Philosoph Philipp Hübl – Wofür benutzen wir Moral
Matze Hielscher & Gäste
Philipp Hübl, Philosoph und Autor von "Moralspektakel", seziert, warum moralische Empörung im progressiven Lager oft mehr dem eigenen Status dient als der Sache selbst — und warum gerade die lautesten Tugendwächter untereinander kämpfen, statt die eigentlichen Feinde der offenen Gesellschaft zu bekämpfen. Er zeigt, wie inflationär verwendete Vorwürfe wie "Rassist" oder "Sexist" ihre Wirkung verlieren und ein Reinheitsstreben entsteht, bei dem schon moderat linke Positionen als rechts gelten.
„Die Situation von Migranten an der Außengrenze verbessert sich nicht, wenn ich sie Geflüchtete statt Flüchtlinge nenne, sondern sie verbessert sich, wenn sie besser behandelt werden.“
Erwähnte Medien (21)
Deutschland spricht
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:17:08 „Es gibt diese Studie, Deutschland spricht von der Zeit. Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast. Also, wo man Leute zusammenbringt, die sehr verschiedene Auffassungen haben.“
Philipp Hübl verweist auf die von der ZEIT begleitete Studie als Beleg dafür, dass persönliche Begegnungen Vorurteile abbauen
Deutschland spricht
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:17:29 „Es gibt diese Studie, Deutschland spricht von der Zeit. Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast. Also, wo man Leute zusammenbringt, die sehr verschiedene Auffassungen haben. Man fragt vorher, das ist begleitet worden von Sozialwissenschaftlern, die haben vorher gefragt, was denkst du von dem anderen?“
Philipp Hübl erwähnt das Dialogformat "Deutschland spricht" der ZEIT als Beispiel dafür, dass persönliche Begegnungen zwischen Menschen mit gegensätzlichen Meinungen Vorurteile abbauen und Positionen annähern können. Die Initiative wurde von Sozialwissenschaftlern begleitet und wissenschaftlich ausgewertet.
Ich! Die Kraft des Narzissmus
Mitja Back
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:27:18 „Er ist einer der führenden Forscher Narzissmusforschung weltweit. Er hat ein Buch geschrieben darüber, hat seine Forschung zusammengefasst.“
Philipp Hübl spricht über Narzissmus als Spektrum und verweist auf den deutschen Psychologen Mitja Back, der die Narzissmusforschung international geprägt hat. Hübl nutzt Backs Forschung, um zu erklären, dass die meisten Menschen in einem Mittelbereich liegen und Narzissten ihre Neigung oft selbst kennen und reflektieren können.
Schnelles Denken, langsames Denken
Daniel Kahneman
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:34:33 „Kahnemann, der berühmte Psychologe und Nobelpreisträger für Ökonomie hat das System 1 und 2 genannt. Es gibt so eine Art schnelles Denken, wie du es beschrieben hast, instinktiv, emotional, Bauchgefühl, kommt in Sekundenschnelle.“
Im Gespräch über Alltagsmoral und die Frage, ob Grüßen bereits ein moralischer Akt ist, greift Hübl auf Kahnemans bekanntes Zwei-Systeme-Modell zurück. Er nutzt es, um zu erklären, dass wir moralische Urteile oft intuitiv und schnell fällen (System 1), aber auch rational reflektieren können (System 2).
Factfulness
Hans Rosling
🗣 Philipp Hübl empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:38:58 „Wenn man sich aber die empirischen Daten anguckt, Factfulness von Rosling ist vielleicht so ein tolles Buch, das viele Leute kennen, wenn man es mal gelesen hat, der einfach weltweit die ganzen Daten zusammengetragen hat.“
Hübl beschreibt das 'Moralparadox': Je besser es uns geht, desto mehr reden wir über Probleme. Als Beleg für die tatsächliche Verbesserung der Welt empfiehlt er Roslings Buch, das zeigt, dass die Menschheit in fast allen Dimensionen große Fortschritte gemacht hat – die meisten Menschen das aber systematisch unterschätzen.
Our World in Data
Max Roser
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:39:13 „Es gibt mittlerweile von Max Rosa, Rosa eigentlich ist ein Deutscher, der in Amerika lebt. Our World in Data, so eine Webseite, wo die einfach zusammentragen, wie hat sich die Welt in den ganz großen Dimensionen entwickelt.“
Ergänzend zu Roslings Factfulness verweist Hübl auf die Datenplattform 'Our World in Data' des deutschen Ökonomen Max Roser. Die Webseite dient ihm als Beleg dafür, dass die Welt in vielen Bereichen deutlich besser geworden ist, was die meisten Menschen aber nicht wahrnehmen.
Die aufgeregte Gesellschaft
Philipp Hübl
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:54:53 „Und dadurch gibt es, glaube ich, kuriose Phänomene, dass es zum Beispiel auf Twitter, das habe ich in meinem letzten Buch beschrieben, die aufgeregte Gesellschaft, einen Streit gibt zwischen Autofahrern und Fahrradfahrern.“
Hübl verweist auf sein vorheriges Buch, um ein Beispiel für tribalistisches Gruppendenken im Alltag zu illustrieren: den Konflikt zwischen Auto- und Fahrradfahrern, die jeweils eine moralische Agenda verfolgen und um begrenzten Straßenraum konkurrieren wie frühe Menschengruppen um Ressourcen.
Buch von Adelina Emma Falani (über Integration)
Adelina Emma Falani
🗣 Philipp Hübl erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:07:35 „Du hast das Buch von Adelina Emma Falani da oben auf dem Bücherregal. Das ist eine große Herausforderung für jedes Land.“
Hübl bemerkt ein Buch im Regal des Studios und verweist darauf im Kontext von Integrationsherausforderungen
Tatort
ARD
🗣 Philipp Hübl erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:31:59 „Also je weniger Klischee-Schwule und Klischee-Lesben es gab in Vorabendserien oder beim Tatort, die es noch in den 90er Jahren gegeben hat, je mehr das Teil wurde der Populärkultur, desto normaler ist es für alle Menschen.“
Philipp Hübl nutzt den Tatort als Beispiel für den Wandel der LGBTQ-Darstellung im deutschen Fernsehen. Er argumentiert, dass die zunehmend klischeefreie Repräsentation in der Populärkultur – vom Tatort bis zu Vorabendserien – erheblich zur gesellschaftlichen Akzeptanz beigetragen hat, gerade bei Menschen außerhalb großstädtischer Milieus.
ZEIT-Reportage über CO2-Zertifikate und Waldstücke
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 01:35:04 „die Zeit hatte mit Forschern eine große Reportage, wo sie herausgefunden haben, dass dieses Zertifikate kaufen, also man kauft CO2-Zertifikate“
Hübl verweist auf eine investigative ZEIT-Reportage über betrügerische CO2-Zertifikate als Beispiel für moralische Trittbrettfahrerei von Konzernen
Reportage über CO2-Zertifikate und Waldstücke
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 01:42:59 „Die Zeit hatte mit Forschern eine große Reportage, wo sie herausgefunden haben, dass dieses Zertifikate kaufen, also man kauft CO2-Zertifikate... Und es kam in dieser Studie heraus, dass dasselbe Waldstück halt Dutzende von Firmen gekauft hat.“
Hübl verweist auf eine Investigativ-Reportage der ZEIT, die aufdeckte, dass CO2-Kompensationszertifikate für Waldstücke im Amazonas mehrfach an verschiedene Firmen verkauft wurden oder die Waldstücke gar nicht existierten. Er nutzt das als Beleg dafür, dass moralische Signale oft ein Ablenkungsmanöver sind und selbst große Konzerne kaum Konsequenzen fürchten mussten.
Die feinen Unterschiede (La Distinction)
Pierre Bourdieu
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 01:58:01 „Und Bourdieu hat gesagt, der französische Soziologe hat gesagt, wir machen ständig Klassenunterschiede. Er hat sich vor allem auf Geschmack konzentriert, aber er hatte eigentlich auch schon moralische Beispiele dabei.“
Hübl zieht eine Parallele zwischen Bourdieus Theorie der Distinktion durch Geschmack und seiner eigenen These der moralischen Distinktion. So wie sich Menschen früher durch ästhetische Vorlieben abgrenzten, nutzen sie heute moralisches Vokabular – etwa Gendersprache oder inklusive Begriffe – als Erkennungszeichen der eigenen Gruppenzugehörigkeit.
Goldberg-Variationen
Johann Sebastian Bach
🗣 Philipp Hübl erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:58:18 „Oder ich mag Goldberg-Variationen, aber nur eingespielt von Glenn Gould, aber auch nur die alten Aufnahmen, nicht die neuen. Also man macht diese feinen ästhetischen Unterschiede, um sich abzugrenzen von anderen.“
Hübl nennt die Goldberg-Variationen in der Einspielung von Glenn Gould als Beispiel für ästhetische Distinktion im Sinne Bourdieus. Wer nicht nur das Werk kennt, sondern auch zwischen den frühen und späten Gould-Aufnahmen unterscheidet, signalisiert kulturelle Zugehörigkeit zur gebildeten Elite.
Der Hirtenjunge und der Wolf
Aesop
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:15:07 „Es gibt diese berühmte Fabel von Aesop mit dem Kind, dem Jungen, der auf die Schafe aufpasst und immer Wolf ruft. Und die Dorfbewohner kommen dann zwei, dreimal und irgendwann kommen sie nicht mehr und dann ruft er wirklich Wolf und keiner kommt mehr.“
Hübl zieht die Aesop-Fabel als Analogie für die Entwertung moralischer Vorwürfe heran. Wenn Begriffe wie 'rechts', 'Rassist' oder 'Faschist' inflationär und auf immer mildere Fälle angewendet werden, verlieren sie ihre Wirkung – genau wie der Wolfsruf des Hirtenjungen. Die Fabel illustriert seine These, dass die Überdehnung moralischer Begriffe letztlich den wirklich Betroffenen schadet.
Unbekanntes Buch von Thilo Mischke
Thilo Mischke
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:31:40 „Also ihm wurde vorgeworfen, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dass er ein Buch geschrieben hat, wo es einen Erzähler gibt, der ihm vielleicht sogar ähnlich ist. Und dieser Erzähler will Sex mit vielen Frauen haben.“
Hübl rekonstruiert die Vorwürfe gegen Thilo Mischke: Ein Buch mit einem Ich-Erzähler, der dem Autor ähnelt und sexuelle Abenteuer sucht, wurde ihm persönlich zugeschrieben – obwohl Erzähler und Autor nicht identisch sind. Hübl kritisiert diesen Kontextzusammenbruch und vergleicht es damit, Shakespeare für die Taten seiner Figuren verantwortlich zu machen.
Buch von Thilo Mischke (umstrittenes Werk)
Thilo Mischke
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:32:03 „ihm wurde vorgeworfen, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dass er ein Buch geschrieben hat, wo es einen Erzähler gibt, der ihm vielleicht sogar ähnlich ist. Und dieser Erzähler will Sex mit vielen Frauen haben.“
Hübl diskutiert den Shitstorm gegen Thilo Mischke, der wegen eines Buches mit einem kontroversen Erzähler kritisiert wurde
Das Unbehagen in der Kultur
Sigmund Freud
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:37:50 „Freud sagt, das ist der Narzissmus der kleinen Differenz. Man sieht halt bei diesen Statusdingen immer nur den, der einem nahe ist.“
Philipp Hübl erklärt, warum progressive Gruppen eher Abweichler im eigenen Lager angreifen als die tatsächlichen Gegner ihrer Werte. Er zitiert Freuds Konzept des 'Narzissmus der kleinen Differenz' als Erklärung für das Phänomen, dass Statusvergleiche vor allem mit nahestehenden Personen stattfinden.
Das Leben des Brian
Terry Jones / Monty Python
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:40:13 „Du kennst ja Monty Python, das Leben des Brian. Da gibt es auch dieses eine lustige Beispiel. Da gibt es die jüdische Volksfront von Judäa und die wissen am Ende gar nicht mehr, was sie, also sie regen sich über die anderen auf, aber sie wissen nicht mehr, was die Unterschiede sind.“
Hübl nutzt die berühmte Szene mit der Volksfront von Judäa als komödiantische Illustration seiner These über den Narzissmus der kleinen Differenz. Statt sich gegen den gemeinsamen Feind – die römische Besatzung – zu verbünden, bekämpfen sich die Splittergruppen untereinander wegen winziger Unterschiede. Genau dieses Muster sieht er in heutigen Shitstorms innerhalb derselben politischen Lager.
Wolfram Eilenberger Interview zum Fall Mischke
Wolfram Eilenberger
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:41:50 „Wolfram Eilenberger, der Philosoph, hat ein hervorragendes Interview dazu gegeben, wo er sagt, auch sehr selbstsicher und sehr präzise einfach beschrieben hat, was da passiert ist“
Hübl lobt Eilenbergers Stellungnahme zum Shitstorm gegen Thilo Mischke als Beispiel für klare Positionierung
Interview zu Thilo Mischke
Wolfram Eilenberger
🗣 Philipp Hübl empfiehlt aktiv bei ⏱ 02:46:39 „Wolfram Eilenberger, der Philosoph, hat ein hervorragendes Interview dazu gegeben, wo er auch sehr selbstsicher und sehr präzise einfach beschrieben hat, was da passiert ist, aber das haben sich als auch nicht so viele getraut.“
Im Kontext des Mischke-Falls lobt Hübl ein Interview des Philosophen Wolfram Eilenberger, der den Fall differenziert eingeordnet habe. Hübl hebt hervor, dass es Mut erforderte, öffentlich eine differenzierte Position zu beziehen, weil man dann leicht als Verteidiger der kritisierten Äußerungen wahrgenommen werden könnte.
Gespräch mit Richard David Precht
🗣 Matze Hielscher empfiehlt aktiv bei ⏱ 03:09:27 „dann möchte ich euch das Gespräch mit Richard David-Bricht empfehlen. Er ist auch Philosoph, ist ganz, ganz anders, schaut ganz, ganz anders auf die Welt als Philipp“
Matze empfiehlt eine frühere Hotel-Matze-Folge mit dem Philosophen Richard David Precht als thematische Ergänzung