Tödliche Impfung
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
1930 starben in Lübeck Dutzende Säuglinge nach einer Tuberkulose-Impfung, weil im Krankenhaus ein fataler Fehler passierte — statt des harmlosen Impfstoffs erhielten die Neugeborenen virulente Tuberkelbazillen. Tanja Stelzer erzählt die Geschichte dieser Katastrophe, die bis heute nachwirkt: vom ehrgeizigen Kampf gegen eine Seuche, die Millionen tötete, über menschliches Versagen im Labor bis zu der Frage, warum dieser historische Fall die Impfangst in Deutschland nachhaltig geprägt hat.
„Es gab vor 100 Jahren eine Impfung, die komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Und solche Erinnerungen bleiben natürlich in einer Bevölkerung erhalten und erhöhen dann die Angst der Leute vor der Impfung.“
Erwähnte Medien (4)
Fehlerquellen im Strafprozess
Karl Peters
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:28:47 „Es gab eine große Untersuchung von einem Universitätsprofessor mit dem schönen Namen Karl Peters. Der hat in den Anfang der 70er Jahre mehrere Bände herausgebracht, Fehlerquellen im Strafprozess und hat sich die Fälle angeschaut von Menschen, die unschuldig verurteilt ins Gefängnis gesteckt worden waren, wo sich dann später herausgestellt hat, dass da eben gepfuscht worden ist im Strafprozess.“
Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen der medizinischen Fehleraufarbeitung nach der Lübecker Impfkatastrophe und der mangelnden Fehleranalyse in der Strafjustiz. Sie verweist auf Karl Peters' mehrbändiges Werk aus den frühen 1970er Jahren als einzige große systematische Untersuchung von Justizirrtümern — und beklagt, dass seither keine vergleichbaren Anstrengungen unternommen wurden.
Autobiografie von Erich Frey
Erich Frey
🗣 Tanja Stelzer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:31:15 „Und im, ich glaube, vergangenen Jahr ist die Autobiografie von Erich Frey herausgekommen. Und ein Kapitel in dieser Autobiografie handelt von dem Prozess vom Kalmett-Verfahren.“
Tanja Stelzer stellt die Autobiografie des Rechtsanwalts Erich Frey vor, die ein ausführliches Kapitel über den Lübecker Calmette-Prozess enthält. Sie liest im Verlauf des Gesprächs mehrere längere Passagen daraus vor, die eindrucksvolle Augenzeugenberichte vom Prozess und dem Ortstermin im Labor liefern. Das Buch dient als zentrale Primärquelle für die Schilderung des historischen Gerichtsverfahrens.
Bericht im Canadian Medical Association Journal
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:33:03 „Ich habe vor mir liegen eine Seite aus dem Canadian Medical Association Journal aus dem März 1932, wo ganze Seiten lang wiedergegeben wird, was da diskutiert wird und zudem gibt es eine internationale Debatte, was ist denn da jetzt eigentlich schiefgegangen und kann das auch noch woanders vorkommen.“
Andreas Sentker verweist auf einen Artikel im Canadian Medical Association Journal von März 1932, der den Lübecker Calmette-Prozess ausführlich dokumentierte. Er nutzt den Artikel als Beleg dafür, dass der Fall internationale wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregte und die Frage nach der Ursache der Kontamination auch in der internationalen Forschungsgemeinschaft intensiv diskutiert wurde.
Charité
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:42:02 „Und es ist auch wirklich schön, wenn man, obwohl es ein so lange zurückliegender Fall ist, jetzt so einen richtigen, ganz eigenen Eindruck, also einen Vor-Ort-Eindruck jetzt gewinnen kann. Es ist ein bisschen so wie in der Fernsehserie Charité. So komme ich mir jetzt vor, wenn ich das höre, diese Texte.“
Sabine Rückert vergleicht die lebendigen Schilderungen aus Erich Freys Autobiografie mit der Fernsehserie Charité. Die detaillierten Beschreibungen des historischen Labors und Gerichtssaals vermitteln ihr ein ähnlich unmittelbares Gefühl wie die TV-Serie, die ebenfalls historische Medizingeschichte inszeniert.