Ein Feigling und ein Verräter
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Auf der Zielgeraden zur Passionszeit nehmen sich die Schwestern die zwei schillerndsten Figuren des Neuen Testaments vor: Petrus, den großspurigen Feigling, und Judas, den Verräter, der beim letzten Abendmahl noch seelenruhig mit Jesus aus derselben Schüssel isst. Im Matthäusevangelium — gewählt auch wegen Bachs Matthäuspassion — entfaltet sich das Drama zweier Männer, die beide an Jesus scheitern, aber auf völlig unterschiedliche Weise: der eine aus Selbstüberschätzung, der andere mit kaltem Kalkül.
„Aber ein richtiger Verräter muss natürlich mit am Tisch sitzen.“
Erwähnte Medien (16)
Matthäus-Passion
Johann Sebastian Bach
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:01:35 „Die Leute, die so ein bisschen kulturell unterwegs sind, die haben das natürlich im Ohr durch die Matthäuspassion. Ja, da singt dann immer der Evangelist.“
Johanna Haberer verweist auf Bachs Matthäus-Passion als kulturellen Resonanzraum, durch den vielen Menschen der Bibeltext vertraut ist. Später kommt sie auf die Passion zurück, als sie die Szene beschreibt, in der Petrus bitterlich weint – dort singt der Evangelist 'ganz hoch' und danach wird es still.
Buch Jesaja (Gottesknechtslied)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:17:12 „Und dann verweist dieser Jesus ja immer auf die Schriften und die Schriften, vermutlich bezieht sich das auf den Jesaja, auf den Gottesknecht. Da gibt es im Jesaja ein Gottesknechtslied.“
Johanna Haberer erklärt, dass Jesus' Verweis auf die Erfüllung der Schriften sich auf das Gottesknechtslied im Buch Jesaja bezieht – die Prophezeiung vom Verachteten und Getöteten, der sich als der eigentliche Messias erweist. Matthäus als Evangelist verknüpfe bewusst das Neue mit dem Alten Testament.
Johannesevangelium
unbekannt (traditionell Johannes zugeschrieben)
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:18:22 „Aber was auch interessant ist, was wir jetzt hier nicht vorlesen und auch nicht durchnehmen, aber was im Johannesevangelium dann vorkommt, an derselben Stelle ist doch ein junger Mann, der… Dann verschwindet.“
Sabine Rückert vergleicht die Passionserzählung im Matthäusevangelium mit der Parallelstelle im Johannesevangelium, wo ein junger Mann in weißem Gewand flieht. Sie spekuliert, dass Johannes sich dort selbst verewigt haben könnte – ähnlich wie Hitchcock in seinen Filmen.
Judas-Text in der ZEIT
Sabine Rückert
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:36:16 „Jetzt muss ich dir was vorlesen und zwar habe ich über den Judas einen Text geschrieben. Und da wollte ich was draus vorlesen. Ist schon ein paar Jährchen her, das war 2010, aber es ist nach wie vor gültig, muss ich sagen.“
Sabine Rückert liest ausführlich aus einem eigenen Text von 2010 über die Judas-Figur vor, in dem sie die Wandlung des Judas vom Inbegriff des Bösen zur tragischen Figur der Aufklärung nachzeichnet. Der Text argumentiert, dass ohne Judas' Verrat das Christentum nie entstanden wäre.
Der Fall Judas
Walter Jens
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:39:25 „Oder, wie der Rhetorikprofessor Walter Jens einmal resonierte, bloß ein verrenteter Zimmermann, nicht gekreuzigt, sondern am Kreuze schnitzend, ein unter seinesgleichen geachteter Mann, dem die Sprüche längst verziehen waren, die er gemacht hatte, als er jung war.“
In ihrem vorgelesenen ZEIT-Text zitiert Sabine Rückert Walter Jens' berühmte Überlegung, was aus Jesus ohne Judas' Verrat geworden wäre. Jens beschäftigte sich in seinem Werk 'Der Fall Judas' intensiv mit der Rehabilitierung der Judas-Figur.
Jesus Christ Superstar
Andrew Lloyd Webber
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:41:39 „Und der blutjunge britische Musiker Andrew Lloyd Webber komponiert sein bestes Werk, die Rock'n'Roll-Passion »Jesus Christ Superstar«, in deren Mittelpunkt nicht der leidende Titelheld steht, sondern Judas. Dem gehört gleich der erste Song, My Mind Is Clearer Now. Das Lied von der Erkenntnis, die der Anfang der Skepsis ist.“
Sabine Rückert liest aus einem eigenen Text über die Judas-Figur vor und beschreibt, wie Andrew Lloyd Webbers Rockoper in den 70er Jahren Judas ins Zentrum rückte. Sie analysiert, wie Judas dort als rationaler Zweifler und Stratege gezeichnet wird, der Jesus vor sich selbst schützen will — eine radikale Neuinterpretation der biblischen Figur.
Jesus Christ Superstar (Film)
Norman Jewison
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:43:15 „In der Verfilmung der Rockoper von 1973 ist auf den ersten Blick klar, dass die beiden Figuren die Pole der Geschichte ausmachen. Hier Jesus schwach im Glauben, dort Judas stark im Zweifel. Hier ein blasser, schmaler Mann mit traurigen Augen, dort ein kraftvoller, schwarzer Judas, der den Strick, mit dem er sich zuletzt aufhängen wird, vom ersten Bild an um die Hüften trägt.“
In ihrem vorgelesenen ZEIT-Text beschreibt Sabine Rückert die Verfilmung der Rockoper von 1973 als eigenständiges Werk, in dem die visuelle Gegenüberstellung von Jesus und Judas sowie die Nachstellung von Da Vincis Abendmahl-Komposition hervorgehoben werden.
Das letzte Abendmahl
Leonardo da Vinci
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:43:24 „Beim letzten Abendmahl nimmt die Gruppe der 13 für einen kleinen Augenblick exakt die Position ein, in der Leonardo da Vinci sie 500 Jahre zuvor gemalt hat, Jesus mit geneigtem Haupt, die Augen gesenkt, Judas abgewandt und verschattet.“
Sabine Rückert beschreibt eine Szene aus der Jesus-Christ-Superstar-Verfilmung, in der die Abendmahlsgruppe für einen Moment die ikonische Komposition von Leonardo da Vincis Gemälde nachstellt. Das berühmte Kunstwerk dient als visuelles Zitat im Film.
Adversus Haereses (Gegen die Häresien)
Irenäus von Lyon
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:45:30 „Weil der Irenaeus, ein später als Heretiker gedachter, also Kirchendenker, dies zitiert. Also Irenaeus, zweites Jahrhundert hat er gelebt und von dem wissen wir in seinen Schriften, dass es ein Evangelium des Judas gegeben hat.“
Johanna Haberer erklärt, dass man vom Judas-Evangelium überhaupt nur wusste, weil der Kirchenvater Irenäus von Lyon es im 2. Jahrhundert in seinen Schriften erwähnte. Irenäus' Werk ist die früheste Quelle für die Existenz dieses apokryphen Textes.
Schattenarbeit / Archetypen-Theorie
C.G. Jung
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:52:18 „Die Psychologie des C.G. Jung, der ja sagt, dass alles, was so leuchtet und hell ist und so gut wirkt, immer auch seinen Schatten hat. Und das ist, wenn ein Mensch seine eigenen Schattenseiten nicht integrieren kann, dass das eigentlich ins Verderben führt.“
Johanna Haberer nutzt C.G. Jungs Schattenkonzept als psychologischen Deutungsrahmen für die Passionsgeschichte: Die Integration der eigenen dunklen Seiten – Verrat, Verleugnung, Feigheit – sei eine Lebensaufgabe, die auch in der Abendmahlsszene abgebildet werde.
Politeia (Der Staat)
Platon
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:53:50 „Ich habe dann auch festgestellt, dass die Tapferkeit nach Platon eines der vier Kardinalstugenden ist, neben der Weisheit, der Besonnenheit und der Gerechtigkeit. Aber die Feigheit hat er nicht gewürdigt.“
Im Zusammenhang mit ihrer Recherche zur Feigheit als Gegenstück zur Petrus-Figur verweist Sabine Rückert auf Platons Tugendlehre, in der Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden definiert wird, die Feigheit aber keinen eigenen Platz erhält.
Essais
Michel de Montaigne
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:54:03 „Und ich habe auch ein wunderbares Zitat gefunden von Michel de Montaigne aus dem 16. Jahrhundert, der sich in seinen Essays mit der Psychologie der Feigheit beschäftigt hat. Wahre Tapferkeit erkenne man daran, dass sie sich nur auf einen Kampf mit Wehrfähigen einlasse, schreibt Montaigne.“
Sabine Rückert zitiert Montaigne im Kontext ihrer Recherche zur Feigheit, ausgelöst durch die Petrus-Figur der Passionsgeschichte. Montaignes These, dass der größte Feigling der Tyrann sei, der sich nur an Wehrlosen vergreift, wird als zeitlose Erkenntnis präsentiert, die auch auf moderne Diktaturen zutrifft.
Interview mit Niklas Frank über Feigheit
Katja Thorwart
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:56:55 „Und dann bin ich auf ein sehr interessantes Interview gestoßen. Das Interview ist aus dem Jahr 2017. Das ging auch um die Feigheit. Und zwar wurde da interviewt in der Frankfurter Rundschau von einer Frau Katja Thorwart.“
Sabine Rückert liest ausführlich aus einem Interview der Frankfurter Rundschau von 2017 vor, in dem Niklas Frank über die Feigheit als deutsche Eigenschaft spricht, die von der gescheiterten Entnazifizierung bis zum Aufstieg der AfD reiche. Das Interview verbindet sie mit dem Thema der Passionsgeschichte — der Feigheit des Petrus als zeitloses menschliches Muster.
Dunkle Seele, feiges Maul
Niklas Frank
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:57:39 „Und dessen Sohn, hat ein Interview gegeben. Der hat auch Bücher geschrieben, dunkle Seele, feiges Maul und so weiter, über die gemisslungene Entnazifizierung.“
Sabine Rückert erwähnt das Buch von Niklas Frank, dem Sohn des NS-Generalgouverneurs Hans Frank, im Kontext eines Interviews über Feigheit und missglückte Entnazifizierung. Frank rechnet darin mit seinem Vater und der deutschen Verdrängungskultur ab.
Dresdner Rede (Denkmal der Schande)
Björn Höcke
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 01:01:29 „Doch wie es ist, sehen wir an Höcke. Den Geschichtslehrer. Denkmal der Schande, sagt er, weg damit. Die ganzen zwölf Jahre, weg damit.“
Im Kontext der Diskussion über deutsche Feigheit und das Verdrängen der NS-Verbrechen wird Höckes berüchtigte Dresdner Rede von Januar 2017 zitiert, in der er das Holocaust-Mahnmal als 'Denkmal der Schande' bezeichnete. Herr Frank nutzt dies als Beleg dafür, dass selbst Geschichtslehrer die Verbrechen relativieren wollen.
Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Holocaust-Mahnmal)
Peter Eisenman
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 01:01:59 „Es wird jetzt nicht erklärt, aber das ist das große Stehlenfeld in Berlin. Ich bin da sehr gerne und betroffen durchgegangen. Vor allem auch durch das Dokumentationszentrum. Wer da nicht rausgeht und sagt, scheiße, was haben die Deutschen nur in den zwölf Jahren alles angerichtet, der will nicht hinschauen.“
Im Gespräch über die deutsche Erinnerungskultur und die Frage, ob Holocaust-Denkmäler aus der 'Seele des Volkes' kommen, wird das Berliner Stelenfeld als konkretes Beispiel angeführt. Herr Frank (der zitiert wird) betont die Wirkung des Dokumentationszentrums, relativiert aber, dass das Denkmal eher Ausdruck von Political Correctness als echtem Volksempfinden sei.