Was Jesus mit Kafka zu tun hat
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Die Episode widmet sich der Hochzeit zu Kana — dem ersten Wunder Jesu im Johannesevangelium, bei dem Wasser zu Wein wird. Sabine Rückert zieht eine verblüffende Parallele zu Kafka: Die absurden, traumhaften Dialoge zwischen Jesus und seiner Mutter erinnern an kafkaeske Zeichenhaftigkeit, bei der die Herrlichkeit des Lebens um uns liegt, aber nur von denen erkannt wird, die hinschauen. Johanna Haberer entfaltet, wie das Johannesevangelium den gesamten Auftritt Jesu nicht als Leidensgeschichte, sondern als Hochzeitsfest rahmt — und schließt mit einem Interview mit dem Astronomen Martin Rees über die Wunder des Universums.
„Was wäre in der christlichen Religionsgeschichte nicht alles anders gewesen, wenn wir nicht der Leidensspur gefolgt wären, sondern der Hochzeitsspur. Vielleicht wäre das ein sehr viel lustigeres Christentum geworden.“
Erwähnte Medien (7)
Rashomon
Akira Kurosawa
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:03:47 „Da gibt es doch einen Film, wo es um Zeugen geht, wo ein Unfall beobachtet wird. Es gibt immer wieder so Film-Kaleidoskope, wo ein und dasselbe geschehen aus den verschiedenen Richtungen. Ein Unfall oder sonst was. Das ist ein ganz berühmter Film, der Name fällt mir jetzt nicht ein.“
Johanna Haberer und Sabine Rückert suchen nach dem Namen eines berühmten Films, in dem ein Ereignis aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Sie nutzen diesen Vergleich, um die Entscheidung der frühen Kirche zu erklären, vier unterschiedliche Evangelien nebeneinander stehen zu lassen statt ein Einheitsevangelium zu schaffen. Der Filmtitel fällt ihnen nicht ein, gemeint ist sehr wahrscheinlich Kurosawas 'Rashomon'.
Evangelium nach Johannes
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:04:28 „Das allererste Wunder steht bei Johannes. Das steht auch nur bei Johannes, ganz allein. Es ist ein Wunder, das natürlich weltberühmt ist, das kennt jeder“
Das Johannesevangelium wird als theologischer Primärtext der Episode ausführlich besprochen – insbesondere die Hochzeit zu Kana und die Zeichentheologie
Gibs auf
Franz Kafka
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:05:28 „Ich lese jetzt mal einen Text vor aus Kafka, an den dieser Text mich irgendwie erinnert. Ich kann dir nicht genau sagen, warum, aber es hat was miteinander zu tun. Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof.“
Sabine liest Kafkas Kurzparabel vor, um die kafkaeske Qualität der Hochzeit zu Kana zu illustrieren – die absurde, unvermittelte Kommunikation zwischen Jesus und seiner Mutter erinnert sie an Kafkas Dialogführung
Gibs auf
Franz Kafka
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:06:59 „Ich lese jetzt mal einen Text vor aus Kafka, an den dieser Text mich irgendwie erinnert. Ich kann dir nicht genau sagen, warum, aber es hat was miteinander zu tun. Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof.“
Sabine Rückert vergleicht die Hochzeit zu Kana aus dem Johannesevangelium mit der Prosa Franz Kafkas. Sie liest die kurze Parabel 'Gibs auf' vor, in der ein Mann einen Schutzmann nach dem Weg fragt und eine absurd-abweisende Antwort erhält. Die unvermittelte, scheinbar zusammenhanglose Kommunikation zwischen Jesus und seiner Mutter erinnert sie an genau diese kafkaeske Dialogführung.
Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg
Franz Kafka
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:15:02 „Ich habe noch eine Kafka-Passage, an die mich dieses Wunder erinnert und die geht so. Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit.“
Sabine liest einen zweiten Kafka-Aphorismus vor, der zum Motiv der verborgenen Herrlichkeit im Johannesevangelium passt – die Fülle liegt bereit, aber nur wer sie beim richtigen Namen ruft, kann sie erkennen
Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg
Franz Kafka
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:15:24 „Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“
Sabine Rückert zitiert eine zweite Kafka-Passage, die sie mit der Zeichentheologie des Johannesevangeliums verbindet. Der Gedanke, dass die Herrlichkeit des Lebens verborgen bereitliegt und nur beim richtigen Namen gerufen werden muss, passt für sie perfekt zur johanneischen Idee, dass Gottes Herrlichkeit durch die Zeichen Jesu hindurchschimmert – sichtbar nur für die, die Augen haben zu sehen.
Dossier über die Zelle
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:27:51 „Also wir haben mal ein Dossier gehabt in der Zeit über die Zelle. Was eine Zelle so leistet, das ist unvorstellbar. Diese kleinen Kraftwerke, das Immunsystem, was das für ein unvorstellbares Wunderwerk ist.“
Im Gespräch über die Frage, warum die Bibel Wundergeschichten braucht, argumentiert Sabine Rückert, dass die Natur selbst voller Wunder sei. Als Beispiel verweist sie auf ein Dossier der ZEIT über die biologische Zelle, das sie offenbar tief beeindruckt hat – die Leistungen einer einzelnen Zelle seien bereits unvorstellbar.