Der Hinterhalt
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
Die ZEIT-Kriminalreporterin Anne Kunze hat einen Fall recherchiert, der die Rechtsmedizin aufwirbelt: Matthias Graf, Leiter der Rechtsmedizin an der LMU München, soll in seiner vor 35 Jahren verfassten Doktorarbeit abgeschrieben haben. Als ihn der Vorwurf erreicht, sitzt er im Sommerurlaub in Nordnorwegen — weit weg von seiner nur auf Papier existierenden Dissertation. Ein Fall voller krimineller Energie und akademischer Abgründe, der tief in die Mechanismen wissenschaftlichen Publizierens führt.
„Als der Matthias Graf von dem Vorwurf hört, dass er in seiner Doktorarbeit, die er vor 35 Jahren geschrieben hat, abgeschrieben haben soll, ist er gerade im Sommerurlaub ganz im Norden Norwegens.“
Erwähnte Medien (7)
Dissertation: Chemotaxis von Fibrosarkomzellen in vitro
Matthias Graf
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:04:51 „Matthias Graf hat sich tatsächlich ins Labor gestellt und hat Untersuchungen angestellt zur Chemotaxis von Fibrosakromzellen in vitro. In vitro heißt im Reagenzglas oder in der Petrischat.“
Die 34-seitige medizinische Doktorarbeit von Matthias Graf aus dem Jahr 1987, verfasst am UKE Hamburg, ist der zentrale Gegenstand des Falls. Ihm wird vorgeworfen, sie aus einem rumänischen Sammelband abgeschrieben zu haben – tatsächlich stellt sich heraus, dass der Sammelband eine Fälschung ist, die Grafs Arbeit ins Englische übertrug.
Colchicin: A Hundred Years of Research
🗣 Anne Kunze referenziert bei ⏱ 00:07:27 „Also das klingt wie ein unfassbar spektakulärer Fall. Nämlich danach, als habe er fast seine gesamte Doktorarbeit und die Abbildungen und die Literatur abgeschrieben von einem Sammelband, der wenige Jahre vor der Doktorarbeit und zwar Anfang der 80er Jahre in Rumänien erschienen sein soll, in englischer Sprache.“
Der Sammelband ist das zentrale Beweisstück des Falls: Er soll belegen, dass Professor Matthias Graf seine Doktorarbeit plagiiert hat. Es stellt sich jedoch heraus, dass der gesamte 367-seitige Band mit 13 Beiträgen eine aufwendige Fälschung ist – zusammengestellt vermutlich über eine internationale Ghostwriting-Agentur, mit zurückdatierten Quellen, Schriften aus den 2000er-Jahren und einem Wikipedia-Bild von 2004.
Doktorarbeit von Veronika Sass
Veronika Sass
🗣 Anne Kunze referenziert bei ⏱ 00:15:22 „Veronika Sass, die Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Und die wurde eben auch überführt eines Plagiats. Und das war in diesem Kollektiv Vroniplak-Wiki.“
Anne Kunze erklärt den Ursprung des Namens VroniPlag Wiki: Die Plattform ist nach Veronika Sass benannt, deren Doktorarbeit als Plagiat entlarvt wurde. Ihr Fall dient als historischer Kontext für die Plagiatsjäger-Szene.
Jetzt: Wie wir unser Land erneuern
Annalena Baerbock
🗣 Anne Kunze erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:16:03 „Wir haben es bei Annalena Baerbock zum Beispiel auch gesehen im Wahlkampf. Deren Buch wurde auch untersucht.“
Anne Kunze erwähnt Baerbocks Buch als Beispiel dafür, dass Plagiatsjäger nicht nur wissenschaftliche Arbeiten, sondern auch politische Publikationen prüfen. Das Buch wurde im Bundestagswahlkampf 2021 auf mögliche Plagiate untersucht.
Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg
Karl-Theodor zu Guttenberg
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:20:25 „Das steht hier nicht dran, aber das ist so ein Gutenberg-Muster tatsächlich. Also der hatte wahnsinnig viel abgeschrieben.“
Andreas Sentker zeigt eine Barcode-Abbildung, die den Umfang von Plagiaten in Doktorarbeiten visualisiert. Er nutzt Guttenbergs Dissertation als Paradebeispiel für strukturelles, massives Abschreiben und kontrastiert sie mit dem weniger eindeutigen Fall von Annette Schavan.
Doktorarbeit von Annette Schavan
Annette Schavan
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:20:30 „Es gibt eine andere prominente Politikerin, die auch ihren Doktortitel verloren hat. Da war das viel, viel strittiger. Ob das auch aus der Zitierkultur ihres Faches entstammt, das war Annette Schawan. Das war ein deutlich geringeres Plagiat.“
Im Gespräch über die Plagiatsjäger-Szene vergleicht Andreas Sentker verschiedene prominente Plagiatsfälle. Er stellt Schavans Dissertation als Gegenbeispiel zu Guttenbergs massivem Plagiat dar und weist auf die Fachkultur-Debatte hin.
Artikel über Herrn Z. im British Medical Journal
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:44:40 „Es gibt eine Vorgeschichte von Herrn Z. Diese Vorgeschichte ist ziemlich entlarvend und sie ist sogar in einem sehr anerkannten wissenschaftlichen Journal veröffentlicht worden, nämlich im British Medical Journal. 2010 war das.“
Andreas Sentker verweist auf einen Artikel im British Medical Journal von 2010, in dem Herr Z. mit vollem Namen genannt wird. Der Artikel dokumentiert, wie Z. als Klinikarzt in England Patienten falsche Medikamente in unsinnigen Dosierungen verschrieb und rund 50 Patienten schadete. Sentker führt den Artikel als Beleg für ein wiederkehrendes Verhaltensmuster an.