Auf Du und Du mit dem Göttlichen
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil drehen sich alle Bemühungen der Israeliten um den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem — das theologische Großprojekt der Zentralisierung des Glaubens findet hier seinen Höhepunkt. Die Schwestern unterbrechen die chronologische Erzählung des Volkes Israel, um einen Blick in den Zweiten Tempel zu werfen: Wie sah der Gottesdienst aus, was wurde dort eigentlich getrieben? Die Makkabäer-Aufstände und den jüdischen Bürgerkrieg, der Jahrhunderte später folgt, kündigen sie für die nächste Folge an.
„Alles läuft darauf hinaus, den Tempel wieder als Stuhl Gottes und als Präsenz Gottes in dieser Stadt Jerusalem zu haben. Und damit ist im Grunde genommen jetzt alles wieder gut.“
Erwähnte Medien (14)
Buch Esra
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:02:27 „Und die Zentralisierung, die ja theologisch betrieben wurde, die findet da seinen Gipfel in diesem Buch Ezra. Alles läuft darauf hinaus, den Tempel wieder als Stuhl Gottes und als Präsenz Gottes in dieser Stadt Jerusalem zu haben.“
Im Rückblick auf die vorherige Episode wird das biblische Buch Esra als Höhepunkt der theologischen Zentralisierung beschrieben – die Rückkehr nach Jerusalem und der Wiederaufbau des Tempels als Wohnsitz Gottes.
Buch Tobit
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:03:26 „Jetzt in unseren modernen Bibeln werden sie auch als wahrzunehmende Schriften dazu gemacht. Sie sind alle in der Septuaginta, also in der griechischen Übersetzung. Auch Tobit haben wir ja erzählt.“
Im Gespräch über die biblischen Bücher, die nicht zum hebräischen Kanon gehören, aber in der Septuaginta und modernen Bibelausgaben enthalten sind, wird das Buch Tobit als Beispiel genannt, das in einer früheren Sendung behandelt wurde.
Buch der Psalmen
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:04:28 „Aber die füllen wir jetzt mit einem großartigen Buch, nämlich dem Buch der Psalmen. Wer hat die Psalmen geschrieben? Wer steckt da dahinter und wovon handeln sie, Johanna?“
Das Buch der Psalmen ist das zentrale Thema dieser Episode. Die Schwestern besprechen Herkunft, Struktur und Wirkung der 150 Psalmen als Liedersammlung, die über Jahrhunderte entstand und bis heute in Liturgie und persönlicher Frömmigkeit lebendig ist.
Matthäus-Passion
Johann Sebastian Bach
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:06:27 „Aber das hat doch Johann Sebastian Bach auch gemacht. Er hat ja auch Volkslieder genommen und darauf seine Arien in den Bachschen Passionen umgedichtet.“
Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen der Praxis der Psalmisten, bekannte Volksmelodien für ihre Lieder zu verwenden, und Bachs Kompositionstechnik in seinen Passionen. Es geht um die musikalische Aufführungspraxis der Psalmen.
Einheitsübersetzung der Bibel
Deutsche Bischofskonferenz
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:11:51 „Also ich habe hier ja die katholische Einheitsübersetzung vor mir liegen. Die ist leichter verständlich. Deswegen lese ich sie lieber als die Lutherbibel, wenn es um die Geschichten geht, weil man da manchmal nicht versteht. Außerdem habe ich hier sehr umfangreiche Fußnoten.“
Sabine Rückert nutzt die katholische Einheitsübersetzung als Arbeitsbibel wegen der besseren Verständlichkeit und der ausführlichen Fußnoten. Für poetische Texte wie die Psalmen greift sie aber auf Luther oder Jörg Zink zurück, weil die Einheitsübersetzung ihr emotional fremd klingt.
Das Tagebuch der Menschheit – Was die Bibel über unsere Evolution verrät
Kai Michel, Carel van Schaik
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:16:34 „Ja, und dazu habe ich gleich was zu sagen, und zwar aus dem Buch, das Tagebuch der Menschheit, was die Bibel über unsere Evolution verrät, von Karl van Schaik und Kai Michel. Die haben sich auch sehr ausführlich mit den Psalmen beschäftigt, da werde ich nachher noch einiges daraus vorlesen.“
Sabine Rückert zieht dieses Buch als wissenschaftliche Quelle heran, um die Frage zu beleuchten, warum die Bibel über Jahrtausende überlebt hat. Sie liest mehrere längere Passagen daraus vor, in denen die Autoren die universelle Verständlichkeit der Bibel und die besondere Rolle der Psalmen als persönliche Gottesansprache erklären.
Gemälde der Schwarzwälder Bäuerin
Hans Thoma
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:09 „Das Gemälde aus dem 19. Jahrhundert zeigt eine Bauersfrau, die an einem Sonntagmorgen in ihrer Kammer sitzt, einen Strickstrumpf in der Hand und vor sich auf den Knien aufgeschlagen die Bibel, in der sie liest. Ernst Bloch, 1885 bis 1977. Der aus einer jüdischen Familie stammende Philosoph beschrieb diese von Hans Thoma gemalte idyllische Szene.“
Sabine Rückert liest aus dem 'Tagebuch der Menschheit' eine Passage vor, in der Ernst Bloch ein Gemälde von Hans Thoma beschreibt. Das Bild einer bibellesenden Bäuerin dient Bloch als Ausgangspunkt für seine These von der universellen Verständlichkeit der Bibel.
Gilgamesch-Epos
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:17:57 „Diese Schwarzwälder Bäuerin würde nicht das Gilgamesch-Epos lesen. Ebenso wenig könnte sie den elitären Hinduismus verstehen. Oder wie vermöchte sie pythagoreische Religionsformen zu studieren?“
Sabine Rückert zitiert aus dem 'Tagebuch der Menschheit', das wiederum Ernst Bloch zitiert. Bloch stellt das Gilgamesch-Epos als Gegenbeispiel zur Bibel dar: Während die Bibel universell verständlich sei, bleibe das Gilgamesch-Epos einer einfachen Bäuerin unzugänglich.
Vom Geist der Ebräischen Poesie
Johann Gottfried Herder
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:18:47 „Weil bei dem Studium über die Psalmen bin ich auf Texte von Johann Gottfried Herder gestoßen, dem großen Philosophen, Kulturphilosophen und dem Dichter und Übersetzer und Theologen. Und der schreibt auch über die Bibel, nicht alle Kräuter, wenn es auch Worte des Teufels wären, deswegen fressen, weil sie in der Bibel stehen.“
Johanna Haberer zitiert Herders Plädoyer, die Bibel als Menschenwort zu lesen – kritisch, verdauend, nicht blind anbetend. Sie ordnet ihn als Aufklärer im Weimarer Dreigespann mit Schiller und Goethe ein. Der genaue Werktitel wird nicht genannt, es handelt sich um Herders Schriften zur hebräischen Poesie und Bibelhermeneutik.
Gott. Eine Biografie
Jack Miles
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:25:07 „Ich habe Jack Miles auch befragt, der ja die Biografie Gottes aufgeschrieben hat. Und auch der beschäftigt sich mit den Psalmen. Ihm fällt auf, dass die Psalmen etwas gemein ist. Einmal, sie sind alle im Präsens gesprochen.“
Sabine Rückert zitiert Jack Miles' Beobachtungen über die Psalmen: Sie seien im Präsens gehalten, ohne konkrete Zeit- und Ortsangaben, und würden von anonymen, unbedeutenden Menschen gesprochen. Sie vergleicht diese Struktur mit dem Schlager – je unkonkreter das Gefühl, desto universeller die Wirkung.
Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir, BWV 131
Johann Sebastian Bach
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:41:06 „Ich höre immer die Musik dazu. Aus der Tiefe. Ja, wer hat das vertont? Bach, natürlich.“
Nach der Lesung von Psalm 130 ('Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir') erwähnt Sabine Rückert die Vertonung durch Bach. Es handelt sich um die Kantate BWV 131, eines der frühesten Kantatenwerke Bachs.
Das Tagebuch der Menschheit – Was die Bibel über unsere Evolution verrät
Kai Michel, Carel van Schaik
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:41:16 „Ich habe hier auch etwas dazu zu sagen, und zwar von meinen Anthropologen hier und meinen Historikern über das Tagebuch der Menschheit. Die schreiben etwas ganz Interessantes. Sie leiten die Psalmen aus einer tiefen Natur des Menschen ab.“
Sabine Rückert zitiert ausführlich aus dem Buch 'Das Tagebuch der Menschheit', das die Psalmen aus evolutionär-ethnologischer Perspektive erklärt. Die Autoren argumentieren, dass die Psalmen eine uralte soziale Natur des Menschen ansprechen — das Bedürfnis nach Beistand und die Beziehung zu übermenschlichen Mächten als Fortsetzung der Ahnenverehrung. Rückert liest mehrere lange Passagen daraus vor.
Ich und Du
Martin Buber
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:46:29 „Der Martin Buber, der Religionsphilosoph, der jüdische, der hat ein 27-seitiges, ganz kurzes Essay geschrieben, das heißt »Ich und du«. Es ist sehr schwer zu lesen und er hat, glaube ich, 20 Jahre dran geschrieben. Aber er versucht dann nachzuweisen, dass jedes Ich ein Du braucht und das göttliche Du in dieser Beziehung dazu da ist, dass das Ich sich immer wieder zusammensetzt.“
Im Anschluss an die Passage aus dem 'Tagebuch der Menschheit' über die Ich-Du-Beziehung zu Gott verweist Johanna Haberer auf Martin Bubers religionsphilosophisches Werk 'Ich und Du'. Sie erklärt Bubers These, dass das Ich ein Du braucht — insbesondere das göttliche Du — um sich gegen Zerfall und Diffusion zu behaupten. Dies wird dann mit Nawalnys Erfahrung in Einzelhaft verknüpft.
Aschenputtel
Brüder Grimm
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:52:05 „In den Märchen Aschenputtel, da wird dem Aschenputtel vom Grab, auf dem Grab der Mutter werden ihr die Festkleider zugeworfen“
Sabine nutzt das Märchen als Beispiel für die uralte Idee, dass Verstorbene den Lebenden helfen – als Parallele zu den Psalmen über Gottes Schutz.