Ein Justizopfer wird zum Religionsstifter
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Die Schwestern verfolgen die Passionsgeschichte nach Matthäus von der Verhandlung vor Pilatus bis zur Kreuzigung — ein Justizskandal, in dem ein feiger Statthalter sich die Hände wäscht und ein Unschuldiger den Verbrechertod stirbt. Dabei legen sie offen, wie die Evangelien den Pilatus zunehmend entlasten und die Schuld auf »die Juden« verschieben, und zeigen mit Jack Miles, dass Jesu Konfrontation mit Pilatus den Beginn des gewaltlosen Widerstands markiert. Den Bogen schlagen sie zu Bachs Matthäuspassion, deren universelle Harmonie selbst Nietzsche das Christentum wieder wie ein Evangelium hören ließ.
„Das Irre an der Geschichte ist, dass sie überhaupt erzählt wird und dass sich eine Religionsgruppe auf einen solchen Hingerichteten beruft.“
Erwähnte Medien (16)
Matthäus-Passion
Johann Sebastian Bach
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:01:40 „Auch deshalb, weil die Matthäus-Passion, auf die wir heute auch zu sprechen kommen, weil die natürlich den Text, das ist das Libretto dieses jesuanischen Untergangs. Und ich erzähle es jetzt.“
Sabine Rückert kündigt die Matthäus-Passion als musikalischen Bezugsrahmen der Folge an und zitiert später daraus den Ruf 'Barabam' als Beispiel für Bachs Texttreue zum Matthäusevangelium. Die Passion dient als kulturelle Brücke zwischen dem biblischen Text und seiner künstlerischen Verarbeitung.
Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae)
Flavius Josephus
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:13:14 „Wir wissen es tatsächlich, wir wissen es, der Josephus hat im Jahr, also ein Geschichtsschreiber, ein römischer Geschichtsschreiber. Ja, Slavius Josephus, einer der wenigen, die Jesus überhaupt erwähnt haben. Genau, 93 nach Christus diesen Tod erwähnt, auch unter dem Pilatus.“
Johanna Haberer und Sabine Rückert verweisen auf Flavius Josephus als historische Quelle für die Existenz Jesu. Die Erwähnung des Todes Jesu bei Josephus (ca. 93 n. Chr.) wird als Beleg dafür angeführt, dass die Kreuzigung unter Pilatus ein historisches Faktum ist.
Annalen
Tacitus
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:13:23 „Und wir wissen auch den Annalen des Tacitus vom Jahr 116, 117, da wird auch Jesus erwähnt.“
Johanna Haberer führt die Annalen des Tacitus als eine der wenigen außerbiblischen historischen Quellen an, die die Existenz Jesu und seinen Tod unter Pontius Pilatus belegen. Die Erwähnung dient der historischen Einordnung der Passionsgeschichte.
Ilias
Homer
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:07 „Der verstorbene Jorge Luis Borges sagt in einem posthum veröffentlichten Vortrag, dass die größten Erzählungen der Welt, und für ihn sind es die Ilias, die Odyssee und das Evangelium, dazu einladen, immer wieder nacherzählt zu werden.“
Im Kontext des Jack-Miles-Zitats wird Borges' Einschätzung wiedergegeben, dass die Ilias neben der Odyssee und dem Evangelium zu den größten Erzählungen der Welt gehört. Borges hebt jedoch hervor, dass das Evangelium sich von den anderen unterscheidet, weil es nicht besser nacherzählt werden kann.
Odyssee
Homer
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:07 „Der verstorbene Jorge Luis Borges sagt in einem posthum veröffentlichten Vortrag, dass die größten Erzählungen der Welt, und für ihn sind es die Ilias, die Odyssee und das Evangelium, dazu einladen, immer wieder nacherzählt zu werden.“
Die Odyssee wird im selben Borges-Zitat innerhalb des Jack-Miles-Buchs als eine der drei größten Erzählungen der Weltliteratur genannt, zusammen mit der Ilias und dem Evangelium.
Posthumer Vortrag über die größten Erzählungen der Welt
Jorge Luis Borges
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:07 „Jack Miles schreibt, der verstorbene Jorge Luis Borges, das ist ein Schriftsteller, ein Argentinischer, den er immer mal wieder zitiert, sagt in einem posthum veröffentlichten Vortrag, dass die größten Erzählungen der Welt, und für ihn sind es die Ilias, die Odyssee und das Evangelium, dazu einladen, immer wieder nacherzählt zu werden.“
Sabine Rückert liest aus dem Buch von Jack Miles vor, der einen posthum veröffentlichten Vortrag von Jorge Luis Borges zitiert, in dem Borges die Passionsgeschichte als unübertrefflich erzählte Geschichte würdigt.
Jesus, der Selbstmord des Gottessohns
Jack Miles
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:17:26 „Vielleicht schiebe ich es auch einfach nur vor mir her, aber was erzählen, was uns das Buch Jack Miles, Jesus, der Selbstmord des Gottessohns zu dieser Szene zu schildern hat. Jack Miles schreibt, der verstorbene Jorge Luis Borges sagt in einem posthum veröffentlichten Vortrag, dass die größten Erzählungen der Welt dazu einladen, immer wieder nacherzählt zu werden.“
Sabine Rückert liest ausführlich aus dem Buch von Jack Miles vor, das die Passionsgeschichte theologisch und literarisch einordnet. Das Buch analysiert Jesu Konfrontation mit Pilatus als Beginn der westlichen Tradition des gewaltlosen Widerstands und deutet die Kreuzigung als bewusste Entscheidung Gottes, im Krieg zu scheitern, um im Frieden erfolgreich zu sein. Es wird über mehrere Minuten hinweg zitiert und bildet einen zentralen Bezugspunkt der Episode.
Johannesevangelium
unbekannt (traditionell Johannes zugeschrieben)
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:56 „Im gesamten Evangelium des Johannes, das wir hier leider nicht verfolgen, sondern wir haben ja das Matthäusevangelium, bis zur Gefangennahme folgt auf eine kurze Schilderung gewöhnlich eine lange, rhetorisch überladene Interpretation.“
Das Johannesevangelium wird sowohl von Sabine Rückert (im Kontext des Jack-Miles-Zitats) als auch von Johanna Haberer als Vergleichstext herangezogen. Miles analysiert darin die Konfrontation zwischen Jesus und Pilatus als Wiederholung des Exodus-Motivs. Johanna Haberer beschreibt es als das Evangelium mit der schärfsten antijüdischen Tendenz.
Die Passion Christi
Mel Gibson
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:24:45 „Es gibt ja einen Film, der heißt Die Passion. Ich habe den nie gesehen, aber der beschreibt nur diesen Sterbeprozess. Der muss furchtbar sein, dieser. Ich bin rausgegangen.“
Sabine Rückert erwähnt Mel Gibsons Film über die Kreuzigung Jesu, den sie selbst nie vollständig gesehen hat. Johanna Haberer ergänzt, dass sie ihn dienstlich anschauen musste, aber die ausführlich dargestellte Folter kaum ertragen konnte. Der Film wird als Kontrastfolie zur biblischen Erzählung erwähnt, die die Kreuzigung vergleichsweise knapp schildert.
Gottesknechtslied (Jesaja 53)
Jesaja
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:29:54 „Wenn ich nochmal an den Jesaja erinnern darf, an den Gottesknecht. Er war der Verachtetste unter allen und wir erkannten ihn nicht. Also das ist der Text, der da im Gottesknechtslied steht. Der Verachtetste von allen.“
Johanna Haberer zitiert das Gottesknechtslied aus dem Buch Jesaja, um eine prophetische Vorwegnahme der Kreuzigungsszene aufzuzeigen. Die Parallele zwischen dem verachteten Gottesknecht und dem verspotteten Jesus am Kreuz unterstreicht die theologische Deutung des Leidens als Erfüllung alttestamentlicher Prophetie.
Eine Passion namens Bach
Allard von Kittlitz
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:41:48 „Und als ich in der Chefredaktion zuständig war für die Titelgeschichten der Zeit, habe ich einen Titel gemacht, eine Passion namens »Bach«. Er war ein wunderbarer Autor, Allard von Kittlitz, ist losgezogen, schon lange bevor das dann an Ostern des Jahres 2018 gedruckt worden ist.“
Sabine Rückert stellt einen Artikel vor, den sie als Chefredakteurin der Zeit in Auftrag gegeben hat. Der Autor Allard von Kittlitz hat für diese Titelgeschichte Musiker und Musikwissenschaftler besucht und versucht zu erklären, warum Bachs Musik eine solche Anziehungskraft hat. Rückert liest lange, gekürzte Passagen daraus vor — der Artikel bildet das inhaltliche Herzstück der zweiten Hälfte dieser Folge.
Johannes-Passion
Johann Sebastian Bach
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:42:31 „Und deswegen habe ich auch, oder haben wir uns ja auch heute entschieden, nicht die Johannes-Passion, auf die unser Jack Miles sich bezogen hat, zu lesen, sondern die Matthäus-Passion.“
Die Johannes-Passion wird als Alternative erwähnt, die in einer früheren Folge im Zusammenhang mit Jack Miles besprochen wurde. Sabine Rückert grenzt sie von der Matthäus-Passion ab, die für diese Folge gewählt wurde. Später wird sie neben der H-Moll-Messe als eines der drei größten Werke Bachs genannt.
h-Moll-Messe
Johann Sebastian Bach
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:43:58 „Zusammen mit der Johannespassion und der H-Moll-Messe ist die Matthäuspassion das größte Werk, das Bach geschrieben hat. Daraus folgt, die Matthäuspassion ist das größte Werk der Menschheitsgeschichte. Nie wurde etwas Grandioseres geschaffen.“
Die H-Moll-Messe wird im vorgelesenen Zeit-Artikel von Allard von Kittlitz als eines der drei größten Werke Bachs genannt, zusammen mit der Johannes- und der Matthäus-Passion. Sie dient als Beleg für die These, dass Bach der größte Komponist aller Zeiten sei.
Goldberg-Variationen
Johann Sebastian Bach
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:47:05 „Jedes Mal, wenn ich in den Goldberg-Variationen, also einer großen Bach-Klavierkomposition, zu den letzten Takten komme, sagt der sehr berühmte Pianist Igor Levitt, habe ich ein wahnsinnig berührendes Gefühl. Das Stück verabschiedet sich von mir, als würde mir Bach selbst die Hand auf die Schulter legen und sagen, wir sind jetzt zusammengegangen und jetzt schließt sich etwas.“
Die Goldberg-Variationen werden im vorgelesenen Zeit-Artikel über ein Zitat von Pianist Igor Levit eingeführt. Levit beschreibt eine quasi-religiöse Erfahrung beim Spielen dieses Werks — das Gefühl, von Bach persönlich an die Hand genommen und verstanden zu werden, obwohl er sich selbst als nicht religiös bezeichnet.
Brief über die Matthäuspassion
Friedrich Nietzsche
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:50:12 „Selbst Nietzsche, der große Totengräber Gottes, schrieb in einem Brief, in dieser Woche habe ich dreimal die Matthäuspassion des göttlichen Bach gehört, jedes Mal mit dem Gefühl der unermesslichen Verwunderung. Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.“
Im vorgelesenen Zeit-Artikel wird ein Brief Nietzsches zitiert, in dem ausgerechnet der Philosoph, der Gott für tot erklärte, von der Matthäus-Passion überwältigt ist. Das Zitat dient als besonders starkes Argument für die These des Artikels: Bachs Musik führt selbst entschiedene Atheisten zum Gedanken an Gott.
Die Kunst der Fuge
Johann Sebastian Bach
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 01:00:13 „Die Kunst der Fuge hat er am Schluss komponiert und die blieb unvollendet. Dann, Bach ist ja über der Ausarbeitung des letzten Themas gestorben, aber das war die Notenfolge B-A-C-H.“
Am Ende des Gesprächs über Bach erwähnt Sabine Rückert Die Kunst der Fuge als Bachs letztes, unvollendetes Werk. Die besondere Pointe: Das letzte Thema, über dem Bach starb, enthielt die Notenfolge B-A-C-H — das einzige Mal, dass er seinen eigenen Namen in eine Komposition einschrieb.