Hört da jemand
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
In der fünften und letzten Folge zur Bergpredigt geht es um das Vaterunser — das Gebet, das Jesus seinen Jüngern als Gegenentwurf zum öffentlichen Zur-Schau-Stellen von Frömmigkeit beibrachte. Besonders brisant: Im aramäischen Original sagt Jesus "Abba" — Papa — zu Gott, was für jüdische Ohren geradezu unerhört war, da der Name Gottes aus Ehrfurcht nicht einmal ausgesprochen werden durfte.
„Also zu dem großen, großen jüdischen Gott sagt der Jesus Papa. Und das ist für jüdische Ohren ganz furchtbar.“
Erwähnte Medien (17)
Chronik (Gebet des David)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:06:11 „Und zwar ist das zitiert aus dem großen Gebet des David in den Schriften der Chronik. Da kommt es her. Da wurde das wahrscheinlich, nachdem man angefangen hat, Gottesdienst zu feiern, musste man ja ein Anfang und ein Ende haben.“
Johanna Haberer erklärt, dass die Doxologie des Vaterunsers ('Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit') nicht zum Originaltext gehört, sondern später aus dem Gebet Davids in den Büchern der Chronik hinzugefügt wurde.
Jüdische Allgemeine - Werden unsere Gebete erhört
Daniel Neumann
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:11:57 „wollte ich dir noch was vorlesen, was ich in der jüdischen Allgemeinen gefunden habe. Werden unsere Gebete erhört, ist die Überschrift. Da geht es jetzt nicht direkt um das Vaterunser, aber es geht ums Beten. Von Daniel Neumann, der war damals, oder ist es noch, Direktor des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen. Der hat einen wunderbaren Artikel über das Beten im Judentum geschrieben.“
Sabine liest aus einem Artikel der Jüdischen Allgemeinen vor, der das jüdische Verständnis des Betens als Selbstprüfung erklärt
Werden unsere Gebete erhört?
Daniel Neumann
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:11:57 „Bevor wir mal in den Inhalt gehen, wollte ich dir noch was vorlesen, was ich in der jüdischen Allgemeinen gefunden habe. Werden unsere Gebete erhört, ist die Überschrift. Da geht es jetzt nicht direkt um das Vaterunser, aber es geht ums Beten. Von Daniel Neumann, der war damals oder ist es noch Direktor des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen. Der hat einen wunderbaren Artikel über das Beten im Judentum geschrieben.“
Sabine Rückert liest ausführlich aus einem Artikel der Jüdischen Allgemeinen vor, in dem Daniel Neumann das jüdische Verständnis von Gebet erklärt. Der zentrale Gedanke: Das hebräische Wort für Beten (Lehit Palel) bedeutet 'sich selbst prüfen' — es geht nicht darum, Gott zu ändern, sondern sich selbst im Lichte Gottes zu ändern. Rückert nutzt den Artikel als Brücke zur Diskussion über das Vaterunser als Akt der Selbstjustierung.
Hilft beten?
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:21:37 „Also es gibt wirklich schöne Gebetssammlungen und auch von Atheisten. Wir haben selber auch in der Zeit eine Gebetssammlung gemacht. Hilft beten war der Titel damals.“
Sabine Rückert erwähnt eine Gebetssammlung, die in der ZEIT erschienen ist, mit dem Titel 'Hilft beten'. Sie nennt sie im Kontext ihrer Archivrecherche nach berühmten Gebeten, die sie für die Episode zusammengestellt hat.
Confessiones (Bekenntnisse)
Augustinus von Hippo
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:25:44 „Diese Autobiografie, die Confessiones heißt es, also die Bekenntnisse des Augustinus, die sind ein einziges Gebet.“
Johanna ordnet das zuvor vorgelesene Augustinus-Gebet als Teil seiner Autobiografie ein, die als erstes Werk der Selbsterzählung gilt
Confessiones
Augustinus
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:26:25 „Diese Autobiografie, die Confessiones heißt es, also die Bekenntnisse des Augustinus, die sind ein einziges Gebet. Also insofern ist es sehr gut, dass du auf den kommst, weil der spricht Gott an und erzählt ihm sein Leben. Die erste Autobiografie ist sozusagen nicht in dem Ziel entstanden, es sollen möglichst viele Leute lesen, wie ich gelebt habe, sondern der betrachtet im Gebet sein Leben und erzählt, wie er es heute sieht.“
Nachdem Sabine Rückert ein Gebet des Augustinus vorliest, ordnet Johanna Haberer es in dessen Lebenswerk ein. Sie erklärt, dass die Confessiones als Ganzes ein Gebet sind — Augustinus spricht Gott an und erzählt ihm sein Leben. Haberer hebt hervor, dass dieses Werk als erste Autobiografie ein bahnbrechendes literarisches Werk der Selbsterzählung darstellt.
Gebet des Thomas Morus
Thomas Morus
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:31:29 „Gib du, oh Herr, mir eine gute Verdauung und auch was zum Verdauen. Gib du, o Herr, mir einen gesunden Körper und den Sinn dafür, ihn so zu erhalten. Gib du, o Herr, mir Sinn für Humor und die Fähigkeit, einen Scherz zu verstehen.“
Neben seinem Roman 'Utopia' liest Sabine Rückert ein eigenständiges Gebet von Thomas Morus vor, das für seinen Humor und seine Bodenständigkeit bekannt ist. Johanna Haberer reagiert begeistert und erkennt es als ein realistisches, nicht überforderndes Gebet.
Utopia
Thomas Morus
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:31:52 „Er hat aber, und deswegen ist er auch ganz berühmt, einen Roman geschrieben, der heißt Utopia. Und von diesem Roman kommt der Begriff Utopie.“
Sabine erwähnt den berühmten Roman im Zusammenhang mit der Vorstellung von Thomas Morus und seinem Gebet
Gebet der Teresa von Avila
Teresa von Avila
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:32:34 „Herr meines Seins, damals, als du auf der Erde wandeltest, zeigtest du den Frauen deine besondere Zuneigung. Denn in ihnen fandest du nicht weniger Glauben und Liebe als bei den Männern.“
Sabine Rückert liest im Rahmen ihrer Gebetssammlung ein Gebet von Teresa von Avila (1515–1582) vor, das sie als große Überraschung und beeindruckend feministisch empfindet. Das Gebet fordert die Gleichstellung von Frauen im religiösen Wirken.
Kindertotenlieder
Friedrich Rückert
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:35:32 „Und dann bin ich auf ein Gedicht unseres Namensvetters oder vielleicht auch Vorfahren Friedrich Rückert gestoßen, der von 1788 bis 1866 gelebt hat.“
Sabine liest eines der Kindertotenlieder vor, in dem ein Vater den Tod seines Kindes betrauert
Gebet aus der Finsternis
Josef von Eichendorff
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:36:26 „Wie ein Todeswunderstreiter, der den Weg verloren hat, schwank ich nun und kann nicht weiter von dem Leben sterbensmatt. Nacht schon decket alle müden, und so still ist's um mich her, Herr, auch gib mir endlich Frieden, denn ich wünsch und hoff nichts mehr.“
Sabine Rückert liest ein Gedicht von Josef von Eichendorff (1788–1857) vor, das sie als 'sehr depressiv' beschreibt. Johanna Haberer vergleicht den Zustand mit der stoischen Philosophie, während Sabine darauf besteht, dass es nihilistisch und hoffnungslos klingt.
Aus der Finsternis (Gedicht)
Josef von Eichendorff
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:36:35 „Dann habe ich auch ein sehr depressives Gedicht von Josef von Eichendorff, der 1788 bis 1857 gelebt hat. Und der schrieb aus der Finsternis heraus, Wie ein Todeswunderstreiter, der den Weg verloren hat, schwank ich nun und kann nicht weiter von dem Leben sterbensmatt.“
Sabine liest ein düsteres Gedicht Eichendorffs als Beispiel für ein Gebet aus der Verzweiflung
Gebetstext über das Stillwerden
Søren Kierkegaard
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:37:43 „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da wusste ich immer weniger zu reden. Schließlich wurde ich ganz still. Zuerst meinte ich, Beten sei Reden. Doch dann lernte ich, Beten ist nicht einfach Schweigen, sondern Hören.“
Sabine Rückert liest einen Text von Søren Kierkegaard (1813–1855) vor, in dem dieser beschreibt, wie sich sein Verständnis vom Beten wandelte – vom Reden zum Hören und Stillwerden. Johanna Haberer stimmt begeistert zu und kritisiert geschwätzige Gottesdienstgebete.
Gebet an den unbekannten Gott
Friedrich Nietzsche
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:39:25 „So, jetzt kommen wir zu einem Freund, den wir immer mal wieder gerne zitieren, Friedrich Nietzsche, Pfarrers Sohn und Gotteshasser. Er ist ja fast schon mehr als ein Atheist oder weniger als ein Atheist. Jedenfalls ist er ein Gotteshasser.“
Sabine Rückert trägt Nietzsches frühes Gedicht 'Gebet an den unbekannten Gott' vor, das überraschend religiöse Sehnsucht zeigt. Johanna Haberer ordnet es ein als Anspielung auf die Paulus-Geschichte in der Apostelgeschichte und beide reflektieren, dass man das Pfarrhaus nicht aus dem Kind bekommt.
Apostelgeschichte
Lukas
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:41:40 „Der Paulus, der ist ja durch Kleinasien gejagt, durch Galatien und war in Ephesus, in der heutigen Türkei und kam dann schließlich ins wohlgebildete Athen. Und hat dann mit seiner Predigt angefallen, alle waren, die Philosophen standen da drumrum und haben ihn ausgelacht.“
Johanna Haberer erklärt den biblischen Hintergrund von Nietzsches Gedicht: In der Apostelgeschichte predigt Paulus in Athen und nutzt einen Altar 'dem unbekannten Gott' als Anknüpfungspunkt. Nietzsche spielt direkt auf diese Bibelstelle an.
Herbst
Rainer Maria Rilke
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:43:20 „Das letzte Gedicht ist von Rainer Maria Rilke. Herbst heißt es, 1875 bis 1926 hat er gelebt. Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten.“
Als Abschluss der Gedicht- und Gebetssammlung liest Sabine Rückert Rilkes Gedicht 'Herbst' vor. Das Gedicht beschreibt das universelle Fallen aller Dinge, das jedoch von einer göttlichen Hand sanft aufgefangen wird. Beide Sprecherinnen empfinden es als schönen Abschluss.
Du lass dich nicht verhärten
Wolf Biermann
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:44:54 „Also es ist ein Kirchenlied, hat er natürlich recht. Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit, dieses Biermannlied. Das wird natürlich in den Kirchen rauf und runter gesungen.“
Im Kontext von Wolf Biermanns Antwort auf die Frage 'Hilft beten?' identifiziert Johanna Haberer sein bekanntes Lied, das in Kirchen weit verbreitet gesungen wird. Sie erzählt, dass sie es selbst mit ihren Jugendlichen gesungen hat.