Die Ehebrecherin
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Diese Folge widmet sich einer der berühmtesten Bibelszenen überhaupt: Jesus und der Ehebrecherin aus dem Johannesevangelium — einer Stelle, die ironischerweise gar nicht zum ursprünglichen Text gehört, aber die Erinnerung an ein Streitgespräch Jesu mit jüdischen Schriftgelehrten bewahrt. Im Rahmen ihrer Reihe über Jesus und die Frauen geht es diesmal um eine namenlose Frau, die auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen und vor Jesus gebracht wird.
„Es ist derartig abgehoben in der Sprache, aber es hat diese wunderbare eine Geschichte von Jesus und der Sünderin.“
Erwähnte Medien (11)
Das Land, das nicht ist
Edith Södergran
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus „Es gibt ein Gedicht, sagt die Oma, von Edith Södergran. Das heißt Das Land, das nicht ist. Ich sehne mich nach dem Land, das nicht ist, sagt sie in dem Gedicht. Denn alles, was ist, bin ich müde zu begehren.“
Das Gedicht wird im Buch von Alex Schulmann zitiert: Die Großmutter erklärt ihrem Enkelkind am Küchentisch, was das Gedicht für sie bedeutet. 'Das Land, das nicht ist' steht für sie nicht für den Tod, sondern für die Summe aller ungelebten Möglichkeiten — vor allem die aufgegebene Liebesbeziehung. Die Briefe des Liebhabers sind ihr Zugang zu diesem Sehnsuchtsort. Es ist ein emotionaler Schlüsselmoment des Buches.
Johannesevangelium
unbekannt (traditionell Johannes zugeschrieben)
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:03:28 „Johannes ist das jüngste Evangelium und auch eines, das wir relativ selten hier behandeln. Das ist mir auch aufgefallen, das müssen wir auch mal ändern.“
Das Johannesevangelium ist die Hauptquelle der besprochenen Bibelstelle über Jesus und die Ehebrecherin (Joh 7,53–8,11). Es wird als das jüngste und sprachlich abgehobenste Evangelium eingeordnet, in dem die Geschichte als spätere Hinzufügung gilt.
Unorthodox
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:08:08 „das weiß man ja auch aus dem Film Unorthodox, dann nehmen sie ihre sieben Sachen und hauen ab“
Als Beispiel dafür, dass ultraorthodoxe Frauen heute die Möglichkeit haben, aus ihrer Gemeinschaft auszubrechen
Christus. Der Ernstfall
Jack Miles
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:11:30 „Jack Miles hat da seine besonderen Vorlieben. Er hat seine Vorstellung, was Jesus da reingeschrieben hat in den Sand“
Jack Miles' literarische Deutung der Szene, in der Jesus in den Sand schreibt, wird ausführlich zitiert und diskutiert
Christ: A Crisis in the Life of God
Jack Miles
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:11:36 „Ja, Jack Miles hat da seine besonderen Vorlieben. [...] Vom Schreiben auf die Erde ist es nur ein kleiner Schritt zum Schreiben an die Wand. Vielleicht will Jesus den Schriftgelehrten, die sich in der Bibel gut auskennen, jene Szene im Buch Daniel in Erinnerung rufen, in der bei einem Festmahl eines dem Untergang geweihten babylonischen Monarchen unheilverkündend eine Schrift an der Wand erscheint.“
Sabine Rückert zitiert ausführlich aus Jack Miles' Buch, um eine literarische Deutung der Szene zu liefern, in der Jesus mit dem Finger auf die Erde schreibt. Miles zieht eine Verbindung zum Menetekel im Buch Daniel und spekuliert, Jesus habe die Schriftgelehrten damit an die Geschichte der fälschlich des Ehebruchs bezichtigten Susanna erinnern wollen. Johanna Haberer ergänzt die Deutung um moderne exegetische Perspektiven.
Buch Daniel
unbekannt (traditionell Daniel zugeschrieben)
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:11:36 „Vielleicht will Jesus den Schriftgelehrten, die sich in der Bibel gut auskennen, jene Szene im Buch Daniel in Erinnerung rufen, in der bei einem Festmahl eines dem Untergang geweihten babylonischen Monarchen unheilverkündend eine Schrift an der Wand erscheint.“
Sabine Rückert liest aus Jack Miles' Deutung vor, wonach Jesus beim Schreiben in den Sand bewusst an die Menetekel-Szene aus dem Buch Daniel erinnern wollte, um die Schriftgelehrten an Daniels Rettung einer fälschlich des Ehebruchs bezichtigten Frau (Susanna) zu gemahnen.
Susanna im Bade
unbekannt (Zusatz zum Buch Daniel)
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:12:07 „Dann dürften die Schriftgelehrten sich umgehend erinnert haben, dass der nämliche Daniel einst eine Frau gerettet hatte, die fälschlich, von zwei Zeugen des Ehebruchs bezichtigt wurde. Wir haben diese Geschichte auch schon erzählt.“
Die apokryphe Erzählung von Susanna wird im Zusammenhang mit Jack Miles' Deutung erwähnt: Jesus erinnere beim Schreiben im Sand an Daniel, der die fälschlich des Ehebruchs bezichtigte Susanna rettete — eine Parallele zur Ehebrecherin-Szene.
Unorthodox
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:24:30 „das kann man in dem Film Unorthodox so schön sehen, wo diese junge Frau verheiratet wird mit jemandem, den sie gar nicht mag“
Zur Veranschaulichung, wie es ist, eine ultraorthodoxe Gemeinschaft zu verlassen
Erster Korintherbrief
Paulus
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:34:07 „Bis auf diesen einen Satz im Korintherbrief, wo die heutigen Exegesen sagen, das kann nicht sein, weil in der Urgemeinde haben die Frauen das gerockt mit ihrem Geld und mit ihrem Wissen und so weiter.“
Johanna Haberer verweist auf eine umstrittene Stelle im Korintherbrief, die Frauen das Schweigen in der Gemeinde gebietet. Sie ordnet den Vers als spätere Einfügung ein, die im Widerspruch zur tatsächlichen Praxis der Urgemeinde steht, in der Frauen aktiv Gemeinden leiteten und finanzierten.
Timotheusbriefe
Paulus (zugeschrieben)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:34:28 „Du merkst dann bei den späteren, die heißen in der Theologie die Pastoralbriefe, merkst du dann, dass um 110, 120 sich die Ämterhierarchien verfestigen und da geht es dann um die Frage, wer hat Macht und da werden dann die Frauen so Stück für Stück abgeräumt.“
Johanna Haberer beschreibt die Pastoralbriefe (Timotheusbriefe) als Dokumente eines historischen Wandels: Während in den echten Paulusbriefen Frauen noch in Leitungsämtern sichtbar sind, zeigen die späteren, um 110–120 n. Chr. entstandenen Briefe, wie Frauen systematisch aus Machtpositionen verdrängt wurden.
Morgen ist auch noch ein Tag
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:42:59 „Ich war jetzt gerade in einem Film, der heißt Morgen ist auch noch ein Tag, der spielt 1946. Da ist eine Frau, die lässt sich von ihrem Mann da schikanieren. Das ist unvorstellbar. Spielt in Italien und am Schluss befreit sie sich so ein bisschen, nicht richtig, aber so ein bisschen, was auch schon als großer Verdienst gefeiert wird.“
Sabine Rückert zieht den italienischen Film als Parallele zum Schicksal der Großmutter in Schulmanns Buch heran. Beide Geschichten handeln von Frauen in unterdrückerischen Ehen, die sich nicht oder nur minimal befreien können. Rückert nutzt den Vergleich, um ihre These zu unterstreichen, dass zur Unterdrückung immer auch ein Nicht-Ergreifen-Können von Befreiungsmöglichkeiten gehört.