Ein sogenannter Ehrenmord
Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste
Reporterin Annabel Wahba hat über Jahre den Fall Hatun Sürücü recherchiert — die 23-Jährige wurde 2005 in Berlin von ihrem jüngeren Bruder erschossen. Im Gespräch räumt Wahba mit Vereinfachungen auf: Die Ehe mit dem Cousin war keine Zwangsehe, die Familie kein verschworener Clan, und der Begriff Ehrenmord führt in die Irre, weil er kulturell verbrämt, was schlicht ein Mord war.
„Man sagt immer gerne Ehrenmord. Ich sage immer sogenannter Ehrenmord, weil der Begriff in die Irre führt. Es ist ja nicht ein Mord, der aus Ehre geschehen ist, sondern es ist einfach ein Mord.“
Erwähnte Medien (5)
40 Quadratmeter Deutschland
Tevfik Başer
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:11:24 „Sie war, also es gibt ja diesen Film, 60 Quadratmeter Deutschland oder so, das war ja so eine Situation. Sie hatte keinerlei Werkzeug, mit dem sie sich außerhalb der Wohnung hätte durchschlagen können.“
Sabine Rückert vergleicht die Lebenssituation der Mutter von Hatun S. mit dem Film von Tevfik Başer über eine türkische Frau, die von ihrem Mann in der Wohnung eingesperrt wird. Die Mutter konnte weder lesen noch schreiben, sprach kein Deutsch und durfte das Haus nicht allein verlassen – eine Parallele, die Rückert als 'unglaubliche Frauenbiografie' bezeichnet. Sie erinnert sich ungenau an den Titel und sagt '60 Quadratmeter'.
Eine ganze Familie lacht Deutschland aus
🗣 Annabel Wahba referenziert bei ⏱ 00:26:56 „Es hieß, genau, eine ganze Familie lacht Deutschland aus, titelte die Bild-Zeitung am nächsten Morgen nach dem Freispruch.“
Annabel Wahba erinnert sich an die Schlagzeile der Bild-Zeitung, nachdem die beiden Schwestern von Hatun S. im Gerichtssaal gejubelt und Victory-Zeichen in die Kameras gemacht hatten, als ihre Brüder freigesprochen wurden. Das Foto der jubelnden Schwestern wurde zum Aufmacher und löste große öffentliche Empörung aus.
Dossier über den Ehrenmord an Hatun Sürücü
Annabel Wahba
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:34:35 „Du schilderst am Anfang zu diesem großen Dossier, das du für die Zeit geschrieben hast, schilderst du eine Szene, da sitzt du glaube ich auf dem Sofa und das Telefon klingelt und dran ist der Sohn. Es gibt ein ganz liebevolles Telefonat zwischen Mutter und Sohn.“
Andreas Sentker spricht Annabel Wahba auf ihr großes Dossier für die ZEIT an, in dem sie die Familie Sürücü porträtiert. Das Dossier basiert auf intensiver Recherche, bei der Wahba Zugang zur Mutter, zu Schwestern und zum abtrünnigen Bruder Kemal bekam. Es bildet den Kern des Gesprächs – Wahba beschreibt darin eine Familie, die kein verschworener Clan war, sondern ein labiles Konstrukt.
Artikel über eine Gymnasiastin aus Konstanz, die zum IS nach Syrien ging
Annabel Wahba
🗣 Annabel Wahba referenziert bei ⏱ 00:38:17 „Da gibt es ja auch einen ähnlichen Fall, über den ich mal geschrieben hatte von einer Schülerin in Konstanz, einer Gymnasiastin, die mit 16 zum islamischen Staat nach Syrien gegangen ist. Und der Direktor hat erzählt, naja, ich fand es natürlich schon komisch, dass sie einen Gesichtsschleier trug und mir nicht mehr die Hand geben wollte.“
Wahba zieht eine Parallele zu einem früheren Fall, über den sie berichtet hat: Eine 16-jährige Gymnasiastin aus Konstanz schloss sich dem IS an, ohne dass Lehrer die Warnsignale erkannten. Der Vergleich unterstreicht ihre These, dass bei Ayhan Sürücü die Radikalisierung ebenfalls von Lehrern und Umfeld unterschätzt wurde.
BKA-Statistik zu durch Partnergewalt getöteten Frauen (2018)
Bundeskriminalamt
🗣 Annabel Wahba referenziert bei ⏱ 00:40:43 „Im letzten September oder Oktober hat ja das BKA eine Statistik veröffentlicht, wie viele Frauen sind durch die Gewalt ihrer Partner gestorben. 2018 sind 120 Frauen von ihrem Partner getötet worden, sprich jeden dritten Tag eine, was eine ziemlich hohe Zahl ist.“
Annabel Wahba ordnet den sogenannten Ehrenmord an Hatun Sürücü in den größeren Kontext von Partnerschaftsgewalt ein. Sie verweist auf die BKA-Statistik, um zu zeigen, dass Gewalt gegen Frauen kein rein kulturelles Phänomen ist, sondern in Deutschland insgesamt ein gravierendes Problem darstellt.