Warum lügen sie
Sabine Rückert, Andreas Sentker
Eine Frau namens Jasmin B. schreibt nach 26 Jahren einen Brief an die Polizei: Sie habe als Kind mitangesehen, wie ihre Tante den vierjährigen Markus am Bahndamm erdrosselt hat — und habe geschwiegen, weil die Tante sie mit dem Tod bedrohte. Sabine Rückert schildert, wie Jasmins Aussage vor dem Landgericht Oldenburg so detailreich und überzeugend war, dass Ermittler und Richter kurz davor standen, einen 26 Jahre alten Cold Case für gelöst zu erklären.
„Das hat mich so tief traumatisiert, dass ich jetzt 26 Jahre geschwiegen habe — aber jetzt rede ich.“
Erwähnte Medien (4)
Lost in the Mall
Elizabeth Loftus
Elizabeth Loftus' "Lost in the Mall"-Experiment untersuchte die Implantation falscher Erinnerungen: Probanden wurden davon überzeugt, dass sie als Kind verloren im Einkaufszentrum waren. Die Studie zeigte, dass Menschen sich an erfundene Kindheitsereignisse erinnern können – ein Erkenntnisse mit großen Implikationen für die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:15:24 „Das hat ja auch die berühmte Psychologin Loftus in Amerika immer wieder bewiesen, dass man Menschen einreden kann, dass sie irgendwas erlebt hätten. Sie hat richtige Experimente dazu gemacht. Ja, zum Beispiel das Kind im Einkaufszentrum. Dass man Menschen einreden kann, sie seien als Kind im Einkaufszentrum verloren gegangen und hätten da also Todesängste ausgestanden.“
Im Gespräch über Scheinerinnerungen und falsche Zeugenaussagen verweist Sabine Rückert auf die Forschung der amerikanischen Psychologin Elizabeth Loftus. Das berühmte 'Lost in the Mall'-Experiment zeigte, dass man Menschen falsche Kindheitserinnerungen einpflanzen kann – ein zentrales Argument dafür, warum Zeugenaussagen mit großer Vorsicht zu bewerten sind.
50 Neonazis ertränkten einen kleinen Jungen
Der Stiefvater Tim S. wurde vom Landgericht Itzehoe zu elf Jahren Haft verurteilt, nachdem er seinen zweijährigen Stiefsohn Joey mit heißem Wasser verbrühte und der Junge starb.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:26:58 „Angefangen hatte es mit einer Schlagzeile, ich glaube im Jahr 2000, im November, in der Bild-Zeitung 50 Neonazis ertränkten einen kleinen Jungen. Und es war so unvorstellbar, dass es wahr sein musste.“
Sabine Rückert schildert den Fall Josef aus Sebnitz und wie die Geschichte durch eine Bild-Zeitung-Schlagzeile im November 2000 öffentlich wurde. Die Schlagzeile löste einen massiven Medienrummel aus, bei dem die gesamte Presse nach Sebnitz fuhr, obwohl sich die Geschichte später als falsch herausstellte.
Hans Meiser
Hans Meiser war ein bekannter RTL-Nachrichtenmoderator, der später als Talkshow-Moderator eine tägliche Nachmittagssendung prägte. Die Show erfreute sich großer Beliebtheit und ist ein Stück Fernsehkultur aus den Achtziger und Neunziger Jahren.
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:40:47 „Und sie ist ja auch bis hin zum Bundeskanzler, der damals Schröder, hat sie eingeladen und sie war in allen Talkshows, sie war bei Talkshows, die es heute schon gar nicht mehr gibt, Hans Meiser, wenn man den Fernseher angemacht hat, saß sie da, sie war die Pieta des Ostens.“
Im Zusammenhang mit der medialen Aufmerksamkeit rund um den Fall Sebnitz erwähnt Rückert die damalige Talkshow Hans Meiser als Beispiel dafür, wie omnipräsent die Mutter des verstorbenen Kindes in den Medien war. Die Sendung dient als zeitgeschichtliche Markierung für die Medienlandschaft der späten 1990er.
Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948
Binjamin Wilkomirski · 1995
Binjamin Wilkomirski weiss nicht, wann er geboren ist, er kennt seine Herkunft nicht und hat keinen einzigen Verwandten. Was ihm von seiner Kindheit blieb, sind Bilder Majdanek, aus dem "Kinder- und Frauenfeld" des Vernichtungslagers, aus einem Waisenhaus in Krakau, aus den ersten Jahren bei schweizerischen Pflegeeltern, die dem Kind seine Erinnerungen nehmen wollten. Das Kind wuchs unter einem fremden Namen auf. Heute lebt Binjamin Wilkomirski als Musiker und Instrumentenbauer in der Schweiz.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:41:41 „Vielleicht kennst du auch den Fall Wilkomirski. Das war ein Mann, der behauptet hat, er sei in einem KZ als kleines Kind gewesen. Und er hat ein Buch geschrieben im Surkamp Verlag. Es hieß Bruchstücke und da hat er dann die Erinnerungsfetzen veröffentlicht, die er an das Kinder-KZ hatte oder an seine Kindheit im KZ.“
Sabine Rückert bringt den Fall Wilkomirski als prominentes Beispiel für eine erfundene Lebensgeschichte, die von der Öffentlichkeit bereitwillig geglaubt wurde. Das Buch erschien bei Suhrkamp, wurde vielfach geehrt und mit Preisen ausgezeichnet, bis ein israelischer Journalist nachwies, dass der Autor weder Wilkomirski hieß noch je in einem KZ war, sondern ein Schweizer Findelkind, das fremde Erinnerungen zu seiner eigenen Geschichte zusammengefügt hatte.