Trauma ist für alle da
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Der Begriff "Trauma" hat in den letzten Jahren eine inflationäre Verwendung erfahren — vom klinischen Fachbegriff zur beliebten Selbstbeschreibung. Die Folge fragt, ob es mittlerweile so etwas wie "Traumapornografie" gibt, also eine Lust an der fiktionalen Aufbereitung von Leid, und warum der Begriff so stark ausfranst, dass schon das Anmeckern von Kindern als traumatisierend gelten kann.
„Ob es mittlerweile vielleicht sogar so etwas gibt wie Traumapornografie, also eine reine Lust und Erregung an der fiktionalen Aufbereitung von Traumata und Leid, die ein Publikum zum Beispiel beim Lesen empfindet.“
Erwähnte Medien (11)
Kriegsenkel
Sabine Bode
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:24:09 „Den einen verknüpfe ich jetzt mal mit dem Namen Sabine Bode, eine Sachbuchautorin, die sehr, sehr erfolgreiche Bestsellerbücher geschrieben hat über die Erfahrungen der Enkelgeneration derer, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben.“
Im Gespräch über die inflationäre Verwendung des Trauma-Begriffs nennt Ijoma Mangold Sabine Bode als Beispiel für die Popularisierung des Konzepts transgenerationeller Traumata. Ihre Bestseller-Sachbücher über die Kriegsenkel-Generation hätten die Idee verbreitet, dass Traumata sich epigenetisch über Generationen weitervererben können — etwa vom gefallenen Großvater über die Mutter bis zum Enkel.
Dantons Tod
Georg Büchner
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:26:50 „Da ging es um eine Danton-Inszenierung und ein schwarzer deutscher Schauspieler, der da die Figur, ich glaube, eines haitianischen Sklavenaufstand-Anführers spielte, sagte, dass er in irgendeiner Weise sich diskriminiert gefühlt habe.“
Mangold erwähnt eine Danton-Inszenierung am Schauspielhaus Düsseldorf als Beispiel für die Debatte um Rassismus und Retraumatisierung im Theater. Die Inszenierung löste eine größere Bewegung schwarzer deutscher Schauspieler aus, die einen eigenen Safe Space forderten.
Danton-Inszenierung am Schauspielhaus Düsseldorf
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:04 „es gab eine Debatte über Rassismus am Schauspielhaus Düsseldorf. Da ging es um eine Danton-Inszenierung und ein schwarzer deutscher Schauspieler“
Eine Theaterinszenierung wird als konkretes Beispiel für die Debatte um Retraumatisierung und Safe Spaces im Kulturbetrieb angeführt
Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren
Svenja Flaßpöhler
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:31:00 „Die Hypersensibilität, die Svenja Flasspöhler hat darüber auch ein interessantes Buch geschrieben, die wird ja als Wert bekräftigt. Also der hypersensible Mensch, das ist ja keine Schwäche, sondern eine Auszeichnung.“
Im Gespräch über den gesellschaftlichen Wertewandel von Härte zu Weichheit und die Aufwertung von Verletzlichkeit erwähnt Mangold Flasspöhlers Buch als relevanten Beitrag zur Debatte über Hypersensibilität. Er nutzt es als Beleg dafür, dass Empfindlichkeit in unserer Zeit zur Auszeichnung geworden ist.
The Coddling of the American Mind
Greg Lukianoff, Jonathan Haidt
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:32:05 „Jonathan Haidt, oder Haidt, H-A-I-D-T, ein amerikanischer Sozialpsychologe, der an der New York University lehrt, der hat in diesem ganzen Kontext, du hast es schon angesprochen, Trigger Warning, Safe Spaces, der hatte mal versucht, nach einer Erklärung zu suchen, wie es zu dieser psychologischen Innenausstattung der jüngeren Generation gekommen ist.“
Mangold führt Jonathan Haidts These an, wonach die unbeaufsichtigte Kindheit früherer Generationen eine natürliche Resilienz förderte, die heutigen überbehüteten Kindern fehle. Haidt dient als sozialpsychologische Erklärung für die gestiegene Empfindlichkeit der jüngeren Generation rund um Trigger Warnings und Safe Spaces.
Schmerz lass nach
Johannes Franzen
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:33:34 „Wir haben beide mit großem Interesse einen Text von einem Kollegen auf Zeit Online, nämlich Johannes Franzen, gelesen. Der hieß Schmerz lass nach oder heißt, den sollte man sich mal reinziehen und der beruft sich wiederum auch auf ein Essay aus dem New Yorker von der Autorin Parul Segal.“
Pauer stellt den Zeit-Online-Artikel als zentralen Ausgangspunkt für die Diskussion über den sogenannten Trauma-Plot in Literatur und Serien vor. Franzen fasst darin die Beobachtung zusammen, dass zeitgenössische Erzählungen inflationär auf traumatische Hintergrundgeschichten als Tiefenschablone für Figuren zurückgreifen.
The Trauma Plot
Parul Sehgal
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:33:34 „Der beruft sich wiederum auch auf ein Essay aus dem New Yorker von der Autorin Parul Segal. Da geht es um den Trauma-Plot, besonders in der Literatur, aber auch in Serien.“
Pauer verweist auf Sehgals einflussreiches New-Yorker-Essay als Ursprung des Begriffs 'Trauma-Plot'. Das Essay beschreibt das Muster, dass Protagonisten in zeitgenössischer Literatur und Serien auf ihre Symptome reduziert werden und die Handlung darin besteht, Schicht für Schicht die traumatische Vorgeschichte freizulegen.
Homeland
Howard Gordon, Alex Gansa
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:33:50 „Mir fiel jetzt auch nochmal ein, der Brody, wie heißt er mit Vornamen, dieser aus Homeland, der dann traumatisiert da aus dem Krieg kommt und immer auf dem Boden schläft deshalb. Also er kann nicht mehr im Bett schlafen, weil er immer in der Gefangenschaft auf dem Boden geschlafen hat.“
Pauer nennt die Figur Brody aus Homeland als konkretes Beispiel für den Trauma-Plot in Serien. Brodys Kriegstraumatisierung und seine Symptome – etwa das Schlafen auf dem Boden – illustrieren das Muster, dass Figuren durch ihre traumatischen Symptome definiert werden.
James Bond
Ian Fleming
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:35:16 „James Bond wird da zum Beispiel genannt, das reicht nicht, jeder muss jetzt einfach eine traumatische Vorgeschichte haben.“
Pauer erwähnt die James-Bond-Filmreihe als weiteres Beispiel für den Trauma-Plot-Trend. Selbst eine klassische Action-Figur wie Bond dürfe heute keine Freude mehr am Schießen haben, sondern müsse von inneren Dämonen geplagt sein – ein Zeichen dafür, wie allgegenwärtig die traumatische Hintergrundgeschichte als Erzählkonvention geworden ist.
Ein wenig Leben
Hanya Yanagihara
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:35:24 „im Zentrum dieser Auseinandersetzung, weil man es da so gut beschreiben kann wie bei keinem anderen Buch, steht der Roman von der Hanya Yana Gihara, der, ich vermute, schon wieder länger her, 2016 oder so, erschienen ist, hier in Deutschland bei Hansa Berlin. Ein wenig Leben.“
Zentrales Beispiel für den Trauma-Plot in der Literatur – der Roman wird ausführlich besprochen als Paradebeispiel für die Instrumentalisierung von Traumata zur Figurenvertiefung
Das Deutsche Krokodil
Ijoma Mangold
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:50:05 „ich hatte mal auch schon wieder vier, fünf Jahre her ein Memoir geschrieben, das Deutsche Krokodil. Und da habe ich mich mit dieser Frage der Verdrängung, des Verdrängten und des Traumas auch auseinandergesetzt“
Mangold liest eine längere Passage aus seinem eigenen Memoir vor, in der er den Trauma-Begriff und die Sehnsucht nach Unversehrtheit kritisch hinterfragt