Von Dämonen und Besessenen
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Diese Folge widmet sich den Dämonenaustreibungen im Neuen Testament — angefangen mit der Geschichte, in der Jesus Dämonen in eine Schweineherde fahren lässt, die sich daraufhin ins Meer stürzt. Überraschend: Im Hebräischen gibt es gar kein Wort für Dämonen, das Konzept ist ein griechischer Import aus der Welt von Homer, Platon und Hesiod. Die Hosts spüren dem Zusammenhang zwischen antiker Dämonenvorstellung und dem nach, was heute als psychiatrische Erkrankung verstanden würde.
„Im Hebräischen gibt es kein Wort dafür. Das ist so ein Import wahrscheinlich aus dem Griechischen.“
Erwähnte Medien (10)
Evangelium nach Matthäus
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:03:43 „Und zwar nicht vor den Dämonen, sondern vor dem Austreiber. Ja, weil der natürlich schon jetzt eine massive Macht entwickelt in dem Matthäusevangelium.“
Die Dämonenaustreibungsgeschichte aus Matthäus 8,28–34 wird vorgelesen und ausführlich besprochen als Haupttext der Episode
Theogonie
Hesiod
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:04:30 „Der kommt vor bei Hesiod, der kommt bei Platon vor, der kommt bei Homer vor. Also aus dieser Erzählwelt kommt es.“
Johanna Haberer ordnet den Begriff 'Daimonos' in die griechische Geistesgeschichte ein und nennt Hesiod als eine der antiken Quellen. Bei Hesiod seien Dämonen eher gute Geister, die gegen Unrecht helfen — eine ganz andere Vorstellung als die bösen Geister im Neuen Testament.
Odyssee
Homer
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:23 „Oder es ist ganz wertfrei, bei Homer ist die allgemeine Bezeichnung für unbekannte Gottheit. Der Odysseus fährt da in der Gegend rum und trifft dann ab und zu mal Unbekannte.“
Johanna Haberer erklärt, dass bei Homer der Begriff 'Daimon' wertfrei als allgemeine Bezeichnung für unbekannte Gottheiten verwendet wird. Sie verweist auf Odysseus' Begegnungen als Beispiel, um den Bedeutungswandel des Dämonenbegriffs von der griechischen Antike bis zum Neuen Testament nachzuzeichnen.
Werke und Tage / Theogonie
Hesiod
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:50 „Der kommt vor bei Hesiod, der kommt bei Platon vor, der kommt bei Homer vor. Also aus dieser Erzählwelt kommt es.“
Hesiod wird als Quelle genannt, bei der Dämonen als gute Geister beschrieben werden, die gegen Unrecht helfen
Symposion
Platon
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:50 „Der kommt vor bei Hesiod, der kommt bei Platon vor, der kommt bei Homer vor.“
Platon wird als Quelle für das Dämonenkonzept genannt – bei ihm sind Dämonen den Göttern untergeordnet; auch Eros als Dämon wird erwähnt, was auf das Symposion verweist
Evangelium nach Lukas
Lukas (zugeschrieben)
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:07:52 „Ja, ich wollte nur sagen, bei Lukas wird die Geschichte auch nochmal erzählt. Und zwar natürlich Lukas, der große Fabulierer, hat die Geschichte praktisch gleich erzählt, aber dann natürlich noch aufgeblasen.“
Die Parallelversion der Dämonenaustreibung aus Lukas 8,26–39 wird vorgelesen und mit der Matthäus-Version verglichen
Erinnerungen einer Überflüssigen
Lena Christ
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:14:37 „Ich habe auch was mitgebracht. Und zwar lese ich zurzeit ein Buch von Lena Christ. Lena Christ ist eine bayerische Schriftstellerin und lebte Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts, ist also über 100 Jahre tot.“
Sabine Rückert liest aktuell ein Buch von Lena Christ und nutzt eine Passage daraus, um die Behandlung psychisch Kranker in bayerischen Klöstern Ende des 19. Jahrhunderts zu illustrieren. Sie liest eine längere Stelle über ein zwölfjähriges Mädchen namens Margret vor, das im Kloster eingesperrt, geschlagen und gequält wurde, weil es sich weigerte, religiöse Texte zu lesen — ein direkter Bezug zum Thema Besessenheit und Dämonenaustreibung.
Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae)
Flavius Josephus
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:22:10 „Während zum Beispiel jetzt dieser in der hellenistischen Zeit lebende Jude Josephus, der hat ja unter den Römern gelebt, den hatten wir schon öfters, der beschreibt jetzt eine Heilung aus seiner Umwelt.“
Johanna Haberer zitiert den antiken jüdischen Historiker Josephus, um den Kontrast zwischen Jesus' Dämonenaustreibung und den üblichen Heilpraktiken der hellenistischen Zeit zu verdeutlichen. Bei Josephus wird eine aufwendige Heilung mit Ring, Wurzeln und Beschwörungsformeln Salomons beschrieben — ganz anders als Jesus, der nur ein Wort braucht.
Reportage über Missionare bei den Maasai in Tansania
Sabine Rückert
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:24:00 „Jetzt habe ich auch eine Geschichte dabei, die ich selbst recherchiert habe, vor vielen Jahren, als ich bei der Zeit angefangen habe. Ich habe mich damals als junge Frau aufgemacht, nach Afrika, und habe dort geschrieben über Missionare. Aus diesem Text werde ich auch noch mal das eine oder andere Mal vorlesen, wenn wir zu der Mission kommen.“
Sabine Rückert liest ausführlich aus einer Reportage vor, die sie als junge Journalistin für Die Zeit über christliche Mission bei den Maasai in Tansania geschrieben hat. Der Text erzählt die Geschichte von Gideon Soombe, einem Maasai, der zum evangelisch-lutherischen Pfarrer wurde, und beschreibt das Phänomen massenhafter Besessenheitszustände bei Maasai-Frauen, die nur durch die christliche Taufe geheilt werden konnten. Die Reportage dient als Ausgangspunkt für die Diskussion über Dämonenaustreibung, Massenpsychosen und die Rolle des Christentums als Befreiung unterdrückter Frauen.
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:27:39 „Die Bibel erzählte Gideon die Geschichten aus dem alten Israel, die vom Leben der Hirten handeln, von blutigen Kriegen, endlosen Wüsteneien, heiligen Bergen, der Vielweiberei, den Dämonen und dem Fluch der Unfruchtbarkeit. Und es waren die Geschichten der Massai.“
Innerhalb der vorgelesenen Reportage beschreibt Sabine Rückert, wie Gideon Soombe in der Bibel die Geschichten des alten Israel wiedererkannte – Hirtenkultur, Kriege, heilige Berge, Vielweiberei –, weil sie den Erzählungen seines eigenen Volkes, der Maasai, so verblüffend ähnelten. Die Bibel wird als kulturelle Brücke zwischen europäischem Christentum und Maasai-Tradition dargestellt.