Unter Pfarrerstöchtern – Warum sollen die Ersten die Letzten sein
#118

Warum sollen die Ersten die Letzten sein

Unter Pfarrerstöchtern / 08. März 2024 / 11 Medien

Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler

Diese Folge widmet sich der Bergpredigt — einem kurzen Text mit gewaltiger Wirkungsgeschichte, der vermutlich so nah wie kaum ein anderer an den tatsächlichen Worten Jesu heranreicht. Die Schwestern vergleichen die beiden überlieferten Versionen bei Matthäus und Lukas, spüren den Unterschieden nach und schauen dabei tief in die Werkstatt der antiken Texterstellung: Warum fehlt die Bergpredigt bei Markus und Johannes komplett, und warum hat Lukas dieselben Worte über sein ganzes Evangelium verstreut?

„Es ist einfach so ein Text, der so eine gewaltige Geschichte geschrieben hat und wir alle davon ausgehen, dass es The Master's Voice, O-Ton Jesus gewesen ist und dass wir vielleicht da ganz nah dran sind an dem, was Jesus tatsächlich programmatisch zu sagen hatte.“
🗣 Johanna Haberer

Erwähnte Medien (11)

Christ: A Crisis in the Life of God
Buch

Christ: A Crisis in the Life of God

Jack Miles

🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:09:16 „Zunächst mal habe ich natürlich geguckt, was sagt unser Freund Jack Miles dazu, der uns jetzt auch durch das Neue Testament begleitet in seinem Jesusbuch. Und er sagt Folgendes.“

Sabine Rückert zieht Jack Miles' Jesusbuch als theologischen Begleiter heran, um die politische Sprengkraft der Bergpredigt einzuordnen. Sie liest eine längere Passage vor, in der Miles erklärt, wie das christliche Paradox – die Letzten werden die Ersten sein – das politische Bewusstsein des Abendlandes bis heute prägt und jede Herrschaft unter Kritik-Vorbehalt stellt.

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Epoden (Beatus ille)
Buch

Epoden (Beatus ille)

Horaz

🗣 Johanna Haberer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:12:24 „Der Horatz sagt zum Beispiel, glücklich ist der, der der Arbeit fern ist. Also solche Varianten.“

Johanna Haberer erwähnt Horaz' berühmtes 'Beatus ille' als Beispiel dafür, dass die literarische Form der Seligpreisung – 'Glücklich ist, wer...' – auch in der antiken Philosophie existiert, nicht nur in der jüdisch-christlichen Tradition.

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Der Antichrist
Buch

Der Antichrist

Friedrich Nietzsche

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:13:52 „In seiner Schrift Der Antichrist schrieb Nietzsche Folgendes. Was ist gut? Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht. Was ist schlecht? Alles, was aus der Schwäche stammt.“

Im Kontext der Diskussion über die Bergpredigt als 'Umwertung aller Werte' liest Sabine Rückert Nietzsches radikale Gegenposition vor. Nietzsche, selbst Pfarrerssohn, verwirft das christliche Mitleid als Schwäche und feiert stattdessen den Willen zur Macht – eine Position, die Jack Miles als 'den Ausbruch des Irren' in der letzten Kirchenbank beschreibt.

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Menschliches, Allzumenschliches
Buch

Menschliches, Allzumenschliches

Friedrich Nietzsche

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:15:46 „Und die Kirchendiener, die mit dem Irren jetzt ringen, um ihn zu überwältigen, müssen, wenn sie ehrliche Christen sind, auch mit ihrer menschlichen, allzu menschlichen Neigung ringen, ihm letztlich beizupflichten.“

Sabine Rückert liest aus Jack Miles' Jesusbuch vor, in dem dieser Nietzsches Kritik an der Bergpredigt kommentiert. Miles verwendet dabei die Wendung 'menschlich, allzu menschlich' als literarische Anspielung auf Nietzsches gleichnamiges Werk, um die innere Zerrissenheit gläubiger Christen gegenüber Nietzsches Einwänden zu beschreiben.

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Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts
Buch

Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts

Alfred Rosenberg

🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:15:59 „Rosenberg ist der Theoretiker des Nationalsozialismus, der das große Buch Mythos des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, wo er die theoretischen Grundlagen des Nationalsozialismus legt“

Als Beispiel dafür, wohin die Ablehnung der christlichen Werte der Bergpredigt führen kann, wird Rosenbergs ideologisches Hauptwerk erwähnt

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Der Mythus des 20. Jahrhunderts
Buch

Der Mythus des 20. Jahrhunderts

Alfred Rosenberg

🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:16:26 „Da kann man dann nachlesen, dass er mit dem Christentum abrechnet. Rosenberg ist der Theoretiker des Nationalsozialismus, der das große Buch Mythos des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, wo er die theoretischen Grundlagen des Nationalsozialismus legt.“

Johanna Haberer zieht die Linie von Nietzsches Kritik an der Bergpredigt weiter zum Nationalsozialismus. Sie verweist auf Rosenbergs Hauptwerk, in dem dieser das christlich-jüdische Weltbild als 'Feigheitslehre' verwirft und stattdessen einen Mythos von Volksseele und Ehre propagiert – eine Position, die sich laut Haberer in der Katastrophe des Nationalsozialismus selbst widerlegt hat.

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Neujahrsausgabe 2024 – Träume vom neuen Jahr
Artikel

Neujahrsausgabe 2024 – Träume vom neuen Jahr

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:19:07 „Aus unserer Zeitung, aus der Zeit, in der in der Neujahrsausgabe in der Politik zehn Leute gefragt wurden, was ihr Traum vom neuen Jahr ist“

Sabine Rückert liest den Beitrag von Edith Ohel aus der ZEIT-Neujahrsausgabe vor, in dem die Mutter einer Hamas-Geisel ihre Haltung beschreibt – als lebendiges Beispiel für die Werte der Bergpredigt

Zum Artikel bei ZEIT Online
Träume für 2024
Artikel

Träume für 2024

Edith Ohel

🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:19:07 „Ich wollte dir einen Text vorlesen, den ich aus der Zeitung habe. Aus unserer Zeitung, aus der Zeit, in der in der Neujahrsausgabe in der Politik zehn Leute gefragt wurden, was ihr Traum vom neuen Jahr ist.“

Sabine Rückert liest einen Text aus der ZEIT-Neujahrsausgabe 2024 vor, in dem Edith Ohel, die Mutter eines von der Hamas entführten Pianisten, beschreibt, wie sie trotz des Leids an Freundlichkeit und Licht festhält. Rückert sieht darin die Bergpredigt in Reinform – gelebt von einer Jüdin, nicht einer Christin.

Zum Artikel bei ZEIT Online
We Shall Overcome
Musik

We Shall Overcome

Joan Baez

🗣 Johanna Haberer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:29:11 „Es gibt ja auch christliche Friedenskirchen, wie die Quaker zum Beispiel oder die Mennoniten, die ganz streng danach leben. Dieses We shall overcome, wie heißt die, John Bass?“

Im Gespräch über christliche Friedenskirchen, die die Bergpredigt konsequent leben, erwähnt Johanna Haberer das Lied 'We Shall Overcome' als Beispiel für große Friedenslieder, die aus dem amerikanischen Bibelbelt und Quäker-Familien stammen. Der Name wird im Transkript als 'John Bass' wiedergegeben, gemeint ist Joan Baez.

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Interview zum 80. Geburtstag von Wolfgang Schäuble
Artikel

Interview zum 80. Geburtstag von Wolfgang Schäuble

🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:30:41 „Man kann zum Beispiel zum 80. Geburtstag von Schäuble kann man ein Interview mit Chrismon nachlesen, wo er versucht hat zu sagen, ich kann das in die Politik nicht eins zu eins umsetzen, aber ich kann es als eine Zielbeschreibung von Politik beschreiben.“

Auf die Frage, warum die Bergpredigt politisch nie beherzigt werde, verweist Johanna Haberer auf ein Chrismon-Interview mit Wolfgang Schäuble zu dessen 80. Geburtstag. Darin habe Schäuble die Bergpredigt als Zielbeschreibung von Politik beschrieben, die man nicht eins zu eins umsetzen könne – ein Beispiel dafür, dass christlich sozialisierte Politiker sich durchaus damit auseinandersetzen.

Zum Artikel bei Chrismon.de
Im Winter
Buch

Im Winter

Karl Ove Knausgård

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:37:43 „Die menschliche Seele ist eine Rodung im Wald und dem göttlich Reinen und Makellosen muss es völlig unbegreiflich sein, warum sie immer wieder zuwächst. Das ist der Kampf, von dem die Bibel erzählt.“

Zum Abschluss der Folge liest Sabine Rückert eine Passage von Knausgård vor, die ihr besonders gefallen hat. Knausgård beschreibt darin, wie eng Diesseits und Jenseits in der Bibel verbunden waren und wie Gottes ständige Eingriffe nie zu dauerhafter Besserung führten. Er vergleicht die menschliche Seele mit einer Lichtung im Wald, die immer wieder zuwächst – ein Bild, das beide Sprecherinnen als Überleitung zum nächsten Thema (‚Seid das Licht der Welt') nutzen.

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