel, über das Patriarchat und über die feministische Revolution als eine der erfolgreichsten und friedlichsten Revolutionen der Geschichte. Rückert schlägt damit den Bogen vom biblischen Ruth-Stoff zu modernen Fragen der Gleichberechtigung.