ZEIT Verbrechen – Der lange Schatten der Reemtsma-Entführung
#017

Der lange Schatten der Reemtsma-Entführung

ZEIT Verbrechen / 04. Dezember 2018 / 5 Medien

Sabine Rückert, Andreas Sentker, Anne Kunze, Daniel Müller & Gäste

Am 25. März 1996 wurde der Zigarettenerbe Jan Philipp Reemtsma in Hamburg-Blankenese entführt und 33 Tage lang festgehalten — ein Fall, der Deutschland wie kein anderer erschütterte. Die Episode beleuchtet, warum gerade diese Entführung so besonders ist: Reemtsma war kein schillernder Jetset-Millionär, sondern ein intellektueller Mäzen, der mit seinem Vermögen Wissenschaft und Kultur förderte.

„Jan Philipp Reemtsma ist eben nicht so, wie man es in der Bild-Zeitung manchmal entnimmt, so Paris Hilton oder diese ganzen Nachkommen von berühmten Hotel- oder Ölmagnaten, die dann irgendwie das Geld verjubeln und die Boulevardpresse schaut ihnen dabei zu.“
🗣 Sabine Rückert

Erwähnte Medien (5)

Im Keller
Buch

Im Keller

Jan Philipp Reemtsma

🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:04:31 „Er hat über diese Entführung dann anschließend ein Buch geschrieben. Und das ist eines der interessantesten und besten Bücher, die es über Kriminalfälle überhaupt gibt. Also ein richtig tolles Buch. Ich habe es jetzt auch in Vorbereitung auf diesen Podcast nochmal gelesen und es ist toll.“

Sabine Rückert stellt Jan Philipp Reemtsmas Buch über seine eigene Entführung als eines der besten Bücher über Kriminalfälle überhaupt vor. Es ist das zentrale Werk der Episode – Reemtsma beschreibt darin seine 33 Tage in Gefangenschaft, die Angst, die absurden Dialoge mit dem Entführer Thomas Drach und seine Befreiung. Der Buchtitel wird später im Gespräch explizit genannt: 'Das Buch heißt Im Keller.'

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Faust. Der Tragödie zweiter Teil
Buch

Faust. Der Tragödie zweiter Teil

Johann Wolfgang von Goethe

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:15 „Er spielt an auf Faust 2 und ich habe Faust 2 mal im Theater gesehen oder ich habe es auch in der Schule mal gelesen. Es ist ein sehr, sehr umfassendes Werk.“

Sabine Rückert erzählt, dass Jan Philipp Reemtsma aus dem Keller heraus versteckte Hinweise in seine Briefe an die Familie einbaute. Eine der literarischen Anspielungen bezog sich auf Goethes Faust II – doch die Hinweise setzten so viel Bildung voraus, dass niemand sie erkannte.

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Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Buch

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Fjodor Dostojewski

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:43 „Oder Dostoevsky, da zitiert er aus einer Geschichte, die heißt Unter der Schwelle. In dieser Überschrift habe ich die Geschichte gelesen. Da geht es um einen Mann, der aus dem Keller heraus Wutfetzen in die Welt schleudert. Und durch diese Anspielung hat er gehofft, dass die Leser dieses Briefes erkennen, dass er irgendwo im Keller eingesperrt ist.“

Als zweiten versteckten Hinweis in seinen Briefen aus der Gefangenschaft verwendete Reemtsma eine Anspielung auf Dostojewskis Werk – einen Mann, der aus dem Keller heraus Wutfetzen in die Welt schleudert. Rückert nennt den Titel 'Unter der Schwelle', gemeint ist vermutlich Dostojewskis 'Aufzeichnungen aus dem Kellerloch'. Auch diese Anspielung wurde von niemandem erkannt.

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Das wilde Hänschen und sein Hund
Buch

Das wilde Hänschen und sein Hund

Barbro Lindgren Enskog

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:31:29 „Und dann zitiert er aus einem Kinderbuch, das er seinem Sohn vorgelesen hat, einen Reim. Das Buch heißt Barbro Lindgren Enskogs, das wilde Hänschen und sein Hund. Das ging also schon sehr früh los mit der Lektüre. Und das wurde von James Criss ins Deutsche übersetzt.“

Sabine Rückert zitiert eine Passage aus Reemtsmas ‚Im Keller', in der ihm während der Geiselhaft ein Kinderreim einfällt: ‚Niemand fällt ins Nirgendwo und nichts fällt aus der Welt.' Im Keller erkennt Reemtsma, dass diese tröstende Kindergeschichte nicht stimmt – er ist tatsächlich aus der Welt gefallen. Das Kinderbuch dient als literarischer Kontrapunkt zu seiner existenziellen Erfahrung.

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Das Recht des Opfers auf die Bestrafung des Täters – als Problem
Essay

Das Recht des Opfers auf die Bestrafung des Täters – als Problem

Jan Philipp Reemtsma

🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:42:42 „Jan Philipp Reemsma hat tatsächlich jeden Prozestag verfolgt und es gibt von ihm einen Aufsatz, der heißt, das Recht des Opfers auf die Bestrafung des Täters, Gedankenstrich, als Problem.“

Andreas Sentker erwähnt diesen Aufsatz im Zusammenhang mit Reemtsmas Haltung zum Strafprozess gegen Thomas Drach. Rückert erläutert daraufhin, wie Reemtsma sich mit dem Thema Rache auseinandersetzte und warum er den Strafprozess als notwendig für die ‚Resozialisierung des Opfers' betrachtete – nicht als Rache, sondern als gesellschaftliche Anerkennung, dass ihm Unrecht geschehen ist.

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