Murakamis Märchen für Erwachsene
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Im Zentrum steht Han Kangs neuer Roman „Griechischstunde
„Am schmerzhaftesten war, dass sie jedes Wort, das sie sagte, in unerbittlicher Schärfe in ihrem Inneren hörte.“
Erwähnte Medien (14)
Griechischstunde
Han Kang
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:02:35 „Wenn man das Buch dann gelesen hat und jetzt komme ich raus damit, von wem dieses Zitat kommt. Das ist die südkoreanische Autorin Han Kang. Dieses Zitat stammt aus ihrem neuen Roman Griechischstunde. Und in der Tat geht es in diesem Roman um eine Frau, die aufgehört hat zu sprechen, die nicht mehr sprechen kann.“
Iris Radisch stellt Han Kangs neuen Roman als Einstieg der Episode vor. Das Buch handelt von einer Frau, die nicht mehr sprechen kann und durch das Erlernen von Altgriechisch eine Art Therapie findet. Radisch lobt die philosophischen Diskussionen und lyrischen Qualitäten des Romans, zieht Verbindungen zur europäischen Sprachskepsis von Hofmannsthal bis Kafka.
Ein Brief (Chandos-Brief)
Hugo von Hofmannsthal
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:03:07 „Dieses Ungenügen an der Sprache, was wir ja auch in der deutschsprachigen Literatur schon ganz oft häufig behandelt kennen, also von Hugo von Hofmannsthal fängt das an, dass man einfach diesen Sprachzweifel hat. Die Worte treffen das ja gar nicht, was ich eigentlich sagen will.“
Iris Radisch ordnet Han Kangs Sprachskepsis in die europäische Literaturgeschichte ein. Sie verweist auf Hofmannsthal als Begründer des literarischen Sprachzweifels in der deutschsprachigen Tradition – die Kluft zwischen innerem Fühlen und sprachlichem Ausdruck.
Die Vegetarierin
Han Kang
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:03:56 „Ich habe die schon gelesen, schon entdeckt, als sie die Vegetarierin vor einigen Jahren geschrieben hat. Ich finde die Vegetarierin eindrücklicher, muss ich sagen. Hat noch mehr Tiefe, mehr Verrücktheiten auch.“
Iris Radisch vergleicht Han Kangs neuen Roman mit ihrem früheren Werk. Sie findet die Vegetarierin eindrücklicher und tiefgründiger als Griechischstunde. Adam Soboczynski greift das Motiv der extremen Charaktere auf – eine Frau, die so radikal ihre Ernährung umstellt, dass sie ein Baum sein möchte.
Ein Brief (Chandos-Brief)
Hugo von Hofmannsthal
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:04:15 „also von Hugo von Hofmannsthal fängt das an, dass man einfach diesen Sprachzweifel hat“
Iris Radisch verweist auf Hofmannsthals berühmten Sprachzweifel als Parallele zum Thema in Han Kangs Roman.
In der Strafkolonie
Franz Kafka
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:07:12 „Wir werden ja ganz am Schluss über Kafka in der Strafkolonie sprechen und auch da geht es vielleicht, wir werden das dann nachher vertiefen, darum, ob es so etwas wie eine eigentliche Sprache, eine eigentliche Schrift gibt.“
Kafkas Erzählung wird mehrfach als angekündigter Klassiker-Teil der Episode erwähnt. Iris Radisch zieht Parallelen zwischen Han Kangs Sprachskepsis und Kafkas Frage nach einer eigentlichen Schrift. Auch bei Murakami sehen beide kafkaeske Motive – den Torwächter, die Seltsamkeit der Parallelwelt.
Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
Haruki Murakami
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:07:25 „Wir sprechen gleich über den neuen, lange erwarteten neuen Roman von Haruki Murakami, den japanischen Star-Autor, Die Stadt und ihre ungewisse Mauer, aus dem japanischen Übersetz von Ursula Gräfe.“
Zweites Hauptbuch der Episode, ein 636-seitiger Roman über eine Teenager-Liebesgeschichte, Parallelwelten und eine mysteriöse Stadt.
Putins Krieg gegen die Frauen
Sofi Oksanen
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:07:38 „Wir werden außerdem sprechen mit der finnisch-estnischen Schriftstellerin über das Buch von ihr, Putins Krieg gegen die Frauen, übersetzt von Angela Plöger und Maximilian Murmann.“
Sofi Oksanens Sachbuch wird als drittes Hauptwerk der Episode besprochen. Iris Radisch hat die Autorin in Helsinki besucht und schildert ihre exzentrische Persönlichkeit. Oksanen argumentiert, dass die kolonialen Verbrechen Russlands im Baltikum im westlichen Bewusstsein keinen Platz haben – ein blinder Fleck der postkolonialen Debatte.
Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
Haruki Murakami
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:08:43 „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer heißt das Buch. Ein sehr ausgewachsener Roman, hat insgesamt 600, bevor ich was Falsches sage, 635, 636 Seiten und ist kein ganz untypischer Roman. Er hat ja eine ganz ausgeprägte weltweite Gemeinde.“
Adam Soboczynski bespricht ausführlich Murakamis neuen Roman über einen 17-Jährigen, dessen Jugendliebe in eine Parallelwelt verschwindet. Der Protagonist lebt jahrelang melancholisch in Tokio, findet dann einen Weg in diese seltsame Stadt und wird später Bibliothekar in der japanischen Provinz. Beide Sprecher diskutieren intensiv die Jenseits-Metaphorik und märchenhaften Motive des Romans.
1Q84
Haruki Murakami
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:12:18 „Bei diesem großen Roman 1Q84 war die sehr viel blöder, finde ich. Da konnte man nämlich, wenn man im Stau in Tokio in seinem Toyota saß, konnte man irgendwie, wenn man keine Lust mehr hatte, aussteigen und gerade mal so die Autobahntreppe hochklettern, dann war man schon in der Parallelwelt.“
Iris Radisch vergleicht die Parallelwelt in Murakamis neuem Roman mit der in 1Q84 und findet letztere deutlich weniger überzeugend – fast kinderfernsehmäßig, wie Soboczynski ergänzt. Im neuen Roman sei die Parallelwelt dagegen aufgeladener und mit Motiven der deutschen Romantik angereichert.
Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Adelbert von Chamisso
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:12:38 „Hier ist das sehr viel aufgeladener, ja auch durchaus mit Motiven der deutschen Literatur, auch weil man eben zum Beispiel seinen Schatten abgibt. Ja, ja, so Kamisso gibt es da.“
Adam Soboczynski erkennt in Murakamis Motiv des Schattenabgebens eine Anspielung auf Chamissos romantische Erzählung, in der Peter Schlemihl seinen Schatten an den Teufel verkauft. Iris Radisch bestätigt die Anklänge an die deutsche Romantik im Roman.
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:21:19 „Es gibt an einer zentralen Stelle übrigens auch einen Verweis auf die Bibel. Das ist ganz interessant. Es spielt auch mit christologischen Motiven da drin, nicht?“
Adam Soboczynski weist darauf hin, dass Murakamis Roman an zentraler Stelle auf die Bibel verweist und mit christologischen Motiven spielt. Die Parallelwelt hat Züge einer Vorhölle oder eines Zwischenreichs zwischen Paradies und Hölle.
Fegefeuer
Sofi Oksanen
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:26:40 „Und in ihren Romanen, zumal in dem großen Bestseller Fegefeuer, aber auch in ihrem Debüt Stalins Kür, ist das alles verarbeitet. Also es geht immer um die estnischen Frauengenerationen. Es geht um sexualisierte Gewalt.“
Iris Radisch ordnet Oksanens Sachbuch in ihr literarisches Gesamtwerk ein. Fegefeuer war ihr großer Bestseller, in dem sie die Traumata estnischer Frauengenerationen unter sowjetischer Besatzung verarbeitet – sexualisierte Gewalt und die Auslöschung nationaler Identität.
Stalins Kühe
Sofi Oksanen
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:26:40 „Und in ihren Romanen, zumal in dem großen Bestseller Fegefeuer, aber auch in ihrem Debüt Stalins Kür, ist das alles verarbeitet. Also es geht immer um die estnischen Frauengenerationen.“
Iris Radisch erwähnt Oksanens Debütroman als Teil ihres literarischen Werks, das sich durchgehend mit den Folgen des sowjetischen Kolonialismus für die baltischen Länder beschäftigt. Das Debüt steht thematisch in einer Linie mit Fegefeuer und dem neuen Sachbuch.
In der Strafkolonie
Franz Kafka
🗣 Adam Soboczynski empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:33:51 „Es ist aber auf jeden Fall die brutalste Geschichte, die es gibt von Franz Kafka, der seinen 100. Todestag hat in diesem Jahr. Wir möchten sprechen über ein ganz faszinierendes, ich glaube, so weit können wir schon gehen, ganz faszinierende Erzählung in der Strafkolonie, 1914 geschrieben.“
Klassiker-Besprechung der Episode anlässlich Kafkas 100. Todestag. Die Erzählung wird ausführlich literarisch und philosophisch interpretiert.