Das Geheimnis der Seele
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Eine Live-Aufnahme vom Zeit-Online-Podcast-Festival, in der es um eines der ältesten Menschheitsrätsel geht: die Seele. Von Duncan McDougalls berühmtem Experiment aus dem Jahr 1902, der Sterbende wog und auf die mythischen 21 Gramm kam, über den faustischen Seelenverkauf bis hin zu den biblischen Wurzeln des Begriffs im Alten Testament spannt sich der Bogen — eingerahmt von der Frage, was genau einen Menschen verlässt, wenn er stirbt.
„Der normale Mensch hat es mit der Seele immer dann zu tun, wenn jemand stirbt und man auf einmal merkt, der, der da liegt und jetzt reine Materie ist, der erinnert mich überhaupt nicht mehr an den, den ich kannte.“
Erwähnte Medien (13)
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:01:57 „Wir besprechen hier die Bibel und zwar als ein Werk der kulturellen Leistung. Also die Bibel hat ja Auswirkungen auf unser ganzes Leben. Dass wir heute am Sonntag hier sitzen, geht auf die Bibel zurück.“
Die Bibel ist das zentrale Referenzwerk der gesamten Episode. Sabine Rückert betont zu Beginn, dass sie die Bibel als kulturelles Werk besprechen, nicht als Gegenstand eines Gottesdienstes. Im Verlauf werden zahlreiche Stellen aus dem Alten und Neuen Testament zum Seelenbegriff (Nefesh, 754 Vorkommen im AT) und das Matthäusevangelium-Zitat über den Schaden an der Seele diskutiert.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:03:52 „Natürlich ist es auch ein ganz berühmtes Topos, dass jemand die Seele verliert, verspielt, verkauft, möglichst an den Satan, um einen kurzfristigen Vorteil in der stofflichen Welt zu erreichen.“
Sabine Rückert beschreibt das klassische Motiv des Seelenverkaufs an den Teufel im Tausch gegen weltliche Vorteile – das zentrale Handlungsmotiv von Goethes Faust. Sie nennt es ein 'ganz berühmtes Topos', ohne den Titel explizit zu nennen.
Lost in Translation
Jürgen van Oorschot
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:50 „Und mein Kollege, Alttestamentler van Orschot, der hat einen Aufsatz über die Nefesh, die Seele geschrieben, Lost in Translation heißt es. Also, dass der Begriff, den wir haben, möglicherweise in den Übersetzungsleistungen schon verloren gegangen ist.“
Johanna Haberer verweist auf einen wissenschaftlichen Aufsatz ihres Kollegen, des Alttestamentlers van Oorschot, der argumentiert, dass der biblische Seelenbegriff Nefesh durch die Übersetzungen ins Griechische und Lateinische seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Der Aufsatz untermauert ihre These, dass Nefesh ursprünglich keine unsterbliche Seele meinte, sondern das Prinzip des Lebendigseins.
Homo Deus
Yuval Noah Harari
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:09:48 „Jetzt würde ich dir gerne was vorlesen von einem meiner Lieblingsautoren, die ich mit großer Leidenschaft lese, nämlich Yuval Noah Harari. Ach, mein Freund Harari. Ja, der sich mit der Seele auch beschäftigt hat und davon nicht so schrecklich viel hält. Jetzt lese ich dir mal was vor.“
Sabine Rückert liest eine längere Passage von Yuval Noah Harari vor, in der er die monotheistische Vorstellung einer unsterblichen Seele als wissenschaftlich unhaltbaren Mythos dekonstruiert. Harari argumentiert, dass weder bei Tieren noch bei Menschen eine Seele nachgewiesen werden konnte und die Idee vor allem dazu dient, die Vorherrschaft des Menschen moralisch zu rechtfertigen. Die Passage stammt aus seinem Werk über die Zukunft der Menschheit, in dem er sich mit der Seele als Konzept auseinandersetzt.
De Anima (Über die Seele)
Aristoteles
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:16:02 „Also von Platon, weil der Aristoteles war schon eher an der Bibel dran, weil der Aristoteles hat sein großes Werk geschrieben, das heißt eben Peripsychä oder Deanima, also über die Seele. Und er sagt, das ist das Allerschwierigste, irgendeine Aussage zu machen. Drei Bände schreibt er darüber, weil er sagt, es ist ganz schwierig, eine Aussage zu machen.“
Johanna Haberer vergleicht die Seelen-Konzepte von Platon und Aristoteles. Sie hebt hervor, dass Aristoteles' Verständnis der Seele als Lebendigkeit und Potentialität eines Körpers dem alttestamentlichen Nefesh-Begriff nähersteht als Platons Idee einer unsterblichen Ideenseele. Aristoteles unterscheide eine passive Seite (Fantasie, Wahrnehmung) und eine aktive Seite (Strebensvermögen).
Der schlaflose Cheng
Heinrich Steinfest
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:18:23 „Es gibt einen wunderbaren Krimi-Autor, der heißt Heinrich Steinfest und den lese ich mit großer Freude, weil er wirklich eine oberoriginelle Feder hat. Der hat einen wunderbaren Krimi geschrieben, der heißt Der schlaflose Cheng. Der schlaflose Cheng ist der vierte Teil einer vierteiligen Serie über einen chinesischen Detektiven, der in Wien seine Eltern waren Chinesen, er selber ist Wiener und er löst da die absurdesten Fälle in Wien.“
Sabine Rückert liest eine längere Passage aus dem Krimi vor, in der beschrieben wird, wie der Detektiv Cheng seinen längst verstorbenen Hund Lauscher noch immer als geisterhafte Präsenz bei sich spürt – andere Menschen glauben kurz, einen Hund zu seinen Füßen zu sehen. Rückert nutzt die Passage als literarisches Beispiel für die Seele eines geliebten Tieres, das über den Tod hinaus wahrnehmbar bleibt.
Soul
Pete Docter / Disney/Pixar
🗣 Johanna Haberer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:23:03 „Wer vielleicht den Disney-Film Soul angeguckt hat, würde ich empfehlen, weil der eigentlich alle Variationen von Seelen durchspielt. Also die Präexistenz von Seele und eine Seele, wo man danach kommt. Alles, was sich Menschen über Seelen, auch dass vielleicht eine Seele in einem falschen Körper steckt.“
Johanna Haberer empfiehlt den Pixar-Film als anschauliche Darstellung verschiedener Seelenkonzepte – Präexistenz, Postexistenz, falsche Körper. Der Film dient ihr als populärkulturelles Beispiel, das die philosophischen und theologischen Vorstellungen spielerisch durchdekliniert.
Odyssee
Homer
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:26:35 „Es gibt ja auch die Odyssee. Die Odyssee ist ja auch die Irrfahrten des Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Als er bei der Zauberin Zirze ist, macht Odysseus einen Ausflug in die Unterwelt. Da wird beschrieben in der griechischen Mythologie, wie man sich dort das Leben nach dem Tod vorgestellt hat, nämlich schrecklich, schrecklich.“
Sabine Rückert schildert ausführlich die Unterwelt-Szene aus der Odyssee (Nekyia), in der Odysseus auf die Seelen gefallener Helden wie Achilles und Ajax trifft. Sie nutzt die Passage als Gegenbeispiel zur christlichen Seelenhoffnung: Die griechische Vorstellung eines ewigen Schattendaseins in Kälte und Dunkelheit sei eine fürchterliche Vorstellung – die Toten bereuen ihren Ruhm und wünschen sich nur noch ein paar Tage im lebendigen Körper.
Die Antiquiertheit des Menschen
Günther Anders
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:30:59 „Der Technikphilosoph Günther Anders, das war der Lebensgefährte von Hannah Arendt, hat von der Prometheischen Scham gesprochen. Also der Mensch verliert im Zeitalter der Automatisierung seinen Schöpferstolz, weil er Produkte aus der industriellen Fertigung nicht mehr als von ihm selbst geschaffen ansieht.“
Im Gespräch über die Seele und den Unterschied zwischen Mensch und Maschine wird Günther Anders' Konzept der 'Prometheischen Scham' herangezogen. Die Sprecherin zitiert aus einem Artikel, an dem sie mitgeschrieben hat, und erklärt Anders' These, dass sich der Mensch im Vergleich zu präzisen Maschinen unvollkommen fühlt und davon träumt, den Maschinen ähnlicher zu werden.
Bergpredigt (Matthäusevangelium, Kapitel 5–7)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:34:38 „Warum wir zum Beispiel von dem Jesus heute noch sprechen, ist, dass er diese Bergpredigt gesprochen hat, wo er einfach alle Gesetze der Rache und der sich gegenseitig wehtun auf eine andere Ebene gehoben hat. Einfach ein Reset der Kultur.“
Johanna Haberer nennt die Bergpredigt Jesu als Beispiel für die einzigartig menschliche Fähigkeit, kulturelle Programme völlig neu zu erfinden. Sie stellt sie neben Gandhis gewaltlosen Widerstand als Beleg dafür, dass Menschen – anders als Maschinen – radikal neue Denkweisen schaffen können.
Blade Runner (Do Androids Dream of Electric Sheep?)
Philip K. Dick
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:35:23 „Es gibt ja den berühmten Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, der in den 50er und 60er Jahren vor allem geschrieben hat und ganz berühmte, Blade Runner hat er geschrieben und ganz viele, fast jeder Science-Fiction-Film, den wir heute sehen, beruht irgendwie auf einer Idee von Philip K. Dick.“
Sabine Rückert führt Philip K. Dick als zentralen Science-Fiction-Autor ein, der besessen war von der Idee eines Androiden, der nicht weiß, dass er künstlich ist. Sie beschreibt seine wiederkehrenden Figuren, die darunter leiden, keine Seele zu haben – ein direkter Bezug zum Episodenthema Mensch vs. Maschine.
Körper und Seele (Testről és lélekről)
Ildikó Enyedi
🗣 Johanna Haberer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:36:45 „Es gibt einen ganz tollen Film, der heißt Körper und Seele von einer ungarischen Regisseurin, wo ein Schwenk ist, du siehst eine Rehkuh und einen Rehbock und dann siehst du zwei Menschen, zwei verliebte Menschen, die an verschiedenen Fenstern stehen und dann siehst du, die Geschichte spielt an einem Schlachthof.“
Johanna Haberer empfiehlt den ungarischen Film 'Körper und Seele' als Beispiel für ein aktuelles Kunstwerk, das sich mit dem Seelenbegriff auseinandersetzt. Sie beschreibt eindrücklich die filmische Parallelmontage von Tieren und Menschen, die zeigt, dass der gleiche seelische Ausdruck in den Augen aller Lebewesen liegt.
Tagebuch 1946–1949
Max Frisch
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:38:15 „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Darin besteht das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält.“
Zum Abschluss der Episode zitiert Johanna Haberer Max Frisch als Plädoyer für Offenheit gegenüber dem Unfassbaren der Seele. Das Zitat über die Liebe, die uns 'in der Schwebe des Lebendigen' hält, dient als poetischer Schlusspunkt der gesamten Diskussion über Seele, Menschsein und Lebendigkeit.