Wie fängt man einen Kriegsverbrecher
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
Heinrich Wefing, Chef des Politik-Ressorts der ZEIT, nimmt die Hörer mit in die juristische Grauzone zwischen legitimem Töten im Krieg und Kriegsverbrechen — ausgehend von den russischen Verbrechen in der Ukraine und der Frage, ob Wladimir Putin jemals dafür zur Rechenschaft gezogen werden kann. Die Episode lotet aus, wo die Grenzlinie zwischen Krieg und Kriegsverbrechen verläuft und wie ein durchzivilisiertes Land wie Deutschland überhaupt noch ein Verhältnis zu diesen Fragen findet.
„Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank, hat Bert Brecht mal gesagt. Und das könnte man auch über unseren Podcast heute schreiben. Was sind die Verbrechen individueller Gewalttäter, die wir hier sonst verhandeln, gegen die Verbrechen eines totalitären Staates?“
Erwähnte Medien (10)
Die Dreigroschenoper
Bertolt Brecht
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:02:30 „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank, hat Bert Brecht mal gesagt. Und das könnte man auch über unseren Podcast heute schreiben. Was sind die Verbrechen individueller Gewalttäter, die wir hier sonst verhandeln, gegen die Verbrechen eines totalitären Staates, wie es im Moment im Osten Europas stattfindet?“
Sabine Rückert leitet das Thema Kriegsverbrechen ein, indem sie Brechts berühmtes Zitat aus der Dreigroschenoper als Analogie verwendet: So wie der Bankeinbruch gegen die Bankgründung verblasst, verblassen individuelle Verbrechen gegen die systematischen Verbrechen eines totalitären Staates. Das Zitat dient als rhetorischer Rahmen für die gesamte Episode über Kriegsverbrechen in der Ukraine.
Kommt er damit davon?
Heinrich Wefing
🗣 Andreas Sentker empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:03:00 „Du hast schon mehrfach über dieses Thema geschrieben, du hast jetzt gerade einen großen Text dazu verfasst, der hat die Überschrift »Kommt er damit davon?« und gemeint ist Wladimir Putin und gemeint sind die Verbrechen, die jetzt gerade in der Ukraine begangen werden.“
Andreas Sentker stellt den zentralen Text der Episode vor: Heinrich Wefings großen Artikel in der Zeit über Wladimir Putin und die Frage, ob er für die Kriegsverbrechen in der Ukraine jemals juristisch zur Rechenschaft gezogen werden kann. Der Artikel bildet die inhaltliche Grundlage für das gesamte Gespräch über Kriegsverbrechen, Beweisführung und internationales Völkerstrafrecht.
Augenzeugenbericht aus der Nähe von Butscha
Enno Lenze
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:09:16 „Ich habe hier einen Text aus dem Tagesspiegel. Es ist ein Augenzeugenbericht aus der Nähe von Butscher, des Berliner Kriegsreporters Ennolenze. Die russischen Soldaten haben sich keine Mühe gegeben, ihre Kriegsverbrechen zu vertuschen. Sie haben die Leichen der getöteten Zivilisten einfach auf der Straße liegen lassen.“
Andreas Sentker liest einen längeren Ausschnitt aus einem Tagesspiegel-Artikel des Berliner Kriegsreporters Enno Lenze vor, der als einer der ersten Journalisten die Straße nach Butscha nach dem russischen Rückzug befuhr. Der drastische Augenzeugenbericht über Leichen auf den Straßen — darunter Kinder — dient als konkretes Beispiel für die Kriegsverbrechen, die in der Episode juristisch eingeordnet werden.
Feuilleton-Beitrag über die Fake-Theorie zu Butscha
Viktor Jerofejev
🗣 Heinrich Wefing referenziert bei ⏱ 00:17:49 „Das hat der russische Schriftsteller inzwischen im Exil, Viktor Jeroferev, letztens auch bei uns in einem Stück in der Zeit im Feuilleton geschrieben. Wenn das alles gefakt wäre, das müssen Künstler sein mit einem riesigen Aufwand, die alle diese Leichen schminken und da ablegen. Da ist ganz Hollywood überfordert damit, so viele Beweise zu fälschen.“
Heinrich Wefing zitiert den im Exil lebenden russischen Schriftsteller Viktor Jerofejev, der in einem Feuilleton-Beitrag in der Zeit die russische Behauptung ad absurdum führt, die Leichen von Butscha seien inszeniert gewesen. Jerofejews Argument — selbst Hollywood wäre überfordert, so viele Beweise zu fälschen — wird als rhetorisch schlagkräftige Widerlegung der russischen Propaganda angeführt.
Befehl, Folter und Mord
Florian Hassel
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:22:59 „Ich habe einen Text rausgesucht vom 5. April dieses Jahres aus der Süddeutschen Zeitung. Die Überschrift heißt Befehl, Folter und Mord von Florian Hassel. Und er geht zurück in seiner Beschreibung in den Tschetschenien-Krieg Ende der 90er Jahre, in dem Russland ja in Tschetschenien gewütet hat.“
Sabine Rückert liest ausführlich aus Florian Hassels Artikel in der Süddeutschen Zeitung vor, der historische Parallelen zwischen den Kriegsverbrechen in der Ukraine und den russischen Verbrechen im Tschetschenien-Krieg der 1990er Jahre zieht. Der Artikel beschreibt systematische Folter, Vergewaltigung und Mord an Zivilisten im Dorf Al-Khan-Jurd und argumentiert, dass diese Verbrechen keine individuellen Entgleisungen waren, sondern vom Oberkommando befohlene Kriegsführung.
Reportage über Kriegsverbrechen in Tschetschenien
Maura Reynolds
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:24:01 „Der amerikanischen Journalistin Maura Reynolds schilderten damals Soldaten und Offiziere das Bespredel, wie sie eine ganze Familie im eigenen Brunnen ertränkten, Männer über Holzkohle erhitzten, mit Bayonetten folterten und möglichst langsam töteten.“
Im Rahmen der Vorlesung aus Florian Hassels SZ-Artikel wird die amerikanische Journalistin Maura Reynolds erwähnt, der russische Soldaten und Offiziere im Tschetschenien-Krieg ihre Gräueltaten offen schilderten. Ihre Berichterstattung dokumentierte die systematische Brutalität der russischen Kriegsführung und dient als historischer Beleg dafür, dass solche Verbrechen kein neues Phänomen sind.
Massenmörder und Held
Stefan Willeke
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:39:06 „Der kam dann vor den internationalen Gerichtshof, den haben wir ja hier auch schon im Podcast verarztet. Stefan Willeke. Stefan Willeke, Massenmörder und Held war die Überschrift.“
Im Gespräch über Kriegsverbrecher, die vor internationale Gerichte gestellt wurden, erwähnt Rückert den Fall Karadzic. Sie verweist auf einen ZEIT-Artikel von Stefan Willeke mit dem Titel 'Massenmörder und Held', der offenbar Karadzic porträtiert und bereits in einer früheren Podcast-Folge besprochen wurde.
Butscha ist der Ausdruck einer Gewaltkultur
Alfred Hackensberger
🗣 Andreas Sentker empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:39:58 „Ein Text aus der Welt, 5. April 2022, Alfred Hackensperger. Butscher ist der Ausdruck einer Gewaltkultur, die sich seit Jahren innerhalb der russischen Armee breitgemacht hat.“
Andreas Sentker liest einen längeren Ausschnitt aus einem Welt-Artikel von Alfred Hackensberger vom 5. April 2022 vor. Der Artikel beschreibt die systematische Gewaltkultur in der russischen Armee, insbesondere die Taktik des 'Double Tap' – nach einem ersten Bombenangriff wird auf die Rettungskräfte ein zweiter Angriff geflogen. Sentker nutzt den Artikel als Überleitung zur Frage, was der Internationale Strafgerichtshof seit seiner Gründung bewirkt hat.
Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer
Wladimir Putin
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:45:15 „Putin ja, du hast gesagt, er ist ausgebildeter Jurist, zum Historiker geworden ist. Der in langen Abhandlungen erklärt hat, warum das Gebiet, das er da jetzt gerade bekriegt, eigentlich gar kein ukrainisches Gebiet ist, sondern russisches Gebiet.“
Andreas Sentker verweist auf Putins bekannten Essay vom Juli 2021, in dem dieser die historische Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland zu begründen versucht. Der Essay diente als ideologische Grundlage für den Einmarsch und wird im Gespräch über die völkerrechtliche Bewertung des Angriffskriegs diskutiert.
Vitali Sinagin – Opferbericht aus Butscha
🗣 Andreas Sentker empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:51:12 „Vitali Sinagin, im Spiegel beschrieben, Anfang April. Ein 45-jähriger Bildhauer hatte Glück. Er hat die Begegnung mit der Armee der Russischen Föderation überlebt. Doch die Spuren der Besatzung trägt er noch am ganzen Körper.“
Zum Abschluss der Sendung liest Andreas Sentker einen Spiegel-Artikel von Anfang April 2022 vor, der das Schicksal des ukrainischen Bildhauers Vitali Sinagin schildert. Sinagin wurde von russischen Soldaten brutal misshandelt, überlebte aber. Der Bericht dient als konkretes, persönliches Beispiel für die zuvor abstrakt diskutierten Kriegsverbrechen und unterstreicht die Dringlichkeit strafrechtlicher Verfolgung.