Die Berlin-Paris-Connection
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Live von der Frankfurter Buchmesse diskutieren die Hosts drei Bücher, die alle um Überlebenskünstler kreisen: Han Kangs erschütterndes "Menschenwerk" über das Gwangju-Massaker, das der frischgebackenen Nobelpreisträgerin als Ursprungstrauma dient; Katja Lange-Müllers "Unser Ole" über zwei herzlose, aber schlagfertige Berliner Seniorinnen aus Ost und West mit einem autistischen Enkel; und Patrick Modianos melancholisches "Memory Lane" über eine Pariser Gesellschaft, die noch Cabrio fährt, aber keinen Strom mehr hat. Als Klassiker rundet Brechts "Die unwürdige Greisin" den Bogen — eine 72-Jährige, die nach dem Tod ihres Mannes den Hedonismus entdeckt.
„Ich habe noch nie so ein Buch gelesen, wo man sagen würde, das ist in einer Weise trist, dass man es kaum aushält eigentlich, wenn man sich genau überlegt, was da passiert. Und trotzdem so humorvoll, dass man es gar nicht weglegen will.“
Erwähnte Medien (10)
Die Verwandlung
Franz Kafka
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:02:06 „Also ist der Mensch eigentlich dazu da, keine Würde zu haben? Ist er ein Wesen, was sich jederzeit in ein Insekt verwandeln kann? Da würde ich schon mal sagen, nein. Also das geht eigentlich nur bei Kafka.“
Iris Radisch spielt auf Kafkas Verwandlung an, als sie das Zitat aus Han Kangs Menschenwerk diskutiert. Die Idee, dass ein Mensch sich in ein Insekt verwandeln kann, assoziiert sie sofort mit Kafka – eine literarische Referenz als Kontrastfolie zur Frage nach der menschlichen Natur.
Die Vegetarierin
Han Kang
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:05:26 „Das ist, glaube ich, wirklich die Vegetarierin, für den sie auch den International Booker Prize völlig zurechtbekommen hat. Das ist ein so eindrückliches Buch“
Wird als bestes Buch von Han Kang bezeichnet, ein Werk das unter die Haut geht
Deine kalten Hände
Han Kang
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:06:44 „Also die Vegetarierin, die Griechischstunde, Deine kalten Hände, da ist diese Gewalt indirekt vorhanden.“
Iris Radisch zählt Deine kalten Hände als weiteres Beispiel für Han Kangs Werke auf, in denen die traumatische Gewalt des Gwangju-Aufstands indirekt in den Figuren nachwirkt – etwa durch Essstörungen oder andere Formen der Selbstschädigung.
Griechischstunde
Han Kang
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:06:47 „Da ist diese Gewalt indirekt vorhanden. Da merkt man nämlich, das sind ja meistens Frauen, die da im Zentrum stehen, dass die diese Gewalt gegen sich richten.“
Iris Radisch erwähnt Griechischstunden als eines der ins Deutsche übersetzten Werke Han Kangs, in dem die Gewalt des Gwangju-Aufstands indirekt nachwirkt. Die Protagonistinnen verinnerlichen die Gewalterfahrungen und richten sie gegen sich selbst.
Griechischstunde
Han Kang
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:07:24 „Also die Vegetarierin, die Griechischstunde, Deine kalten Hände“
Wird im Kontext der weiteren Werke von Han Kang erwähnt, in denen Gewalt indirekt vorhanden ist
Im Café der verlorenen Jugend
Patrick Modiano
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:27:12 „Also ganz toll finde ich, um das vielleicht zu sagen. Aha, jetzt kommt Kaffee der verlorenen Jugend.“
Iris Radisch empfiehlt Im Café der verlorenen Jugend als weiteren gelungenen Modiano-Roman, als sie argumentiert, dass Modiano den Nobelpreis verdient hat. Adam Soboczynski bestätigt, dass er es gelesen hat und es "ganz hübsch" findet.
Kaffee der verlorenen Jugend
Patrick Modiano
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:27:15 „Also ganz toll finde ich, um das vielleicht zu sagen, Kaffee der verlorenen Jugend.“
Wird als weiterer empfehlenswerter Roman von Modiano genannt
Dora Bruder
Patrick Modiano
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:27:34 „Oder ein wirklich auch sehr wichtiges jüdisches, es sind schon auch immer jüdische Schicksale. Dora Bruder, wo es um das Verschwinden einer jüdischen, also es gibt wirklich, ich finde, er hat den Nobelpreis völlig zurechtbekommen.“
Iris Radisch erwähnt Dora Bruder als Beispiel für Modianos wichtige Auseinandersetzung mit jüdischen Schicksalen. Das Buch handelt vom Verschwinden eines jüdischen Mädchens und unterstreicht, warum Modiano den Nobelpreis verdient hat.
Die unwürdige Greisin
Bertolt Brecht
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:29:08 „Die heißt Die unwürdige Greisin. Ich finde die ja ganz toll. Die ist wirklich interessant. Da geht es um eine, ist aus der Perspektive eines Enkels geschrieben. Der beschreibt, was mit seiner Großmutter passiert, als ihr Mann, der Großvater, eben stirbt.“
Die Kurzgeschichte von Brecht wird als zweiter Haupttext der Episode ausführlich besprochen. Soboczynski und Radisch diskutieren die Geschichte einer 72-jährigen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes ein völlig neues, unkonventionelles Leben beginnt – Brecht feiert darin die Möglichkeit zur Veränderung und Befreiung. Die Geschichte wird als mutmachendes Gegenstück zum zuvor besprochenen, tristeren Text von Katja Lange-Müller gelesen.
Geschichten vom Herrn Keuner
Bertolt Brecht
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:32:36 „Auch die berühmten Keuner-Geschichten sind da drin. Eine passt ganz genau zu dieser Geschichte, die vielleicht berühmteste. Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten, sie haben sich gar nicht verändert. Oh, sagte Herr K. und er bleichte.“
Soboczynski zitiert die wohl berühmteste Keuner-Geschichte, um Brechts zentrales Thema der Veränderung zu illustrieren. Die Pointe – dass es für Herrn K. ein Albtraum ist, sich nicht verändert zu haben – spiegelt exakt das Motiv der 'Unwürdigen Greisin', die sich im Alter noch einmal komplett neu erfindet.