Ein weiblicher Houellebecq
Maja Beckers, Alexander Cammann
Zum Auftakt wird das hundertjährige Jubiläum von F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" gefeiert — frisch übersetzt von Bernhard Robben im Manesse Verlag. Am Eröffnungszitat über große und kleine Partys entspinnt sich eine Debatte über Intimität und soziale Kontrolle: Warum man ausgerechnet in flüchtigen Sekundengesprächen authentischer ist als im kontrollierten Rahmen kleiner Runden. Fitzgerald wird dabei als hellsichtiger Chronist einer Aufsteiger-Kultur gelesen, die verblüffend an das heutige Amerika erinnert.
„Das vermeintlich Oberflächliche ist manchmal das Authentischere.“
Erwähnte Medien (18)
Der große Gatsby
F. Scott Fitzgerald
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:03:19 „Der Autor lautet F. Scott Fitzgerald. Und es handelt sich um den großen Gatsby, gerade im Manesse Verlag neu übersetzt worden von Bernhard Robben. Ein wahnsinnig interessantes Buch, finde ich, vor allen Dingen vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse, wie wir sie im politischen Amerika haben.“
Das Buch wird als Einstiegszitat und erste ausführliche Besprechung der Episode vorgestellt. Der Sprecher zieht Parallelen zwischen den Aufsteiger-Figuren des Romans und der heutigen politischen Lage in den USA – Fake-Identitäten, Gold-Protz und die Zerstörung des Althergebrachten. Die Neuübersetzung von Bernhard Robben im Manesse Verlag wird zum 100. Jubiläum des Romans empfohlen.
Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus
Annie Ernaux
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:07:48 „Es handelt sich um die Autorin Annie Ernaux, Nobelpreisträgerin aus Berlin. Und der Titel ist sehr poetisch, sehr hübsch, aber hat etwas Dramatisches zum Inhalt. Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus, heißt er. Das Buch ist in Wahrheit schon 1997, jedenfalls in Frankreich, auf Französisch erschienen, wurde jetzt übersetzt von Sonja Fink.“
Das Buch wird als zweite Hauptbesprechung der Episode vorgestellt. Es handelt sich um Aufzeichnungen über die demenzkranke Mutter von Annie Ernaux – ein Protokoll des Sterbens, das durch seine sachliche, unsentimentale Schreibweise besticht. Trotz seines Status als ‚Nebenwerk' wird es als hochinteressant und anrührend empfohlen, besonders wegen der Traumsequenzen und der paradoxen Nähe zwischen Mutter und Tochter.
Eine Frau
Annie Ernaux
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:08:36 „Es ist ein Nebenwerk, würde ich sagen, aber ein hochinteressantes Nebenwerk insofern, als dass es ja ein ganzes Buch von Annie Ernaux schon über ihre Mutter gibt. Eine Frau.“
Im Kontext der Besprechung von ‚Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus' wird auf Ernaux' früheres Hauptwerk über ihre Mutter verwiesen. Es dient als Referenzpunkt, um das neue Buch als ‚Nebenwerk' einzuordnen, das aber dennoch eigenständigen Wert besitzt.
Langsames Entschwinden
Inge Jens
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:10:04 „Wenn man an Inge Jens denkt, Langsames Entschwinden, wo es um Walter Jens, den großen Schriftsteller und Germanisten geht, der auch erkrankt ist, einfach weil wir eine alternde Gesellschaft sind und wir diesen und viel älter werden als früher durch die Medizin.“
Das Buch wird als Beispiel für die Flut von Demenz-Literatur erwähnt, die in den letzten Jahren erschienen ist. Inge Jens schrieb über die Alzheimer-Erkrankung ihres Mannes Walter Jens. Es wird als Vergleichswerk zu Annie Ernaux' Mutter-Buch herangezogen.
Der Zauberberg
Thomas Mann
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:10:39 „Ich habe jetzt vor allen Dingen auch noch mal gedacht an Arno Geiger. Nein, warte – wir haben ja hier im Podcast auch schon den Zauberberg gemacht, weil der ja auch 100. Jubiläum hat, wie der große Gatsby auch.“
Alexander Cammann vergleicht den Großen Gatsby mit dem Zauberberg, der ebenfalls 1925 erschien. Beide Romane zeigen Gesellschaft im Umbruch, aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven: der amerikanische Roman mit seiner sozialen Mobilität und Oberflächlichkeit versus das steife, ideologisch gefestigte alte Europa. Der Vergleich verdeutlicht den Unterschied zwischen Amerika und dem alten Europa.
Der alte König in seinem Exil
Arno Geiger
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:10:39 „Ich habe jetzt vor allen Dingen auch noch mal gedacht an Arno Geiger. Der alte König in seinem Exil. Das war ein großer Erfolg über die Demenz seines Vaters.“
Alexander Cammann nennt Arno Geigers Buch als weiteres prominentes Beispiel der Demenz-Literatur. Es war ein großer Publikumserfolg und beschreibt die Demenzerkrankung von Geigers Vater. Es wird im Kontext der Diskussion über die ethischen Grenzen solcher Bücher erwähnt.
Demenz. Abschied von meinem Vater
Tilman Jens
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:10:48 „Dann hast du Inge Jens erwähnt, aber es gibt auch von Tilman Jens, von dem bereits verstorbenen Sohn des Ehepaars Jens, ein Buch, das heißt Demenz, Abschied von meinem Vater, das sehr brutal war und auch eine Art Abrechnungsbuch mit dem kranken Vater war.“
Das Buch wird als kontroverseres Beispiel der Demenz-Literatur genannt. Im Gegensatz zu Ernaux' nüchterner Darstellung war Tilman Jens' Buch eine ‚Abrechnung' mit dem kranken Vater Walter Jens, was ethische Fragen aufwarf – insbesondere, ob man den Vater gefragt habe, ob er so porträtiert werden möchte.
Der Platz
Annie Ernaux
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:15:10 „Annie Ernaux klagt nie an. Im Gegenteil, die geht auch ganz liebevoll mit ihrer Herkunft und ohne jede Ronkün, also kein Hass, keine Abrechnung. Es war, wie es war. Sie hat sich hochgearbeitet. Ihre Eltern sind ihr fremd geworden. Und diese Nüchternheit, mit der sie das beschreibt, die macht die Literatur ja eher interessant. Wohingegen mir diese Klagehaltung der anderen beiden manchmal ein bisschen zu dick aufgetragen ist, finde ich die ganzen Elternbücher, und es gibt ja viele, auch über den Vater, der Platz und so weiter.“
Alexander Cammann erwähnt ‚Der Platz' als eines von Ernaux' mehreren Elternbüchern, hier das über den Vater. Er kontrastiert Ernaux' nüchternen, nicht anklagenden Stil mit dem engagierteren Ton ihrer literarischen Nachfolger Didier Eribon und Édouard Louis.
Une mort très douce
Simone de Beauvoir
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:16:52 „Simone de Beauvoir hat sowohl über den Abschied von ihrer Mutter als auch das Adieu von Sartre war von einer Schonungslosigkeit, also das ist in der französischen Literatur, hat das eine gewisse Tradition, so schonungslos über solche Dinge zu schreiben.“
Im Gespräch über Annie Ernaux' Demenzbuch wird Simone de Beauvoirs Buch über den Tod ihrer Mutter als Vorbild für die französische Tradition schonungsloser Sterbe- und Abschiedsliteratur angeführt.
La Cérémonie des adieux
Simone de Beauvoir
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:16:52 „Simone de Beauvoir hat sowohl über den Abschied von ihrer Mutter als auch das Adieu von Sartre war von einer Schonungslosigkeit, also das ist in der französischen Literatur, hat das eine gewisse Tradition, so schonungslos über solche Dinge zu schreiben.“
Neben dem Buch über ihre Mutter wird auch Beauvoirs Abschiedsbuch über Sartre als Beispiel für die französische Tradition schonungsloser Literatur über Sterben und Verfall genannt, im Kontext der Besprechung von Ernaux' Demenzbericht.
See der Schöpfung
Rachel Kushner
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:21:25 „Das Buch heißt See der Schöpfung, sehr merkwürdiger, geheimnisvoller Titel und ist von Rachel Kushner und ist jetzt aus dem Englischen übersetzt, gerade erschienen bei Rowold von Bettina Ababanelle. Ja, was ist das? Das ist ein, man könnte fast sagen, ein Agentenroman. Das ist es jedenfalls zum Teil. Es ist auch ein Krimi-Spionageroman, ist aber auch ein Ideenroman.“
Das dritte Hauptbuch der Episode. Der Roman wird als vielschichtiger Agenten- und Ideenroman vorgestellt, in dem eine Undercover-Agentin eine öko-radikale Gruppe in Frankreich infiltriert. Die Sprecher loben die satirische Dimension, die Houellebecq-Parodie und die Anknüpfungen an reale französische Bewegungen wie das ‚Unsichtbare Komitee' von Tarnac.
Der kommende Aufstand
Unsichtbares Komitee
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:30:09 „Diese Leute, die sind ja nachgebildet diesem merkwürdigen Komitee, der kommende Aufstand. Das war ein Buch, was so vor zehn Jahren auch in Deutschland Furore machte.“
Alexander Cammann identifiziert das reale Vorbild für die öko-radikale Kommune in Kushners Roman: das ‚Unsichtbare Komitee' aus Tarnac im Südwesten Frankreichs, dessen Manifest ‚Der kommende Aufstand' auch in Deutschland für Aufsehen sorgte. Kushners Ehemann Jason Smith hatte das Buch ins Englische übersetzt.
Die Gesellschaft des Spektakels
Guy Debord
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:33:30 „Es gibt ja ein berühmtes Buch von ihm, wie heißt das nochmal? Die Gesellschaft des Spektakels.“
Im Gespräch über die anarcho-theoretischen Einflüsse im besprochenen Roman wird Guy Debord als Situationist und Anarcho-Theoretiker der 68er-Bewegung erwähnt. Sein Hauptwerk 'Die Gesellschaft des Spektakels' wird als Teil des theoretischen Hintergrunds identifiziert, der im Roman mitverarbeitet wird.
Meister und Margarita
Michail Bulgakow
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:37:38 „Wir kommen zu sprechen auf Michael Bulgakovs Roman Meister und Margarita. Ja, das ist ein großer Klassiker, geschrieben worden 1928 bis 1940. Ich habe den ausgesucht aus einem ganz bestimmten Grund, weil gerade eine wahnsinnig interessante Verfilmung im Kino läuft.“
Der 'Klassiker' der Episode. Der Sprecher stellt Bulgakovs Meister und Margarita als einen der wichtigsten und mythenbesetztesten modernen Romane der Sowjetunion vor. Anlass ist eine aktuelle Verfilmung. Das Gespräch dreht sich um den Teufel Woland, der die stalinistische Ordnung durcheinanderbringt, und die Modernität des Romans im Vergleich zu Thomas Manns Dr. Faustus.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:40:04 „Und wir wissen aus dem Faust, Mephisto ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Und das wird hier sehr, sehr wörtlich genommen.“
Goethes Faust wird als literarische Referenz herangezogen, um die Rolle des Teufels Woland in Meister und Margarita zu erklären. Das berühmte Mephisto-Zitat dient als Schlüssel zum Verständnis, warum der Teufel bei Bulgakov durch sein böses Wirken letztlich Gutes schafft und die Liebenden aus ihrer Knechtschaft erlöst.
Meister und Margarita
Michail Bulgakow
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:41:09 „Für mich war die Lektüre vor allen Dingen jetzt in der neuen Übersetzung von Alexander Nitzberg, die ja erst hatten. Aber das finde ich wirklich eine Übersetzung, die aufsehenerregend ist. Auch jetzt hier rausgegeben als Taschenbuch mit einem schönen Nachwort von Felicitas Hoppe.“
Alexander Cammann hebt die Neuübersetzung von Alexander Nitzberg als besonders aufsehenerregend hervor. Nitzberg wähle konsequent die direkte Rede statt der indirekten, was stilistisch den Leser mitten in die Köpfe der verunsicherten Figuren versetzt und ein 'satirisches Feuerwerk' erzeuge. Das Taschenbuch enthält ein Nachwort von Felicitas Hoppe.
Doktor Faustus
Thomas Mann
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:45:17 „Hier wäre das deutsche Parallelbuch ein bisschen auch Dr. Faustus von Thomas Mann, wo es ja auch um den Teufel und um sein Wirken geht. Bei deutschen Intellektuellen und in den Köpfen von deutschen Künstlern.“
Alexander Cammann vergleicht Bulgakovs Meister und Margarita mit Thomas Manns Dr. Faustus und kommt zu dem Schluss, dass Bulgakov deutlich moderner ist. Bei Mann sei der Teufel 'mittelalterlich' und 'altväterlich' – symbolisiert durch das Dämonische und Erotische –, während Bulgakov fantastisch und satirisch arbeite und den Teufel als ambivalente Kraft zeige.
Die toten Seelen
Nikolai Gogol
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:49:14 „Die sich ja sehr stark ohnehin am Faust natürlich orientiert und am Teufel, also schon die toten Seelen, nicht? Von Gogol spielen da mit. Das ist ein ganz bedeutender Zweig.“
Gogols 'Die toten Seelen' werden als Vorläufer in der russischen Literaturtradition genannt, die sich stark am Teufelsmotiv und an der deutschen Literaturgeschichte orientiert. Der Sprecher ordnet Bulgakovs Roman in diese Tradition ein, die von Gogol über die absurde Pointe bis zur spielerischen Übertreibung reicht.