Die Sprache der Liebe
Maja Beckers, Alexander Cammann
In dieser Folge dreht sich alles um den Preis der Freiheit: Ein Zitat aus einer aktuellen Neuerscheinung wirft die Frage auf, ob man berechnen kann, was es kostet, aus seinem Leben auszubrechen. Die Hosts debattieren, ob Freiheit wirklich eine Frage des Geldes ist oder ob der wahre Preis in dem liegt, was man zurücklässt — Partner, Stadt, Job —, ohne je sicher zu wissen, ob sich der Tausch gelohnt hat.
„Freiheit hat immer einen Preis, wenn es darum geht, sein Leben zu ändern.“
Erwähnte Medien (16)
Das Ende von Eddie
Édouard Louis
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:05:30 „Da ist ganz bekannt geworden mit das Ende von Eddie, Eddie war er selbst, also wie ist er aus dieser Arbeiterfamilie mit einem trinkenden, gewalttätigen Vater, wie ist er da rausgekommen.“
Alexander Cammann ordnet Édouard Louis' Werk ein und verweist auf dessen Durchbruchsroman, in dem Louis autobiografisch seinen Aufstieg aus einer gewalttätigen Arbeiterfamilie im Norden Frankreichs beschreibt. Das Buch wird als Kontext für das neue Werk 'Monique bricht aus' herangezogen.
Monique bricht aus
Édouard Louis
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:05:41 „Jetzt gibt es ein neues Buch, das ist das zweite Buch, das er schon über seine Mutter geschrieben hat, Monique bricht aus, ins Deutsche übersetzt von Sonja Fink und deswegen sage ich, hier geht es ganz wahrscheinlich um Geld, weil er einfach vorrechnet, wie viel Geld seine Mutter braucht, um aus einer gewalttätigen, schrecklichen, neuen Beziehung mit einem neuen Mann auszubrechen.“
Das Buch ist die Auflösung des 'Zitats des Monats' und wird ausführlich besprochen. Édouard Louis erzählt darin, wie seine Mutter aus einer zweiten gewalttätigen Beziehung ausbricht — und wie er als mittlerweile erfolgreicher Autor ihr finanziell die Freiheit ermöglicht. Alexander Cammann findet den materialistischen Ansatz interessant, hält das Buch insgesamt aber nicht für vollständig überzeugend.
Ein Zimmer für sich allein (A Room of One's Own)
Virginia Woolf
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:07:08 „Und er bezieht sich da auch auf Virginia Woolf, die in ihrem schönen Buch Ein Zimmer für sich allein eben auch wirklich in Zahlen genannt hat. Wie viel braucht eine Frau, um freischreiben zu können? Wie viel braucht sie im Monat, um unabhängig zu sein?“
Alexander Cammann erklärt, dass Édouard Louis sich in 'Monique bricht aus' auf Virginia Woolfs Essay bezieht, in dem sie konkret beziffert, wie viel Geld eine Frau braucht, um schriftstellerisch unabhängig zu sein. Die Parallele unterstreicht den materialistischen Freiheitsbegriff, der im Gespräch diskutiert wird.
Die Freiheit einer Frau
Édouard Louis
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:08:17 „Er hat dann danach mehrere Bücher geschrieben, in denen Familienmitglieder vorgekommen sind über seinen Vater, schon einmal über seine Mutter, die Freiheit einer Frau.“
Der Sprecher erwähnt das erste Buch, das Édouard Louis über seine Mutter geschrieben hat, als Vorgänger von 'Monique bricht aus'. Es wird im Rahmen der Diskussion über Louis' fortlaufendes autofiktionales Projekt genannt, bei dem er immer wieder über Familienmitglieder schreibt.
Die Verdorbenen
Michael Köhlmeier
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:11:23 „Kommen wir vielleicht zum nächsten Buch, zu Michael Köhlmeier, ein österreichischer Autor, etwas älter als Louis 75. Im Hansa Verlag erschien ein Buch mit dem Namen Die Verdorbenen. Wie so häufig ein eher dünnes Buch, ganz schlank, was mir ziemlich gefallen hat, um es gleich vorweg zu sagen, ich fand es ziemlich wahnsinnig stark.“
Der Roman wird ausführlich besprochen und enthusiastisch empfohlen. Er handelt von einem Germanistikstudenten namens Johann in den 70er Jahren in Marburg, der eine mörderische Fantasie hegt und in eine fatale Dreiecksbeziehung gerät. Beide Sprecher loben das Buch als dicht, komisch und philosophisch tiefgründig — es kreist um Schuld, Unschuld und die Unfähigkeit zu handeln.
Anna Karenina
Leo Tolstoi
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:20:13 „Es wird hier zum Beispiel auch von Anna Karenina geredet und er sagt dann ja, warum haben wir nicht diese Intensität der Liebesgefühle? Also jemand, der so wie Anna Karinina so verrückt wird und sein ganzes Leben wegschmeißt für dieses heftige Gefühl.“
Im Kontext von 'Die Verdorbenen' wird Anna Karenina als literarischer Bezugspunkt erwähnt. Die Figuren im Roman vergleichen ihre eigene emotionale Sprachlosigkeit mit der leidenschaftlichen Intensität von Tolstois Heldin und stellen fest, dass sie selbst wie 'Literaturtouristen' durch die Gefühlswelt tappen.
Verzauberte Vorbestimmung
Jonas Lüscher
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:26:01 „Jonas Lüscher. Der hat einen neuen, wirklich sehr langen, über 300 Seiten, sehr komplizierten Roman vorgelegt mit einem auch sehr komplizierten Titel, Verzauberte Vorbestimmung. Jonas Lüscher ist ein sehr erfolgreicher Autor.“
Alexander Cammann stellt den neuen Roman von Jonas Lüscher vor, der nach ersten Kritiken bereits gefeiert wird. Das Buch hat viele Handlungsfäden, die netzartig miteinander verbunden sind, und kreist thematisch um Bauwerke und Maschinen. Cammann beschreibt den Stil als akkurat und fantasievoll.
Frühling der Barbaren
Jonas Lüscher
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:26:27 „Sein Debüt war eine schöne Novelle, Frühling der Barbaren. Dann kam ein Campus-Roman aus dem Silicon Valley, Kraft. Das war alles sehr gut lesbar. Sehr, sehr schön geschrieben, bisschen parodistisch.“
Alexander Cammann ordnet Jonas Lüschers neuen Roman ein, indem er auf dessen Debüt-Novelle verweist. Die früheren Werke werden als gut lesbar und parodistisch beschrieben, um den Kontrast zum komplizierteren neuen Roman 'Verzauberte Vorbestimmung' zu verdeutlichen.
Kraft
Jonas Lüscher
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:26:27 „Sein Debüt war eine schöne Novelle, Frühling der Barbaren. Dann kam ein Campus-Roman aus dem Silicon Valley, Kraft. Das war alles sehr gut lesbar. Sehr, sehr schön geschrieben, bisschen parodistisch.“
Lüschers zweiter Roman wird als Campus-Roman aus dem Silicon Valley erwähnt, der zusammen mit dem Debüt das bisherige Profil des Autors als zugänglich und parodistisch zeichnet — im Kontrast zum anspruchsvolleren neuen Werk.
Ins Erzählen Flüchten
Jonas Lüscher
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:27:14 „Er hat nämlich Poetikvorlesungen vorgelegt, die heißen Ins Erzählen Flüchten, wo er auch seine Theorie eines narrativen Netzes nennt. Also ein Erzählen, was eben nicht linear, eine Geschichte folgt auf die andere.“
Alexander Cammann verweist auf Lüschers Poetikvorlesungen, um die ungewöhnliche Erzählstruktur von 'Verzauberte Vorbestimmung' zu erklären. Lüscher theoretisiert darin über ein netzartiges Erzählen, bei dem sich Episoden nicht linear, sondern assoziativ aufeinander beziehen — genau das, was er im neuen Roman umsetzt.
Godwi
Clemens Brentano
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:35:27 „Mich hat das fast ein bisschen erinnert an so romantische Romantheorien wie von Clemens Brentano, der eben mit dem Godwi so einen explizit verwilderten Roman schreiben wollte. Also etwas, das ist ja auch im Godwi, so was einfach abbricht und dann wird ein neuer Erzähler eingesetzt oder eine ganz neue Episode.“
Cammann zieht einen literaturhistorischen Vergleich: Lüschers fragmentarische Erzähltechnik erinnere ihn an Brentanos romantischen Roman 'Godwi', in dem ebenfalls Handlungsstränge abrupt abbrechen und neue Erzähler eingesetzt werden. Allerdings empfindet Cammann Lüschers Fragmentierung als zu theoretisch konstruiert im Vergleich zur organischen Wildheit der Romantik.
Rhizom
Gilles Deleuze / Félix Guattari
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:38:57 „Weil es ist ein Unterschied, ob ein Roman sozusagen wirklich wuchert und verwildert aus einer inneren Notwendigkeit oder ob er, weil ein Theorem vorgeschaltet ist, hier auch mit Zitaten von Deleuze und Guattari über das Rhizom und so weiter. Also weil ein Theorem vorgeschaltet ist, wird eine Erzählstruktur ausgetüftelt.“
Cammann kritisiert, dass Lüschers fragmentarische Romanstruktur nicht organisch gewachsen, sondern theoretisch konstruiert sei. Er verweist auf das Rhizom-Konzept von Deleuze und Guattari als philosophisches Theorem, das Lüscher seiner Erzählung vorgeschaltet habe. Diese Tüftelei auf Basis eines theoretischen Konzepts stört Cammann.
Die Ästhetik des Widerstands
Peter Weiss
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:40:34 „Peter Weiß ist ein Autor par excellence mit seiner Ästhetik des Widerstandes, wo er Widerstandsfiguren auch erzählt in einem riesigen Werk in der Ästhetik des Widerstandes.“
Der Gesprächspartner erklärt, warum Peter Weiss für Lüscher so wichtig ist: Beide teilen eine sozialkritische und kapitalismuskritische Perspektive. Weiss war nicht nur aktivistischer Autor, sondern hatte auch einen enormen ästhetischen Anspruch – diese Verschmelzung von politischem Engagement und literarischer Kunst sei vermutlich Lüschers Vorbild.
Die Ringe des Saturn
W.G. Sebald
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:42:01 „Und vielleicht auch W.G. Sebald, der ja auch ein ähnliches Verfahren hat, dass er auch... Manchmal folgt und man weiß nicht in welche Richtung, wie in den Ringen des Saturn.“
Der Gesprächspartner ordnet Lüscher in eine literarische Tradition ein: Neben Peter Weiss sei auch W.G. Sebald mit seinen 'Ringen des Saturn' ein Vorbild – beide teilen das mäandernde, assoziative Erzählverfahren, bei dem man der Erzählung folgt, ohne zu wissen, wohin sie führt. Lüscher schreibe sich bewusst in diese Tradition der 60er bis 80er Jahre ein.
Der Schatten des Körpers des Kutschers
Peter Weiss
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:46:27 „Und ja, ich habe den sehr lange nicht mehr gelesen. Ich hatte den im Studium mal gelesen, vor wirklich sehr langer Zeit. Und habe ihn mir jetzt nochmal vorgenommen. Es ist eine ganz kurze Erzählung. Mikroroman wurde das auch mal genannt.“
Das zweite ausführlich besprochene Buch der Episode. Peter Weiss' 1960 erschienener Mikroroman spielt auf einem ländlichen Gut, wo ein manischer Ich-Erzähler alles um sich herum minutiös beschreibt. Die Sprecher analysieren die Verbindungen zu Lüschers Roman – Schattenmotive, Steinsammel-Motive und die fragmentarische Erzähltechnik finden sich in beiden Werken wieder. Cammann gibt eine 'ganz große Leseempfehlung'.
Inventur
Günter Eich
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:54:03 „Also wie Inventur machen, da gibt es doch auch dieses schöne Gedicht von Günther Eich, Inventur machen. Dies ist meine Mütze, dies ist mein Bleistift. Also ich fange mal wieder bei dem ganz einfachen an, was ich sehe.“
Cammann zieht eine Parallele zwischen Peter Weiss' minutiöser Beschreibungstechnik und Günter Eichs berühmtem Nachkriegsgedicht 'Inventur'. Beide reagieren auf die Erschütterung des Zweiten Weltkriegs, indem sie bei den einfachsten, unmittelbar sichtbaren Dingen neu anfangen – eine Bestandsaufnahme der Realität ohne Interpretation oder Bedeutungszuschreibung.