Sie verzeiht nicht
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
Im zweiten Teil der Advents-Serie über Reue vor Gericht geht es um einen Wohnungseinbruch: Zwei Georgier hebeln an einem dunklen Novembernachmittag eine Balkontür auf und durchsuchen eine Parterre-Wohnung — bis aufmerksame Nachbarinnen die Polizei rufen. Der Fall wird zum Lehrstück darüber, dass eine glaubhafte Entschuldigung vor Gericht nicht automatisch auf Vergebung trifft: Die Geschädigte nimmt sie schlicht nicht an.
„Ich erlebe Entschuldigungen, die eher Floskeln sind und gleichwohl angenommen, sogar dankbar angenommen werden von Opfern. Aber ich erlebe auch Entschuldigungen, die für mich durchaus von Herzen zu kommen scheinen, von den Opfern aber nicht angenommen werden, was ihr gutes Recht ist.“
Erwähnte Medien (1)
Der entwendete Brief
Edgar Allan Poe
🗣 Anne Kunze referenziert bei ⏱ 00:06:45 „Das erinnert mich an diese schöne Erzählung vom entwendeten Brief von Edgar Allan Poe, wo die Beamten des Pariser Polizeipräfekten eine gesamte Wohnung zerlegen, also sogar die Stuhlbeine zersägen und hinter die Tapeten schauen, die Teppiche anheben, komplett mit Mikroskopen den Boden absuchen, um diesen entwendeten Brief zu finden, mit dem jemand erpresst wird. Und dann liegt der Brief die ganze Zeit offen da im Kartenständer auf dem Schreibtisch.“
Im Gespräch über die Psychologie des Versteckens von Wertgegenständen bei Wohnungseinbrüchen zieht Anne Kunze eine Parallele zu Poes Kurzgeschichte. Der Richter Andreas Sentker hatte gerade erklärt, dass der sicherste Ort für einen Brillantring paradoxerweise offen auf dem Küchentisch wäre, weil Einbrecher dort nicht suchen. Kunze greift diesen Gedanken auf und illustriert ihn mit Poes klassischer Erzählung, in der ein kompromittierender Brief genau deshalb nicht gefunden wird, weil er offen sichtbar liegt.