Thomas de Maizière, was ist heute konservativ
Christoph Amend, Jochen Wegner & Gäste
Thomas de Maizière erzählt, wie er als junger Berater seines Vetters Lothar die Wiedervereinigung mitgestaltete — ohne Drehbuch, denn als man die Schubladen im Kanzleramt öffnete, waren sie leer. Er schildert seine enge Partnerschaft mit Angela Merkel, die am Verhandlungstisch des Einigungsvertrags begann, die einsame Entscheidung gegen Zurückweisungen an der Grenze im September 2015 und erklärt, warum ein Doppelreiher mit Einstecktuch noch keinen Konservativen macht.
„Wenn man die Schubladen aufmachte im gesamtdeutschen Ministerium oder im Kanzleramt oder irgendwo, wie macht man eigentlich so eine Wiedervereinigung? Dann waren diese Schubladen natürlich leer.“
Erwähnte Medien (24)
Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125
Ludwig van Beethoven
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 00:13:52 „Und Lothar de Maizière rief Kurt Masur an, ob er da spielt. Dann hat er gesagt, ja, aber ich habe das nicht geübt. Und dann hat Lothar de Maizière gesagt, das muss jetzt aber sein. Haben wir alle nicht. Dann haben wir da die Neunte gehört.“
De Maizière schildert die emotionale Abschlussveranstaltung am 2. Oktober 1990 im Schauspielhaus am Platz der Akademie, bei der die DDR als Staat verabschiedet wurde. Kurt Masur dirigierte Beethovens Neunte Sinfonie, obwohl er sie nicht geprobt hatte. Die Aufführung war Teil eines historischen Abends, der mit dem Gang zum Reichstag und der Wiedervereinigung um Mitternacht endete.
Symphonie Nr. 9
Ludwig van Beethoven
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 00:14:53 „Dann haben wir da die Neunte gehört.“
Beethovens Neunte Sinfonie wurde bei der Abschlussveranstaltung am 2. Oktober 1990 im Schauspielhaus am Platz der Akademie gespielt, dirigiert von Kurt Masur
Die Getriebenen
Robin Alexander
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 00:26:50 „Das Wort Getriebene höre ich nicht so gerne. Das bezieht sich ja bei einem Buchtitel eines Kollegen von Ihnen, der ein Buch über uns geschrieben hat. Da kommen wir sicher noch drauf, weil er nicht nur mich, sondern die ganze Regierung damals als Getriebenen dargestellt hat in einem sehr gut und spannend zu lesenden Buch.“
Im Gespräch über de Maizières Führungsstil und die Frage, ob er eher Analytiker als Macher sei, fällt das Wort 'Getriebene'. De Maizière reagiert darauf mit einem Verweis auf Robin Alexanders Buch über die Flüchtlingskrise 2015, das die gesamte Regierung als getrieben darstellte. Er nennt das Buch diplomatisch 'spannend zu lesen', weicht aber der Frage aus, ob er es gut fand.
Regieren: Innenansichten der Politik
Thomas de Maizière
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 00:42:13 „Ich habe eine Situation auch geschildert in dem Buch. Aber sonst haben wir durchaus kritisch diskutiert. Davon werde ich jetzt aber, auch wenn es noch zehn Stunden dauert, nicht viel von erzählen.“
De Maizière spricht über sein Verhältnis zu Angela Merkel und erwähnt, dass er eine bestimmte Situation – vermutlich eine Meinungsverschiedenheit während der Flüchtlingskrise – bereits in seinem Buch geschildert habe. Er verweist auf das Buch als Beleg, ohne den Titel explizit zu nennen, macht aber deutlich, dass er darüber hinaus keine weiteren Details preisgeben wird.
Rede auf dem Reichstag zu Worms
Martin Luther
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 01:35:25 „Es gibt dann eine Situation, wo Sie sagen, vielleicht ist es irgendwie falsch, aber ich mache das, ich habe es gemacht. Vielleicht sogar im Nachhinein war das falsch. Aber vielleicht wie Martin Luther sagen müssen, ich stehe hier, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“
De Maizière nutzt Luthers berühmten Ausspruch vom Reichstag zu Worms als Analogie für politische Situationen, in denen man trotz Unsicherheit eine Entscheidung treffen und zu ihr stehen muss. Er spricht über die Verantwortung von Politikern in Krisensituationen.
Die Getriebenen
Robin Alexander
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 01:37:17 „Sie hat vorhin schon die Getriebenen erwähnt, ein Buch von Robin Alexander, aber eben auch ein Dokudrama“
Das Buch über die Flüchtlingskrise 2015 wird als Grundlage für die Diskussion über die damalige Regierungspolitik herangezogen
Die Getriebenen
Robin Alexander
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 01:37:17 „ein Buch von Robin Alexander, aber eben auch ein Dokudrama, so heißt es glaube ich, dass man jetzt noch auf Amazon Prime sehen kann“
Das Dokudrama zur Flüchtlingskrise wird als Verfilmung des gleichnamigen Buchs erwähnt, de Maizière beschreibt seine Erfahrung beim Ansehen
Deutschlandlied
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
🗣 Thomas de Maizière zitiert daraus bei ⏱ 01:56:18 „Es heißt auch in unserer Nationalhymne übrigens, heißt es auch nicht Einheit und Recht und Freiheit, sondern Einigkeit. Und Einigkeit als Ziel setzt vorher Streit und Debatte voraus.“
De Maizière zitiert die deutsche Nationalhymne, um seinen Punkt zu untermauern, dass das Ziel nicht 'innere Einheit' im Sinne von Gleichförmigkeit sein könne. Er betont den feinen sprachlichen Unterschied zwischen 'Einheit' und 'Einigkeit' und argumentiert, dass Einigkeit Pluralismus und Debatte voraussetze.
Interview mit der Süddeutschen Zeitung
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:01:20 „Sie haben mal in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vor fünf Jahren so beschrieben, die Lage in Dresden oder die gesellschaftliche Situation in Dresden. Und einerseits haben Sie da beschrieben, dass viele aus dem Westen, die Führungspositionen im Osten bekleidet haben, gar kein Interesse hatten, Ostdeutsche überhaupt kennenzulernen.“
Christoph Amend zitiert aus einem früheren Interview de Maizières mit der Süddeutschen Zeitung, in dem dieser die gesellschaftliche Spaltung in Dresden zwischen zugezogenen Westdeutschen und Ostdeutschen beschrieb – inklusive der Bemerkung über 'Ossi-freie Zonen' bei Veranstaltungen.
Der Turm
Uwe Tellkamp
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:08:04 „Es gibt ja einen fantastischen Roman über dieses Milieu, der Turm von Uwe Tellkamp. Und Uwe Tellkamp ist vielleicht auch eine Überleitung zu meiner nächsten Frage, denn der ist ja im Laufe der letzten Jahre auch politisch immer weiter nach rechts gerutscht oder gegangen.“
Christoph Amend bringt Uwe Tellkamps Roman 'Der Turm' als literarisches Zeugnis für das Dresdner Bildungsbürgertum ins Gespräch, das de Maizière zuvor als 'Revolutionsadel' beschrieben hat. Der Roman dient als Überleitung zur Frage nach Pegida, da Tellkamp selbst politisch nach rechts gerückt ist.
Regieren
Thomas de Maizière
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:25:25 „Sie haben ja, ich habe mal gelesen, ich glaube in Ihrem Buch schreiben Sie das auch, dass Sie Jahrzehnte später ja doch, sagen wir mal, auch so eine ähnliche Situation erlebt haben mit CEOs von großen deutschen Unternehmen, wenn die im Bundeskanzleramt mit Frau Merkel und Ihnen und anderen zusammensaßen.“
Christoph Amend verweist auf de Maizières Buch, in dem dieser beschreibt, wie CEOs großer Unternehmen im Bundeskanzleramt bei unvorbereiteten Fragen von Merkel ins Schwimmen gerieten. Der Verweis dient als Parallele zu Weizsäckers intellektueller Ungeduld, die zuvor besprochen wurde.
Wetten, dass..?
Frank Elstner
🗣 Christoph Amend erwähnt beiläufig bei ⏱ 02:32:12 „Es soll ja nächstes Jahr nochmal eine einmalige Auflage von Wetten, dass... geben. Dann würde ich Sie also vorschlagen, als Kandidat um Akten zu lesen.“
Christoph Amend greift de Maizières Schilderung seiner Fähigkeit, in Akten blitzschnell die entscheidenden Stellen zu finden, humorvoll auf und schlägt ihn als Kandidaten für eine angekündigte Sonderausgabe der legendären TV-Show vor. De Maizière spielt mit und sagt 'Ja, nur zu'.
Unterwerfung
Michel Houellebecq
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 02:49:42 „Ich muss mir vorstellen, wir würden jetzt hier irgendwie über den Bundeskanzler am Türkisch gesprochen, zwischen denen, die da regieren, der Hulbeck, sein Buch nochmal ein neues Kapitel dran nehmen.“
De Maizière erzählt, wie am preußischen Hof Französisch gesprochen wurde, weil die Hugenotten dort so einflussreich waren. Er zieht eine provokante Parallele zur Gegenwart — wenn heute Türkisch in der Regierung gesprochen würde — und verweist dabei auf Houellebecqs Roman, der ein solches Szenario kultureller Übernahme literarisch durchspielt.
Der Tischler von Halle
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:52:48 „Wir haben gerade eine große Geschichte gemacht im Zeitmagazin über den Tischler von Halle, der die schwere Tür der Synagoge gebaut hat, die dafür gesorgt hat, dass nichts passiert ist. Also ich habe den größten Respekt vor Tischlern.“
Als de Maizière scherzhaft Tischler als Beispiel für einen normalen Beruf nennt, verweist Christoph Amend auf eine aktuelle Reportage im ZEITmagazin über den Tischler, der die massive Tür der Synagoge in Halle gebaut hat — die Tür, die beim Anschlag am 9. Oktober 2019 standhielt und so die Menschen im Inneren schützte.
Begegnungen
Eva de Maizière
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:54:25 „Ihre Mutter war ja Künstlerin, Eva de Maizière. Und ich habe nur mal ein bisschen recherchiert und habe gesehen, es gibt in Bad Godesberg, sie war ja Bildhauerin unter anderem, gibt es eine Statue, eine Skulptur, die Begegnungen heißt. Wie finden Sie die?“
Christoph Amend spricht die künstlerische Tätigkeit von de Maizières Mutter an und erwähnt eine Bronzeskulptur in der Bad Godesberger Innenstadt. De Maizière zeigt sich stolz, relativiert aber: Seine Mutter habe bedeutendere Werke geschaffen. Sie habe erst spät mit Aquarellen und Bronzen begonnen, als er bereits aus dem Haus war.
Begegnungen (Skulptur)
Eva de Maizière
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:54:49 „gibt es in Bad Godesberg, sie war ja Bildhauerin unter anderem, gibt es eine Statue, eine Skulptur, die Begegnungen heißt“
Die Skulptur der Mutter von Thomas de Maizière in der Bad Godesberger Innenstadt wird besprochen
Artikel über Philipp Amthor in der Zeit
🗣 Thomas de Maizière erwähnt beiläufig bei ⏱ 03:15:13 „Ich habe mit ihm noch nicht gesprochen. In der Zeit steht was ganz Gutes. Und ich möchte nicht sozusagen über meine Kollegen, über einen Zeit-Podcast irgendwie Bewertung abgeben, wenn ich das ihm selber noch nicht gesagt habe, was ich davon halte.“
Im Gespräch über die Lobbyismus-Affäre um Philipp Amthor und dessen Verbindung zu de Maizières Vorgänger als Verteidigungsminister verweist de Maizière auf einen Artikel in der Zeit, den er als lesenswert beschreibt, ohne inhaltlich Stellung zu nehmen.
Leitkultur-Thesen
Thomas de Maizière
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 03:21:01 „Das ist Teil der Leitkultur, dass man eine Frau zuerst durch die Tür geht. ... diese neun, zehn Punkte, die Sie genannt haben, damals in Ihrem Essay. Aber reicht das oder müssen wir nicht ein etwas dynamischeres Bild von Deutschland entwickeln?“
Jochen Wegner bezieht sich auf de Maizières bekannten Leitkultur-Essay, in dem dieser in neun oder zehn Punkten beschrieb, was jenseits des Grundgesetzes zum Zusammenleben in Deutschland gehört. Der Essay löste 2017 eine breite Debatte aus. De Maizière verteidigt seinen Versuch und bedauert, dass niemand einen Gegenentwurf vorgelegt habe.
Rede in der Knesset zur Staatsräson
Angela Merkel
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 03:24:35 „Wenn die Bundeskanzlerin in der Knesset sagt, die Sicherheit Israels ist Teil der deutschen Staatsräson. Davon steht nichts im Grundgesetz. Kein Sterbenswörtchen. Und der Satz ist ja umstritten auch.“
De Maizière zitiert Merkels berühmte Rede vor der Knesset 2008, in der sie die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärte, als Beispiel dafür, dass Deutschsein über das Grundgesetz hinausgeht und mit historischer Verantwortung verbunden ist.
Der Mond ist aufgegangen
Matthias Claudius
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 03:36:32 „Da gab es erst einen Gottesdienst. Da sind alle sitzen geblieben. Nach dem Segen sprach dann Henry Kissinger in einem Staatsakt und Angela Merkel auf Helmut Schmidt. Hinterher haben wir zum Schluss gesungen, der Mond ist aufgegangen. Großartig.“
De Maizière beschreibt die Beerdigung von Helmut Schmidt im Hamburger Michel als Beispiel für den christlich-kulturellen Kitt der Gesellschaft. Das gemeinsame Singen dieses berühmten Abendlieds von Matthias Claudius steht für ihn sinnbildlich dafür, was viele Menschen im Land als verbindend empfinden.
Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111
Ludwig van Beethoven
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 03:55:57 „Im Beethoven-Jahr habe ich mich jetzt länger mit den drei letzten Klaviersonaten befasst, gerade die letzte mit zu dem größten gehört. Was überhaupt komponiert worden ist, jedenfalls aber von Beethoven.“
De Maizière beschreibt seine Auseinandersetzung mit Beethovens letzten Klaviersonaten über die Plattform Idagio, wobei er verschiedene Interpretationen vergleicht
Klaviersonaten Nr. 30–32 (die drei letzten Klaviersonaten)
Ludwig van Beethoven
🗣 Thomas de Maizière empfiehlt aktiv bei ⏱ 03:57:10 „Im Beethoven-Jahr habe ich mich jetzt länger mit den drei letzten Klaviersonaten befasst, gerade die letzte mit zu dem größten gehört. Was überhaupt komponiert worden ist, jedenfalls aber von Beethoven. Und da können Sie dann irgendwie 20 verschiedene Versionen hören, von Igor Levit bis zu Edwin Fischer, von Slatoslav Richter bis zu Paulini.“
De Maizière schwärmt von der Klassik-Streaming-Plattform Idagio und illustriert deren Vorzüge am Beispiel von Beethovens letzten drei Klaviersonaten. Er hebt besonders die letzte Sonate (op. 111) als eines der größten je komponierten Werke hervor und schätzt die Möglichkeit, zahlreiche Interpretationen verschiedener Pianisten vergleichen zu können.
Ich bin ein Berliner
John F. Kennedy
🗣 Thomas de Maizière erwähnt beiläufig bei ⏱ 04:20:06 „Das wurde aber sozusagen durch ein politisches Narrativ, Kennedy, ich bin ein Berliner und wir sind im Westen und so, wir sind bedeutend, wir sind der Vorposten der Freiheit und so, das wurde durch ein Narrativ politisch-kommunikativ überhöht, traf aber eigentlich nicht sozusagen die normale Wirklichkeit eines Menschen in Friedenau oder Neukölln oder Spandau.“
De Maizière argumentiert, dass West-Berlin nie eine einheitliche Stadt war, sondern eine Ansammlung von Einzelsiedlungen. Das politische Narrativ – symbolisiert durch Kennedys berühmten Satz – habe eine Bedeutsamkeit konstruiert, die mit dem Alltagsleben der Bewohner in ihren Kiezen wenig zu tun hatte.
Doktorarbeit zum Kartellrecht
Thomas de Maizière
🗣 Thomas de Maizière referenziert bei ⏱ 05:07:26 „Hat mich immer beschäftigt, schon in meiner Doktorarbeit habe ich darüber geschrieben, jetzt im Kartellrecht, weil sozusagen die reine Informalität führt zu Willkür. Und die pure Formalität führt zu Starrheit, Verkrüstung.“
Im Gespräch über die Bedeutung informeller Prozesse in der Politik verweist de Maizière darauf, dass ihn das Spannungsfeld zwischen Informalität und Formalität schon in seiner Doktorarbeit im Kartellrecht beschäftigt hat. Er sieht eine Parallele zwischen wirtschaftsrechtlicher Regulierung und politischem Handeln.