Der Fluch des letzten Willens
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
Im Mittelpunkt steht ein niederländischer Fall, der die Grenzen zwischen Mord und Erlösung auslotet: Eine schwer demente Frau hatte per Patientenverfügung Euthanasie verlangt — doch als sie getötet wurde, folgte eine Mordanklage, die schließlich mit einem Freispruch durch das höchste Gericht endete. Journalistin Martina Keller hat den Fall recherchiert und entfaltet die moralische Sprengkraft einer Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.
„Es ist eine Geschichte, in die ich hineingegangen bin und dachte, ich weiß, was ich denke. Und als ich herauskam, war ich mir nicht mehr sicher, was ich denken soll.“
Erwähnte Medien (7)
ZEIT Verbrechen – Das zweite Buch
Sabine Rückert / Andreas Sentker
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:35 „Ja, wir haben ja bereits ein Fanbuch herausgebracht vor einem Jahr, das sehr gut angekommen ist. Und daraufhin hat der Verlag beschlossen, gut, wir machen ein zweites und das kommt jetzt raus in ein paar Tagen.“
Sabine Rückert und Andreas Sentker besprechen ihr neues, zweites Buch zum Podcast, das ausgewählte Kriminalfälle mit Originalartikeln, Aktenauszügen und Fotos enthält. Es wird als Nachfolger des ersten Buches vorgestellt, wobei diesmal auch Texte von Podcast-Gästen enthalten sind.
Dokumentarfilm/Beitrag des niederländischen Fernsehens zum Euthanasie-Fall
🗣 Martina Keller referenziert bei ⏱ 00:17:30 „Also man sieht später, habe ich das gesehen, in dem Film des niederländischen Fernsehens, einen großen Raum mit einem großen Schrank, einem Pflegebett, zwei Korbstühlen und einem Blick durch Fenster ins Grüne.“
Martina Keller beschreibt das Zimmer der Patientin im Pflegeheim in Den Haag und verweist dabei auf einen Film des niederländischen Fernsehens, in dem der Raum zu sehen war. Der Film dokumentiert offenbar den Euthanasie-Fall, über den im Podcast gesprochen wird.
Langsames Entschwinden
Inge Jens
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:33:57 „Und Martina, die Szene, die du vorhin beschrieben hast von der fiktiven Patientin Margot, die da sitzt und im Krimi liest, die erinnert mich an eine Szene von Walter Jens, die Inge Jens dann beschrieben hat. Nämlich sie entdeckt ihren Mann im Lesesessel sitzend, ganz normal in seiner Wohnung, also da, wo er immer gelesen hat und stellt dann fest, er hält das Buch falsch rum.“
Andreas Sentker referenziert Inge Jens' Beschreibungen des Lebens mit ihrem an Demenz erkrankten Mann Walter Jens. Die ergreifende Szene – der legendäre Rhetorik-Professor, der sein Buch falsch herum hält – wurde von Inge Jens in ihren Aufzeichnungen festgehalten und steht sinnbildlich für den schleichenden Verlust der intellektuellen Fähigkeiten.
Artikel über den Fall der Demenzpatientin und Walter Jens
Martina Keller
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:34:29 „Du hast es auch in deinem Artikel aufgenommen, denn es gibt sehr intensive Beschreibungen, gerade von Inge Jentz.“
Andreas Sentker bezieht sich auf einen ZEIT-Artikel von Martina Keller, der den niederländischen Sterbehilfe-Fall mit der Geschichte von Walter Jens verknüpft. In dem Artikel werden auch Inge Jens' Beschreibungen des Lebens mit ihrem dementen Mann verarbeitet, darunter die berührende Szene, wie der frühere Großintellektuelle ein Buch falsch herum hält.
Artikel über Sterbehilfe und Demenz
Martina Keller
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:38:09 „Du hast ja immer wieder über Sterbehilfe geschrieben bei uns in der Zeit, Martina. Aber du hast in einem anderen Text geschrieben, dass die Hälfte der Menschen, die um Sterbehilfe gebeten haben, im Jahr 2017 angegeben haben, sie wollten ihrer Umwelt nicht mehr zur Last fallen.“
Sabine Rückert verweist auf einen früheren Artikel von Martina Keller in der ZEIT, in dem eine Erhebung aus dem US-Bundesstaat Oregon zitiert wird. Diese Statistik zeigt, dass ein Hauptmotiv für den Sterbewunsch nicht Schmerzen, sondern die Angst ist, anderen zur Last zu fallen – ein Aspekt, der die Diskussion um Sterbehilfe ethisch verkompliziert.
Stellungnahme Demenz und Selbstbestimmung
Deutscher Ethikrat
🗣 Martina Keller zitiert daraus bei ⏱ 00:41:59 „Der Deutsche Ethikrat hat sich mit dem Thema Demenz und Selbstbestimmung befasst und hat das so formuliert. Werde der Mensch mit seiner geistigen Leistung gleichgesetzt, so heißt das in der Stellungnahme, dann müsse Demenz als Zerstörung des Menschen erscheinen. Wenn er aber auch als empfindendes und soziales Wesen verstanden werde, dann richtet sich der Blick auf noch vorhandene Ressourcen.“
Martina Keller zitiert die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats, um die zentrale philosophische Frage der Diskussion zu verdeutlichen: Wird der Mensch auf seinen Intellekt reduziert, erscheint Demenz als Zerstörung der Person. Der Ethikrat argumentiert dagegen, dass auch nichtperfekte Selbstbestimmung oder Reste davon rechtlich schutzwürdig seien.
Demenz. Abschied von meinem Vater
Tilman Jens
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:47:30 „Dass sein Sohn Tillmann Jens die Demenz als eine Art Verdrängung seines Vaters angesehen hat. Nämlich kurz vorher, kurz bevor die ersten Anzeichen kamen, ist bekannt geworden, dass Walter Jens Mitglied der NSDAP war, ist sein Mitgliedsausweis aufgetaucht. Und Tilman Jens hatte die Mutmaßung, dass sein Vater vor lauter Scham ins Vergessen geraten ist.“
Andreas Sentker referenziert die umstrittene These von Tilman Jens, der in seinem Buch die Demenz seines Vaters Walter Jens als Verdrängungsreaktion auf die Enthüllung seiner NSDAP-Mitgliedschaft deutete. Diese Interpretation wurde von Inge Jens vehement abgelehnt und löste eine öffentliche Kontroverse über den Umgang mit dem erkrankten Rhetorik-Professor aus.