Zauberberg an der Ostsee
Maja Beckers, Alexander Cammann
Die Folge kreist um die Kunst des Urteilens und dessen Tücken: Ein rätselhaftes Zitat über einen selbsternannten Moralisten, der anderen auf die Füße tritt, führt zu einem offenen Gespräch über eigene Fehlurteile. Iris Radisch beichtet eine frühe Verriss-Sünde am Schweizer Autor Paul Nizon, den sie als junge Kritikerin für kitschig und unlesbar erklärte — und dem sie heute öffentlich Abbitte leistet.
„Ich erinnere mich an eine frühe Rezension des Schweizer Autors Paul Nizon, den ich fertig gemacht habe und für einen kitschigen und völlig unlesbaren Autor angehalten habe. Da war ich einfach jung, rechthaberisch, habe nicht wirklich gesehen, um was es ihm da ging.“
Erwähnte Medien (13)
Anschwellender Bocksgesang
Botho Strauß
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:05:31 „Eben vor allen Dingen der anschwellende Boxgesang, der im Spiegel 1993 veröffentlicht wurde. Ja, ein Essay, der abgerechnet hat mit dieser Bundesrepublik, mit ihrer eben die eingeschlafenen Füße, mit ihrer Eingeschlafenheit, ihrer Freude, Freundlichkeit, Friedlichkeit, ihrer Verschlafenheit.“
Iris Radisch ordnet Botho Strauß' Werk ein und beschreibt den Essay als Wendepunkt, an dem Strauß sich als kulturkonservativer Zeitkritiker positionierte. Sie gesteht, dass sie damals nicht verstehen konnte, warum er das Tragische und Heroische in der friedlichen Bundesrepublik vermisste.
Das Schattengetuschel
Botho Strauß
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:07:13 „Das Buch heißt Das Schattengetuschel. Es ist jetzt gerade bei Hansa erschienen. Im Übrigen feiern wir auch seinen Geburtstag, nicht wahr? Er wird jetzt 80, Boto Strauß. Und ich finde schon, dass dieses Buch bemerkenswert ist.“
Adam Soboczynski stellt Botho Strauß' neues Buch vor, das zum 80. Geburtstag des Autors erscheint. Er hebt hervor, dass Strauß darin eine ungewöhnliche Nachdenklichkeit über seine früheren Positionen zeigt und die Reformfähigkeit der Gesellschaft anerkennt, die er früher unterschätzt habe.
Der letzte Deutsche
Botho Strauß
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:07:29 „Der letzte Deutsche ist auch so ein Essay, der erschienen ist 2015 und bezog sich da durchaus auf die Migrationskrise.“
Adam Soboczynski erwähnt den Essay als weiteres Beispiel für Strauß' berüchtigte kulturpolitische Texte, um den Kontrast zur neuen Nachdenklichkeit in 'Das Schattengetuschel' zu verdeutlichen.
Alle Toten fliegen hoch
Joachim Meyerhoff
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:11:57 „Er hat nämlich fünf Bücher insgesamt geschrieben vor diesem, die sich an seiner Biografie entlang lesen lassen. Und die sind so versammelt unter dem Obertitel Alle Toten fliegen hoch und wir haben jetzt das Neueste.“
Adam Soboczynski ordnet das neue Buch in Meyerhoffs autobiografische Reihe ein, die unter dem Obertitel 'Alle Toten fliegen hoch' fünf Bände umfasst – von der Jugend über den Amerika-Aufenthalt bis zum Tod des Bruders.
Der Zauberberg
Thomas Mann
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:18:37 „Das wird, da kann ich fast schon sowas vorwegnehmen, was bei uns jetzt noch kommt im Podcast, das wird für ihn so eine Art Zauberberg. Weil er ja da ganz abgelöst von der sonstigen Welt, von seinem Alltag in der Natur ist, bei der alten Mutter ist. Und das ist so eine Art Heilanstalt.“
Iris Radisch vergleicht Meyerhoffs Aufenthalt bei seiner Mutter an der Ostsee mit Thomas Manns 'Zauberberg' – abgeschieden von der Welt, in einer Art Heilanstalt mit ritualisierten Abläufen wie Whisky zur festen Stunde, Meerbädern und Fußmassagen.
Die Glasglocke
Sylvia Plath
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:23:34 „Viele vergleichen sie auch mit Sylvia Plath, also mit dem halb autobiografischen Roman Die Glasklocke“
Halb autobiografischer Roman von Sylvia Plath, der als Vergleichswerk zu Tove Ditlevsens autofiktionalem Schreiben herangezogen wird.
Wilhelms Kindheit
Tove Ditlevsen
🗣 Alexander Cammann empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:25:12 „Und jetzt kommt zum ersten, nicht zum ersten Mal auf Deutsch, aber nochmal neu übersetzt auf Deutsch, Wilhelms Kindheit. Das ist der Roman, den sie im Jahr vor ihrem Freitod geschrieben hat. Der ist eben, wie ich eben schon andeutete, eigentlich schon mal auf Deutsch erschienen, aber es ist ewig her, 40 Jahre her und ist damals nicht so beachtet worden.“
Alexander Cammann stellt den Roman als Hauptwerk der Folge vor. Es handelt sich um Tove Ditlevsens letzten Roman, geschrieben ein Jahr vor ihrem Freitod 1976, der nun neu ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch beschreibt das Ende ihrer vierten Ehe und nimmt ihren eigenen Suizid literarisch vorweg — die Grenze zwischen Autofiktion und Realität ist dabei auf erschütternde Weise aufgehoben.
Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Max Frisch
Ingeborg Bachmann / Max Frisch
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:31:22 „Zuletzt in dieser Künstlerbeziehungsdramatik, zuletzt gelesen bei dem Briefwechsel, den wir ja auch im Podcast hatten zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, wo das auch auf die Spitze getrieben wird, wie man sozusagen sich heftigst und möglichst neurotisch lieben kann.“
Adam Soboczynski zieht eine Parallele zwischen der toxischen Beziehungsdynamik in Ditlevsens Roman und dem berühmten Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch, den sie bereits in einer früheren Podcast-Folge besprochen hatten.
Die Marquise von O....
Heinrich von Kleist
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:33:59 „Ich dachte ja, ich bin mir natürlich vollständig sicher, dass sie sich damit auch im echten Leben natürlich in ein literarisches Programm eingeschrieben hat, denn es gibt dafür ein berühmtes Vorbild, die Marquise von O, natürlich, die auch per Anzeige zwar nicht einen Mann sucht, aber auch einen Skandal erzeugt, indem sie sagt, sie wisse jetzt nicht, von wem sie schwanger ist, der Vater solle sich doch bitte melden.“
Der Sprecher sieht in Ditlevsens Heiratsannonce eine bewusste literarische Anspielung auf Kleists Novelle. Beide Frauen brechen Konventionen, indem sie maximale Öffentlichkeit für ihre private Situation suchen und damit einen Skandal erzeugen.
Der Zauberberg
Thomas Mann
🗣 Adam Soboczynski empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:38:51 „100 Jahre Zauberberg von Thomas Mann. Das ist natürlich einer der ganz großen, gigantischen Romane in deutscher Sprache.“
Klassiker von Thomas Mann, der anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums ausführlich besprochen wird. Der Roman über Hans Castorp im Schweizer Sanatorium wird auf seine Aktualität hin untersucht.
Buddenbrooks
Thomas Mann
🗣 Adam Soboczynski erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:38:51 „Vielleicht sogar, naja, Bodenbrucks gibt es, vielleicht sogar der bekannteste.“
Wird kurz als Vergleich erwähnt, um die Bekanntheit des Zauberbergs einzuordnen.
Betrachtungen eines Unpolitischen
Thomas Mann
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:45:45 „in den Betrachtungen eines unpolitischen Parteiergriffen hat, nun wirklich nicht für die demokratische Seite“
Essayband von Thomas Mann, in dem er im Ersten Weltkrieg gegen Zivilisationsliteraten und für eine antidemokratische Position argumentierte – wird als biografischer Kontext zum Zauberberg erwähnt.
Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers
Stefan Zweig
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:55:47 „Mittlerweile lesen wir diese Bücher, im Übrigen auch Stefan Zweig und da gibt es ja andere auch noch, wie die Welt von gestern, die auf einmal so eine seltsame Aktualität bekommen.“
Der Sprecher vergleicht die neue Aktualität des Zauberbergs mit Stefan Zweigs Erinnerungen. Beide Werke, die lange als historische Dokumente galten, gewinnen angesichts aktueller Bedrohungen der liberalen Demokratie eine unerwartete Gegenwartsbezogenheit.