Ich wär jetzt lieber woanders
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Die Folge kreist um das Thema Sehnsucht — ob sie der Grundzustand des Menschen ist und was sie mit der Gegenwart zu tun hat. Bevor es ans Eingemachte geht, wird im Gegenwartscheck ein neuer Cinemax-Trailer namens »Jetzt ist Film« besprochen, der statt der üblichen Handy-aus-Durchsage die Smartphone-Abhängigkeit elegant reflektiert. Alle drei haben Texte zum Thema mitgebracht, passend zur Sommersehnsuchts-Stimmung kurz vor den Ferien.
„Die Leute, die ins Kino gehen, machen ihr Handy aus, denn das wollen sie. Sie wollen in eine andere Welt eintauchen.“
Erwähnte Medien (23)
Banana Pancakes
Jack Johnson
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:01:32 „Mich hat es sehr an Jack Johnson erinnert, den Surfer mit seinen, was, Banana Pancakes.“
Nina Pauer assoziiert den per KI generierten Ukulele-Song, der als Intro der Folge gespielt wird, mit Jack Johnsons entspanntem Surfer-Sound. Die Erwähnung dient als humorvoller Vergleich und leitet über zum Hauptthema Sehnsucht und Sommer.
Wann wird's mal wieder richtig Sommer?
Rudi Carrell
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:01:41 „Irgendwie bin ich heute aufgewacht und habe an unseren Podcast gedacht und hatte sofort einen Urwurm von erstens, wann wird es mal wieder endlich Sommer, zweitens und es war Sommer von hier, ne. Peter Maffay und griechischer Wein, das war das Hartnäckigste.“
Nina Pauer erzählt, dass sie beim Aufwachen mehrere Sommer-Ohrwürmer hatte, die sie mit dem heutigen Podcast-Thema Sehnsucht verbindet. Sie zählt mehrere deutsche Sommer-Hits auf, die sofort die Stimmung von Sommer-Sehnsucht transportieren.
Und es war Sommer
Peter Maffay
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:01:41 „Irgendwie bin ich heute aufgewacht und habe an unseren Podcast gedacht und hatte sofort einen Urwurm von erstens, wann wird es mal wieder endlich Sommer, zweitens und es war Sommer von hier, ne. Peter Maffay und griechischer Wein, das war das Hartnäckigste.“
Nina Pauer listet Peter Maffays Klassiker als einen der Ohrwürmer auf, die sie am Morgen der Aufnahme nicht losgeworden ist. Das Lied dient als Überleitung zum Hauptthema der Folge: Sehnsucht – passend zur Sommerstimmung.
Griechischer Wein
Udo Jürgens
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:02:00 „Peter Maffay und griechischer Wein, das war das Hartnäckigste. Es geht heute nämlich um Sehnsucht, passend natürlich zu dem, was in der Luft liegt.“
Nina Pauer nennt den Schlager als den hartnäckigsten ihrer Sommer-Sehnsuchts-Ohrwürmer. Das Lied über die Sehnsucht nach der Heimat passt perfekt zum Folgenthema und steht für die emotionale Kraft, die Sehnsucht in der Popkultur hat.
Jetzt ist Film
Cinemax
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:03:51 „Und zwar ist es ein Film, man kann den jederzeit als Trailer auch im Netz schauen von Cinemax. Er heißt »Jetzt ist Film«. Und er rückt an die Stelle, an der man sonst immer so eine Durchsage kommt, macht bitte eure Handys aus.“
Ijoma Mangold stellt im Gegenwartscheck einen Kino-Vorfilm von Cinemax vor, der die Smartphone-Abhängigkeit der Zuschauer thematisiert und das Kino als Gegenort zur medialen Kleinteiligkeit inszeniert. Er beschreibt detailliert Szenen, in denen Menschen beim Frühstück, an der Tür und in der Familie ständig aufs Handy starren – und das Kino als Ort der echten, ununterbrochenen Story dagegen setzt.
Arbeit und Struktur
Wolfgang Herrndorf
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:29:12 „Ich habe heute Morgen nochmal die Stelle von Wolfgang Herndorf, weil wir ja gerade in der Krebsfolge über Arbeit und Struktur reden.“
Nina zitiert den Anfang des Buches, in dem Herrndorf eine kindliche Erinnerung beschreibt, die zum Thema Sehnsucht passt
Es schienen so golden die Sterne (Sehnsucht)
Joseph von Eichendorff
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:30:46 „das vielleicht berühmteste Sehnsuchtsgedicht, das ist dann wirklich Hochromantik von dem schlesischen Beamten Eichendorff“
Ijoma trägt das vollständige Gedicht vor als Beispiel für die romantische Sehnsucht nach der Ferne und dem Anderssein
Unzeitgemäße Betrachtungen
Friedrich Nietzsche
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:31:28 „Um Sehnsucht zu empfinden, muss man quasi im Kontrafaktischen denken können und muss sich, also bei Nietzsche heißt es mal, das Tier ist an den Pflock des Augenblicks gebunden. Und da kann dann weder Nostalgie aufkommen, noch Sehnsucht nach einer Zukunft oder nach dem Wunder.“
Mangold nutzt Nietzsches berühmtes Bild vom Tier, das an den Pflock des Augenblicks gebunden ist, um Sehnsucht als spezifisch menschliche Fähigkeit zu beschreiben. Nur wer ein Zeitbewusstsein hat und kontrafaktisch denken kann, ist zur Sehnsucht fähig – was sie zu einem anthropologischen Grundmerkmal macht.
Gedicht über den Rauch aus dem Haus
Bertolt Brecht
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:35:04 „wie später Brecht das doch mal in so einem Gedicht formuliert hat, da ist das Haus am See und so weiter und das ist alles ganz schön, aber wie traurig wäre das ohne den Rauch, der aus dem Haus kommt“
Lars verweist auf ein Brecht-Gedicht über die Notwendigkeit menschlicher Spuren in der Natur
Gedicht über den nächtlichen Brunnen
Hans Carossa
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:35:04 „geht auch von Hans Karossa, dieses schöne Gedicht, wo einer nachts in der einsamen Natur in seinem Bett liegt und er hört das Rauschen des Brunnens, das Plätschern des Brunnens“
Ijoma ergänzt Lars' Punkt über menschliche Spuren in der Natur mit einem Gedicht von Carossa über einen nächtlichen Wanderer am Brunnen
Der Rauch
Bertolt Brecht
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:35:13 „Wie später Brecht das doch mal in so einem Gedicht formuliert hat, komisch, ich kann es nicht zitieren, da ist das Haus am See und so weiter und das ist alles ganz schön, aber wie traurig wäre das ohne den Rauch, der aus dem Haus kommt. Da müssen schon irgendwie Menschen so ein bisschen noch vorkommen und ihre Zeichen.“
Lars Weisbrod erinnert sich ungenau an Brechts Gedicht, um zu argumentieren, dass selbst in der Romantik die Natur allein nicht ausreicht – es braucht Spuren menschlicher Anwesenheit, wie den Rauch aus einem Schornstein, damit Sehnsucht entsteht. Er kann das Gedicht nicht wörtlich zitieren, erinnert sich aber an das zentrale Bild.
Alter Mann am Brunnen
Hans Carossa
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:35:45 „Geht auch von Hans Karossa, dieses schöne Gedicht, wo einer nachts in der einsamen Natur in seinem Bett liegt und er hört das Rauschen des Brunnens. Und plötzlich wird dieses Geräusch unterbrochen. Und dann ist er ganz ergriffen, weil er weiß, jetzt ist wohl ein Wanderer vorbeigekommen und hat seine Hände unter den Wasserstrahl gehalten, um seinen Durst zu löschen.“
Mangold beschreibt ein Carossa-Gedicht als Ergänzung zu Brechts Rauch-Bild: Auch hier entsteht die poetische Ergriffenheit erst durch das Zeichen menschlicher Anwesenheit – ein Wanderer, der den Brunnenstrahl unterbricht. Der genaue Titel wird nicht genannt, aber das Motiv wird detailliert nacherzählt.
Heinrich von Ofterdingen
Novalis
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:38:04 „Novalis fragt, wo gehen wir denn hin? Im Heinrich von Ofterdingen, daraus ist das Zitat, wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause. Und da hat man dieses Beides. Einerseits will man die Ferne, aber man hofft in Wahrheit in der Ferne das Eigentliche selbst dann anzutreffen.“
Mangold zitiert Novalis' berühmten Satz als Synthese der beiden zuvor beschriebenen Sehnsuchtsformen: Die Ferne wird gesucht, doch eigentlich hofft man, dort das Eigentliche – das Zuhause – zu finden. Er beschreibt damit die paradoxe Struktur der Sehnsucht, die Lars zuvor als Nostalgie für sich reklamiert hatte.
Die Lorelei
Heinrich Heine
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:38:45 „Und mir fällt halt sofort der Anfang von diesem Loreley-Ding ein. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Das ist für mich deutsche Romantik. Also erstens ist jemand traurig, aber noch viel wichtiger ist, es fragt jemand so tiefsinnig, was irgendwas bedeuten soll.“
Lars Weisbrod ergänzt die Reihe romantischer Sehnsuchtstexte um Heines Lorelei, betont aber, dass Heine kein reiner Romantiker mehr war, sondern die Romantik auch ironisch brach. Für Weisbrod steckt in dem Anfangsvers die gesamte deutsche Kontinentalphilosophie – der Drang, allem eine tiefe Bedeutung geben zu müssen.
1913
Florian Illies · 2012
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:39:35 „Ich musste ja, als du das Thema vorgeschlagen hast, sofort an Florian Illyes Bücher denken oder an seinen bahnbrechenden Erfolg, also zum einen natürlich an 1913. Und ich glaube, darin liegt der Erfolg, dass er so unterhaltsam und schön und eben auch liebevoll die Menschen, die dort beschrieben werden, die Briefwechsel aller großen Stars dieser Zeit, also Rilke, Kafka, wer auch immer da alles vorkommt. Und alle sehnen sich die ganze Zeit weg.“
Nina Pauer nennt Illies' Bestseller als herausragendes Gegenwartsbeispiel für die Sehnsucht als kulturelles Phänomen. Der Erfolg des Buchs liege darin, dass es zeigt: Alle Menschen haben sich schon immer weggesehnt – zu Geliebten, an andere Orte. Das tröste heutige Leser, die ihre eigene Unruhe für abnormal halten.
Drei Schwestern
Anton Tschechow
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:41:00 „Nach Moskau, nach Moskau, so enden doch Tschechos drei Schwestern. Die leben da auf dem schönen Landhaus in der Idylle, aber glauben natürlich umgekehrt wie wir aus der Persi, wir sehen uns immer nach dem Land. Aber die sitzen halt wirklich auf dem Land und sehen sich immer nach Moskau, weil sie glauben, da ist das aufregende Leben.“
Mangold greift Tschechows Theaterstück als Gegenbeispiel zur modernen Cabin-Porn-Sehnsucht auf: Während wir uns in die Natur sehnen, sehnen sich die drei Schwestern vom Land nach der Großstadt Moskau. Das illustriert die universelle Struktur der Sehnsucht – man will immer dorthin, wo man gerade nicht ist.
Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten
Florian Illies
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:41:27 „Die Kaspar David Friedrich Ausstellung, das Buch über Kaspar David Friedrich, also da kann man ja fast schon sagen, das ist die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Und Florian Ines hat ja auch ein Buch über Kasper David Friedrich geschrieben.“
Im Kontext der Diskussion über Florian Illies' Erfolge erwähnt Mangold dessen Buch über Caspar David Friedrich. Nina Pauer und er sehen darin ein Beispiel für 'Sehnsucht nach der Sehnsucht' – das Publikum sehne sich nach der romantischen Sehnsucht selbst, wie sie in Friedrichs Bildern und Illies' Büchern eingefangen wird.
Wellen
Eduard von Keyserling
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:42:17 „Und zwar eine Novelle von Eduard von Kaiserling, erschienen 1911. Wellen heißt die, hat mir lustigerweise Florian Idies einmal empfohlen und ich habe das mehrfach gelesen, weil es hat auch was von diesem, man denkt, ach was placken sich alle ab, was quälen sich alle die ganze Zeit und wie irre ist eigentlich diese Art, wie menschliche Psychen funktionieren.“
Nina Pauer bringt Keyserlings Novelle als ausführliches Herzstück der Folge ein und liest mehrere Passagen vor. Die Geschichte spielt an einem Ostseestrand, wo eine Gräfin, die aus Konventionen ausgebrochen ist, und eine adelige Gesellschaft sich gegenseitig mit Sehnsüchten beladen. Pauer empfiehlt das Buch als Sommerlektüre und als seelisches Pflaster für alle, die im Urlaub merken, dass die Erfüllung nicht hält, was die Sehnsucht versprochen hat.
The White Lotus
Mike White
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:43:03 „Ich möchte ja auch unbedingt, dass wir nochmal eine Folge über White Lotus machen, wo ja auch dieses sich beäugen gegenseitig am Strand und der Menschen, die man im Urlaub ist, weil da ist man natürlich eigentlich glücklich und zeigt irgendwie aber auch sein wahres Ich und so weiter.“
Nina Pauer zieht eine Parallele zwischen Keyserlings Novelle 'Wellen' und der HBO-Serie White Lotus: Beide zeigen Menschen im Urlaub, die sich gegenseitig beiläufig und doch obsessiv beobachten und ihre Sehnsüchte aufeinander projizieren. Sie wünscht sich eine eigene Podcast-Folge darüber.
Schwester der Angst (Wellenbuch / Novelle von Eduard von Keyserling)
Eduard von Keyserling
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:44:27 „Das Mondbeglänzte Meer, das Rauschen und Wehen da draußen, ließ ihnen keine Ruhe... Hans Grill und Doralice gingen am Meeresufer entlang.“
Nina liest ausführlich aus einer Novelle von Eduard von Keyserling vor, in der ein Liebespaar die Desillusionierung nach erfüllter Sehnsucht erlebt
The Power of Now
Eckhart Tolle
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:54:00 „Nämlich der Self-Help-Guru und deutschstämmige, aber auf Englisch publizierende und berühmt gewordene Autor und Ratgeber-Literatur-Bestseller-Autor Eckart Tolle. Bei Allegro Pastel spielte er eine Rolle, deswegen war er in unserer ersten Folge dabei. Und schon sein berühmtestes Buch, The Power of Now, die Kraft der Gegenwart“
Lars stellt das Buch als Gegenpol zur Sehnsucht vor – das Konzept, ganz im Moment zu leben statt sich woandershin zu sehnen
Allegro Pastell
Leif Randt · 2020
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:54:00 „Bei Allegro Pastel spielte er eine Rolle, deswegen war er in unserer ersten Folge dabei.“
Erwähnung des Romans als Anlass, warum Eckhart Tolle in der ersten Folge des Podcasts besprochen wurde
The Power of Now
Eckhart Tolle
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:41 „Und schon sein berühmtes Buch, berühmtestes Buch, The Power of Now, die Kraft der Gegenwart, enthält ja diese Doppeldeutschkeit, wir machen einen Podcast über die Gegenwart. Dieses Buch hat gar nichts mit Gegenwartsdiagnosen oder so zu tun, sondern soll nur in einem protobuddhistischen Sinne versucht nur irgendwie zu zeigen, dass wir von allen Bestrebungen und Wünschen und allen Überlegungen, was morgen ist und was gestern war, uns verabschieden sollen und nur eigentlich wunschlos in dem Moment leben.“
Lars Weisbrod führt Eckhart Tolles Bestseller als Gegenpol zum Sehnsuchtsbegriff ein. Er fasst die Kernthese zusammen – wunschlos im Moment leben – und fragt, ob das nicht das genaue Gegenteil von Sehnsucht sei. Nina Pauer widerspricht und argumentiert, dass auch der Wunsch nach Gegenwärtigkeit selbst eine Form von Sehnsucht darstelle.