Wie ein Kunstfälscher die ganze Welt zum Narren hielt
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
Ein Gespräch mit dem ZEIT-Feuilletonisten Tobias Timm über den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der nicht einfach berühmte Gemälde kopierte, sondern im Stil von Künstlern wie André Derain oder Otto Dix völlig neue Werke schuf — Bilder, die diese Maler hätten malen können, es aber nie taten. Während Beltracchi selbst seine Fälschungen fast als kreative Ergänzung fremder Lebenswerke verkauft, sieht der Kunstbetrieb darin eine Verwässerung und Beschädigung ganzer Œuvres.
„Das ist die Geschichte, die der Wolfgang Beltracchi über sich erzählt, dass er nur Lücken ausgemalt hat mit wunderbaren Bildern und das quasi eine gute Tat war in gewisser Weise und das sehen ganz viele im Kunstbetrieb anders.“
Erwähnte Medien (9)
ZEIT Verbrechen (Magazin)
Sabine Rückert
🗣 Andreas Sentker erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:00:50 „Mir gegenüber sitzt Sabine Rückert, die einen großen Teil ihres Lebens auf der Spur von Verbrechern verbracht hat und in Gerichtssälen, nämlich als die Gerichtsreporterin der Zeit, heute ist sie stellvertretende Chefredakteurin der Zeit und Herausgeberin eines wunderbaren Magazins, nämlich Zeitverbrechen.“
Andreas Sentker stellt seine Co-Moderatorin Sabine Rückert vor und erwähnt dabei das Magazin Zeit Verbrechen, dessen fünfte Ausgabe aktuell erhältlich sei. Es handelt sich um eine Print-Publikation, die als Begleitprodukt zum Podcast erscheint.
Hitler-Tagebücher
Konrad Kujau
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:12:35 „Die erinnern uns ja an die Hitler-Tagebücher. Die Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau, der ja auch angeblich Hitlers innerste Stimme war und da also allen möglichen Unfug zu Papier gebracht hat, der aber dann an der Analyse des Papiers letztlich doch gescheitert ist, weil es modernes Papier war.“
Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen Beltracchis Kunstfälschungen und dem berühmten Hitler-Tagebücher-Skandal von Konrad Kujau. In beiden Fällen scheiterten die Fälscher letztlich an der materialtechnischen Analyse – bei Kujau war es modernes Papier, bei Beltracchi ein falsches Weißpigment.
Beltracchis autobiografisches Buch
Wolfgang Beltracchi
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:25:14 „Und dabei beschreibt er doch auch in seinem Buch, wie ihm einmal ein Sturm dazwischen kommt und die Bilder dann in den verschiedenen Regenrinnen hängen und seine riesigen Bilder dann irgendwo im Garten herum geistern.“
Sabine Rückert bezieht sich auf ein Buch von Wolfgang Beltracchi, in dem er seine Fälschungsmethoden beschreibt – unter anderem die Episode, in der ein Sturm die zum Trocknen in der Sonne aufgestellten Bilder durch den Garten wirbelte. Der genaue Titel wird nicht genannt.
Interview/Artikel über Wolfgang Joop als Fälscher
Tilman Prüfer
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:26:57 „Das hat er einmal dem Zeitkollegen Tilman Prüfer gestanden, gebeichtet. Als alles verjährt war. Als alles längst verjährt war.“
Tobias Timm erwähnt, dass der Modedesigner Wolfgang Joop dem Zeit-Journalisten Tilman Prüfer gebeichtet habe, in seiner Studienzeit flämische Stillleben gefälscht und verkauft zu haben. Der genaue Artikel wird nicht benannt, aber es handelt sich um eine publizierte Beichte in der Zeit.
Artikel über Schönheitsoperationen (mit Beltracchi-Zitat)
Der Spiegel
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:36:37 „Da waren dann die ersten Google-Ergebnisse zu Wolfgang Beltracchi, war dann ein Artikel im Spiegel über Schönheitsoperationen. Da berichtete ein Wolfgang Beltracchi aus Südfrankreich, ein Maler, dass er sich das Ober- und das Unterlied gerade hätte straffen lassen.“
Tobias Timm schildert die Anfänge der gemeinsamen Recherche mit Stefan Koldehoff ab 2010. Bei den ersten Google-Suchen nach Beltracchi stießen sie auf diesen Spiegel-Artikel, in dem Beltracchi als Maler aus Südfrankreich über seine Lidstraffung berichtete – eine kuriose erste Spur.
Falsche Bilder, echtes Geld
Tobias Timm, Stefan Koldehoff
🗣 Tobias Timm empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:37:02 „Wir haben dann drei Jahre lang daran weiter recherchiert und haben dann auch zusammen ein Buch geschrieben, das Falsche Bilder, echtes Geld heißt. Und ja, stoßen aber noch immer, heute noch, auf die Bilder von ihm oder auf Geister.“
Tobias Timm erzählt, wie er gemeinsam mit Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk drei Jahre lang den Fall Beltracchi recherchierte. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit war das Buch, das den Kunstfälschungsskandal umfassend dokumentiert und einen Katalog der entlarvten Fälschungen enthält, der laut Timm sogar von Beltracchi selbst und von Kunstexperten genutzt wird.
Durchdringung
Wolfgang Fischer (Beltracchi)
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:43:38 „Sein einzig selbst gemaltes Bild, was vor dem Auffliegen des Fälschers verkauft worden war bei einer Auktion, war ein Gemälde, das Durchdringung heißt, das ist ein Bild. Was so neosurrealistisch war, wo aus einem Schrank irgendwie so eine Salvador-Dali-Soße rausfließt und ein Planet zu sehen ist.“
Tobias Timm beschreibt das einzige unter eigenem Namen (Wolfgang Fischer) verkaufte Gemälde Beltracchis. Es wurde im selben Jahr, als das gefälschte 'Rotes Bild mit Pferden' fast drei Millionen erzielte, für nur 1.300 Euro versteigert – die Bieterin war seine Frau Helene Beltracchi.
Schtonk!
Helmut Dietl
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:51:50 „Ich habe einmal mit einem Produzenten gesprochen, der auch als Drehbuchautor für den Film Stonk gearbeitet hat. Der Film über die gefälschten Hitler. Genau, der Ulrich Limmer, der auch überlegt hatte, über Beltracchi einen Film eventuell zu machen.“
Tobias Timm erwähnt den Film Schtonk! im Zusammenhang mit Ulrich Limmer, der als Produzent und Drehbuchautor an dem Film über die gefälschten Hitler-Tagebücher beteiligt war. Limmer hatte erwogen, auch über Beltracchi einen Film zu drehen, fand die Geschichte aber nicht filmreif genug, weil das Liebesleben der Beltracchis zu wenig Dramatik bot.
Kunst und Verbrechen
Tobias Timm, Stefan Koldehoff
🗣 Tobias Timm empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:53:55 „Der Stefan Kolderhoff und ich haben auch gerade ein neues Buch dazu geschrieben, das heißt Kunst und Verbrechen. Kunst und Verbrechen, ja, ist im Galliani Verlag Berlin erschienen und da beschreiben wir zum Beispiel Fälscher, die sich spezialisiert haben auf das Fälschen von Hitler-Aquarellen.“
Gegen Ende des Gesprächs stellt Tobias Timm sein neues Buch vor, das er erneut mit Stefan Koldehoff geschrieben hat. Es behandelt über den Fall Beltracchi hinaus weitere Fälle von Kunstkriminalität – von gefälschten Hitler-Aquarellen bis zu falschen Werken der russischen Moderne. Timm betont, dass sie fast täglich mit neuen Fälschungsskandalen konfrontiert werden.