Die Kriminalakte Adolf Loos
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
Die verschollen geglaubte Kriminalakte des Stararchitekten Adolf Loos ist bei einer Entrümpelung wieder aufgetaucht — offenbar hatte sie jemand aus dem Archiv entwendet. Gast Hanno Rauterberg ordnet den Fall des Mannes ein, der mit seinem Aufsatz *Ornament und Verbrechen* die Architektur revolutionierte und dessen radikaler Minimalismus bis heute nachwirkt. Den Anstoß zur Recherche gab ein Besuch in der berühmten Villa Müller in Prag.
„Es war also eine ganz moderne Architektur, entworfen in einer Zeit, als überall Schnörkel gebaut wurden und weinende Gestalten an der Häuserfassade hingen und die Balkone von schönen Frauen getragen wurden.“
Erwähnte Medien (4)
Babylon Berlin
Tom Tykwer / X-Filme · 2017
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:16:51 „Wenn man sich Babylon Berlin anschaut, diese Serie, da geht es ja auch darum, dass die alle in einem Zimmer leben, alle in einem Bett schlafen und die Kinder durch die Bank vergewaltigt werden.“
Im Gespräch über die beengten Wohnverhältnisse der 1920er-Jahre und deren Zusammenhang mit Kindesmissbrauch verweist Sabine Rückert auf die TV-Serie Babylon Berlin als Veranschaulichung dieser historischen Zustände – Familien, die in einem Zimmer zusammenleben mussten.
Fränzi
Ernst Ludwig Kirchner
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:19:01 „Ich habe eins der Bilder von Kirchner mitgebracht, wo er Frenzy darstellt, nackt, mit Schleifen im Haar, auf dem Boden sitzend, hockend. Das steht ja in so einer ganz langen Tradition im Prinzip. Die Faszination der Künstler für Kinder, auch die Erotik, die damit verbunden ist.“
Andreas Sentker zeigt Kirchners Aktdarstellungen des Mädchens Fränzi, das als Muse und Modell für Kirchner und weitere expressionistische Maler diente. Sentker ordnet die Bilder in die Tradition der erotisierten Darstellung von Kindern durch Künstler ein, die offen nach außen gezeigt wurde.
Amor als Sieger
Caravaggio
🗣 Hanno Rauterberg referenziert bei ⏱ 00:21:31 „Und hier sehen wir eben einen Jungen, der vielleicht 12, 13 sein mag und nackt und erscheint aus dem Bild heraus zu steigen fast und auf uns zuzukommen. Und um dieses Bild gab es auch vor einigen Jahren eine kleine Kontroverse. Es hängt in Berlin in der Gemäldegalerie dort und es gab offene Briefe, in denen es hieß, nein, dieses Bild können wir nicht mehr so dort unkommentiert hängen lassen.“
Andreas Sentker zeigt Bilder aus Hanno Rauterbergs Recherche, darunter Caravaggios Gemälde eines nackten Knaben als Amor. Rauterberg schildert die Kontroverse um das Bild in der Berliner Gemäldegalerie – es gab Forderungen, es abzuhängen, weil es Pädophile bestärken könnte. Die Debatte entstand im Kontext des Edathy-Skandals.
Grabmal Adolf Loos
Adolf Loos
🗣 Hanno Rauterberg erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:35:43 „Auf dem Zentralfriedhof kann man das heute immer noch besichtigen, dieses Grabwerk. Eigentlich so wie seine Architektur. Ein ganz großer, unbeschnittener Klotz, also ohne irgendwelche Schnörkel dran, sondern einfach nur so ein großer Quader und einmal der Schriftzug Adolf Loos, ohne Todesdaten, ohne alles, ganz puristisch.“
Rauterberg beschreibt das Ehrengrab von Adolf Loos auf dem Wiener Zentralfriedhof als architektonisches Werk, das Loos' puristische Designphilosophie verkörpert – ein schmuckloser Quader ohne Schnörkel. Er ergänzt, dass das Ehrenbegräbnis nach Bekanntwerden der Gerichtsakten zur Kategorie 'historisches Begräbnis' herabgestuft wurde.