Lanz & Precht – Ausgabe Achtundsechzig
#068

Ausgabe Achtundsechzig

Lanz & Precht / 23. Dezember 2022 / 8 Medien

Markus Lanz & Richard David Precht

Einen Tag vor Heiligabend erzählt Richard David Precht die Geschichte vom Großinquisitor aus Dostojewskis Die Brüder Karamasow — eine Parabel, in der Jesus im Spanien des 16. Jahrhunderts zurückkehrt und von der Kirche nicht gefeiert, sondern als Störenfried verhaftet und zum Tode verurteilt wird. Die Geschichte wird zum Ausgangspunkt einer Reflexion darüber, wie die institutionalisierte Kirche sich von ihrem eigenen Kern entfernt hat — von einer Religion der Liebe zu einer Religion der Macht.

„Das Letzte, was die Welt jetzt noch gebrauchen könnte, wäre, dass Jesus zurückkommt. Die Kirche hätte so eine Ordnung errichtet, über so viele Jahrhunderte, mit all den Schwierigkeiten. Und jetzt käme er und wird das alles durcheinander bringen.“
🗣 Richard David Precht

Erwähnte Medien (8)

Die Brüder Karamasow
Buch

Die Brüder Karamasow

Fjodor Dostojewski

🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:12 „Und die habe ich das erste Mal gelesen, da war ich 18. Da habe ich die Brüder Karamasoff versucht zu lesen. Dostoyevsky. Und wenn man das Buch liest, dann ist man konfrontiert mit tausenden von Namen und die haben im Russischen auch immer noch Koseformen und das ist ein ziemlicher Kampf.“

Precht erzählt seine Lieblingsweihnachtsgeschichte und greift dafür auf Dostojewskis Roman zurück. Er beschreibt ausführlich das Kapitel vom Großinquisitor, in dem der Atheist Ivan seinem Bruder Aljoscha eine Parabel über die Wiederkehr Jesu zur Zeit der spanischen Inquisition erzählt. Für Precht ist diese Geschichte deshalb so stark, weil sie realistisch zeigt, dass die institutionalisierte Kirche Jesus als Störfaktor beseitigen würde.

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Why God Won't Go Away
Buch

Why God Won't Go Away

Andrew Newberg

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:10:39 „Und das Buch von Newman heißt Why God Won't Go Away. Also warum uns der liebe Gott nicht verlässt, weil er sich in uns verankert hat, in unserem Gehirn.“

Precht erwähnt das Buch im Kontext einer Diskussion über Neurobiologen (Persinger und Newberg), die versucht haben, ein religiöses Zentrum im Gehirn nachzuweisen. Er findet deren These, Gott habe uns dieses Zentrum als 'Werkseinstellung' eingebaut, wenig überzeugend und kritisiert den neurowissenschaftlichen Ansatz der 80er/90er Jahre als zu simpel für so große Fragen.

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Die Bibel
Buch

Die Bibel

Martin Luther (Übersetzung)

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:11:50 „Zumal die Bibel sich ja da selber nicht so ganz einig ist. Weil beim ersten Mal werden die, am Anfang der Priesterschrift wird der Mensch geschaffen. Da wird gar nicht gesagt, wie und wo. Und da sind auf einmal Mann und Frau da. Und dann wird nachher noch eine Geschichte nachgereicht mit diesem Schnitzwerk.“

Precht analysiert die Widersprüche in den biblischen Schöpfungsgeschichten, konkret zwischen der Priesterschrift und der zweiten Erzählung mit der Erschaffung Evas aus der Rippe Adams. Er ordnet diese als zwei verschiedene Überlieferungen ein, die 250 Jahre auseinanderliegen.

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Der Gotteswahn
Buch

Der Gotteswahn

Richard Dawkins

🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:12:20 „Du kennst doch Richard Dawkins. Absolut. Dieses großartige Buch der Gotteswahn zum Beispiel. Finde ich nicht ganz so großartig.“

Lanz bringt Dawkins' Bestseller als Beispiel für militanten Atheismus ins Gespräch und findet die Grundidee faszinierend, religiöse Überzeugungen rational zu hinterfragen. Precht widerspricht sofort und entwickelt daraus seine Kritik an Dawkins als 'Mullahdes Atheismus', der dieselbe Schwarz-Weiß-Logik benutze wie religiöse Eiferer.

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The Root of All Evil?
Doku

The Root of All Evil?

Richard Dawkins

🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:13:08 „Dawkins hatte glaube ich mal, war das Channel 4? Ich glaube ja, in England so eine zweiteilige Serie. Ich glaube, die hieß die Wurzel allen Übels. Genau darum, dass Religion die Wurzel allen Übels ist.“

Lanz erinnert sich an Dawkins' Channel-4-Dokumentation und erzählt begeistert von deren berühmter Werbeanzeige: die Skyline von Manhattan mit den Twin Towers und dem Satz 'Stellen Sie sich eine Welt ohne Religion vor'. Er nutzt das als Aufhänger für die Diskussion, ob die Welt ohne Religion friedlicher wäre.

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Imagine
Musik

Imagine

John Lennon

🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:30:08 „Wusstest du, es gibt doch diesen großartigen Song von John Lennon, Imagine. Wo er ja sozusagen genau über diese Utopien nachspricht. Und keine Religion. Genau. Stell dir vor, da gäbe es auch keine Religion. Es gab Zeiten, und ich vermute, es gibt sie immer noch, in denen dieser großartige Song von John Lennon in Amerika von bestimmten Radiostationen ohne diese Zeile gespielt wurde.“

Lanz bringt den Song als Beispiel dafür, wie weit die religiöse Radikalisierung in Amerika geht. Er beschreibt, dass evangelikale Radiostationen die Zeile über eine Welt ohne Religion aus dem Song herausschnitten – für ihn ein Beleg, wie kreationistisch und rückwärtsgewandt bestimmte christliche Strömungen in den USA geworden sind.

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Tractatus logico-philosophicus
Buch

Tractatus logico-philosophicus

Ludwig Wittgenstein

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:31:08 „Ehrlich gesagt ist das ja eine Frage, die mich nicht interessiert. Das hängt damit zusammen, die gehört in den Bereich der sinnlosen Fragen nach Wittgenstein. Also Fragen, von denen man, egal was man darüber denkt, immer weiß, dass man es doch nicht weiß.“

Auf die Frage, ob es ein allmächtiges Wesen gibt, verweist Precht auf Wittgensteins Konzept der sinnlosen Fragen – also Fragen, die prinzipiell nicht beantwortbar sind. Dieses Konzept entstammt dem Tractatus, in dem Wittgenstein argumentiert, dass die meisten philosophischen Fragen keine echten Fragen sind, sondern Missverständnisse der Sprache. Precht nutzt dies, um zu erklären, warum ihn die Gottesfrage nicht interessiert.

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Kritik der reinen Vernunft
Buch

Kritik der reinen Vernunft

Immanuel Kant

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:31:18 „Kant hat das in seinen berühmten Antinomien, also in den Gegensatzpaaren, unauflösbaren Gegensatzpaaren gesagt, man kann sich nicht vorstellen, dass die Erde endlich ist. Das kann sich also nicht vorstellen, oder die Zeit gehört ja auch dazu, das Universum, aber vor allem die Zeit. Dass die Zeit endlich ist, können wir uns nicht vorstellen.“

Precht erklärt anhand von Kants Antinomien, warum die Frage nach dem Anfang der Welt oder der Zeit für das menschliche Denken unlösbar ist. Die Antinomien stammen aus Kants 'Kritik der reinen Vernunft' und beschreiben Widerspruchspaare, in die sich die Vernunft zwangsläufig verstrickt, wenn sie über das Unendliche nachdenkt. Precht nutzt das Argument, um zu begründen, warum bestimmte metaphysische Fragen auch in tausend Jahren unbeantwortet bleiben werden.

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