Kampf und Glamour
Maja Beckers, Alexander Cammann
Die Episode kreist um das Spannungsfeld zwischen Künstlerdasein und Elternschaft — ausgehend von einem provokanten Zitat, wonach Künstler die schlimmsten Eltern seien. Iris Radisch spricht aus eigener Erfahrung mit drei Kindern über den Schock, das eigene Leben nach der Geburt nicht wiederzuerkennen, und stellt die These auf, dass sich Selbstverwirklichung und Elternschaft als zwei menschliche Grundbedürfnisse nie wirklich ausbalancieren lassen.
„In den wirklich ernsten existenziellen Fragen lässt es sich oft nicht ausbalancieren.“
Erwähnte Medien (20)
Lebenswerk
Rachel Cusk
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:06:14 „Rachel Kask, die kennt man, die ist bekannt für ihre eher harschen Memoirs, Romane, ich nenne mal Lebenswerk. Das war das erste Buch, wo sie wirklich auch als eine der ersten schriftstellenden Müttern eben auch genau auf dieses Problem hingewiesen hat.“
Cammann erwähnt Cusks früheres Werk 'Lebenswerk' als dasjenige Buch, in dem sie als eine der Ersten auf das Problem hinwies, dass Mutterschaft und künstlerische Arbeit kollidieren. Er ordnet es in die spätere Debatte um 'Regretting Motherhood' ein.
Das zweite Geschlecht
Simone de Beauvoir
🗣 Iris Radisch erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:09:19 „der Feminismus, der zum Beispiel von Simone de Beauvoir initiiert wurde, wo man sagt, nein, Weiblichkeit ist ja etwas, was uns nur zugeschrieben wird von der Gesellschaft“
Simone de Beauvoirs feministischer Ansatz wird als Gegenposition zu Rachel Cusks Differenzfeminismus erwähnt
Das andere Geschlecht
Simone de Beauvoir
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:09:21 „Das ist ja anders als der Feminismus, der zum Beispiel von Simone de Beauvoir initiiert wurde, wo man sagt, nein, Weiblichkeit ist ja etwas, was uns nur zugeschrieben wird von der Gesellschaft. Das müssen wir überhaupt nicht annehmen.“
Cammann ordnet Rachel Cusks feministischen Ansatz ein, indem er ihn vom Gleichheitsfeminismus Simone de Beauvoirs abgrenzt. Cusk vertrete einen Differenzfeminismus, der biologische Unterschiede betont, während Beauvoirs Tradition Weiblichkeit als gesellschaftliche Zuschreibung versteht.
Identitti
Mithu Sanyal
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:11:22 „Mithu Sanyal, die viele natürlich kennen durch ihren großen Erfolgsroman »Identity«“
Früherer Erfolgsroman von Mithu Sanyal, ein Campus-Roman über Identitätsdebatten und kulturelle Aneignung
Antichristi
Mithu Sanyal
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:11:46 „Mithu Sanyals großer Roman Antichristi, also groß schon mal vom Volumen her. Absolut debattenfreundliches, ich würde fast sagen debattenseliges, sich ganz in Debatten verlierendes Buch. Das muss man mögen, da muss man ein bisschen Lust drauf haben.“
Cammann stellt Sanyals neuen Roman vor, in dem eine deutsch-indische Protagonistin in einem Filmkollektiv Agatha Christies Werke postkolonial überarbeiten will und dann per Zeitmaschine ins Jahr 1906 in den indischen Unabhängigkeitskampf gerät. Die Kritiker loben den furiosen Anfang, bemängeln aber die lehrbuchartigen Passagen über indische Geschichte.
Identitti
Mithu Sanyal
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:19:44 „Weil Identity war ja ehrlich gesagt auch ein endloses Teach-In. Damals im universitären Bereich ist ein Campus-Roman, wo ewig über kulturelle Ermächtigung, kulturelle Aneignung, über Identitätsdebatten, über politische Identität einfach debattiert wurde.“
Cammann vergleicht Sanyals neuen Roman mit ihrem früheren Erfolgsroman 'Identitti', der ebenfalls ein debattenlastiger Campus-Roman war. Er argumentiert, dass dieses Teach-In-Format Sanyals Spezialität sei, auch wenn es manchmal die erzählerische Ökonomie beeinträchtigt.
Werkin
David Wagner
🗣 Alexander Cammann empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:23:04 „David Wagners Roman, bei Rowold erschienen. Werkin heißt er, mit V geschrieben Werkin. Das ist interessant, ist mir gerade aufgefallen. Wir haben hier das zweite große Buch, ungefähr gleich lang, auch etwas umfangreicher, was doch eine ganz große Weltläufigkeit hat.“
Der Roman erzählt von einem Berliner Schriftsteller, der eine türkische Armenierin kennenlernt und ihre Lebensgeschichte aufzeichnet – verwoben mit dem Völkermord an den Armeniern und dem türkischen Jetset-Milieu. Die Kritiker streiten heftig: Einer findet das Buch faszinierend, die andere hält die unkritische Darstellung einer AKP-Anhängerin für einen politischen Skandal.
Pardon (Zeitschrift)
🗣 Iris Radisch erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:26:15 „war in Frankfurt, hat da die Autoren von Pardon kennengelernt“
Die Satirezeitschrift Pardon wird im Zusammenhang mit Verkins Aufenthalt in Frankfurt erwähnt
Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
Johann Peter Eckermann
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:26:42 „Und er ist ein bisschen ihr Berliner Eckermann. Also so wie Eckermann, der Sekretär von Köln war, der also alles aufgestimmt hat, was der Meister sagt.“
Cammann vergleicht David Wagners unkritische Protokoll-Haltung gegenüber seiner Protagonistin mit Eckermanns devoten Aufzeichnungen von Goethes Gesprächen. Der Vergleich dient der Kritik: Wagner lasse seine Figur endlos reden, ohne selbst einzuordnen.
Pardon
🗣 Alexander Cammann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:26:59 „War in Frankfurt, hat da die Autoren von Pardon kennengelernt, hat Black Panther-Leute... Angela Davis.“
Im Kontext von David Wagners Roman 'Werkin' wird das Satiremagazin Pardon beiläufig erwähnt. Die Protagonistin Verkin hat in Frankfurt die Autoren des Magazins kennengelernt – ein Detail aus ihrem schillernden Jetset-Leben.
Tausendundeine Nacht
🗣 Alexander Cammann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:28:47 „Und er, der deutsche Schriftsteller, der sich da ständig einladen und auf den Yachten rumchauffieren lässt und sich irgendwie dem türkischen Geldadel vorstellen lässt, der sagt dann, ach, das ist ja alles Stoff für Tausend und eine Nacht.“
Cammann zitiert eine Passage aus Wagners Roman, in der der Erzähler das Leben der türkischen Protagonistin mit 'Tausendundeine Nacht' vergleicht – was Cammann als Beleg für dessen unkritische, exotisierende Haltung anführt.
Die Marquise von O....
Heinrich von Kleist
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:36:13 „Wir haben ihn ja schon einmal hier in diesem Podcast gehabt, die Marquise von O. Über die haben wir mal lange gesprochen und hatten unsere große Freude daran.“
Erzählung von Kleist, die in einer früheren Podcast-Folge besprochen wurde
Briefe von Heinrich von Kleist (Neuentdeckung)
Heinrich von Kleist
🗣 Adam Soboczynski empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:36:13 „Es sind Briefe von Heinrich von Kleist aufgetaucht, wie aus dem Nichts, könnte man sagen.“
Neu entdeckte Briefe Kleists aus den Jahren 1809-1810, die ihn als Schlachtbeobachter bei Aspern zeigen und seinen antinapoleonischen Kampf dokumentieren
Briefe aus den Jahren 1809 und 1810
Heinrich von Kleist
🗣 Unbekannt empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:38:06 „Hier haben wir nun einen ganz anderen Kontext. Warum ist das so außergewöhnlich, dass Briefe von Heinrich von Kleist aufgetaucht sind? Weil so ohnehin bei diesem doch großen und bedeutenden Schriftsteller so wenig überhaupt übermittelt ist.“
Das gesamte Klassiker-Segment widmet sich fünf neu entdeckten Briefen Heinrich von Kleists aus den Jahren 1809/1810, die aus einem walisischen Familienarchiv aufgetaucht sind. Die Briefe zeigen Kleist als Schlachtbeobachter bei der Schlacht von Aspern und als konspirativ arbeitenden antinapoleonischen Aktivisten – ein sensationeller Fund für die Kleist-Forschung.
Krieg und Frieden
Leo Tolstoi
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:42:50 „Und man sieht nie das Ganze. Das sind ja die tollen Schlachtbeschreibungen von Tolstoi in Krieg und Frieden. Dass es so unmöglich ist, das Ganze einer Schlacht zu sehen, war immer der Augenblick ja auch suffizient.“
Im Gespräch über Kleists Schlachtbeobachtung bei Aspern zieht Cammann einen literarischen Vergleich zu Tolstois Schlachtbeschreibungen in 'Krieg und Frieden'. Beide Autoren thematisieren die Unmöglichkeit, eine Schlacht in ihrer Gesamtheit zu erfassen.
Michael Kohlhaas
Heinrich von Kleist
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:43:25 „Weil er Propagandatexte in dieser Zeit geschrieben hat, die deutlich schlechter sind als sein wirklich brillantes und großes Werk. Mit Erzählungen oder den zerbrochenen Krug oder was wir alles kennen, Michael Kohlhaas.“
Neben 'Der zerbrochne Krug' wird auch 'Michael Kohlhaas' als Beispiel für Kleists großes literarisches Werk angeführt, das sich qualitativ deutlich von seinen politischen Propagandatexten unterscheide.
Der zerbrochne Krug
Heinrich von Kleist
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:43:39 „Er hatte kaum für längere Zeit einen Wohnsitz. Er war ein wahnsinniger Reisender. Weil er Propagandatexte in dieser Zeit geschrieben hat, die deutlich schlechter sind als sein wirklich brillantes und großes Werk. Mit Erzählungen oder den zerbrochenen Krug oder was wir alles kennen, Michael Kohlhaas.“
Der Sprecher kontrastiert Kleists Propagandatexte aus der antinapoleonischen Zeit mit seinem eigentlichen literarischen Hauptwerk. 'Der zerbrochne Krug' wird als Beispiel für Kleists brillante Literatur genannt, die deutlich über seinen politischen Gelegenheitsschriften steht.
Don Quixote (verschollenes Werk Kleists)
Heinrich von Kleist
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:49:00 „an einer Stelle schreibt er an so heißt sein Briefpartner, der Diplomat, dass er ihm den Don Quixote mitschickt. Der Don Quixote ist ein Werk, das wir noch überhaupt nicht kennen.“
Verschollenes, unbekanntes Werk Kleists, das in den neu entdeckten Briefen erwähnt wird und möglicherweise noch in Familienarchiven zu finden ist
Don Quixote
Heinrich von Kleist
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:50:06 „Und es gibt in diesen Briefen etwas Interessantes, weil an einer Stelle schreibt er an Buhl, so heißt sein Briefpartner, der Diplomat, dass er ihm den Don Quixote mitschickt. Der Don Quixote ist ein Werk, das wir noch überhaupt nicht kennen. Was es damit auf sich hat, wissen wir einfach nicht.“
In den neu entdeckten Briefen erwähnt Kleist ein verschollenes Werk mit dem Titel 'Don Quixote', das er seinem Briefpartner Buhl mitschickt. Es handelt sich um ein bislang völlig unbekanntes Werk Kleists, von dem man hofft, es könnte noch im walisischen Familienarchiv auftauchen.
Kleist-Jahrbuch
🗣 Unbekannt empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:50:56 „Einmal im Jahr erscheint das Kleist-Jahrbuch im Metzler Verlag. Jetzt ist es, glaube ich, draußen. Man kann es auch online sich anschauen, diese Briefe. Das ist eine ganz großartige, wahnsinnig interessante, auch in historischer Hinsicht, aber auch in literarischer Hinsicht interessante Fund.“
Am Ende des Klassiker-Segments empfiehlt der Sprecher das Kleist-Jahrbuch als Quelle, in der die neu entdeckten Kleist-Briefe veröffentlicht wurden. Die Briefe stammen aus einem walisischen Familienarchiv und dokumentieren Kleists Rolle als Schlachtbeobachter und politischen Akteur in den Jahren 1809–1810.