Unter die Räuber gefallen
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Diese Folge widmet sich dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter — einem von Sabine Rückerts Lieblingsgleichnissen. Bevor sie in die Geschichte eintauchen, diskutieren die Schwestern, wie konfrontativ und hart Jesu Gleichnisse eigentlich sind und wie wenig das süßliche Bild, das die Nachwelt von ihm gezeichnet hat, zu seinen provokanten Texten passt. Johanna Haberer schlägt dabei den Bogen von den biblischen Parabeln zu literarischen Nachfolgern wie Lessings Fabeln und Max Frischs Andorra.
„Wenn du die Texte liest und wie er die Leute anfährt, dann verstehst du nicht, warum wir so einen süßlichen Mann aus dem gemacht haben. Dieses engelsliebliche Gegrinse auf den Bildern — es passt alles gar nicht zu diesen Texten, weil diese Texte sind hart und die sind konfrontativ.“
Erwähnte Medien (6)
Andorra
Max Frisch
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:02:41 „von dem dann gesagt wird, er sei ein jüdisches Kind. Und dann beginnt er alles, was an Antisemitismus gibt, zieht er auf sich, bis er sich selbst damit identifiziert. Und sich selbst, obwohl man ihm dann sagt, du bist eigentlich gar kein Jude, sich dann selbst als Jude fühlt. Also das ist ein kleiner Kommentar zu den Identitätsdebatten.“
Johanna Haberer beschreibt die Handlung von Max Frischs Parabel-Stück, in dem ein junger Mann als jüdisch gilt, allen Antisemitismus auf sich zieht und sich schließlich selbst als Jude identifiziert – obwohl er keiner ist. Sie nutzt das Beispiel, um zu zeigen, dass Parabeln als subversive literarische Form herrschende Systeme unterlaufen können.
Geschichten vom Herrn Keuner
Bertolt Brecht
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:03:31 „Heinrich Heine hat welche geschrieben, Bert Brecht hat welche geschrieben. Die Geschichten vom K. sind ja auch eigentlich eine Art von Parabel. Insofern ist es vielleicht eine Art, so unterschwellig und subversiv die herrschenden Systeme und die herrschenden Regime zu unterlaufen oder anzugreifen.“
Johanna Haberer ordnet die biblischen Gleichnisse in eine literarische Tradition ein und nennt Brechts Geschichten vom Herrn Keuner als Beispiel für Parabeln, die subversiv herrschende Systeme angreifen. Sie stellt damit eine Verbindung zwischen biblischer Erzähltradition und moderner Literatur her.
Rassismus vor Gericht
Sabine Rückert
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:08:47 „Kann man sich auch anhören. Rassismus vor Gericht heißt das in meinem Verbrechenspodcast. Kann man sich anhören, die ganze Geschichte.“
Sabine Rückert verweist auf eine Episode ihres eigenen Podcasts ZEIT Verbrechen, in der sie den Fall Ermias Mulugeta ausführlich aufgearbeitet hat. Sie nutzt den Fall als moderne Parallele zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter, weil zahlreiche Augenzeugen den Schwerverletzten einfach liegen ließen.
Wichtiger als ich
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:18:50 „Ich war ja Chefin der Titelgeschichten der Zeit und habe im Jahr 2014 an Ostern eine Titelgeschichte in Auftrag gegeben, die hieß »Wichtiger als ich« und handelte von Menschen, die Opfer bringen.“
Sabine Rückert erzählt von einer Titelgeschichte der ZEIT aus dem Jahr 2014, für die sie mehrere Reporter zusammentrommelte, um weltweit Geschichten von Menschen zu sammeln, die selbstlose Opfer für Fremde gebracht haben. Sie liest daraus mehrere Einzelgeschichten vor, darunter die von Werner Forsmann und Luise Meyer.
John Maynard
Theodor Fontane
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:29:18 „Ich habe eine Ballade mitgebracht und eine Geschichte zu dieser Ballade, die auch in unserem Titel Ein Opfer bringen, thematisiert wird. Aber vorher muss ich die Ballade lesen. Die Ballade kennst du natürlich. Die ist von Theodor Fontane und heißt John Maynard.“
Sabine Rückert trägt Fontanes berühmte Ballade über den Steuermann John Maynard vollständig vor, der bei einem Schiffsbrand auf dem Eriesee am Steuer aushält und alle Passagiere rettet, dabei aber selbst umkommt. Die Ballade dient als Ausgangspunkt für eine Diskussion über Selbstaufopferung und das Motiv des Opferbringens. Rückert verknüpft das Gedicht mit der realen Schiffskatastrophe von 1841 und der kuriosen Geschichte, dass die Stadt Buffalo tatsächlich eine Gedenktafel mit Fontane-Versen aufstellte, weil deutsche Touristen danach fragten.
The Helmsman of Lake Erie
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:34:30 „Obwohl dieses Motiv im Bericht des Kapitäns nur vage zu erkennen ist, wird es zum Leitgedanken der 1845 anonym verfassten Geschichte The Helmsman of Lake Erie, Der Steuermann vom Eriese.“
Im Rahmen der Entstehungsgeschichte von Fontanes Ballade erwähnt Rückert eine 1845 anonym in mehreren amerikanischen Zeitungen veröffentlichte Erzählung, in der der reale Steuermann Fuller erstmals den Namen John Maynard erhält. In dieser Erzählung wird Maynards Tat christlich gedeutet – aus dem befehlstreuen Steuermann wird ein Christenheld. Diese Geschichte bildet das Bindeglied zwischen dem realen Unglück und Fontanes späterer Ballade.