Der Schlechteste wird König
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Die Episode widmet sich Abimelech, einem der 70 Söhne Gideons und einer der skrupellosesten Figuren im Buch der Richter. Als Sohn einer Nebenfrau aus dem Stamm Ephraim fühlt er sich nicht der Hauptfamilie verpflichtet, sondern verbündet sich mit den Bürgern von Sichem, um sich selbst zum König zu machen — finanziert mit 70 Silberstücken aus einem Baal-Tempel. Die Geschichte zeigt, wie aus dem Prekariat der nicht erbberechtigten Söhne ein rücksichtsloser Machtpolitiker entsteht, dessen Herrschaft nur drei Jahre dauert.
„Da entsteht aber sowas. Eine Höllenkonkurrenz. Ein Prekariat auch, die nichts erben. Was sollen die machen?“
Erwähnte Medien (10)
Buch der Richter
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:38 „Und wir kommen zu einer wunderbaren Figur, einem richtigen Verbrecher im Buch der Richter, der heißt Abimelech.“
Das Buch der Richter ist das zentrale biblische Buch dieser Episode. Sabine Rückert und Johanna Haberer besprechen ausführlich die Abimelech-Geschichte – seinen Aufstieg zum ersten selbsternannten König Israels, die Ermordung seiner 70 Brüder, Jothams Fabel vom König der Bäume und Abimelechs schmählichen Tod durch einen Mühlstein, den eine Frau ihm auf den Kopf wirft.
Der Wolf und die sieben Geißlein
Brüder Grimm
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:05:56 „Nur Jotham, der jüngste Sohn des Jarobal, blieb übrig, weil er sich versteckt hatte. Also Gideons letzter Sohn ist wie das kleine Geißlein im Uhrenkasten.“
Sabine Rückert vergleicht den jüngsten Sohn Jotham, der sich vor dem Massaker an seinen 70 Brüdern versteckt, mit dem kleinen Geißlein aus dem Grimm-Märchen, das sich im Uhrenkasten vor dem Wolf versteckt. Der Vergleich macht die biblische Szene für heutige Hörer greifbar.
Fünftes Buch Mose (Deuteronomium)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:10:04 „Wir haben uns ja am Ende des fünften Buches Mose befasst. Kommen ja die Segenssprüche und dann wahnsinnig viele Fluchsprüche. Die haben wir dann eigentlich damals übergangen. Ein bisschen übersprungen, ja.“
Johanna Haberer verweist auf das Fünfte Buch Mose, das in einer früheren Episode besprochen wurde. Die dort aufgeführten Fluchsprüche würden sich nun in der Abimelech-Geschichte Stück für Stück realisieren – die Zerstörung und das Chaos seien Ausdruck genau dieser Flüche.
Business Class
Martin Suter
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:11:58 „Und da habe ich eine wunderbare kleine Geschichte dabei von dem Autor Martin Suter. Der ist sehr bekannt, sehr erfolgreicher Autor. Er schreibt wunderbare, kurzweilige Romane. Er hat aber nicht nur das geschrieben, sondern er hatte auch eine ganze Zeit lang eine Kolumne in einer Schweizer Zeitung. Business Class hieß die Kolumne.“
Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen Jothams Fabel vom König der Bäume und Martin Suters Kolumne 'Business Class', die sich mit den Mechanismen der Wirtschaft beschäftigt. Die spezifische Kolumne 'Lunch-Einsichten' handelt davon, dass CEOs zwar wissen, wie man CEO wird, aber nicht, wie man einer ist – genau wie Abimelech zwar weiß, wie man König wird, aber nicht, wie man regiert.
Die Schildbürger
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:19:42 „Ja, ja. Auch wieder verrückt, ne? Ja. Das ist Schildbürgergeschichte. Ja, das ist Schildbürgergeschichte.“
Sabine Rückert vergleicht die absurde militärische Taktik in der Abimelech-Geschichte – einen Hinterhalt auf offenem Feld zu legen – mit den Geschichten der Schildbürger. Johanna Haberer greift den Vergleich später nochmals auf, als sie von 'Schildbürgerstreichen' spricht.
Till Eulenspiegel
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:27:06 „An diese ganzen, wie heißen diese Schildbürgerstreiche und diese Eulenspiegeleien und dann auch Mördertaten und Räuberbanden, die kriegen am Schluss dann noch irgendeine Moral der Geschichte, die aber in den Geschichten selber nicht zu finden ist.“
Johanna Haberer charakterisiert die chaotischen Episoden im Richterbuch als eine Mischung aus Schildbürgerstreichen und Eulenspiegeleien, denen nachträglich eine moralische Deutung übergestülpt wurde. Die Referenz dient als literarischer Vergleich für die absurde Qualität der biblischen Erzählungen.
Das singende, springende Löweneckerchen
Brüder Grimm
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:38:07 „Da gibt es zum Beispiel das Märchen der Gebrüder Grimm, das singende und springende Löwenäckerchen heißt das. Und ein Löwenäckerchen ist eine Lerche. Und ein Vater hat drei Töchter und geht auf Reisen und fragt die drei Töchter, was sie sich wünschen.“
Sabine Rückert zieht eine ausführliche Parallele zwischen dem biblischen Gelübde Jiftachs und dem Grimm-Märchen. In beiden Geschichten verspricht ein Mann in höchster Not das Erste, was ihm zu Hause entgegenkommt – und in beiden Fällen ist es die eigene Tochter. Rückert erzählt das Märchen detailliert nach, um das uralte Erzählmotiv des unbedachten Versprechens zu illustrieren.
Iphigenie auf Tauris
Euripides
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:40:05 „Ganz altes Motiv ist ja Iphigenia auf Taurus. Das ist ja die Geschichte von der Tochter, die geopfert wird. Aber ist die vorher versprochen worden? Die ist versprochen worden.“
Johanna Haberer bringt Euripides' Iphigenie als weiteres Beispiel für das Motiv der Tochteropferung ein. Die Sprecherinnen diskutieren, ob die biblischen Autoren die griechische Tragödie kannten – Haberer datiert Euripides' Fassung auf ca. 450 v. Chr. und argumentiert, dass das Motiv von dort in die Bibel gewandert sein könnte, dort aber eine eigene, ironische Interpretation erhalten hat.
Buch Levitikus
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:41:25 „Zweitens ist auch im Buch Leviticus, am Ende des Buches Leviticus, haben wir auch übergangen, weil es eines dieser Gesetze war, steht da, wie man eigentlich ein Opfer auslöst. Also hätte Jefter die Tora gekannt und zwar in allen ihren Varianten, müsste er dieses Opfer gar nicht bringen.“
Johanna Haberer verweist auf das Buch Levitikus, um Jiftachs Dummheit zu belegen: Dort steht, wie man ein Gelübde-Opfer auslösen kann, ohne einen Menschen zu opfern. Hätte Jiftach die Tora gekannt, hätte er wie Abraham ein Tieropfer dargebracht statt seine Tochter zu töten.
Buch Hosea
Hosea
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:49:07 „Und der wichtigste Kommentator dieser Geschichten ist der Nordreich-Prophet Hosea. Und in Hosea 5, da heißt es, Hört dies, ihr Priester, und merke auf, du Haus Israel, und nimm zu Ohren, du Haus des Königs.“
Am Ende der Folge ordnet Johanna Haberer die Richter-Erzählungen prophetisch ein, indem sie Hosea 5 als den wichtigsten Kommentar zum Zustand Israels heranzieht. Das Hosea-Zitat beschreibt Ephraims Hurerei und Gottesferne und liefert damit die theologische Deutung für den im Richterbuch erzählten Machtzerfall.