Ein Prophet wird vom Walfisch verschluckt
Sabine Rückert & Johanna Haberer
In der Osterfolge geht es um den Propheten Jona, der von Gott nach Ninive geschickt wird — die assyrische Hauptstadt, die als Inbegriff von Verderbnis gilt und deren Schlechtigkeit wie ein Gestank zum Himmel aufsteigt. Das Buch Jona wird dabei als bewusst verfasste Novelle mit Lehrauftrag eingeordnet, die im 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus entstand und an eine knappe Erwähnung in den Königsbüchern anknüpft.
„Man muss sich das als einen Gestank vorstellen, der da in den Himmel steigt und die Nase des Herrn belästigt.“
Erwähnte Medien (14)
Buch Jona
🗣 Johanna Haberer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:58 „Das Buch Jona, das uns verschriftlicht vorliegt.“
Zentrales Thema der Episode – das alttestamentliche Buch Jona wird ausführlich besprochen und nacherzählt
Buch Tobit
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:02:49 „Vielleicht als Story und als Plot vorgelegen. So wie unser Buch Tobit. So ähnlich.“
Johanna Haberer zieht das Buch Tobit als Vergleich heran, um die literarische Form des Buch Jona einzuordnen: Beide seien novellenhafte, von vornherein schriftlich konzipierte Erzählungen mit Lehrcharakter – anders als die älteren mündlich überlieferten Texte.
Buch Jona
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:04:22 „Also dazu zwei Fragen. Erstens, das Buch Jonah, wir wissen ja ungefähr, wann es geschrieben worden ist, nämlich im vierten oder dritten Jahrhundert vor Christus. Aber wann spielt es?“
Das Buch Jona ist das zentrale Thema dieser Osterfolge. Sabine Rückert und Johanna Haberer lesen und analysieren die komplette Erzählung des widerspenstigen Propheten, der vor Gottes Auftrag flieht, von einem Fisch verschluckt wird und schließlich doch nach Ninive geht. Sie diskutieren die Datierung (4.–3. Jh. v. Chr.), die literarische Form als Novelle und die theologische Botschaft der Umkehr.
Artikel über das Buch Jona am Versöhnungstag
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:06:46 „Und ich habe im Vorfeld in der Vorbereitung einen Artikel in der Jüdischen Allgemeinen über, warum lesen wir das am Versöhnungstag vor. Da wird dann darauf hingewiesen, dass das Volk Israel ist wie der Jona und will immer weglaufen.“
Johanna Haberer erwähnt einen 2022 in der Jüdischen Allgemeinen erschienenen Artikel, den sie zur Vorbereitung gelesen hat. Der Artikel erklärt, warum das Buch Jona am Jom Kippur (Versöhnungstag) in der Synagoge vorgelesen wird – betone aber nur die Parallele zwischen Israel und Jona, nicht die eigentliche Pointe der Umkehr der Heiden in Ninive.
Artikel in der Jüdischen Allgemeinen über Jona am Versöhnungstag
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:07:37 „ich habe im Vorfeld in der Vorbereitung einen Artikel in der Jüdischen Allgemeinen über, warum lesen wir das am Versöhnungstag vor“
Johanna Haberer erwähnt einen Artikel aus der Jüdischen Allgemeinen von 2022 über die Lesung des Buches Jona am Versöhnungstag
Psalmen
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:17:11 „Wie gesagt, man sagt, es ist eine theologische Nachrüstung dieser wilden Geschichte. Solche Texte kann man auch in den Psalmen finden.“
Johanna Haberer erklärt, dass das Gebet Jonas im Bauch des Fisches von vielen Auslegern als spätere Einfügung betrachtet wird – eine ‚theologische Nachrüstung', um aus der Abenteuergeschichte einen theologischen Text zu machen. Formal sei es ein Dankpsalm, vergleichbar mit Texten aus dem Buch der Psalmen.
Pinocchio
Carlo Collodi
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:22 „Es erinnert mich auch an Pinocchio. Sitzt nicht der Vater des Pinocchio, der Geppetto, auch in einem großen Fisch für mehrere Tage fest? Und schreibt da sogar an einem Schreibtisch, soweit ich mich erinnere.“
Als Jona im Bauch des Fisches sitzt, fällt Sabine Rückert die Parallele zu Pinocchio ein: Auch dort wird Geppetto auf der Suche nach seinem hölzernen Sohn von einem Fisch verschluckt und wieder ausgespuckt. Sie erinnert sich nostalgisch an ihre Kindheitslektüre, in der die Namen noch eingedeutscht waren und Pinocchio ‚Zepfelkern' hieß.
Herakles- und Hesione-Sage
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:18:13 „da gibt es die Herakles- und Hesiones-Sage und die Perseus- und Andromeda-Sage“
Griechische Mythologie-Parallelen zum Verschlingungsmotiv im Buch Jona
Herakles und Hesione
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:18:30 „In der Mythosforschung heißt das das Verschlingungsmotiv. Das gibt es, um zu zeigen, dass Gott der Herr über die Meeresungeheuer ist. Und da gibt es die Herakles- und Hesiones-Sage und die Perseus- und Andromeda-Sage.“
Johanna Haberer ordnet die Verschlingung Jonas durch den Fisch in die Motivgeschichte ein und verweist auf die Herakles-und-Hesione-Sage aus der griechischen Mythologie, in der ebenfalls ein Meeresungeheuer eine Rolle spielt und eine Frau geopfert werden soll, aber gerettet wird.
Perseus und Andromeda
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:18:30 „Und da gibt es die Herakles- und Hesiones-Sage und die Perseus- und Andromeda-Sage. In beiden Fällen soll die Frau geopfert werden und wird dann gerettet.“
Als zweites Beispiel für das Verschlingungsmotiv in der griechischen Mythologie nennt Johanna Haberer die Perseus-und-Andromeda-Sage. Auch hier geht es um ein Meeresungeheuer und die Rettung einer Frau – ein Motiv, das laut Mythosforschung möglicherweise aus indischen Märchentraditionen herübergewandert sei.
1. Buch Mose (Genesis)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:24:43 „Es ist Gott reute, dass er den Menschen gemacht hatte. Ja, das ist die Sintflut. Sintflutgeschichte.“
Johanna Haberer zieht eine Parallele zwischen der Reue Gottes im Buch Jona und der Sintflutgeschichte in der Genesis, wo es Gott reute, den Menschen geschaffen zu haben. Das Motiv der göttlichen Reue wird als seltenes, aber wiederkehrendes biblisches Motiv eingeordnet.
Buch Micha
Micha (Prophet)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:31:16 „Allerdings, wenn an Yom Kippur in der Synagoge dieser Text verlesen wird, dann wird er aber beendet mit dem Ende des Micha. Also er wird mit einem Propheten aufgefüllt.“
Johanna Haberer erklärt, dass die Jona-Lesung in der Synagoge an Yom Kippur nicht mit der offenen Frage endet, sondern mit dem Schluss des Propheten Micha ergänzt wird – einem Text über Gottes Gnade und Vergebung. Das zeigt, wie die jüdische Liturgie die provokante Offenheit der Jona-Erzählung durch eine versöhnliche Rahmung auffängt.
Königebuch
🗣 Johanna Haberer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:32:02 „Und damit sind wir natürlich jetzt bei unserem Osterthema, weil der Jona kommt noch ein weiteres Mal vor. Er kommt nicht nur im Königebuch vor, sondern er kommt auch im Matthäus-Evangelium vor.“
Johanna Haberer verweist auf das Königebuch als weiteren biblischen Ort, an dem die Figur Jona auftaucht – neben dem eigenen Buch Jona und dem Neuen Testament. Damit ordnet sie die Figur in eine breitere biblische Überlieferungsgeschichte ein.
Jona-Gedicht
Hans-Peter Müller
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:35:14 „Das Gedicht über den Jona, das ist von einem Alttestamentler geschrieben, der in Ostdeutschland gelehrt hat, Hans-Peter Herzsch, ein wunderbarer Mann, er ist schon verstorben. Aber er hat so dieses Augenzwinkern, das auch in dieser Jona-Geschichte drin ist, wunderbar herausgearbeitet.“
Johanna Haberer trägt zum Abschluss der Episode ein langes Versgedicht über die gesamte Jona-Geschichte vor, verfasst vom ostdeutschen Alttestamentler Hans-Peter Herzsch. Sabine Rückert hatte sie darum gebeten, weil das Gedicht mit seinem augenzwinkernden Ton besonders gut zu Ostern passe. Das Gedicht erzählt die komplette Jona-Handlung in humorvollen, bildreichen Reimen – von der Flucht über den Fischbauch bis zur göttlichen Pointe mit dem Rizinusstrauch.